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Kapitel 19.
Die Einladung.

Für die Prinzessin war es ein aufregender Tag. De Brensault war gegangen, und Jeanne hatte sich auf ihr Zimmer begeben, da sie von der Reise so müde war. Aber kurz darauf kam schon ein neuer Besuch. Major Forrest wurde gemeldet. Sie erschrak über sein schlechtes Aussehen, als er eintrat.

»Ist jetzt alles in Ordnung, Nigel?« fragte sie schnell.

Er sank schwer in einen Sessel.

»Es ist alles vorbei.«

Die Prinzessin sah, daß er während der letzten Tage stark gealtert war. Tiefe Furchen zogen sich durch sein Gesicht, und schwere Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Gesicht war aufgedunsen. Sie eilte zu dem Likörschrank.

»Ach ja, gib mir etwas zu trinken. Aber ein großes Glas, ich brauche es.«

Die Prinzessin zitterte, als sie ihm das Glas reichte. Sie setzte sich an seine Seite.

»Hast du ihn umbringen müssen?« fragte sie leise. »Hat dich das so niedergeschmettert?«

»Nein, wir waren gerade im Begriff, es zu tun, als irgendein verrücktes Frauenzimmer aus dem Dorf uns störte. Wir hatten sie schließlich auch sicher in Gewahrsam, als das Schlimmste passierte, was überhaupt möglich war. Andrew de la Borne überraschte uns.«

»Weiter, weiter!«

»Wir waren dann natürlich so gut wie Gefangene. Cecil gab klein bei und erzählte seinem Bruder alles. Ich mußte abwarten, welches Urteil sie über mich fällen würden.«

»Du erzählst so langsam. Was ist denn nun tatsächlich geschehen?«

»Heute morgen hatte sich Engleton endlich so weit erholt, daß er mit Andrew beraten konnte. Der Ausgang war furchtbar einfach. Ich habe ein Protokoll unterzeichnen müssen, worin ich mich verpflichtete, in achtundvierzig Stunden England zu verlassen und nie wieder hierher zurückzukehren. Außerdem darf ich mit keinem Engländer mehr Karten spielen.«

»Ist das alles?«

»Ja. Du wirst vielleicht sagen, daß ich noch mit einem blauen Auge davongekommen bin, und ich wünschte nur, ich könnte auch so denken. Aber ich habe einen so grenzenlosen Widerwillen gegen dieses dauernde Wanderleben im Ausland. Ich weiß ja auch gar nicht, wohin ich gehen soll.«

»Aber das ist doch nicht so schlimm«, sagte die Prinzessin jetzt beruhigt. »Es gibt auch außerhalb Englands viele schöne Plätze, wo man gut leben kann. Du mußt natürlich ruhiger werden, weniger ausgeben und dich anderweitig beschäftigen. Früher warst du doch ein großer Schütze und Golfspieler?«

Er lachte hart.

»Aber wie soll ich denn leben, wenn ich nicht spielen darf? Ich habe doch sonst kein Einkommen. Außerdem so viel Schulden, daß ich sie niemals abbezahlen kann. Ich bin nun einmal ein Abenteurer. Aber was soll man tun, wenn man als Gentleman erzogen und an ein luxuriöses Leben gewöhnt ist? Ich habe nicht einmal Geld genug, um mir eine noch so kleine Farm zu kaufen und für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten.«

»Ich hatte heute auch einen großen Schrecken. Jeanne kam zurück, sie war in Salthouse. Vor einer Stunde erklärte sie de Brensault in diesem Zimmer, daß ihr ganzes Vermögen nur eine Erfindung sei. Der Comte war zahm wie ein Lamm und will sie trotzdem heiraten.«

Der Major sah erstaunt auf.

