Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Die fremde Frau

Gleich dem kleinen Lachs, ist auch die Goldbrasse nachts lebendiger als bei Tage. Zwar sind ihre Bewegungen immer sanft und schön, und es fällt ihr nie ein, leidenschaftlich vorzubrechen oder etwas nachzujagen. Ihre veilchenfarbenen und schöngefächerten Flossen sind gar 203 nicht dazu hergerichtet. Sie braucht sie zu langsamen und schönen Schwimmzügen; fast wie jene großen Möwen, die Laikan jetzt auch kennt, und deren Flügelschläge wie tiefe Atemzüge durch die hohen Lüfte gehen.

An Felswänden schmiegt sie sich vorüber, taucht, steigt wieder auf, kostet da eine Schnecke, dort einen Wurm; meidet in ruhiger Sicherheit alles, was für ihr weiches Maul nicht paßt, und verhält dann stundenlang so, als sänne sie auf etwas. Laikan fühlt sich neben dieser erfahrenen Frau sicherer, denn er hat beobachtet, wie klug sie schwarzen Schlüften ausweicht, darüber wegtaucht oder ins Unsichtige abbiegt.

Staunen faßt Laikan, als er gewahrt, wie die große stille Frau eine schwarze und harte Muschel vom Fels ablöst. Sie macht das so geschickt und so geduldig, wie es weder eine Frau noch ein Mann im heimatlichen Bach und Strom tun würden. Die Muschel klappt natürlich sofort ihre Tür zu, als sie merkt, daß an ihrem Haus gerüttelt wird. Jetzt muß die Goldene davongehen, denkt Laikan. Oder wird sie warten, bis die Muschel wieder hervorguckt? Oh, das kann lange dauern! Aber sie wartet nicht. Ho, wie weit ist dieses sanfte weiche Maul! Die ganze Muschel verschwindet in ihm! Und jetzt hört Laikan ein Brechen und Knirschen, und ist entsetzt von der Kraft dieser Frau. Lange kaut sie, und es hört sich an, wie wenn der Sand am Meeresufer mit den Wellen zurückrollt. Dann speit sie die zertrümmerte Schale aus, schluckt behaglich und zieht sanftmütig ein flaches Tal entlang, wo sie noch mehrere solcher Muscheln vermutet. Sie kennt es dem Boden an, daß die hier gerne hausen. 204

Viele Wochen zieht Laikan mit der fremden Frau, und wenn ihm die Sandbänke der Rheinmündung einfallen, weiß er den rechten Weg nicht zurück. Weil die Herbstregen das obere Wasser abkühlen, geht die Goldbrasse etwas tiefer hinab.

Da begegnen sie einer Schar ihrer Verwandten.

Die stille Frau äugt nur ein paarmal ruhig aus ihren sanften großen Augen zu der Schar hin, die bald ins Unsichtige schwindet.

»Magst du die nicht?« fragt Laikan.

»Sie sind kältere Leute«, sagt sie.

»Kältere Leute?« – Der Lachs versteht das nicht.

»Sie leben in kalten Gegenden. Davon aber werde ich krank.«

»Bist du nicht von ihnen?«

»Nein! O nein!«

»Woher bist du?«

»Weit her!« sagt sie, verhält und starrt aus großen, schwarzen Augen ins Unsichtige.

Laikan glaubt es ihr. Es ist Fremdes an ihr, das hat er gleich mit seinen feinen und ebenso fremdgewohnten Sinnen gefühlt.

»Gehörst du nicht in unsere Gegenden?« fragt er.

»Nein! O nein!«

»Ich auch nicht!« sagt er.

»Ja, vielleicht! Ich kenne dich und deinesgleichen nicht! Wo ich herkomme, kommt ihr nie hin! Aber du bist glücklich, glaube ich, obwohl du nicht hergehörst!« sagt sie und zieht langsamer weiter.

»Vielleicht bin ich glücklich. Ich weiß es nicht genau.« 205

»Ich bin sehr unglücklich. Ich friere immer!« – Die stille Frau taucht hinab; es ist, als suche sie etwas.

»Wie bist du denn hergekommen?« fragt Laikan.

»Ich weiß es nicht. Ich habe mit vielen Verwandten in einem viel helleren und wärmeren Meere gelebt. Jetzt bin ich ganz allein und werde wahrscheinlich sterben.«

»Warum wanderst du nicht? Man muß wandern, wenn man glücklich sein und lange leben will.«

Die stille Frau schaut den kleinen Junker, der so helle und stolze Augen hat, ruhig an. »Wir brauchen nicht zu wandern, kleiner Bursch, um glücklich zu werden. Wir leben am längsten. wenn wir nicht wandern. Unser Gesetz ist ein solches.«

»Warum kehrst du nicht um? Wo du zu Hause bist?« Er denkt an den herrischen Bach, an die Nestmulde, und daß er nur bei sich zu Haus sein muß, nach seinem Gesetz. So hat es Mutter Lachs gesagt.

»Ich habe den Weg verloren«, sagt die stille Frau und tut einen langsamen Schlag mit den veilchenblauen Flossen. »Ich suche ihn, seit mich friert. Vielleicht finde ich ihn.«

»Oh, natürlich wirst du ihn finden! Ich habe meinen Weg auch gefunden, und das war nicht leicht!«

»Kommst du weit her?« fragt sie nach einer sehr langen Weile. Sie hat den Gebirgsstock verlassen und rudert jetzt über finsterer Tiefe.

