Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Mutter Lachs

Oktober ist's. Der junge Lachs haust lange wieder in der Gegend der Nestmulde und fühlt, daß er hergehört. Hätte der Eisbruch ihn nicht verschlagen, er wäre gewiß nicht abenteuernd so weit bachabwärts gezogen.

Er findet viele Verwandte hier; daß es Geschwister sind, weiß er nicht. Er kennt es ihren Gesichtern an, daß sie noch nicht gereist sind und noch keine Gründlinge am 42 Schwanz gepackt haben. Deshalb sind sie auch nicht so stark geworden wie er. Er hält sich abseits, und sie ihrerseits sind mißtrauisch. Manchmal schnellt ein Übermütiger heim Mottenfang in die besonnte Seichte, wo der Große döst, und fährt erschreckt davon.

Ein Stärkerer ist einmal geradeswegs in die Seichte gekommen, hat sich vor ihn hingestellt und ihn feindselig angestarrt. Der sonnige Platz hat es ihm angetan, und die stolze Art des Eigenbrötlers hat ihn lange gereizt. Der Tapfere funkelt zurück und geht ganz sacht, fast unmerklich nach hinten; er braucht Platz, um den anderen zu überrennen; der aber kennt die Bewegung aus eigener Praxis und weiß, was jetzt kommt. Auch hat er gesehen, daß da schon eine kleine Säge vorhanden ist, und überlegt, daß ein Stoß dieses trotzigen Kopfes immerhin empfindlich sein würde; so dreht er langsam bei und fließt aus der Seichte. Die Augen des Tapferen funkeln ihm von der Seite nach.

Dann hat dieser eines Mittags ein lächerliches Abenteuer. Er schläft gerade unter ganz dünnem Wasser, da geschieht ein Plumps, und etwas zerrt ihn am Schwanz; zornig schüttelt er die Flosse und schleudert sich aufwärts. Da gewahrt er einen kleinen Haarkerl, der mit spitzer Nase ans Ufer rudert, dort hinaufspringt und blitzgeschwind in ein schwarzes Loch schlüpft; dabei hört er ein dünnes Pfeifen. Verdutzt schaut der Lachs dem Haarigen nach und merkt sich den Ort, wo der im Ufer verschwunden ist. Erstlich will er das Loch im Aug' behalten, denn es ärgert ihn, im Schlaf angenagt zu werden; und zweitens: wenn man die Spitzmaus gleichfalls an ihrer Flosse 43 zu zerren kriegte, vielleicht, wer weiß, ob sie nicht weit lustiger im Bauch krabbelte als ein Gründling? Aber dann ist ihm, daß er zu diesem Unternehmen erst eine größere Säge haben müsse; doch er hat Zeit, und die Maus wird nicht mehr wachsen; das kennt er an ihrer Verwegenheit, die nur alte Leute haben, wie die Forelle, oder ganz Junge. Er merkt sich das Mausloch.

Es geht gegen Simon und Juda, und das Wasser wird kälter; der Schatten des großen Ahorns über der Nestmulde liegt jetzt weiter unten auf dem Bach; die Seichte hat nicht mehr so viele Sonnenstunden. und der warme Schein dauert jetzt länger am drüberen Ufer; so verlegt der Lachs seinen Nachmittagsschlaf auf die andere Bachseite. Die dortigen Verwandten nehmen gleich Reißaus, und er ist wieder Herr einer schönen kiesigen Seichte. Jetzt tanzen auch wieder die Mücken; Libellen segeln öfter übers Wasser und werden in genauem Sprung heruntergeholt, denn sie sind nicht mehr so fahrig wie im Sommer. Hin und wieder treibt ein purpurnes Blatt vorüber, was der kleine Lachs zum erstenmal sieht; und wann goldgelbe kleinere kommen, dreht die Strömung sie sacht vorbei. Dann findet er zuweilen eine winzige Schnecke oder eine Spannerraupe auf ihnen; die schmecken nach bitterem Gras.

Und eines frühen Morgens, als die ersten hauchzarten Nebel des Jahres über das Wasser gleiten, kommt Mutter Lachs in die Gewässer ihrer Kindheit und ihrer Kinder.

Ein großer Schrecken geht vor ihr her. Schattenhaft und pfeilschnell flieht alles aus Tümpel und Strudel, aus Seichten und Winkeln; stürzt bachauf und bachab, 44 und es ist ein großer und feierlicher Bannkreis um die stolz einherziehende Frau.

Sie trägt festlichen Staat. Dunkle Verbrämung des breiten und gewaltigen Rückens brandet an das blitzende Silber der Flanken. Auf den riesigen Kiemenschilden, die tief Atem holen, brennen rote Male und säumen den herrlichen Leib gleich Karfunkelgeschmeide. In den großen grauen Augen west noch ein Schein von der Weite und dunklen Tiefe des Meeres. Geruch des Meeres ist noch um sie her und macht sie fremd allem Getier und voll Geheimnis zwischen den schmalen Ufern des jungen, so kurz erst seinen Quellen entsprungenen Rheins.

Sie hat ihre Söhne und Töchter lange erkannt; sie will ihnen nicht bös und nicht gut. Sie weiß, daß die nach dem ersten Schrecken wieder in ihrer Nähe sich tummeln werden, wenn sie erkannt haben, daß diese majestätische Frau keine Mahlzeiten hält. Sie sieht, daß einige von ihnen größer sind, einige klein und schwächlich, und sie zweifelt, ob die je das Meer atmen werden. Daß die Kinderstube recht dünn bevölkert ist, gewahrt sie auch; aber sie bedauert nichts. Alles ist gut, wie es ist.