»Dann wird er dir aber wohl keine Entschädigung mehr zahlen?«

»Ach, ich weiß nicht«, erwiderte sie müde. »Ich habe dieses Leben satt, Nigel. Manchmal kommt mir der Gedanke, daß ich mich ganz umsonst abgemüht habe. In Ungarn habe ich eine kleine Besitzung, die natürlich im Verhältnis zu englischen Begriffen von Reichtum und Geld nicht viel wert ist. Es wäre das beste, wenn du dorthin gingst. Du stammst doch aus einer Landwirtsfamilie und verstehst etwas davon. Geh hin und übernimm die Verwaltung. Vielleicht komme ich später nach.«

*

Am Spätnachmittag kam noch der Herzog von Westerham und wünschte Miß Le Mesurier zu sprechen. Er streckte ihr beide Hände entgegen, als sie in das Empfangszimmer eintrat.

»Armes kleines Mädchen, Sie hatten mir doch versprochen, zu mir zu kommen, aber Sie haben es scheinbar ganz vergessen.«

Sie lächelte traurig.

»Nein, vergessen habe ich es nicht, aber ich bin fortgegangen, weil ich allein sein mußte und Ruhe brauchte. Nun bin ich wieder zurückgekommen. Mir kann doch niemand helfen.«

»Ach, das sind doch alles nur Einbildungen! Kein Unglück und keine Sorge ist so groß, daß nicht ein guter Freund helfen könnte. Was bedrückt Sie denn?«

»Ich werde den Comte de Brensault heiraten.«

»Das darf unter keinen Umständen geschehen!« rief der Herzog heftig. »Dahinter steckt doch nur Ihre Stiefmutter! Ich weiß doch Bescheid. In diesem Lande kann Sie niemand dazu zwingen, jemand zu heiraten, wenn Sie nicht wollen.«

»Aber ich will ja. Es ist mir gleich, ob ich überhaupt und wen ich heirate.«

Der Herzog wurde sehr ernst.

»Ich dachte, daß mein Freund Andrew einige Hoffnung hätte.«

Sie errötete.

»Mr. Andrew will mich doch nicht haben!« Sie unterdrückte mit Mühe ein Schluchzen. »Ich werde den Comte heiraten. Ich habe mich dazu entschlossen. Vielleicht wissen Sie noch nicht, daß das ganze Gerede über mein großes Vermögen nicht den Tatsachen entsprach. Der Comte ist sehr liebenswürdig und will mich sogar heiraten, obwohl ich kein Geld habe.«

Der Herzog starrte sie einen Augenblick verwirrt an, dann klingelte er und wandte sich zu dem Diener, der eintrat.

»Würden Sie bitte der Prinzessin sagen, daß der Herzog von Westerham ihr zu großem Dank verpflichtet wäre, wenn sie ihn gleich kurz sprechen würde?«

Der Diener verschwand mit einer Verbeugung, und nach kurzer Zeit erschien die Prinzessin.

»Madame, verzeihen Sie, daß ich Sie hierher bat«, begann der Herzog. »Aber ich interessiere mich sehr für das Glück unserer kleinen Freundin hier. Sie sagte mir eben, daß sie den Comte de Brensault heiraten will, daß sie ihr Vermögen verloren hat und sich sehr unglücklich fühlt. Darf ich mir die Frage erlauben, ob ihr diese Heirat aufgezwungen wird?«

Die Prinzessin zögerte.

»Nein, das nicht. Jeanne erzählte dem Comte von dem Verlust ihres Geldes und sagte ihm auch, ohne daß ich sie beeinflußte, daß sie ihn heiraten will, wenn er es noch wünscht. Das ist alles, was ich weiß.«

Der Herzog verneigte sich.

»Prinzessin, wenn Sie mich zu Ihrem Freunde machen und zu größtem Dank verpflichten wollen, so gestatten Sie mir, Jeanne auf kurze Zeit, sagen wir einmal auf eine Woche, in das Haus meiner Schwester zu bringen, damit sie wieder einmal zu sich kommt.«

Die Prinzessin kämpfte offensichtlich einen schweren Kampf, aber unter dem Eindruck der letzten Ereignisse war ihr Wille gebrochen. Sie nickte, ohne etwas zu sagen.


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