Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Sanftmütiges Sterben

Übers Nordmeer brausen kalte Stürme. Die See ist von bleierner Schwärze und gischtet brüllend wider tieftreibendes Gewölk. Stillere Tage kommen um die Tierkreiswende, und Geschrei der Möwen und Sturmvögel gellt weithin unterm kaltgrauen Himmel.

Die Goldbrasse hält sich in halber Tiefe des unterseeischen Stroms, in seiner wärmsten Zone; und weil die Welt immer fremder wird und in nichts der Heimat gleicht, zieht sie langsamer und ohne Freude durch diese halbdunkle Winterzeit.

Laikan nimmt von Woche zu Woche an Kraft und Größe zu. Er hat seine Querbinden und das Nestgesicht verloren, und hat neulich erst eine junge Makrele am Schwanz gepackt und herumgeschleudert. Er hat es ein paar Male versucht, dem Zug des Stroms zu entrinnen. Weil er aber dann in kalte Gegenden kam und dieser Wärmewechsel ihm nicht gefiel; weil er reichlich zu fressen hat und stets satt wird: so wandert der junge Lachs diese lichtere und blauere Straße hin, in der man viel leichter atmet.

Die Landschaft ist einförmig, und meistens schwimmt man über schwarzer Finsternis. Tagelang verhält die Goldbrasse im Tanggebüsch, wenn sie an solchem vorüberkommt. Hellere Forste an weißen Klippen durchsteuern die beiden nach allen Seiten, und als sie gar an eine Austerbank auf hoher See draußen geraten, da ging es fast in die Frühlingssonnenwende, ehe die stille Frau diese herrlichen Weideplätze verließ. 210

An den ost- und südwärts gelegenen Wänden und Schlüften des Austernriffs, die den Westwogen abgekehrt sind, wehen dunkle, große Tangwälder. Als die Goldbrasse dorthin steuert, kommt ein Trupp wunderschöner, bunter Leute aus dem Dickicht und zieht gemächlich in halber Höhe das Riff entlang. Die stille Frau tut ein paar starke Schläge mit dem schwarzen Ruder und ist gleich mitten in der Schar der Bunten. Smaragdene Schabracken haben sie, und die Schuppenränder gleißen silbergrün. Größere sind da, die ein leuchtendes, blauweiß gesprenkeltes Gewand tragen. Alle haben große schwarze Augen, die in einen breiten Goldreif eingefaßt sind, und sie schauen lebhaft und froh nach allen Seiten in die Welt. Oh, sie sind in lustiger Gesellschaft, und Lippfische gehören überhaupt zu den vergnügtesten Leuten des Meeres. Wahrscheinlich weil sie keine anderen umbringen, sondern Tang- und Grasfresser sind, und also kein schlechtes Gewissen und keine bösen Absichten haben.

Als die Goldbrasse in die Versammlung steuert, staunen die Lippfische über diese Frau aus den blaueren Bezirken der Welt. Denn auch sie kommen von dorther und sind aus dem Golf von San Malo, an dessen Uferrändern sie herrlich lebten und weideten, durch schwere Stürme und Sturzseen verschlagen worden und sind, verirrt und ziellos der Küste Englands folgend und die blaue Heimat suchend, hierhergelangt, wo sie in dem langsam verebbenden Golfstrom ihr Leben treiben und so glücklich sind, als es fern vom freundlicheren Himmel möglich ist.

Neugierig und aus großen Augen starren sie die goldgekleidete Frau an und gewahren gleich, daß sie allein 211 ist. Denn es ist Hochzeitslust in ihrer Schar, und es ist überhaupt Festzeit im Wasser, in den Lüften und auf der Erde. Aber sie sehen keinen Brassenmann, der doch natürlich hinter der Frau herzöge. Als die Lippfische lange die Goldbrasse angestarrt haben, an ihr vorbeigeschwommen und wieder umgekehrt sind und sie umkreist haben; als sie ihre traurigen Augen und die freudlosen Bewegungen der veilchenblauen Ruder gesehen haben, schwimmen sie wieder waldwärts, und Laikan sieht, wie die Männer der Sippe hinter einer hochzeitlich geschmückten Frau herziehen, die ein zartes feines Gesicht und ein gelblichrosa schimmerndes Gewand hat, das mit herrlichen Binden geziert ist aus rubinroten Vierecken, die vom feinen Gesicht bis an das vielgestrählte Steuer reichen.

Jetzt haben zwei Männer die hochzeitliche Frau, die eben ins Dickicht schlüpfen will, umstellt und folgen ihr in den vor ihnen liegenden Tangwald. Dann sieht Laikan, wie die hohen, schwarzgrünen Büschel auseinanderwehen, sich neigen, wieder sich aufrichten und kleine Wasserstrudel darüber kreisen. Da erinnert der junge Lachs sich an viele Hochzeitsfeste, die er auf seiner Wanderung gesehen hat: bei den Gründlingen und Elritzen, bei Blaufelchen und Karpfen; und ihm gehen neue und seltsame Schauer durch den Leib. Aber weil keine Lachsfrau weit und breit ist, zergehen die Schauer, wie sie kamen. Nur daß ihn plötzliche Unrast und Wanderlust befällt. Und weil seit Tagen schon das Wasser kältere Flüsse hat und der stille Zug des Stroms fast aufhört, merkt Laikan es nicht, daß er eines Tages über den Rand des sich ins grüne, dichtere Wasser auflösenden blauen Stroms 212 hinausgeschwommen ist. Die Wanderlust bringt ihm die Erinnerung an den heimatlichen, rollenden und süßen Fluß in die Seele, und der junge Lachs reist mit den Frühlingswinden gegen die Küste Skandinaviens und ist jetzt glücklich, kälteres Wasser zu atmen. Ostwärts steuert der Wanderbursch. –

Die Goldbrasse ist den Lippfischen langsam nachgefahren. Die schwinden vor ihr hin im dunkeln Tangwald. Schwermütig starrt sie hinterdrein, tut ein paar Schläge und zieht sich aus diesem sanft wehenden Gewälde.