»Oh, so weit!« sagt Laikan. »Viele, viele Tage und Nächte vor den kalten Regen bin ich fortgewandert. Und jetzt regnet es wieder kalt. Ich bin lange unterm Eis gewandert.« 206

»Eis? Was ist das?«

»Oh, weißt du das nicht? Es ist hart wie Bachsteine; aber unter ihm ist es hell, und man hört dann keinen Regen mehr. Aber wenn es bricht, das Eis, dann ist es böse, und wenn es schwimmt – oh –!«

»Der Regen schmeckt mir nicht«, sagt die Goldbrasse, die süßes Wasser nicht mag.

»Oh, er schmeckt wie die Luft zu Hause. Ich habe sie gern gehabt.«

Die Goldbrasse ist plötzlich schneller gefahren, und Laikan glaubt, daß sie jagen will. Aber sie achtet nicht der vielfältigen, fetten und herrliche Witterung verbreitenden Lebedinge, die beim schneller Rudern ihnen begegnen. Kaum findet Laikan Zeit, seitlich auszubrechen, zu schlucken und der Eilenden wieder nachzufahren. Dann ist ihm, als würde es wärmer, und als atmete er leichter; auch scheint es sichtiger zu werden.

Die fremde Frau ist sehr verändert. Zwar bleiben ihre Augen sanft, und ihr stilles Gesicht hat die gleiche ruhige Miene.

Aber wie sie die veilchenblauen Segel fächert, wie sie tiefer und rascher atmet, daß die goldenen Male auf den Kiemendeckeln im helleren Wasser auffunkeln; wie die schwarze Schwanzflosse ordentliche Strudel aufwirbelt: da kennt Laikan, daß sie etwas vorhat.

Wärmer wird es und weithin sichtiger. Nicht mehr so voll fetter Bissen ist es in dieser Gegend, und der junge Rheinwanderer fühlt sich plötzlich fremder als je. Er möchte gerne umkehren. Aber wie ist das: umkehren, wenn man keine Straße hinter sich hat? In Bach und 207 Fluß kann man umkehren und merkt es gut, ob man getragen wird oder sich stemmen muß. Aber dem Meere ist es wahrscheinlich ganz gleichgültig, was man tut. Es trägt wohl, aber nicht vorwärts; und es stemmt sich auch, aber nur wenn man finsterniswärts geht, wo es wahrscheinlich erst beginnt, das Meer zu sein.

Aber wie ist das? Die stille Frau vorne tut jetzt keinen Wirbel mehr mit dem schwarzen Ruder. Sie segelt nur ganz ruhig, und auch Laikan rudert kaum mehr; und doch ziehen da weiße Klippen an den beiden langsam vorüber.

Wie ist das? Ist da ein Bach, ein Fluß, ein Strom? Oh, wahrscheinlich strömt es. Aber woher? Und wohin?

»Spürst du das?« fragt er die veilchenblau segelnde Frau.

»Daß wir warm haben? O ja! Jetzt bin ich glücklich!«

»Nein! Daß wir fließen? Spürst du es nicht?«

»Fließen? Was ist das?«

Ach, sie ist eine Meerfrau. Laikan kann es ihr nicht sagen, was es heißt: fließen; und wie schön das zuzeiten sein kann; und wie unheimlich und schrecklich ihm das im Meere scheint; und wie er gerne aus dem warmen Wasser sich davonmachte.

»Aber wir fließen wie zu Hause«, sagt er.

»Ich bin nie geflossen. Auch zu Hause nicht.«

»Wohin werden wir kommen? Wohin denn?« – Laikan staunt, daß es immer rascher geht, je wärmer es wird.

»Nach Hause!« sagt die stille Frau, und ihre großen schwarzen Augen strahlen. 208

»Wo denn bist du zu Hause?« fragt er.

»Oh, in hellem warmem Wasser, wo es bei Tag weithin sichtig ist, und auch in der Nacht sehr oft; wo meine vielen Genossen sind; wo es im weißen Sand große herrliche Muscheln gibt; wo wir in grünen Wäldern langsam herumfahren und nie frieren; wo wir alle so schöne Schabracken haben und uns freuen, daß wir da sind. Dort bin ich zu Haus. Dorthin fahre ich jetzt!«

Ach, arme, stille, sanftäugige Frau! Du bist aus deinem blauen Meer an den strahlenden Rändern Europas vorwitzig zu weit gewandert; und bist in den Strom geraten, der aus dem blauen Meere an den strahlenden Rändern Amerikas kommt, und der dich entführt hat. In seinem warmen und leichten Gewässer bist du heimelig und vertraut in die Irre gegangen und wärest in der kalten Nordsee fast erfroren, als der warme Schwall aufhörte.

Und hast ihn jetzt wieder gefunden, hoch oben, wo er mit den Westwinden wieder hereinströmt. Und wähnst, daß du mit ihm nach Hause reisen wirst.

Arme sanftäugige Frau, er wird dich weiter in kältere Breiten führen. Wenn er wieder zu strömen aufhört. dann wirst du in unmilder Fremde, in kaltem und dichtem und herrischem Gewässer, unter wilden Stürmen und treibenden Wolken, in Gedröhn und schwarzer Einöde erfrieren.

Der Golfstrom hat dich verführt, und das finstere, kalte Meer des Nordens duldet keine sanftblickenden goldengewandeten fremden Frauen, die veilchenblaue Segel ausspannen. 209

 


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