Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Kapitel 20.
»Etwas Liebes«.

Jeanne erwachte am nächsten Morgen zwischen lavendelduftender Wäsche in einer kleinen Eisenbettstelle. Der milde Seewind blies durch das halbgeöffnete Fenster. Die Zofe war schon bereit, sie zu bedienen. Als Jeanne hinunterkam, sah sie Andrew, der im Garten arbeitete. Die Sonne stand hoch am Himmel, und die See war blau und ruhig, als ob niemals ein Sturm gewütet hätte.

»Ich werde nicht von hier fortgehen«, erklärte sie, als Andrew hereinkam und mit ihr frühstückte. »Ich miete ganz einfach ihr Gastzimmer. Wenn Sie darauf bestehen, werde ich eine Gesellschaftsdame engagieren, aber von der Insel gehe ich nicht mehr fort.«

»Ich fürchte nur, daß andere Leute über diese Dinge zu entscheiden haben«, erwiderte er lächelnd. »Ihre Stiefmutter ist schon ängstlich geworden, und ich habe ihr versprochen, daß Sie um zehn Uhr zurück sind.«

»Aber das ist doch nicht Ihr Ernst«, sagte sie mit stockender Stimme.

»Natürlich ist es mein Ernst. Ich habe hier keinen Platz für Kurgäste. Und wenn Sie die ganze Wahrheit wüßten, würden Sie auch bald einsehen, daß Sie unmöglich hier bleiben können.«

»Nun gut, dann sagen Sie mir wenigstens die Wahrheit.«

»Ich muß gestehen, daß ich Sie in gewissem Sinne getäuscht habe. Berners war mein Freund und nicht mein Kurgast. Ich selbst bin Andrew de la Borne, der ältere Bruder Cecils.«

Sie sah ihn nachdenklich an.

»Das hätten Sie mir aber gleich sagen müssen.«

»Warum denn?« fragte er etwas schroff. »Ich gehöre nun einmal nicht zu der Gesellschaft Ihrer Stiefmutter.« Er erzählte ihr kurz, warum er sich auf die Insel zurückgezogen hatte. »Es war für beide Teile besser, daß ich aus dem Wege ging.«

»Dann rechnen Sie mich also auch zu den anderen. Das ist aber nicht nett von Ihnen. Und Sie vergessen, daß ich mich bisher noch für keinen Weg entschieden habe. Sagen Sie mir bitte, wann Sie mich zurückbringen können.«

»Habe ich Sie beleidigt?« fragte er, als sie sich plötzlich vom Tisch erhob. »Ich weiß wohl, daß ich ungeschickt bin und die Worte nicht wählen kann, wie ich gern möchte. Aber nach allem, was ich Ihnen gesagt habe, müssen Sie doch meine Lage verstehen.«

»Ja, ich verstehe«, entgegnete sie traurig.

Etwas später gingen sie zusammen zum Ufer. Er half ihr beim Einsteigen und ruderte sie mit starken Schlägen hinüber.

»Wollen Sie durch die Marschen gehen, Miß Jeanne, oder soll ich Sie zum Dorf bringen und warten, bis ich nach einem Wagen für Sie schicke?«

»Wir wollen lieber gehen. Vielleicht ist es das letztemal.«

Der Duft von wildem Lavendel mischte sich in die frische Seeluft. Der Boden unter ihren Füßen war weich, und eine milde Brise wehte von der See her. Vor ihnen erhob sich kahl und nackt das Herrenhaus. Andrew sah düster hinüber.

»Wundern Sie sich, daß ein Mann, der ein solches Erbe angetreten hat, manchmal niedergeschlagen ist?«

»Sind Sie arm? Ich dachte, Sie würden mir vielleicht auch wie Ihr Bruder Ihre Liebe erklären.«

Er sah sie ungeduldig an.

»Um Himmelswillen, Kind! Werden Sie doch zum Schluß nicht noch ironisch! Glauben Sie nicht, daß jedes freundliche Wort, das man Ihnen sagt, nur Ihres Reichtums wegen gesprochen wird. Es gibt allerdings viele Schmeichler und Heuchler in der Welt, aber auch noch einige wenige ehrenhafte und aufrichtige Menschen. Sie sind noch jung und hübsch genug, daß man um Ihrer selbst willen liebenswürdig und freundlich zu Ihnen ist.«

»Dann glaube ich nicht, daß ich glücklich bin«, sagte sie leise.

»Warum denn nicht?«

»Weil der eine, von dem ich weiß, daß mein Geld keinen Einfluß auf ihn hat, nichts Freundliches sagt.«

Sie versuchte in sein Gesicht zu sehen, aber er wandte sich ab.

»Mr. Andrew«, sagte sie kleinlaut, »ich habe eben Sie gemeint. Wollen Sie mir denn nicht etwas Liebes sagen?«

Sie näherten sich dem Herrenhaus immer mehr. Er nahm ihre Hand behutsam in die seine.

