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Kapitel 2.
Eine Einladung.

Die Prinzessin nahm eine Salzmandel und versuchte dann den Sekt. Sie trug ein wunderbares Abendkleid aus schwarzem Samt und Brokat, und sie wußte, daß in diesem Dämmerlicht niemand unterscheiden konnte, ob ihre blendende Perlenkette echt oder unecht war. Die Indisposition vom Nachmittag war längst vergessen, und sie nickte ihrem Gastgeber liebenswürdig zu.

»Cecil, es ist wirklich charmant von Ihnen, daß Sie meine beiden Freunde sofort eingeladen haben. Major Forrest ist gerade von Ostende gekommen, und ich brenne natürlich darauf, von meinen Bekannten dort zu hören und zu erfahren, was man jetzt dort trägt. Auch mit Lord Ronald unterhalte ich mich sehr gern. Andere Leute nennen ihn vielleicht ein wenig sonderbar, aber ich halte ihn nur für sehr jung.«

Cecil de la Borne hob sein Glas und verneigte sich geschmeichelt vor der Prinzessin.

»Ich kann Ihnen nur versichern, daß es mir die größte Freude macht, Major Forrest und Lord Engleton kennenzulernen. Aber noch mehr freut es mich, daß ich Ihnen damit einen Gefallen getan habe.«

Sie sah ihn mit einem bezaubernden Augenaufschlag an, senkte dann aber sofort den Blick. Dieses kleine Manöver verfehlte seine Wirkung niemals. Cecil wandte sich an Forrest.

»Sie waren in Ostende, wie ich höre. Ich wollte selbst später in der Saison einige Tage hingehen.«

»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun«, entgegnete der Major. »Man kann dort eigentlich nichts unternehmen, und immer zu spielen, ist gerade auch nicht besonders interessant. Höchstens kann man sich am Strand die Zeit vertreiben, aber der Massenbetrieb sagt mir nicht zu.«

»Sie sind aber auch zu früh gefahren«, bemerkte die Prinzessin.

»Ein wenig später kommt die bessere Gesellschaft«, gab Major Forrest zu. »Da mag es erträglicher sein. Ich war sehr enttäuscht.«

Nun mischte sich zum erstenmal Lord Ronald in die Unterhaltung. Er hatte eine große, hagere Gestalt. Seine Kleidung entsprach den letzten Pariser Modevorschriften, und die Art und Weise, wie er seine Krawatte band, zeigte, daß er in diesen Dingen ein Meister war. Er hatte intelligente Züge, nur die Partie um den Mund und der Unterkiefer waren etwas schwach entwickelt.

»Ich habe in Ostende nur bemerkt, daß alles furchtbar teuer ist. Solch ein gutes Glas Sekt wie dies hier haben wir während der ganzen Zeit nicht bekommen.«

»Ich freue mich, daß Ihnen der Sekt zusagt«, erwiderte Cecil. »Ostende scheint also nichts für mich zu sein. Ich bin nicht reich genug, um zu spielen, und da ich mein ganzes Leben schon an der Küste zugebracht habe, so ist mir das Baden in der See nichts Neues. Ich werde also lieber zu Hause bleiben.«

»Wo liegt eigentlich Ihr Besitz?« fragte die Prinzessin. »Sie haben es mir schon einmal erzählt, aber ich habe es leider wieder vergessen. Diese englischen Namen kann man so schwer behalten.«

»Ich lebe in Salthouse, einem kleinen Dorf in Norfolk. Es liegt in der Nähe der Marktstadt Wells. Eine ganz entlegene Gegend.«

»Ich habe bis jetzt noch nie davon gehört, aber ich wollte in der nächsten Zeit eine Autotour durch Norfolk machen. Bei der Gelegenheit könnte ich Sie ja einmal besuchen.«

Cecil de la Borne sah erfreut auf.

