Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Der Verrat

Der nächste Tag hatte einen strahlenden roten Abend, und an solchem Abend ist immer Unruhe unter den Fischleuten. Stundenlang ist der junge Lachs, trotz der Wärme im Wasser, ruhlos herumgewandert und hat immer wieder die Ufer abgesucht, ob es nirgends einen Weg zum Meere gäbe. Nachts zu wandern! Oh, wie ihn das lockt!

»Es ist Zeit!« sagt der Mensch zum Knaben, der ihn an den Teich begleitet und an dessen kleine Hand die Fischleute sich gewöhnt haben; denn die Hand hat eine freundliche und nicht habsüchtige Witterung, wenn sie in die Fischwelt taucht und Würmer bringt.

»Es ist Zeit!« sagt der Mensch. »Der kleine Lachs will wandern! Sonst grämt er sich und frißt nicht mehr; dann wird er schwach, und ich habe gesehen, daß er dem Barsch gefällt.«

»Das darf er nicht, der häßliche, grobe Kerl!« sagt das Kind.

»Danach wird im Wasser nicht gefragt, und nicht in der Luft, und nicht auf der Erde. Häßlich und grob ist der Barsch nicht. Er hat eben sein Gesicht und muß sein Wesen treiben. Wir können aber nichts tun als den kleinen Lachs frei lassen. Wahrscheinlich begegnet er im Bodensee größeren Barschen, und im Rhein größeren 70 Hechten oder Menschen, die ihn nicht füttern, sondern aufessen. Er hat ein hartes Leben vor sich. Vielleicht kommt er bis ins Meer. Wenn er ein einziges Mal nur bis dahin gekommen ist, dann hat er so viel erfahren und ist so klug geworden, daß er vielleicht wieder zu uns gelangen wird. Und darum wollen wir ihn jetzt ringen, um zu sehen, ob er im Herbst wieder ins Gebirg geht.«

»Tut es ihm weh?« fragt das Kind.

»Nein. Sonst würden Fische, die man geringt hat, nicht viele Jahre danach noch gelebt haben. Anfangs wird es ihm unbehaglich sein. Aber man glaubt gar nicht, was für ein tapferes und zähes Geschlecht diese Leutchen sind. Wir Menschen können uns keine Vorstellung davon machen, wie gefahrvoll, wie mühselig und hart so ein Fischleben ist. Wenn man ihnen jahrelang zuschaut, wie ich, dann graut einem vor dem Reich des Wassers, in welchem Grausamkeit und Kampf und Tod das Wahre sind, und das arme Leben in jeder Minute ein kostbares Geschenk. Dabei spielt alles sich in Dunkel und Schweigen ab, und darüber ist die heitere und sanfte Oberfläche, in der Sonne, Mond und Sterne sich abspiegeln; das ist sehr unheimlich, und man möchte gerne glauben, daß es einmal anders war und auch die armen Fische mühelos und glücklich gelebt haben.«

»Können sie nicht reden miteinander, die Fischleute?«

»Sie verstehen einander jedenfalls gut; stundenlang stehen sie einander gegenüber und glotzen sich an; vielleicht reden sie doch; aber wir können sie nicht verstehen. Mir tut es wohl, zu denken, daß sie miteinander reden.«

Das Kind glaubt es auch, und auch ihm tut dies wohl. 71 Für den kleinen Lachs hat es eine große und scheue Bewunderung, weil der eine so weite Reise vorhat und das Meer sehen wird.

Dann senkt der Mensch ein kleines Netz auf den Deichgrund und tritt vom Ufer zurück.

Das Netz liegt still auf Grund. Die Elritzen stürmen darüber weg und beachten es nicht. Der Hecht kommt vorüber, stutzt, macht einen Bogen und kehrt um. Der Rotäugige stutzt auch; dreist aber, wie er ist, taucht er, untersucht die Ränder des Netzes und nimmt vorsichtig eine Masche ins Maul. »Man kann nie wissen – –!« denkt er. Plötzlich aber muß er Witterung von etwas Feindseligem bekommen haben; blitzschnell fährt er aufwärts und wirft sich davon. Später rudert er in großer Entfernung vorüber und äugt mißtrauisch.

Die Forelle kommt auf ihrem Uferpirschgang über das Netz. Natürlich gewahrt sie es. Was gewahrt der graue Räuber nicht! Aber weil sie an diesem Ort nur Gutes erfahren hat, läßt sie sich nicht stören.

Den Lachs führt die Unrast schon zum wiederholten Male vorbei. Er hat das Aufklatschen des Netzes gehört; er kennt das Geräusch; vielleicht ein Stein, vielleicht Sand, ein Ast vielleicht! Gleichgültig! Weiter, weiter! Das Meer ruft!