Der kleine Bursch, der bis zur letzten, nicht mehr überwindbaren Schnelle aufwärts gefahren ist, kommt gegen Abend zögernd wieder. Um eine Uferbiegung lugend, gewahrt er Mutter Lachs, die inmitten des Baches auf dem weißen Kies kauert. Unverwandt starrt er sie an, und sie hält seinen Blick aus. Er hat keine Empfindung davon und weiß nicht, daß sie seine Mutter ist. Aber ein stolzes Gefühl überkommt ihn, wann er sie anschaut. Denn soviel weiß er gleich: daß er zu ihrer Sippe gehört; viel 45 näher zu ihr als zur Forelle. Und Ahnung erfüllt ihn, daß auch er einmal so herrlich angetan, in solcher Stattlichkeit und Würde, aus großen und weisen Augen die Welt anschauen wird.

Die Strömung trägt den Nachdenklichen nahe an seine Mutter heran; Witterung des Meeres saugt er beklommen ein. Unbestimmte Sehnsucht überfällt ihn jäh und schwindet hin. Ganz nahe treibt er an ihrer großen Säge vorbei; aber er fürchtet sie nicht. Ihre Augen sind ohne Hunger, und ein anderer Glanz als von Grausamkeit ist in ihnen. Eine sehr kurze Weile steht er rudernd still vor diesen großen, grauen, weisen Augen. Dann kommt er an ihrer Flanke vorüber und erzittert vor Schreck und Stolz, als er die gewaltigen Flossen sieht, an deren Wurzelknorpeln noch ein grüner Schimmer des Meertangs haftet. Vorsichtig umschwimmt er das mächtige Ruder, das unbeweglich in der reißenden Strömung ruht, und dem er erschauernd anerkennt, durch wie viele Gefahren und durch ein wie langes Leben es diesen mächtigen Leib gesteuert hat.

Sacht schwimmt er an ihrer rechten Flanke aufwärts, verhält wieder vor ihrem Gesicht und starrt in die großen weisen Augen. Dann faßt er sich ein Herz:

»Woher kommst du?«

»Aus dem Meere!« antwortet sie, und ihr Gesicht ist feierlich, daß der Sohn erschauert.

»Bist du weit gewandert?« fragt er nach langem Schweigen.

»Ich weiß es nicht. Ich breche auf aus der Tiefe und bin dann eines Morgens zu Hause.« 46

Mutter Lachs und ihr kleiner Sohn

»Bist du nicht im Meer zu Hause?«

»Ich bin in mir zu Hause; und ich bin im Meere und in den Gebirgen zu Hause. So will es unser Gesetz.«

Lang schweigt der Sohn, und das Herz schwillt ihm vor Bedrängnis über den dunklen Spruch.

»Werde auch ich im Meer zu Hause sein?« fragt er dann.

»Dein Herz ist schon in ihm zu Hause, und deine Augen weisen seine Tiefe und seine Weite, kleiner Bursch. Vielleicht wirst du zu ihm gelangen«

»Ich werde!« sagt er und hat sehnsüchtigen Glanz im Blick.

»Vielleicht wirst du das Meer atmen«, sagt die Mutter, und es klingt warm und nicht mehr ungläubig.

»Wann?«

»Wann es dich ruft.«

»Es ruft! Das Meer ruft!«

»Nein! Sonst wäre ich dir im Strom draußen begegnet.« 47

Beide schweigen und schauen einander an.

»Du hast den Ruf geträumt«, sagt Mutter Lachs dann. »Du hast noch ein Nestgesicht, kleiner Bursch, und brauchst hartes Wasser; und wenn du Träumen folgst, wirst du früh sterben.«

»Ich will alt werden wie du!«

»Dann mußt du deinem Gesetz folgen und weise sein!« Das versteht der kleine Lachs nicht; und deshalb hüllt es ihn ein wie Schutz und ist ihm wie ein Siegel ins Herz gedrückt. Vielleicht wird er es lösen, wenn er einmal zu Hause ist, bei sich selbst.

»Wann wird das Meer rufen?« fragt er beklommen.

»Wann ich fortgehe, wird der Bach die silberne Rüstung anlegen. Wann er sie abgeworfen haben wird und mit langem Gras spielt; wann um Mittag die Ufer keine Schatten werfen und nur die grünen Bäume die Sonne zudecken: dann wird ein Zittern durch deinen Leib gehen, bei Tag und bei Nacht. Du wirst nicht mehr hungrig sein und nicht mehr schlafen. Der Bach wird eng sein, daß du schwer atmest, und deine Augen werden keine Ufer mehr sehen. Ins Weite werden sie nur gerichtet sein. Deine Ruder wollen dann keine Wellen brechen. Nicht Kies und Sand will dein Steuer mehr fühlen. Schweben willst du und nicht mehr schwer sein. Grünes Dunkel willst du um dich haben, und willst samtene Luft atmen und unbeschreibliche Köstlichkeiten schlucken. Dein Herz, kleiner Bursch, o dein Herz! Das ist dann schon nicht mehr in dir! Weit, über Berge, Seen und Ströme ist es gestürmt! Und du mußt deinem Herzen nach, unermüdlich, unstillbar; durch Tage und Nächte, unter Sternen 48 und Wolken: bis du dein Herz wiederfindest im Meere! So, Kind, ruft das Meer! – – Und jetzt laß mich allein! Sonst wirst du vielleicht sterben müssen!«

 


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