Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

 << zurück weiter >> 

Leviathan

Gegen Anfang des Februar tritt Tauwetter ein, dem einige Tage vorhergegangen sind, an denen alle Leute in der Wasserwelt unrastiger und böser werden. Die Lachse kennen das von sich selber und haben es besonders vor Gewittern allenthalb erlebt. Nie waren sie selbst so aufgeregt; nie war es ihnen eng in ihrem Element; nie sprangen sie so gern in die obere Welt, wo es ihnen dann räumiger erschien; nie auch tanzten Fliegen und Schnacken leidenschaftlicher; nie stießen Vogelleute so tief und oft kreischend durch die Grenzen ihrer Welt; nie auch sahen sie Grundeln und andere träge Leute aufsteigen und im hellen Wasser ziellos umherfahren; sogar die Haarkerle an den Uferrändern pfiffen lauter und stiegen 139 unbekümmerter in die Bäche; die Geharnischten saßen vor ihren Höhlen, ja sie kletterten an niederhängenden Erlenästen und turnten fast bis unter den Spiegel.

Solch ängstigende Lebensschauer gehen auch am heutigen Tag, der rotglühend zu Ende gekommen ist, durch alles Getier, und es ist im dunkelnden Strom aufregender als sonst.

Die wandernden Lachse befinden sich wenig unterhalb der Einmündung eines großen Flusses, und wie immer verharren sie an solch lebendigen Kreuzungen ihrer Straße gern länger. Der einmündende Fluß macht ihren Wanderweg breiter und tiefer, und die gurgelnden Strudel sich mischender Wasser haben für die Pilger stets einen großen Anreiz, dem sie sich, in kleine Trupps zerlöst, tagelang hingeben.

An diesem rotvergehenden Abend sind viele Boote auf dem Wasser, und wann es dunkelt, zünden die Menschen in den Booten Fackeln an.

Die Wanderer kennen das vom großen See her und nehmen sich in acht. Aber die lockende Lohe, die gespenstisch und unerhört ihre Welt erleuchtet, hat mächtige, fast unüberwindliche Gewalt über die Seelen aller Leute der Tiefe.

Riesige Flußbarsche ziehen heran und umkreisen die Boote, äugen rot in die roten Flammen hinauf, wechseln von Boot zu Boot.

Bis an die untere Grenze nur des grellen Geleuchts tauchen die flachen Schädel reißiger Hechte.

Tagscheue Grundeln sind heraufgekommen und ziehen hastige Furchen durch das flüssige Feuer, glotzen 140 namenlos verwirrt und wie um ihren scharfen Raubverstand gebracht.

Träge rudert eine Reihe dunkelgoldener Karpfen vorüber, die von Mal zu Mal es vergessen, was das für ein roter Glanz ist, den sie mehrmals im Jahr erleben. Immer steigen sie wieder herauf, und immer gehen sie scharenweis in die Netze der Menschen.

Selbst Barben und Schleien, die im späten Herbst zu faul oder sonstwie unaufgelegt waren, im Schlamm sich schlafen zu legen: selbst diese stumpfen Seelen überwindet der zauberische Schimmer.

Aus allen Booten hörten die Fischleute Menschenstimmen, und es ist nicht sicher, was ihre Neugier mehr reizt: der Fackelschein oder diese Töne. Gerade unter den Karpfen sind Leute, die mit einem Vertrauen zu den schwankenden Schatten der Menschen hinaufäugen, das Laikan, der sich nur am Rand des roten Spiegels aufhält, nicht begreift.

Auch seine Verwandten, die das gute Gedächtnis edler Geschöpfe haben, bleiben vorsichtig an den Rändern und halten sich in Trupps zusammen. Sie erinnern sich an die Stimmen im großen See, und es sind viele unter ihnen, die damals in den Händen des Menschen waren, der sie wieder aus dem Netz warf. Die sind besonders mißtrauisch und stecken die anderen an.

Plötzlich aber stiebt alles auseinander, und das Geschrei in den Booten schwillt ungeheuer.

