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Kapitel 21.
Vielleicht!

»Mr. de la Borne, ich kann zu Ihnen freier und rückhaltloser sprechen als zu Ihrem Bruder, weil Sie älter und klüger sind als er. Sie mögen ja nicht viel von der Welt gesehen haben, aber Sie sind auf keinen Fall ein so junger Fant wie dieser Cecil. Ich will Sie nicht fragen, ob Sie sich in Jeanne verliebt haben, weil die ganze Sache zu lächerlich ist. Ich zweifle nicht daran, daß sie eine gewisse Zuneigung zu Ihnen gefaßt hat. Das ist ja vollständig klar. Bitte erinnern Sie sich aber daran, daß das Mädchen eben aus dem Pensionat kommt und das Leben noch nicht kennengelernt hat. Sie ist noch nicht in der Lage, über ihre Zukunft zu entscheiden. Sie hat noch nichts von der Welt erfahren und ihre bisherigen Erlebnisse haben sie nicht sehr ermutigt. Sie besitzt ein großes Vermögen, aber es ist derartig sicher festgelegt, daß ich nicht einmal mit ihrer Hilfe einen Schilling davon nehmen kann, obwohl ich stets in Schulden bin und immer Geld leihen muß. Nun wird sie bald volljährig sein, dann wird man die Höhe ihres Vermögens erfahren. Ich kann Ihnen nur versichern, daß alle Leute erstaunt sein werden.«

»Das ist möglich. Da Ihre Tochter aber nun einmal erkannt hat, daß ihr Reichtum im Verhältnis zu ihrem Lebensglück nur eine untergeordnete Rolle spielt, warum lassen Sie ihr dann nicht ihren Willen?«

»Weil Jeanne heute noch viel zu jung ist, um für sich selbst entscheiden zu können. Sie ist augenblicklich in diesem sentimentalen Alter, in dem die Mädchen aus jedem irgendwie ungewöhnlichen Mann einen Helden machen, und eine Genugtuung darin finden, Opfer für ihn zu bringen. Vielleicht wird Jeanne ihr Glück später in einem einfachen, zurückgezogenen Leben finden. Nun gut, wenn sie nach einem Jahr noch so denkt, dann will ich nichts dazu sagen. Aber vorläufig kann ich meine Zustimmung dazu nicht geben. Sie muß wenigstens erst die Möglichkeit gehabt haben, alles kennenzulernen, und die Fragen von allen Seiten zu prüfen. Geben Sie mir nicht recht?«

»Was Sie sagen, klingt einleuchtend.«

»Jeanne ist noch das reine Kind. Sie hat auch eine künstlerische Ader. Schöne Plätze, Bauten, Gemälde gefallen ihr, und sie ist mit ihren jetzigen, unzulänglichen Kenntnissen bereit, zu glauben, daß es nichts Größeres und Schöneres im Leben gibt. Aber denken Sie einmal an ihre Eltern. Ihre Mutter lebte dem Vergnügen, ihr Vater war ein großer Finanzmann und Diplomat, gewandt und vielseitig. Mit den Jahren wird Jeanne auch reifer und klüger, und einzelne Charakterzüge ihrer Eltern werden sich auch bei ihr zeigen. Es ist deshalb meine Aufgabe, sie von einem unüberlegten Schritt abzuhalten. Ich sage Ihnen das alles nur, Mr. de la Borne, damit sie ihr die Möglichkeit lassen, sich erst vollkommen über alles klar zu werden, bevor sie etwas Voreiliges tut. Sie sind ein verständiger, weitsichtiger Mann, Sie werden mir recht geben und mir helfen, wenn ich Sie darum bitte.«

Andrew de la Borne schaute nachdenklich auf das Meer hinaus. Er war davon überzeugt, daß die Prinzessin recht hatte. Alles andere war nur ein törichter Wahn. Jeanne war sicherlich nicht kokett, aber sie war noch ein Kind. Ihr großes Vermögen bürdete ihr eine schwere Verantwortung auf. Niemand konnte ihr helfen, sie mußte ihren Kampf allein durchkämpfen, um das Glück zu gewinnen oder zu verlieren. In einigen Jahren mochte sie die Frau eines großen Staatsmannes sein und sich an der Seite ihres Gatten stolz und glücklich fühlen, der auf der Leiter des Ruhmes von Stufe zu Stufe emporstieg. Dieses Erlebnis in den Marschen würde ihr später wie der Traum eines Kindes erscheinen. Vielleicht würde sie dann mit einem Schaudern an ihn zurückdenken und froh sein, daß diese Zeit hinter ihr lag. Die Prinzessin hatte recht.

»Madame, ich habe Sie sehr wohl verstanden, und ich glaube, daß Sie klug handeln. Ihre Stieftochter muß für sich allein das Rätsel des Lebens lösen. Es geht nicht, daß einer von uns sie in ihrer Wahl beeinflußt, während sie noch ein Kind ist.«

»Sie werden uns verlassen, Mr. de la Borne?«

Er zeigte auf die braunen Segel eines Fischerbootes, das langsam vom Hafen des Dorfes auf die See hinausfuhr.

»Das ist eins meiner Boote. Ich werde von meiner Insel aus signalisieren, daß es mich dort abholt. Ich brauche eine Abwechslung, und das Boot fährt für einige Wochen zum Fischfang in die Nordsee.«

Die Prinzessin reichte ihm die Hand.

»Sie sind ein Mann. Ich wünschte nur, ich hätte zuweilen einen so festen Charakter in der Gesellschaft gefunden, in der ich leben muß.«

*

Die Prinzessin sah Andrew nach, als er über die Marschen dem Dorfe zuschritt. Nicht ein einziges Mal schaute er sich um oder zögerte auf seinem Wege. Sie seufzte ein wenig und wandte sich dann zu dem Hause.

Cecil ging ruhelos in der Halle auf und ab, als sie eintrat. Er nahm sie schnell mit sich zur Bibliothek.

»Forrest erklärt hartnäckig, daß er das Haus verlassen will. Er packt oben seine Sachen.«

»Ihr Bruder hat ihm ja auch kaum eine andere Möglichkeit gelassen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön. Aber wenn er geht, bleibe ich auch nicht. Ich will hier nicht allein sein.«

Die Prinzessin sah ihn eigentümlich an, und er errötete.

»Ich fürchte mich nicht, ich kann jeder gewöhnlichen Gefahr Trotz bieten. Aber ich trage die Verantwortung für alles nicht allein. Das können Sie nicht von mir verlangen.«

»Haben Sie denn etwas Neues gehört?«

»Nichts«, entgegnete Cecil düster. »Wenn wir nur einmal das Ende absehen könnten!«

Die Prinzessin dachte nach.

»Es ist nicht nötig, daß Forrest abreist. Ihr Bruder hat sich entschlossen, für mehrere Wochen mit einem Fischerboot in die Nordsee zu fahren.«

»Ist das wahr?« fragte er ungläubig.

Die Prinzessin nickte.

»Er hat sich etwas viel um Jeanne gekümmert und hat jetzt Gewissensbisse. Deshalb geht er fort.«

Cecil atmete erleichtert auf.

»Dieser alte Andrew!« rief er. »Er ist doch wirklich auf ein solches Kind wie Jeanne geflogen! Nun, dann kann Forrest ja ruhig hierbleiben!«

»Das soll er auch. Wir wollen noch bis zum Montag warten. Vielleicht –«

»Ja, in der Zwischenzeit mag sich vielleicht etwas entscheiden!«


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