Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

 << zurück weiter >> 

Bergsee

Sommer- und Winterzeiten sind wie eh und je gekommen und gegangen. Die Frühlings- und Herbstgleichen sind mit ihren Stürmen über die Welt Laikans gefahren. Wie es ihn sein Gesetz heißt, ist er mit dem jungen Frühling bergwärts gegangen und mit den Schmelzwassern zurück ins Meer geflossen. Viel hat er erlebt und ist ein großer und ernsthafter Mann geworden. Verschiedene Bergflüsse hat er durchschwommen, weil er in keinem das deutliche Gefühl hat, daß er da zu Hause ist. Nordwärts hat es ihn getrieben, weil er hinter großen Schwärmen goldener Makrelen gejagt hat und im nördlichen Meer Verwandte zahlreicher leben. 254

Es ist April geworden, ehe der Lachs in diesem Frühling die Bergwanderung unternimmt. Sie geht vonstatten wie eh und je, zwischen Lebensgefahren und Menschenlisten, über Hindernisse und Stromschnellen, durch neue Ufer und unbekannte Gegenden. Wenige Verwandte sieht Laikan hier. Der Mensch hat in diesem weltfernen Bergfluß schrecklich gehaust, und die Lachse kommen nicht mehr. Sie sind fast ausgestorben. Große Forellen, die aus dem sehr tiefen See alljährlich in den Fluß gehen, rauben die Nestmulden der Edelinge aus, und was in mannbares Alter gelangt, holen Mensch und Otter und Hecht.

Still ist's im rauschenden Bach. Scheue Grundeln, kleine Renken und behende Äschen gewahrt der Bergwanderer und beachtet sie kaum. Verdrossen und ohne Lust gehorcht er seinem Gesetz und zieht die Straße weiter. Witterung von keiner Lachsfrau kommt ihm durchs Wasser.

Der See, aus dem der Bergfluß tritt, ist nicht groß, und Laikan spürt den Zug ohne Aufhören, bis er sich wieder stemmen muß beim Einfluß in den See. Er braucht keine magischen Weiser wie im schwäbischen Meer. Sehr tief ist dieser See, und Laikan geht gerne eine Weile ins Dunkel hinab und ruht in Ufernähe sich aus. Er ist jetzt fast meterlang, und seiner Säge weichen schon viele Meerleute aus. Sein Gesicht ist kühn und sicher, und alle Nestlingslust ist aus ihm verschwunden. Der schmale, adelige Kopf mit der scharfen und hochmütigen Seite wird ruhig ins Leben hinaus vorangetragen, und die hellgrauen, aufmerksamen und kalten Augen 255 blicken nicht da- und dorthin wie anderer, immer beweglicher, neugieriger und furchtsamer Fischleute. Sie gehen funkelnd geradeaus, obgleich sie alles rundum gewahren, und sie sind sicher im Unsichtigen und im Klaren. Die silberne Schabracke des Meeres ist noch über seinem Rücken. Er hat sich nicht hochzeitlich geschmückt. Er hat seinen Strom nicht gefunden und ist an der Ausmündung des Flusses keinen Lachsfrauen begegnet. Er wandert, weil es Wanderzeit ist, und weil er süßes und hartes Wasser braucht, und weil Unrast ihn treibt.

In der Tiefe dieses felsgeuferten Sees sind schwarze Schlüfte, und Felsplatten hängen über abgründigen Spalten, aus denen zuzeiten Luftblasen aufgurgeln. Unter einer solchen Platte hat eine riesige Forelle ihren Dösplatz, und in weitem Umkreis ist nichts Lebendiges.

Seit einem Vierteljahrhundert steht sie hier und hat vorher viele Jahre im oberen Wasser des Sees ein räuberisches und stolzes Leben gelebt. Jetzt taucht sie selten mehr hinauf. Die Helle tut ihren Augen weh, und der Lärm des Lebens ist ihr zuwider. Die schwarzgrüne Dämmerung tut ihr wohl, und nachts geht sie riesig, mörderisch und lautlos ihre Raubwege.

Sie hat ein randvolles Leben gelebt und alles erfahren, was das Leben tapferen und räuberischen, klugen und kaltherzigen Fischleuten in die Quere wirft. Mensch und Otter, Hecht und Fischadler, Panzerkerle und den Regenbogenmann, Giftwässer und Reusen, Lanzen, Haken und Kugel und den bösen Neid der Verwandten: alles ist in ihr Leben geprescht, daran vorbeigestürmt, hat sie hinaufgewirbelt und hinabgeschleudert; zu Zorn und 256 Verachtung, zu Herrschsucht und Hohn und abgründigem Mißtrauen und endlich zu schwermütiger Weisheit gebracht, die sie in die tieftiefe Dämmerung solch großartiger Landschaft verführt hat. Aber die Leidenschaft des Geschlechts hat sie nie kennengelernt; denn nach einem seltsamen Ratschluß ist sie weder ein Mann noch eine Frau. Nur daß sie in den Herbstmondnächten lang vergangener Jahre manchmal den hochzeitenden Sippen nachgefahren ist und dann gemeint hat, daß sie doch eine Frau ist. Weil aber keiner der herrlichen, regenbogenfarbenen Männer um sie geworben hat, ist sie bald wieder umgekehrt und hat sich in die Tiefe gemacht. Mit den Jahren hat sie auf diese Herbstunrast vergessen und es kaum gewahrt, wann die Sippen aufbrachen in die Bäche.