Ein furchtbarer Kerl kommt aus der Tiefe herauf

Laikan, der im Glutrand eines der kleineren Boote verhalten hat, sieht einen furchtbaren Kerl aus der Tiefe herankommen. Sein Rücken ist nachtschwarz und nackt, 141 und er ist so groß wie das kleine Boot. Am Bauch hat er grünsilberne Male, die schrecklich aufglühen, wann er langsam seitlings steuert. Solchen Schädel hat der junge Lachs nie gesehen; vielleicht, daß in diesen Rachen die ganze Schar der Lauben hineinstürzen könnte! Am Maul hängen ihm Schlangen, gleich der Natter, die den Grünen zur Hälfte verschlang. Seine Augen sind voll List und großer Klugheit; und wann der Flammenschein in ihnen sich spiegelt, sind sie wild und grausam. Überaus 142 schrecklich ist das Ruder, und hinter dem steuernden Riesen gurgeln tiefe Strudel.

Den Wels hat die Unrast kommenden Wetterumbruchs aus seiner Tiefe aufgescheucht. Es sind viele Jahre her, seit er oberes Wasser nicht mehr geatmet hat; denn seit die Liebe zu den Frauen seines Geschlechts ihn nicht mehr bewegt, ist er in keine Seichten mehr gekommen, wo er sonst im Frühling gewalttätige Hochzeiten gefeiert hat. Auch heut hatte er nur vor, ein wenig in die stärkere Strömung hinaufzutauchen; vielleicht daß er leichter atmete. Da fiel der Schein der Menschenfackeln hinunter in seine stille, nachtdunkle Welt, und er zog ihm nach.

Gefahr kennt er nicht. Es ist eine unabsehbare Zeit vergangen, seit er aus der Mosel, der ihn seine Mutter anvertraut hatte, fortgezogen ist. Die war aus irgendeinem Grund vom Bodensee ausgewandert. Er hat keine Erinnerung mehr an das Gewässer seiner Jugend, an Verwandte seiner Sippe. Nie ist im Rhein ihm einer seinesgleichen begegnet. Geschwister hatte er natürlich, aber die hat er sehr bald aufgefressen; und als ihm sein Geburtsstrom nicht mehr gefiel, weil der zu oft seine Laune wechselte und dem bejahrten Mann nicht still, tief und einförmig genug war, machte er sich eines Nachts auf und wanderte ostwärts in den Rhein. Das war vielleicht vor vierzig Jahren, und er war damals ein Bursch von etwa zwanzig Jahren.

Als er an die Mündung der Mosel kam und die tiefen Gründe, die große Dunkelheit und Schwere des Wassers gewahrte; als er die Witterung reicher und seltsamer Nahrung spürte und seine schlängelnden und 143 heimtückischen Bärteln kaum zur Ruhe kamen vor daran kostenden und dann aber auch gleich verschlungenen Fischleuten: da beschloß der merkwürdige Einzelgänger zu bleiben.

Nur im Frühling stieg er schwerfällig und in großen Abständen in die Mosel hinauf; denn dort wußte er ein paar Frauen seiner Sippe, die dort hausen blieben. Männer hat er ein paar Male getroffen, aber dann nicht mehr. Am größten hatte er einen halben Tag zu würgen, und das sah aus, als hätte er zwei Schwänze. Alles Getier ergriff die Flucht vor solch umhertobendem Schrecken.

Mit dem Menschen ist er nie zusammengekommen; wenigstens nicht so, daß er ihn fürchten müßte. Seine Stimme hat er nie gehört. Wo er in Seichten je sich umtrieb, waren diese menschenleer und nächtig.

So ist er auch heut nur neugierig und wundert sich über das Niegesehene, das um ihn her sich begibt, während er unter ziemlich dünnem Wasser, tauchend, wieder aufsteigend, in einer Art wollüstigen Behagens im brandigen Schein der Fackeln, im Schatten der Boote und schreienden Fischer, schwerfällig, riesig und doch schrecklich gewandt umhersteuert.

Die Fischer wissen, daß er über dem Netz schwimmt, und ziehen es mit hundert Armen langsam und vorsichtig und schreiend hoch, daß der Ungeheure ihnen nicht entkomme. Der aber ahnt nichts; nur als der Kreis der Fackeln enger wird, rudert er ein wenig rascher zwischen den Booten hin.