Dann zittert der helle Glockenton durchs Wasser. Der Lachs verhält, dreht bei, zieht langsam dem Ton nach und fürchtet den Schatten nicht. Er äugt aufwärts und sieht das lachende Knabengesicht. Jetzt tollen die Elritzen herbei; wenn man aufzöge, es gäbe einen großen, wimmelnden Fischzug. Aber der Mensch wirft einen toten 72 Frosch in die Mitte des Teichs; er kann das Getümmel über dem Netz nicht brauchen. Im Nu sind die Leutchen davongeflitzt und scharen sich um den Leichnam.

Der Barsch verhält rotäugig und buckelig um die Ecke. Heut will er von unten angreifen, hat er sich vorgenommen; dort sind die Fetteren des Schwarms.

Einmal prescht der Hecht in die Schar, aber in seiner Gier kriegt er den Frosch zu packen und würgt ihn hinunter. Die Elritzen tummeln sich gleich wieder vereint in der verwesenden Witterung des Kadavers, suchen ihn, finden ihn nicht und machen großen Lärm.

Mit einem fetten Wurm im Maul ist die Forelle davon. Jetzt steht nur mehr der Lachs überm Netz; und weil der Knabe die Hand noch im Wasser hat, kostet das zutrauliche Tier am Finger. Erschrocken zieht das Kind die Hand aus dem Wasser, und das verscheucht den Burschen. Ach, die kleine Säge! Es ist seltsam auf der Welt und rätselhaft! Denn jetzt hat das Kind den kleinen Fisch besonders lieb, weil – – ja, weil er sein Dasein auf besondere Weise mit dem des Menschen vermischt hat? Weil ein wenig Blut geflossen ist? Wer weiß, wie verwandt die Seelen der Menschen mit allen Seelen auf der Welt gewesen sind und plötzlich im Innersten davon getroffen werden?

Dann steht der Lachs wieder überm Netz. Ein besonders fetter und langer Regenwurm windet sich um die Finger des Knaben. Wie ergattert man die größere Hälfte? Oh, man taucht ein wenig, dreht bei und packt von unten an. Gut! Aber dabei äugt man aufwärts und gewahrt nicht, daß vom Grund etwas sich aufhebt. Man ist im schönsten 73 Zubeißen und voll Vertrauen; da wird man an Bauch und Flanken von etwas Fremdartigem berührt; man will ausweichen, aber das geht nicht mehr, weil man sich stößt; man will erschreckt davonschnellen; aber da ist man auch schon in die Höhe gezerrt; der dröhnende Luftstoß fährt in die Lungen, und die schauerliche Hitze legt sich um den Leib. Das alles hat man schon erlebt und überstanden; aber jetzt gewahrt man zwei furchtbar starrende Augen, gewaltsamer als des Hechts und des Barsches, und größer als die der stolzen Frau; man schauert bis in die letzte Schwanzknorpel und schlägt um sich, daß das Rückgrat schmerzt; aber man ist eingemauert. Lange hat man gewußt, daß hinter den gleitenden Schatten der Mensch versteckt ist, und daß der Mensch furchtbar ist und Herr über das Wasser und alle Fischleute, ist tief auf dem Grunde der Seele lebendig; aber man hat sich an den Herrn gewöhnt, der Gutes tut. Jetzt kennt man sich nicht mehr aus; denn man selbst ist so, daß man entweder tötet oder nicht beachtet; so will es das Gesetz. Aber fette Würmer spenden und dann töten – – oh, oh! das war also auch der Mensch, der den Wurm in den Bach geworfen hat und einen daran herauszog; der Steine und Sand wirft nach arglosen Fischleuten und finstere Körbe aufstellt, in die man von der Strömung gerissen wird, und an Ästen sich spießt, wenn man fliehen möchte! Das ist der Mensch! So also ist der Mensch! Der kleine Lachs glaubt alle die bösen Ahnungen auf dem Grund seines Gemüts. Er ist fertig mit dem Menschen für immer und alle Zeit. Ihn wird er am meisten fürchten! Mehr als Hecht und Barsch; mehr als Eisgang und 74 prasselnde Äste. – – Jetzt ist er ganz steif und fühlt, daß er ersticken wird.

Aber der Mensch hat schnell einen sehr kleinen Metallring um die beiden ersten Strahlen der Rückenflosse gelegt. Auf dem Ring ist in winzigen Buchstaben ein Name und eine Jahreszahl eingegraben. Die ganze Handlung dauerte kaum eine Minute. Dem Lachs schien sie viel länger als sein bisheriges Leben.

Dann wird er durch die Luft geschleudert, schnellt den Leib als wäre er im Wasser und klatscht in den Teich, nahe dem Steinhaufen. Weil er von der Erdenluft schwer berauscht ist, schießt er im Zickzack verwirrt und ziellos ein paarmal umher und verbirgt sich dann, uneingedenk seiner Erfahrung mit der Ratte, in einem dunklen Gang zwischen den Steinen. Dort geht er auf Grund und kauert dumpfen und schweren Kopfs die ganze Nacht in der schlammigen Höhle.

 


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