Laikan zieht nahe an der Altforelle vorbei, und als er sie gewahrt, tut er ein paar rasche Schläge mit dem Ruder. Er hat nicht erwartet, solche Mordkerle hier zu finden. Einen Augenblick hat er an den Hecht gedacht, aber dann hat er gleich die Verwandte erkannt. Er schlägt einen Bogen und kehrt zu der überhängenden Felsplatte zurück. Vor der Forelle verhält er.

Die beiden Leute messen einander mißtrauisch. Beide wissen: es hat keinen Zweck. Beide sind fast gleich groß. Laikan ist schlanker und behender; die Forelle ist wuchtiger, aber sie weiß, daß sie alt ist. Im steten Dunkel, das ihr Bedürfnis ist, ist sie schwarz geworden, und niemals hat sie mit dem Regenbogen der Hochzeiter sich geschmückt. Mit dem grauen Ruder wedelt sie feine und listige kleine Streiche und hält wieder mit den fächelnden 257 Bauchflossen den sprungbereiten Leib im Zaum. Laikan kennt das, wenn man tut, als ob man eine friedliche Seele hätte, und dabei bis an den Hals voll Sprung und Wildheit ist. Er dreht bei und zeigt der Schwarzen seine langen Flanken und steht im rechten Winkel vor ihr. Jetzt kann sie sein kräftiges Ruder sehen und die lange Säge. Sie wedelt nicht mehr und starrt vor sich hin. Der Lachs stellt sich Aug in Aug wieder auf.

»Was suchst du bei mir herunten?« fragt sie unwirsch.

»Ich bin schlecht aufgelegt!« sagt Laikan. »Müd bin ich!«

»Abgeschlagen!«

»Was?« – Der Lachs funkelt auf.

»Natürlich! Kenne ich! Dann heißt ihr's: müd!«

»Was verstehst du davon?« – Laikan fühlt, daß die Altforelle kein Mann und keine Frau ist, und er erinnert sich an den gelten Karpfengreis im Altwasser des Rheins.

»Viel habe ich erlebt. Und habe in meinem Herzen alles verstanden«, sagt die Altforelle.

»Ich bin keiner Frau begegnet«, sagt Laikan.

»Es kommen keine Frauen deiner Sippe mehr vorbei. Und seit vielen Tauzeiten habe ich keine Lachskinder mehr geschluckt. Ihr seid rar geworden.«

»Im Meere sind wir unzählige!« – Laikan ist stolz auf die große Sippe.

»Im Meere! Was ist das: Meer? Immer kommt ihr daher und geht dahin.«

»Oh, das Meer!« – Sonst weiß er nichts zu sagen.

»Zu was braucht ihr das Meer?« fragt sie. 258

»Ich weiß es nicht. Aber wir sterben ohne das Meer. Wir gehen zu ihm, weil wir es liebhaben.«

»Ich brauche das Meer nicht, und ich glaube, daß ich nichts liebhabe.«

»Du bist sehr alt. Müd bist du!« sagt Laikan.

»Sterben werde ich.« – Die Forelle starrt aus grauen Augen.

»Ja, das kann sein. Du siehst so aus.«

»Ich schätze, daß du noch keine zwölf Schneeschmelzen erlebt hast, Lachsbursch. Du wächst rascher als wir, weil du ins Meer gehst wahrscheinlich. Aber halte deine vorlauten Gedanken fest. – Ich habe das für mich gesagt.«

Laikan tut ein paar Schwimmzüge nach oben, dann kommt er wieder.

»Gehst du nicht mehr zu Tage?« fragt er.

»Nein. Sie sind laut im Oberwasser. Das habe ich früher gerne gehabt. Jetzt verstehe ich es nicht mehr.«

»Du hast zu viele Schneeschmelzen erlebt«, sagt Laikan.

»Man kann nicht zuviel erleben.« – Die Altforelle schaut den jungen Lachs aus grauen Augen an.

»Aber du hast keine Hochzeiten erlebt.« – Laikan tut einen scharfen Schlag mit dem Ruder und hält sich mit den Flossen zurück.

»Nein. Aber ich habe es in meinem Herzen gut verstanden, wenn ihr hinter den Frauen hergefahren seid.«

»Es ist schön«, sagt der Lachs.

Da funkelt die Altforelle feindselig auf. Durch ihr Ruder zuckt es, und dann tut sie einen mächtigen Schlag. Peitschend schießt sie in zischender Furche vorwärts und überrennt den völlig Ahnungslosen. Der schnellt, in die 259 Flanke getroffen, pfeilschnell ins Oberwasser und ist im Unsichtigen verschwunden.

Langsam dreht die Forelle bei und gleitet wie ein Schatten, lautlos und ohne Ruder fast, zurück in ihr nächtiges Versteck.

 


 << zurück weiter >>