»Das wäre großartig. Sie müssen dann auch Ihre Tochter mitbringen. Sie glauben gar nicht, wie sehr mich das freuen würde.« Er warf einen Seitenblick auf das junge Mädchen an seiner linken Seite. »Die Chausseen sind ausgezeichnet, und die Gegend ist wirklich interessant.«

»Seien Sie vorsichtig, sonst nehmen wir Sie noch beim Wort«, sagte die Prinzessin. »Ich warne Sie, sich eine ganze Gesellschaft auf den Hals zu laden. Major Forrest und Lord Ronald wollen nämlich auch an der Fahrt teilnehmen.«

»Es ist eigentlich nur eine Idee«, bemerkte der Major leichthin. »Ich frage ja nicht viel nach Pferden, aber ich glaube kaum, daß wir Engleton vor den Rennen in Goodwood zur Teilnahme bewegen können.«

»Im Gegenteil, mir ist dieser Gedanke äußerst sympathisch«, warf Lord Ronald dazwischen. »Ich glaube, daß Sie sich um diese Dinge mehr kümmern als ich. Ich bin auf jeden Fall dabei – aber unter einer Bedingung.«

»Nun?« fragte die Prinzessin.

»Sie müssen in meinem Wagen fahren. Ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit, ihn richtig auszuprobieren. Es ist ein Siebensitzer – wir haben alle darin Platz und können das ganze Gepäck bequem darin unterbringen.«

»Das ist ja glänzend – ist das tatsächlich Ihr Ernst?«

»Natürlich! Es ist jetzt hier in der Stadt zu heiß, und ich liebe den Aufenthalt auf dem Lande.«

»Entzückend! Einer unserer Freunde hat einen wunderbaren Wagen und der andere einen herrlichen Landsitz. Aber wir wollen Sie lieber nicht überfallen, Cecil. Wir sind zu viele.«

»Je mehr, desto besser«, erwiderte Cecil frohgelaunt. »Wenn Sie sich wirklich auf dem Lande erholen wollen, kann ich Ihnen mein Haus nur empfehlen. Viel Abwechslung werde ich Ihnen allerdings nicht bieten können.«

»Eine Erholung brauchen wir. Das Leben hier ist tatsächlich zu anstrengend. Wir haben die Saison diesmal etwas zu früh begonnen, und wir werden nicht durchhalten. Erst seitdem ich diese junge Dame mit dem großen Vermögen in die Gesellschaft einführe, weiß ich, welch eine beliebte Persönlichkeit ich bin.«

Jeanne, ihre Stieftochter, hatte bisher geschwiegen. Sie war noch sehr jung; ihre bleichen Wangen, ihre dunklen, feurigen Augen und ihr lebhaftes Temperament verrieten ihre fremde Nationalität.

»Das wundert mich so sehr«, sagte sie. »Ich kann es nicht verstehen. In London scheinen alle Leute je nach der Größe ihres Vermögens beliebt oder unbeliebt zu sein.«

»Aber ich gebe Ihnen mein Wort«, beeilte sich Lord Ronald zu versichern, »daß das nicht auf alle Leute zutrifft.«

Sie sah ihn gleichgültig an.

»Es ist ja möglich, daß es Ausnahmen gibt, aber im allgemeinen stimmt es.«

»Aber um Himmelswillen, liebes Kind, mache doch nicht solche Bemerkungen«, sagte die Prinzessin. »Wie kann man nur in deinem Alter derartige Gedanken äußern!«

»Sagen Sie mir doch, Lord Ronald, würde ein junges Mädchen, das gerade aus dem Pensionat kommt, so liebenswürdig behandelt und auf Händen getragen werden, wenn sie nicht ein großes Vermögen besäße?«

»Ich kann mich natürlich nicht für andere verbürgen«, entgegnete der Lord. »Ich kann nur von mir selbst sprechen.«

Die letzten Worte hatte er leise zu Jeanne gesagt, aber sie zuckte nur die Schultern und erwiderte seinen Blick nicht. De la Borne hatte die beiden beobachtet und runzelte leicht die Stirne. Es kam ihm der Gedanke, daß Engleton vielleicht doch kein so angenehmer Gesellschafter sein würde.

»Nun, Miß Le Mesurier wird ja bald herausfinden, wer ihre wahren Freunde sind«, meinte er.

»Es gibt eine sehr einfache Lebensregel«, bemerkte Major Forrest. »Man kann allen Leuten solange trauen, bis sie etwas von einem wollen. Dann ist es immer noch Zeit, argwöhnisch zu werden.«

Jeanne seufzte.

