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Kapitel 11.
Lord Ronalds Verschwinden.

»Sie sind ja alle zum Mittagessen erschienen«, rief Jeanne überrascht. »Das nenne ich Energie! Aber wo ist denn Lord Ronald?« Sie sah die anderen fragend an. »Er versprach mir, mich heute morgen zu einer Segelpartie mitzunehmen. Scheinbar habe ich ihn verfehlt.«

Die Prinzessin gähnte und sah auf die Uhr.

»Lord Ronald ist wahrscheinlich jetzt schon in London. Er erhielt gestern nacht ein Telegramm und ist heute morgen in aller Frühe abgefahren.«

Jeanne schaute sie erstaunt an.

»Wie sonderbar! Ich war schon vor neun Uhr hier unten – war er da schon fort?«

»Schon lange«, antwortete Forrest. »Er kommt aber in ein oder zwei Tagen zurück.«

Jeanne nickte zerstreut.

»Hat der Gong schon geschlagen? Ich war seit zehn Uhr draußen.«

Cecil ging durch die Halle voraus nach dem Speisezimmer.

»Kommen Sie nur. Ich wünschte, wir hätten auch solchen Appetit wie Sie.«

»Sie sehen allerdings aus, als ob Sie sehr lange aufgeblieben wären. Was ist denn geschehen?«

»Wir saßen noch lange zusammen«, entgegnete der Major ruhig. »Wahrscheinlich haben wir auch zuviel Zigaretten geraucht. Es war eben die letzte Nacht, in der wir Bridge spielen konnten, denn ohne Lord Ronald fehlt uns der vierte Mann.«

»Nun müssen wir irgendeine andere Unterhaltung ausfindig machen«, meinte Cecil. »Wollen Sie heute nachmittag wieder einmal segeln, Prinzessin?«

»Ich bin sofort dabei, wenn Sie mir nur genug Kissen geben, daß ich den Kopf auflegen und etwas schlafen kann. Diese letzten Nächte waren wirklich zu anstrengend. Ich bin eigentlich froh, daß Lord Ronald ein paar Tage fort ist.«

»Heute abend wollen wir einmal alle vernünftig sein«, sagte Forrest. »Um elf Uhr gehen wir zu Bett. Dann können wir morgen in aller Frühe aufstehen und mit Miß Le Mesurier in den Marschen spazierengehen. Ich wundere mich nur, daß Sie so viele Stunden dort zubringen können«, wandte er sich an Jeanne.

»Ich könnte Ihnen kaum erklären, warum ich das tue. Sie würden es nicht verstehen.«

»Glauben Sie wirklich?« fragte der Major lächelnd.

Sie drehte ihm den Rücken zu und sprach zu Cecil.

»Major Forrest ist wirklich unverschämt. Ich werde mich nicht mehr mit ihm unterhalten. Sagen Sie, Mr. de la Borne, wollen wir tatsächlich heute nachmittag eine Segelpartie machen?«

»Wenn Sie wünschen, selbstverständlich.«

»Ich freue mich sehr darauf. Es wird auch Ihnen allen gut tun. Sie werden müde, können gut schlafen und denken nicht mehr an Ihr Bridgespiel. Wann kommt Lord Ronald eigentlich zurück?«

»Das wußte er selbst noch nicht«, entgegnete die Prinzessin. »Das hängt ganz davon ab, wie lange ihn seine Geschäfte in Anspruch nehmen.«

»Es ist doch zu merkwürdig«, meinte Jeanne. »Ich kann mir Lord Ronald bei ernster Arbeit überhaupt nicht vorstellen. Aber ich hätte doch hören müssen, wie er abfuhr. Mein Zimmer liegt gerade über dem Eingang auf der Hofseite.«

»Das beweist nur, daß Sie einen sehr gesunden Schlaf haben«, erwiderte der Major.

»Das weiß ich nicht so sicher. Heute Nacht zum Beispiel glaubte ich allerhand seltsame Geräusche zu hören.«

Cecil de la Borne sah sie schnell an.

»Was für Geräusche meinen Sie denn?« fragte er etwas schroff. »War es im Hause?«

»Ja. Es muß wohl einen Streit gegeben haben. Es ist auch jemand zu Boden gefallen. Und nachher gingen viele Türen auf und zu.«

»Und dann bist du wahrscheinlich eingeschlafen«, sagte die Prinzessin lächelnd.