Jetzt taucht das Netz langsam in die Glut auf. Aber die Fischer sind ratlos, wie sie das Abenteuer endigen 144 werden. Denn auf solchen abgründigen Unhold haben sie nicht gerechnet. Nie haben sie ihn gesehen, nicht geahnt, daß ihr Strom solchen Urkerl herbergt. Daß der das Netz zerreißen wird, scheint ausgemacht; daß sie, falls er es nicht zerrisse, den Lebenden ins Boot brächten, scheint ihnen unmöglich. Rufe nach Flinten und Spießen hallen über den Strom. Da und dort verlöschen schon die Fackeln; Warnungsschreie und Zurufe sind nicht nur mehr in Jagdlust ausgestoßen; deutliche Besorgnis ist in ihnen. Aber entkommen darf ihnen das Untier nicht. Er ist ein größerer Fischer als sie, das gewahren sie seit Jahren an dem abnehmenden Fang. Koste es, was es wolle: leben bleiben darf er nicht.

Noch ist kein Mißtrauen in den riesigen Rudern des Welses. Er steuert von Glanz zu Glanz; hier taucht sein Leib gespenstisch schillernd auf, dann dort; jetzt geht er unter einem Boot durch, und wann er auf der anderen Seite zum Vorschein kommt, schwanken die darin stehenden Männer. Aber mit den vielfältig erlöschenden Fackeln erlischt auch die Neugier des Wallers, und er strebt nach seiner Tiefe.

Und da beginnt es. Seitlich ausbrechend stößt er an das Netz. Das macht ihn stutzen. Als er es wieder vergeblich an anderer Stelle versucht, wird er mißtrauisch. Er kann sich nicht erinnern, beim Auftauchen Hindernisse gewahrt zu haben. Er kann sich überhaupt an kein Hindernis in seinem Leben erinnern. Wann er je einmal an dichteres Röhricht geraten war, hat sein riesiger Schädel es zur Seite gestoßen, oder – weil er keinen Trotz in sich fühlt, denn er kommt immer zu seinem Ziel – 145 er ist ausgewichen und von der anderen Seite dahin gelangt, wohin er wollte. Also auch heut. Er versucht es auf mehreren Seiten, immer vergeblich. Dazu wird der einschließende Ring der Boote enger, und das Geschrei der Menschen reizt ihn. Es hat lang gebraucht, ehe der fremde Schall aus seinem Ohr in sein schwerfälliges und ganz ausschließlich von sich selbst eingenommenes Bewußtsein gelangte. Jetzt aber kommt zum Ärger die Angst vor etwas, das vielleicht nicht zu überwinden sein wird, weil es völlig fremd und in nichts mit seinem Leben und seiner Welt verwandt ist.

Erinnerung an manch erlebtes Fremdartige wird lebendig. Einmal ist er in ein Netz geraten. Das geschah vor vielen Jahren auf der Wanderung moselabwärts. Aber der Fischer hatte an solchen Burschen natürlich nicht gedacht; denn als er am Morgen nachsah, war das Netz zerrissen, und nicht ein Fisch steckte in den Maschen. Er hatte damals den Fischer vom jenseitigen Ufer verdächtigt, und nie war ihm der Gedanke gekommen, daß dieser schwarze, nackte Mordskerl die Tat vollbracht habe.

Dem Wels aber war damals keine Ahnung von Feindseligkeit aufgegangen. Ein Hindernis eben, wie Röhricht und Weidengeäst, wie Faschinen und andere Dinge, die sich quer vor das Leben legen. Man geht unten durch oder darüber her, weicht seitlings aus oder zerreißt, wenn man durchaus geraden Weg haben will. Fremdartiger als sonst aber war es immerhin gewesen, und er erinnert sich jetzt plötzlich daran.