»Ihr Erscheinen hier war eine große Freude für mich, und der Abschied von Ihnen wird mir schwer. Sie werden eine Leere zurücklassen, die niemand ausfüllen kann. So oft ich durch die Marschen gehe, werde ich an Sie denken.«

»Ist das alles?« fragte sie leise.

Er tat so, als ob er ihre Frage überhört hätte.

»Ich bin ungefähr doppelt so alt als Sie und habe ein müßiges, vielleicht nutzloses Leben hinter mir. Ich habe meine Begabungen nicht ausgenützt, ich habe mich hier vergraben. Hätte ich Sie draußen in der Welt, in der Sie verkehren, getroffen, so hätte ich vielleicht einen Entschluß gefaßt –«

Er brach plötzlich mitten im Satz ab, denn Cecil trat aus dem Gartentor heraus.

»So haben wir Sie endlich wieder!« rief er und streckte Jeanne die Hände entgegen. »Die Prinzessin ist schon ganz verzweifelt. Wir waren alle sehr besorgt um Sie. Wie konnten Sie uns nur einen solchen Schrecken einjagen?«

Sie zog ihre Hand zurück.

»Ich hoffe nur, daß meine Stiefmutter nicht an dem Schrecken gestorben ist. Ihr Bruder hat doch sicher alles erklärt.«

»Du hast ihr alles gesagt?«

Andrew nickte seinem Bruder zu.

Die Drei wandten sich schweigend zu dem Hause. Die Prinzessin kam zu ihnen heraus.

»Meine liebe Jeanne«, rief sie. »Wir sind vor Angst fast tot. Du bist wirklich sehr leichtsinnig gewesen! Wie konntest du das tun!«

Jeanne war etwas zur Seite getreten. Sie hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, ihre Augen brannten vor Erregung.

»Soll ich dir diese Frage beantworten?«

Die Prinzessin starrte sie an.

»Was meinst du denn, mein Kind?«

»Du hast mich eben gefragt, warum ich so leichtsinnig fortgegangen bin. Weil ich mich hier unglücklich fühle! Weil ich das Leben hasse, zu dem du mich zwingst! Ich bin reich – warum kann ich mein Leben nicht so einrichten, wie ich gerne möchte?«

Die Prinzessin zeigte selten Erstaunen oder Überraschung, aber nun drückte sich doch größte Verwunderung in ihren Zügen aus.

»Was willst du denn, Jeanne?«

»Ich möchte Mr. de la Bornes Haus auf der Insel kaufen, dort ein oder zwei Mädchen halten und mich mit meinen Büchern beschäftigen. Vielleicht würde ich auch Freunde haben, aber ich würde sie mir selbst aussuchen, und zwar unter den Leuten hier auf dem Lande. Es müssen Menschen sein, denen ich trauen kann, nicht Puppen, deren Kleider, Manieren und Sprache vollkommen der Gewohnheit unterworfen sind, und deren Charakter und Persönlichkeit so tief verborgen sind, daß man nicht einmal weiß, ob sie anständige Leute oder Lumpen sind. Das möchte ich, und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mich so leben ließest.«

Die Prinzessin starrte Jeanne an, als ob sie von Sinnen sei.

»Was ist denn mit dir los?«

»Nichts. Du hast mich nur eben gefragt, und ich hatte den unwiderstehlichen Wunsch, dir einmal die Wahrheit zu sagen. Früher oder später hätte ich es sowieso getan.«

Andrew wandte sich schnell an Jeanne, die mit geröteten Wangen und zitternden Lippen vor ihrer Stiefmutter stand.

»Miß Le Mesurier, unter einer Bedingung will ich Ihnen die Insel verkaufen.«

»Und die wäre?«

Die Prinzessin hatte sich so weit erholt, daß sie dazwischentreten konnte.

»Mr. de la Borne, meine Tochter ist noch zu jung, um solche Verhandlungen zu führen. Mindestens noch ein Jahr steht sie unter meiner Leitung. Das Gesetz gibt mir absolute Vollmacht über sie. Das ist dir doch auch bekannt, Jeanne?«

»Ja.«

»Geh jetzt ins Haus. Ich muß noch mit Mr. de la Borne sprechen.«

»Ich auch«, entgegnete Jeanne trotzig. »Laß mich hierbleiben, damit ich ihm sagen kann, was ich zu sagen habe. Ich werde in einigen Minuten fertig sein.«

Die Prinzessin zeigte schroff auf die Türe.

»Nein. Cecil, bitte bringen Sie meine Tochter ins Haus.«

Jeanne entfernte sich unwillig. Die Prinzessin nahm Andrews Arm und führte ihn etwas abseits.


 << zurück weiter >>