Je höher der Frühling über die Welt heraufsteigt, desto leerer wird ihre Welt, meint sie. Oh, wie war es vergnüglich, in den salzigen Schlammdünen der Heimat zu steuern, wenn man so nah an die Ufer ruderte, daß der Sand von der Sonne fast warm war. Oh, wie schön gewandet und leidenschaftlich aus schwarzen Augen funkelnd waren die hochzeitlichen Männer, die hinter ihr herzogen, alle Sanftmut vergaßen, um sich bissen und schlugen; und man stand in Erwartung still unter dünnem Wasser, unter blauestem Himmel, im Gefunkel der spitzen Sonnenlanzen, die steil und blitzend aus Kies und Muschel und bunte Schabracken fielen; und man wartete, welcher von den tobenden Männern nun heranbrausen würde, mit dem man dann durch viele Tage und Nächte das große Fest des Lebens feierte.

Die stille Frau leidet große Sehnsucht, und sie vergißt auf Muscheln und Schnecken. Davon wird sie schwach, und ihre Ruder haben wenig Gewalt mehr. Tagelang steht sie unter einem hängenden Tangbüschel und starrt ins dunkle Wasser. Dann wieder tut sie ein 213 paar fast zerstreute und halbe Schläge mit dem Ruder und fächert ein wenig die veilchenfarbenen Brustflossen, die immer blässer werden. Eine kältere Strömung ist hergekommen, der sie ausweicht. Aber weil sie die Schwimmblase nicht vollpumpt, aus Müdigkeit vielleicht oder vielleicht aus dem gleichen Gefühl, das kranke Landtiere Dunkel und Dickicht suchen läßt: die stille Frau sinkt langsam hinunter, wo es kalt wird und große Gefahren drohen. Einmal schnellt eine riesige lederbraune Krabbe aus einem Felsloch und wirft ihre Zangen nach der Geschwächten. Die Goldbrasse entgeht ihnen gerade noch. Aber das geschah fast ohne ihren Willen. Von selbst strudelten und steuerten die Ruder, und die Gepanzerte schwang sich wieder auf den Felszacken und glotzte aus schwarzen, stieren Augen.

Dann nach vielen Tagen ist es ihr, als ob sie ein wenig schief läge. Das merkt sie daran, daß sie bei einem Ruderschlag nicht geradeaus, sondern im Bogen fährt. Zwar richtet sie sich auf; aber dann taumelt sie auf die andere Seite, und die blaue Flosse will sich nicht mehr schön fächern. Lange schon ist völliges Dunkel um sie her und eine Kälte, die ihr weh tut. Aber es ist, wie es ist, und sie hat keine Kraft mehr, sich aufwärts zu stoßen, wo es vielleicht noch wärmer wäre und eine heimatliche Helle, die sie so sehr liebt. Dann scheuert sie sich beim Niedersinken an einem scharfen Zacken; aber recht deutlich fühlt sie das nicht mehr. Sie gewahrt auch nicht, daß unter ihr ein schwarzer, langer Kerl lautlos sich aus einem dunklen Schluff windet. Der Seeaal hat den schimmernden Leib lange herabsinken gesehen und weiß, daß ihm 214 die Schiefliegende nicht entgehen wird. Also läßt er sich Zeit und verliert sie nicht aus seinen schwarzen, hautbedeckten, stumpfen Augen. Manchmal reißt er die breite, flache Säge auf und freut sich auf den Fraß.

Die Augen der Goldbrasse sind ohne Glanz und schauen nach nichts mehr aus. Die Erinnerung an blaue Heimat und leidenschaftliche Hochzeiten kommt aus ihrem sterbenden Leib, den der Frühling doch geheimnisvoll anrührt, und steigt in ihre sanfte Seele auf. Da sieht sie weiße Ufer unter blauem Himmel. Jahrelang hat sie die Fischer in den Booten singen gehört, immer die gleichen, uralten, einfachen Lieder. Sie hat sie gut gehört und den eintönigen Gesang gern gehabt und ist ihm manchmal nachgefahren:

Lieber Fisch
Im goldenen Kleid!
Schau, mein Netz ist Silber und Seide!
Oh, ihr weißen Segel!

Geht ein Wind
Von Mittag her . . .
Seh meine Fischlein nimmermehr!
Schwimmen ins tiefe Meer!
Oh, meine weißen Segel!

Dann beißt der Seeaal der sterbenden Goldbrasse das Rückgrat durch und durch; mit einem einzigen Biß beißt er es durch und verschlingt den schimmernden Leib langsam und unter häßlichem Würgen seines grauschwarzen Halses. 215

 


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