Auch an die Legangel erinnert er sich jetzt. Das war auch vor vielen Jahren, aber im Rhein gewesen. 146 Eigentlich war es nicht die Legangel, sondern eine Stockente, die an einer Legangel hing. Damals hatte der Waller zum erstenmal im Leben gestaunt, hatte viele Monate jene Gegend umkreist, ob vielleicht wieder ein solch seltsames, gefiedertes und herrlich warmes Stück in seinen Schlund geriete. Monatelang hatte er in seinem dumpfen Hirn nicht ins reine kommen können, wie dieses Geschöpf, das wahrscheinlich einer anderen Welt als der des Wassers angehören mußte, weil es warme Witterung hatte, in seine Bezirke heruntergeraten war; und zwar nicht als Leichnam, sondern äußerst lebendig und mit allen Rudern um sich schlagend. Kalte Leichname dieser fremden Geschöpfe kannte er wohl. Daß da ein frevelnder Mensch im Spiel war, wie sollte der Wels, der den Menschen nicht kannte, dies ahnen? Ahnungen sind überhaupt nicht Sache seines riesigen Schädels und seiner dunklen, schwerfälligen Seele. Aber seltsam genug war es, daß da eine Wildente, die an den ausgelegten Köder, der natürlich ihr galt, biß, auf einmal festhing und, als sie zerrte, und gar aufflog, den großen Stein, an dem die Schnur festgemacht war, auf dem abschüssigen Ufer ins Rollen brachte, der heimtückisch ins Wasser glitt, in die Tiefe fiel und die tobende Ente hinunterriß. Dann hat der herwallende Riese zuerst zwei wütende Hechte abgeschlagen, die sich auf den Federknäuel gestürzt hatten; und danach schluckte er die Ente, ohne einmal zuzubeißen. Zähne hat er nicht, braucht er nicht. Wozu mit Beißen sich aufhalten, wenn es auf seine Weise nahrhafter geht! Und die Kiefer stählerne Rahmen sind! Daß er dann nicht gleich fortkann, weil die Ente am Haken und er 147 selbst also am Stein hängt, ist ihm unbehaglich. Eine Weile schleift er den Stein über Kies und Tang, zum größten Erstaunen der fernher glotzenden Fischleute; wie aber ein langsamer und endlich überwältigender Zorn seinen Leib erfüllt, tut er einen furchtbaren Schlag mit dem riesigen Ruder, so daß er fast um sich selbst gekrümmt ist; aber dann ist er frei. Eine Weile hängt die Schnur als fühllose Bärtel neben seinen vier höchst lebendigen vom Maul herab; aber beim nächsten Schlingen eines großen Flußbarsches ist auch sie verschwunden.

Das waren des Welses einzige fremdartige Erlebnisse, und an die erinnert er sich jetzt, weil wieder Fremdartiges seinen Willen kreuzt.

Wie er in die Tiefe strebt, gerät er ernstlich ins enger werdende Netz. Und da ist es mit seiner Trägheit aus, aber auch mit der Angst. Seit Jahren wieder überwältigt Zorn diese schwerfällige, kalte Seele.

Die Fischer erschrecken über die behende und furchtbare Kraft dieses Tieres. Mit hundert Armen ziehen sie an den Netzrändern, und im Kreise der Boote ist ein tobender und gischtender Strudel von den Schlägen des wildgewordenen Riesen. Geschrei und wenige Fackeln sind über dem Netz.

Jetzt taucht der gewaltige Schädel an den Wanten eines Boots auf, und die zwei aalgroßen Bärtel fahren wie Nattern im roten Wasser hin. Die kleinen schwarzen Augen rollen wild und funkeln wie die eines gereizten Bären.

Ein Spieß fährt hinter die riesige Kiemenflosse. Hochauf bäumt das mannsdicke Ruder und schlägt zu. Da 148 sind die Fischer auch schon über Bord und langen nach dem gekenterten Boot. Es ist ein Geschrei und ein Knäuel schwimmender Leiber im schwarzen, gurgelnden Strom; der Wels peitscht das Wasser und entkommt fast durch die Lücke.

Aber sie lassen das Netz nicht los, Spieß um Spieß fährt in den bäumenden Leib, der unendliches Leben zu haben scheint.

Aber dann endet der Kampf sehr rasch, und die Kugel, die dem Wels das Rückgrat hinter dem felsengroßen Schädel zertrümmert, beschließt dieses Turnier unritterlich genug.

Lange noch zuckt das Ruder des abgeschleppten Riesen, und wann es zuckt, gurgeln kleine Strudel hinter ihm. In scheuer Entfernung folgen größere Fischleute der süßen Witterung des Blutes und sehr viel weiter zurück die Lauben und die Gründlinge.

Die Lachse sind stromabwärts gestürmt, als der Kampf begann; und als mit dem ziehenden Wasser die Blutwitterung auch dorthin gelangt, und allenthalben Raubleute auftauchen, fahren sie erschrocken ihre Straße weiter.

Wann die Fischer den Wels aufbrechen, finden sie den Kopf und die Armknochen des kleinen Knaben, der im Herbst vom Baden nicht mehr zurückgekommen ist. Es faßt sie ein Grausen und eine Art abergläubische Furcht, daß ihr Fluß solche Gewaltige herbergt, und ihnen ist, als ob um die nächste Biegung des Flusses bereits, geheimnisvoll, immerfremd und gleichgültig und unergründlich das Meer luge. 149

 


 << zurück weiter >>