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Kapitel 14.
Alarm.

Cecil und Forrest saßen wieder bei ihrer Abendmahlzeit. Die Verwilderung ihres Aussehens schien sich jetzt auch auf ihre Umgebung übertragen zu haben, denn der Tisch war nicht mehr sorgfältig gedeckt. Leere Wein- und Whiskyflaschen standen umher, denn die beiden hatten viel getrunken. Trotzdem sahen sie kreidebleich aus. Cecils Gesicht bot einen abstoßenden Anblick. Er spielte nervös mit dem Tischtuch, und seine Hände zitterten.

»Forrest«, sagte er unvermittelt, »es ist nicht richtig, daß wir alle Dienstboten entlassen. Wir haben nicht nur heute abend ein schlechtes Essen gehabt, die Leute im Dorf werden auch noch Verdacht schöpfen. Man wird sich doch sicher über einen solchen Schritt wundern.«

»Das glaube ich nicht. Seien Sie ruhig, und benehmen Sie sich nicht so albern. Es war unmöglich, daß diese Diener aus der Stadt hierblieben, die uns dauernd ausspionierten. Heute nachmittag habe ich diesen Hausmeister, den Sie aus London mitbrachten, in der Bibliothek ertappt. Er suchte dort scheinbar etwas. Diesen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden. Ich bin sehr froh, daß dies unsere letzte Nacht hier ist.«

»Sind Sie denn tatsächlich entschlossen, Schluß zu machen?« fragte Cecil heiser.

»Ja, natürlich. Ich tue es auch, weil ich Ihrer nicht mehr sicher bin. Manchmal benehmen Sie sich so feige. Wenn ich den Verdacht haben müßte, daß Sie sich dadurch aus der Schlinge ziehen wollen, daß Sie mich anzeigen, dann räume ich auch mit Ihnen auf. Es kommt mir jetzt auf einen mehr oder weniger gar nicht an.«

»Reden Sie doch nicht so verrücktes Zeug! Wenn wir handeln, handeln wir selbstverständlich gemeinsam. Ich habe nur nicht Ihre starken Nerven, und der Gedanke, daß wir die Sache so zu Ende bringen wollen, ist mir fast unerträglich.«

Forrest füllte sein Glas und reichte Cecil die Flasche.

»Ich sehe, Sie sind noch ganz nüchtern. Hier, nehmen Sie noch ein Glas.«

Forrest stürzte den Wein hinunter und erhob sich dann. Seine Augen leuchteten unheimlich auf.

»So, nun kommen Sie, Cecil. Denken Sie sich einfach, daß Sie einer Ihrer Vorfahren wären, die es sich nicht lange überlegten, einen gefährlichen Feind in die See zu werfen. Der Selbsterhaltungstrieb ist ein Naturgesetz. Kommen Sie.«

Sie traten in die Halle. Im ganzen Hause herrschte Totenstille.

»Es ist spät genug«, sagte Forrest, als sie in der Bibliothek standen. »In einer Viertelstunde wird die Flut ihren Höhepunkt erreicht haben. Das Wasser in der kleinen Bucht ist dann über fünf Meter Lief. Öffnen Sie den Eingang.«

»Haben Sie alles vorbereitet?« fragte Cecil nervös.

»Das Chloroform ist hier.« Forrest zeigte auf eine kleine Flasche in seiner Westentasche. »Weiter brauchen wir nichts. Er ist vollständig entkräftet, wir können ihn bequem den Gang entlang tragen. Und sollte er Spektakel machen und sich wehren, so kann ihn ja niemand hören.«

Cecil hatte die Türe im Holzpaneel geöffnet, und sie stiegen vorsichtig hinunter.

»Kennen eigentlich die Dorfleute diesen unterirdischen Gang?« fragte der Major plötzlich.

»Sie wissen nur, daß früher hier ein Gang lief, aber sie glauben, daß er jetzt vermauert ist. Andrew und ich haben es auch tatsächlich versucht, aber das Mauerwerk gab nach. Sehen Sie, die Steine dort auf dem Boden sind Überbleibsel unserer Arbeit. Leuchten Sie, sonst fallen Sie noch darüber.«

Forrest blieb plötzlich stehen. Merkwürdigerweise war er es jetzt, der eine entsetzliche Angst fühlte. Das Heulen des Sturms und das Rauschen der Wogen schien durch die Erdschicht und die dicken Wände zu dringen. Cecil waren diese Geräusche vertraut.

»Hier ist die Tür, Forrest! Ich werde aufschließen. Sie passen auf, falls er uns angreifen sollte.«

Aber Engleton lag stöhnend auf seiner rauhen Matratze. Die beiden wechselten schnelle Blicke.

