Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

 << zurück weiter >> 

Im Altwasser

Nach ihrer Flucht verhalten die Lachse in dunkleren Bezirken eines Altwassers, über schwarzem Tangdickicht, unter dickem Eis.

Als Laikan um ein Schilfbüschel biegt, gewahrt er einen großen Kerl, der zwischen den Halmen unbeweglich steht, und dessen Rückenflosse fast bis an die Eisdecke reicht; mit dem Bauch liegt er auf schwarzem Moos. Er ist fast so groß wie Mutter Lachs und hat eine dunkle, da und dort golden schimmernde Schabracke über; aber er riecht nach verwesendem Tang und faulem Wasser. Das scheint ihm zu gefallen.

Laikan verhält und starrt aus grauen, funkelnden Augen den Ungeschlachten an. Der schaut schläfrig vor sich hin und gewahrt nach geraumer Weile den Lachs; aber ohne Interesse. Nur weil er seit Wochen etwas Neues vor sich sieht und kleine Wellen verspürt, die vom Ruder Laikans kommen, und die dem Schläfrigen nicht in den Kram passen.

»Seid ihr wieder da?« –

Laikan geht ein wenig rückwärts, als er das gewaltige Maul träge sich auftun sieht, hinter dem ein schwarzer, großer Schlund gähnt, der eine Schlammwolke ausspeit. Furcht hat er höchstens vor dem Ruder des Ungetüms, das halbmondförmig tief im Tangwald steckt, der, an die Eisdecke angefroren, kristallen funkelt. Laikan weiß, daß der dunkle Riese, wenn er nicht bald aus dieser Wildnis aufbricht, nicht mehr fortkommen wird. Solche heimtückischen Grüfte, die über Nacht von allen 150 Seiten her sich zuschließen, sind ihm aus seiner Heimat bekannt; und er hat einen schwächlichen Vetter, der beim Dösen das Zufrieren nicht gemerkt hat, in solcher Eisgruft sterben gesehen.

»Seid ihr wieder da?«

»Du wirst ersticken!«

»Ach was! Es geht in diesem Winter sehr langsam. Sonst stecke ich schon behaglich im Eis, wann ihr Bürschlein kommt!«

»Freut dich das?« fragt Laikan und staunt bis in die Schwanzknorpel.

»Freuen? Was ist das? – Ich bin sehr alt!«

»Bist du ganz allein?« – Laikan erinnert sich, daß er im Seichtwasser des Bodensees Scharen dieser stillen Leute hintereinander im halbtiefen Wasser ziehen gesehen hat. Viel jünger waren die und kleiner, aber auch sie hatten verdrießliche Gesichter.

»Ich war immer allein!« sagt der Dunkle.

»Da hast du recht!«

Der Karpfen schaut müde zu dem schlanken Edeling hin. Er denkt, daß es ein anderes ist: von Natur zum Alleinsein geboren sein, und ein anderes: durch Schicksale vereinsamt werden.

»Nicht rudern! Ich brauche Ruhe! Ich will schlafen!«

Der Lachs ärgert sich über den Feisten und stößt vorwärts.

»Bist du ein Mann?«

»Kaum!« – Schlamm wölkt auf.

»Also eine Frau!«

Soviel hat Laikan, der dies von sich selbst nicht genau 151 weiß, weil er noch nicht alt genug ist, doch begriffen, daß bei den vielen Hochzeiten, die er mit angesehen hat, die Männer es anders trieben als die Frauen; und er ist mit seiner Seele immer auf seiten der Männer gewesen, die die Jagenden, Herrischen und Eifersüchtigen sind. Besonders die Eifersucht hat er früh begriffen; vielleicht nur weil er sie beim Futterjagen fühlt; aber er fand, daß es bei der Liebesjagd auch sehr hungrig zuging. Und darum, weil er dieses heiße und unrastige Gefühl kennt, glaubt er, daß er ein Mann ist, und das freut ihn. Warum es ihn freut, weiß er eigentlich nicht. Vielleicht, weil er da vor sich eine Frau hat, die fast so groß ist wie Mutter Lachs.