»Wenn man solange warten soll, hat man sich vielleicht schon hoffnungslos verliebt. Es ist wirklich eine komplizierte Welt.«

»Die drei Monate, die du erst in der Gesellschaft verkehrst, sind doch eine sehr kurze Zeit. Warte doch, bis du wenigstens eine Saison mitgemacht hast, bevor du dir ein abschließendes Urteil bildest.«

De la Borne unterbrach diese Unterhaltung.

»Wir wollen doch lieber über den beabsichtigten Besuch in Salthouse sprechen«, wandte er sich an die Prinzessin. »Hoffentlich entschließen Sie sich wirklich, mich zu besuchen. Sie könnten sich dort tatsächlich ausruhen und erholen. Man sagt, daß wir das gesündeste Klima von ganz England haben. Und abends kann man ja Bridge spielen. Wenn Miß Jeanne gerne baden möchte, so will ich nur bemerken, daß unser Park sich bis ans Meerufer hinzieht.«

»Das klingt ganz bezaubernd«, erklärte die Prinzessin. »Das ist gerade das, wonach wir uns sehnen. Wir haben natürlich viele Einladungen bekommen, aber ich bin gerade nicht sehr begierig, auch nur eine einzige anzunehmen, denn ich weiß, daß Jeanne sich für das übliche Leben auf den Landsitzen nicht besonders interessiert. Ich selbst bin nicht sehr empfindlich, aber ich muß wirklich sagen, daß unser letzter Aufenthalt auf dem Lande sich nicht gerade für ein junges Mädchen eignete.«

»Entscheiden Sie sich doch und nehmen Sie meine Einladung an«, bat Cecil.

»In den nächsten Tagen werde ich Ihnen Antwort geben. Wir werden wohl sicher kommen.«

Einige Minuten später verließ die kleine Gesellschaft den Speisesaal und begab sich in das Foyer, um dort den Kaffee einzunehmen. Die Prinzessin richtete es so ein, daß sie neben Forrest saß.

»Nun, habe ich nicht alles glänzend eingeleitet? Das ist doch die beste Gelegenheit, die du überhaupt haben könntest. Wir werden dort ganz allein sein, und zu gleicher Zeit ist es auch ganz gut, daß du einige Wochen von London fort bist. Sollte es dort nicht nach Wunsch gehen, so können wir ja unter irgendeinem Vorwand wieder verschwinden.«

Der Major nickte.

»Aber ich weiß noch nicht recht, wer eigentlich dieser junge de la Borne ist. Wie kommt es, daß er uns einlädt, wo wir ihm doch noch vollständig fremd sind?«

Die Prinzessin lächelte schwach.

»Siehst du denn nicht, daß er noch ein ziemlich ungeschickter Junge ist? Er ist erst vierundzwanzig und hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Er erzählte mir, daß er zum erstenmal auf längere Zeit in London war. Er bildet sich ein, daß wir beide uns ein wenig ineinander verliebt haben, und Jeannes Vermögen sticht ihm natürlich in die Augen. Unter allen Umständen möchte er uns gerne bei sich haben. Laß ihn doch. Ich bin ganz froh, wenn ich auf ein paar Wochen aus London fortkomme, um einmal nicht immer diese ewigen Mahnbriefe sehen zu müssen. Die Geschäftsleute könnten mich doch tatsächlich bis zum Ende der Saison in Ruhe lassen.«

Forrest, dessen Hoffnung wieder gestiegen war, hielt den Plan für ausgezeichnet.

»Sicher wird alles nach Wunsch gehen. Auf einem so einsamen Landsitz kann man ja abends nichts anderes tun als Bridge spielen. Und niemand kann dazwischen kommen.«

»Wenn du jetzt einige Zeit nicht in den Klubs erscheinst, und wenn du nach deiner Rückkehr einige Spiele verlierst, wird sich dein Ruf bestimmt wieder bessern, und du bist aus den Schwierigkeiten heraus.«

»Dieser junge de la Borne lebt hoffentlich nicht mit Verwandten zusammen, die ihn bevormunden könnten?«

»Ich weiß nichts davon. Seine Eltern sind Lot. Aber aus ihm können wir kein Geld herausholen, denn er ist ziemlich arm, soweit ich unterrichtet bin. 233h: müssen Engleton bei guter Laune halten. Wenn der mit uns spielt, genügt das ja vollkommen.«

»Frage ihn doch noch ein wenig aus, und wenn alles in Ordnung ist, möchte ich so schnell als möglich dorthin aufbrechen.«

Ihre Unterhaltung wurde häufig unterbrochen, da viele Bekannte sie grüßten. Nur Jeanne sah sich interessiert um, den anderen war das bunte Leben und Treiben hier schon allzu vertraut.