»Wir werden nicht viel Mühe mit ihm haben«, flüsterte Forrest. »Was für eine pestilenzartige Luft! Kein Wunder, daß er halb ohnmächtig ist.«

Cecil sah sich argwöhnisch um.

»Hören Sie hier das Heulen des Sturms nicht viel deutlicher als draußen auf dem Gang? Es kommt mir so vor, als ob hier irgendwo frische Luft hereinkommt. Ich möchte fast wetten, daß er versucht hat, den Luftkanal zu erweitern. Der Felsen ist dort nur ein paar Fuß stark.«

Er leuchtete mit seiner Taschenlampe die Wände ab.

»Sehen Sie, hier hat er Stufen in die Wand geschlagen und probiert, oben eine Öffnung zu machen. Er muß vermutet haben, wo das Entlüftungsrohr ist. Ich möchte nur wissen, wie er das angestellt hat.«

Sie gingen quer durch den Raum. Engleton öffnete die Augen und sah sie schläfrig an, als sie vor ihm standen.

»Sie haben sich wohl ein Lichtloch machen wollen?« fragte Forrest ironisch, indem er auf die rohen Tritte in der Wand zeigte. »Womit haben Sie das bloß gemacht? Wahrscheinlich verstecken Sie das Instrument unter der Matratze?«

Er bückte sich. Aber in diesem Augenblick stürzte sich Engleton wie ein wildes Tier auf ihn und packte ihn an der Kehle. Forrest war einen Augenblick vor Schrecken gelähmt, aber dann versetzte er seinem Gegner einen Faustschlag. Lord Ronald sank stöhnend zu Boden.

»Sie Schufte!« rief er mit halberstickter Stimme.

Cecil hob die Matratze auf und entdeckte einen großen, flachen Stein mit scharfen Kanten. Er schaute wieder nach oben.

»Noch einen Fuß weiter, und er wäre draußen gewesen. Ich wundere mich nur, daß die Steindecke nicht eingefallen ist.«

Engleton lehnte sich jetzt mit dem Rücken gegen die Mauer.

»Was wollen Sie denn heute abend schon wieder von mir?«

»Jetzt kommt das Ende«, antwortete Forrest barsch.

Engleton zuckte nicht mit der Wimper. Obgleich er körperlich am schwächsten war, schien er doch der Tapferste zu sein.

»Ich glaube nicht, daß Sie den Mut haben, weiterzuleben, wenn Sie immer den Galgen fürchten müssen. Aber wenn ich zum Tode verurteilt bin, so habe ich noch einen Wunsch. Lassen Sie mich noch eine Zigarette rauchen.«

Forrest nahm sein goldenes Etui aus der Tasche, gab ihm einige Zigaretten und reichte ihm Streichhölzer.

»Schön, rauchen Sie. In fünf Minuten werden wir Sie oben von der Klippe ins Meer werfen. Die Flut steigt und hat nahezu ihren Höhepunkt erreicht. Sie haben keine Kräfte mehr, um schwimmen zu können, und kein lebender Mensch kann soweit gegen die Flut ankämpfen, daß er in eine andere Bucht kommt. Aber um auch dieses Risiko zu vermeiden, geben wir Ihnen vorher etwas Chloroform. Das wird Ihnen die Sache leichter machen, und wir müssen nicht Ihr Geschrei hören.«

»Das ist ja eine sehr menschenfreundliche Absicht«, sagte Engleton halblaut. »Nun gut, ich bin fertig.«

»Dann brauchen wir also keine langen Worte zu machen. Sie haben sich entschlossen, zu sterben? Ich möchte wiederholen, daß Sie uns zu dieser Handlung zwingen. Noch ein letztesmal stelle ich Ihnen die Wahl frei!«

»Mein Entschluß steht fest.«

Forrest zog die kleine Flasche und ein Tuch aus der Tasche.

»Machen Sie die Tür auf, Cecil, damit wir ihn hinaustragen können.«

Cecil öffnete und kam wieder zurück. Der Major zählte die Tropfen, die langsam auf das Tuch fielen. Plötzlich fuhren sie beide nervös zusammen, und die Flasche entglitt Forrests Fingern.

»Was war denn das?«

Der Ton der Hausglocke klang schwach, aber alarmierend genug zu ihnen herunter. Cecil und Forrest starrten sich entsetzt an.

»Können Sie denn nicht sprechen, Sie verfluchter Kerl?« rief Forrest wild. »Was ist das für eine Klingel?«

»Die Hausglocke!« antwortete Cecil heiser. »Hören Sie. Es klingelt noch einmal.«


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