»Ja. Ich schlief ein, während ich noch lauschte. Es war aber wirklich nicht hübsch von Lord Ronald, daß er wegging, ohne sich von mir zu verabschieden.«

»Nun, er hätte Sie doch nicht um fünf Uhr morgens stören dürfen, um Ihnen Lebewohl zu sagen!« bemerkte Cecil.

Die Prinzessin und Jeanne standen zusammen vom Tisch auf, und einige Minuten später folgten auch die beiden Herren.

»Wie lange wollen wir noch hierbleiben?« fragte Jeanne ihre Stiefmutter auf dem Wege nach oben. »Ich dachte, die Partie sollte höchstens zwei oder drei Tage dauern.«

Die Prinzessin zögerte.

»Cecil ist ein netter Mensch, und er sieht es gern, wenn wir noch etwas länger bleiben. Langweilst du dich hier?«

»Nicht im geringsten. Solange du ihn davon abhalten kannst, daß er dummes Zeug zu mir sagt, fühle ich mich sogar sehr wohl hier und bleibe gern. Es ist viel schöner hier als in London.«

Die Prinzessin sah sie forschend an.

»Ich glaube, ich müßte mich mehr um dich kümmern, mein Kind. Was machst du denn eigentlich immer in den Marschen? Gehst du mit diesem Mr. Andrew spazieren?«

»Heute morgen bin ich mit ihm in seinem Boot gefahren«, erwiderte Jeanne ruhig. »Es war herrlich!«

»Nun, jeder amüsiert sich auf seine Weise. Aber selbst du wirst trotz deiner großen Jugend schon gemerkt haben, daß die Männer auf der ganzen Welt dieselben sind, ob es sich nun um einen einfachen Fischer oder um einen anderen handelt. Wenn sich dieser Mr. Andrew genügend ermutigt glaubt, wird er sich am Ende noch eine Unverschämtheit dir gegenüber herausnehmen.«

Jeanne zog die Augenbrauen hoch.

»Das würde er bestimmt niemals tun. Ich wünschte nur, ich könnte dasselbe von den Herren sagen, denen ich bisher in Gesellschaft begegnet bin.«

Die Prinzessin lächelte nachsichtig.

»Heutzutage erlauben sich die Männer viele Freiheiten. Das ist wahr. Geh nur in die Marschen, wenn dir die Gesellschaft dieses Fischers Vergnügen macht. Es ist ja sowieso die vornehmste Beschäftigung der Frauen, den Männern den Kopf zu verdrehen. Und wenn du nun gerade die Kaprize hast, dir in diesen untergeordneten Kreisen ein Opfer zu suchen, so habe ich nichts dagegen.«

Jeanne ging trotzig fort, und die Prinzessin fühlte sich etwas unbehaglich, als sie ihr nachsah. Sie traf sich mit Forrest und Cecil in der Halle, wo der Kaffee auf einem kleinen Tisch serviert war. Der Major sah sich erst vorsichtig um, bevor er sprach.

»Nun?«

Die Prinzessin lächelte verächtlich, als sie in sein bleiches Gesicht schaute.

»Wovor fürchten Sie sich denn?« fragte sie böse. »Jeanne hat natürlich keinen Verdacht. Wie sollte sie auch dazu kommen?«

Cecil atmete erleichtert auf. Er sah abgespannt und müde aus.

»Ich wünschte nur, wir hätten diese Geschichte hinter uns«, sagte er leise.

Die Prinzessin sah ihn kühl an.

»Mein lieber Freund, Sie sind auch wie alle anderen. In kritischen Situationen verfügen Sie weder über Ruhe noch Überlegung. Das Unvermeidliche ist eben eingetreten – wir konnten nicht anders handeln. Halten Sie sich das doch vor Augen. Wenn Sie nur ein Fünkchen Mut haben, dann reißen Sie sich zusammen und zeigen der Welt ein lächelndes Gesicht.«

Cecil erhob sich.

»Sie haben recht. Sind Sie bereit, Forrest? Wollen Sie mit mir kommen?«

Der Major stand langsam auf.

»Natürlich. Übrigens ist diese Segelpartie heute nachmittag eine gute Idee. Wir müssen uns tatsächlich mehr für das Leben hier interessieren.«

»Einer von Ihnen kann mir nachher oben kurz Mitteilung machen«, sagte die Prinzessin. »Wir werden etwa um drei Uhr mit dem Segelboot aufbrechen.«


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