»Wie lange werden Sie noch in London bleiben?« wandte sich die Prinzessin jetzt an Cecil.

»Morgen oder übermorgen muß ich abreisen«, antwortete der junge Mann düster. »Aber es wäre mir nur halb so unangenehm, wenn Sie sich wirklich entschließen könnten, mich zu besuchen.«

Auf einen Wink der Prinzessin rückte er seinen Stuhl etwas näher zu ihr heran.

»Wenn wir diesen Ausflug zu Ihnen überhaupt machen, möchte ich gern übermorgen abfahren. Für Donnerstag habe ich einige Einladungen, von denen ich mich gern drücken würde. Ein schrecklich langweiliges Essen und dergleichen mehr. Sind Sie am Donnerstag schon wieder zu Hause?«

»Wenn Sie wirklich kommen, nehme ich morgen den ersten Frühzug.«

»Ich glaube, daß ich es Ihnen versprechen kann. Seien Sie mir nicht böse, aber mehr als in London können wir uns schließlich auch bei Ihnen nicht langweilen. Ich möchte Jeanne nicht auf einen der Landsitze mitnehmen, trotzdem wir überallhin eingeladen sind. Sie wissen warum. Sie ist wirklich noch ein zu großes Kind, und ich fürchte, daß sie einen unangenehmen Eindruck von diesem Leben gewinnt und wieder ins Kloster zurückgehen will. Sie hat mir schon so etwas angedeutet.«

»Sicherlich wird sie sich von dem Leben in Salthouse nicht abgestoßen fühlen«, erklärte Cecil eifrig. »Außer Ihnen werde ich überhaupt keine Gäste haben. Halten Sie das nicht auch für das Beste?«

»Ja. Aber bitte machen Sie unseretwegen keine großen Umstände. Wir wollen ja gerade das ruhige Leben auf dem Lande ein wenig genießen.«

»Sie sollen alles so finden, wie Sie es wünschen. In der kurzen Zeit, die mir bleibt, kann ich ja auch keine großen Vorbereitungen treffen. Kommen Sie nur, und sehen Sie, wie ein armer englischer Landedelmann lebt, dessen Einkommen und Besitz langsam zusammengeschrumpft sind. Hoffentlich machen Sie mir nachher keine Vorwürfe, wenn Ihnen der Platz zu langweilig erscheint.«

Die Prinzessin erhob sich und reichte ihm die Hand.

»Also abgemacht. Ich danke Ihnen auch für den entzückenden Abend, Cecil. Jeanne und ich müssen noch auf eine oder zwei Stunden nach Harlingham House. Schicken Sie mir doch morgen früh eine kurze Mitteilung, wie Ihr Landsitz genau heißt, und geben Sie mir auch eine kurze Beschreibung des richtigen Weges, damit wir nicht in die Irre fahren. Hoffentlich haben Sie beide« – sie wandte sich an Forrest und Lord Ronald – »nichts dagegen, wenn wir ein oder zwei Tage früher aufbrechen, als wir ursprünglich planten.«

»Nicht im mindesten«, versicherte Lord Ronald.

»Und Miß Le Mesurier? Will sie wirklich auf all die glänzenden Einladungen verzichten?« fragte Cecil.

Jeanne lächelte ihn freudestrahlend an, wie sie es nur selten tat.

»Ich bin so froh, daß wir von London weggehen, und ich bin wirklich sehr gespannt darauf, das englische Landleben kennenzulernen.«

Cecil neigte sich über ihre Hand.

»Ich schätze mich glücklich, daß ich Ihnen einen Begriff davon geben darf.«


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