»Du bist eine Frau, oh!« sagt er, weil der Karpfen wieder döst.

»Ich glaube nicht, daß ich eine Frau bin«, kommt es verdrossen aus dem großen, weichen Maul, an dem sogar die Bärteln träge herabhängen.

Laikan geht um Kopflänge zurück. Was kann man noch sein, wenn man weder ein Mann ist noch eine Frau?

»Nicht rudern! Sonst wird es nicht fest um mich! Ich will tief schlafen! Und lang!«

Der Lachs hört nicht darauf.

»Du bist keine Frau! Und ein Mann bist du auch nicht! Was bist du dann?«

»Ich weiß es nicht! Ich habe nie eine Frau geliebt wie meine Vettern, die das gerne jedes Jahr tun. Und ich habe nie einen Mann haben wollen wie die Frauen meiner Vettern, die dabei sehr lustig waren. Ich lebte schon 152 hier, als die Bäume noch keinen Schatten gaben, und ich bin nicht mehr zufrieden, seit sie mir die Sonne fortnehmen. Aber ich bin zu lange auf dem schönen, weichen Moos gelegen, seit ich alt geworden hin, und jetzt läßt es mich nicht mehr fort, weil es an mir festgewachsen ist.«

Der alte Karpfen

»Du bist sehr arm!« sagt Laikan und denkt, wie das sein muß, festgehalten zu werden von Tang und Moos und den Ruf des Meeres zu hören.

»O nein! Ich bin immer satt und habe den besten Schlaf von der Welt. Ich muß mich vor nichts fürchten, weil ich so groß bin, daß keiner sich an mich wagt. Ich kann nämlich mein Ruder arg gebrauchen! Den Otter hat der Mensch vor vielen Jahren, als ich noch manchmal aus dem Moos heraus bin, getötet, und von mir weiß der Mensch nichts. Der Hecht kommt nie hier herein, und gefährliche Hochzeitsfahrten habe ich nie gemacht.«

»Ich möchte nicht mit dir tauschen!« sagt Laikan.

»Und ich nicht mit dir! Also wird es in Ordnung sein, 153 daß wir beide an unserer Stelle sind. Auch weißt du nicht, an welcher Stelle du sein wirst, wann du alt geworden bist.«

»Ich werde immer lebendig sein! Du stirbst ja!«

»Du stirbst auch, kleiner Lachs, nur merkst du es noch nicht! Und jetzt wandere! Und dann kannst du das Meer von mir grüßen! Ich habe vor vielen, vielen Jahren in seinem Brackwasser sein Steigen und Fallen erlebt, und ich glaube, daß ich Freude daran gehabt habe. Aber ich weiß es nicht sicher.«

»Brackwasser? Was ist das?« fragt Laikan.

»Hinter ihm liegt das Meer! Es ist seine Schwelle! Es ist die Witterung des Meeres! Weiter habe ich nicht dürfen!«

»Dürfen?«

»Ich habe mein Gesetz in mir! Davon bin ich alt geworden! Wandere, kleiner Lachs, sonst hält es dich hier fest! – Leb wohl! Das Atmen wird mir schwer, und meine Augen dunkeln ein.« –

Fast hätte der Aufenthalt bei dem gespenstischen gelten Karpfengreis Laikan das Leben gekostet. Es war harter Frost eingetreten, und da es zu schneien begann, wird das Wasser eigentümlich leblos.

Als der Lachs rückwärts strebt, klirren seine Ruder da und dort an hauchfeine Schöllchen. Das kennt er und stürmt erschreckt in tiefere Bezirke des toten Wassers, die ohne Tang und Moos sind.

Dort findet er die Verwandten und kennt ihnen an, daß sie die Gefahr spüren, die ihnen allen droht: im Altwasser überwintern zu müssen. 154 Da nimmt Laikan die Spitze, und die Wanderer eilen dem Strom zu, dessen tiefes Gurgeln um eine Biegung zu ihnen kommt.

 


 << zurück weiter >>