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Kapitel 6.
Andrew taucht auf.

Mit dem Heraufdämmern des Frühlichts verzog sich der Sturm nach Norden. Die See war von weißen Schaumkämmen übersät und stöhnte und seufzte noch in verhaltenem Grollen. Auf der weiten, öden Ebene waren weit und breit die Spuren des heftigen Sturmes zu sehen. Ein düsterer Sonnenaufgang versprach kaum Besserung des Wetters, aber um sechs Uhr morgens hatte sich der Wind gelegt. Die Flut brauste heran und füllte die Buchten.

Jeanne stand auf einer Sandbank weit in den Marschen, und eine leichte Brise spielte mit ihren Locken. Sie hatte das Gesicht dem Meere zugewandt, und in ihren Augen leuchtete die Freude. Sie fühlte die Frische der Seeluft auf ihren Wangen und empfand alle Süßigkeit einer Morgenfrühe an der Küste. Die schaumgekrönten Wogen brachen sich in mächtigem, gleichförmigen Rauschen an dem Ufer, die Regenwolken zerteilten sich, und ein blauer Himmel tat sich vor ihren entzückten Blicken auf. Eine Lerche stieg höher und höher in die Lüfte und schmetterte ihr Morgenlied. Jeanne gab sich restlos dieser zauberhaften, unerwarteten Schönheit der Natur hin.

Plötzlich hörte sie eine Stimme und wandte sich unwillig um. Aber dann erschrak sie, denn sie konnte den Weg, den sie zu diesem kleinen Hügel gegangen war, nicht mehr sehen. Die steigende Flut schäumte rings um die Insel, auf der sie stand, und drang immer begieriger in die kleinen Buchten und die engen Kanäle ein. Sie war von dem trockenen Lande in einer Entfernung von etwa fünfzig Metern abgeschnitten. Aber in einem kleinen flachen Boot kam ein Mann auf sie zu, der sein Fahrzeug mit einer Stoßstange gewandt vorwärtstrieb. Sie bewunderte seine große, hohe Gestalt und die Kraft und Geschicklichkeit, mit der er sein Boot regierte. Als er sah, daß sie auf ihn aufmerksam geworden war, rief er sie nicht mehr an, sondern suchte nur noch, sie so schnell als möglich zu erreichen. Trotzdem war das Salzwasser schon bis auf einige Schritte an sie herangekrochen, als er seine Stange in den Boden stieß und das Boot zum Halten brachte.

Jeanne sah ihn lächelnd an.

»Soll ich einsteigen?«

»Wenn Sie nicht gerade zurückschwimmen wollen, wäre das unter diesen Umständen wohl das Beste«, erwiderte er trocken.

Sie lachte, als sie auf ihre dünnen, eleganten Schuhe und ihre durchbrochenen Strümpfe sah. Andrew reichte ihr seine große, starke Hand, und sie sprang leicht in den Kahn.

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mich abholten. Sagen Sie, wäre ich ertrunken?«

»O nein, dieser Platz wird nur selten von der Flut bedeckt. Im schlimmsten Fall hätten Sie einige Stunden hierbleiben müssen und hätten nasse Füße bekommen, aber lebensgefährlich wäre es nicht gewesen.«

Sie machte es sich auf dem harten Brettersitz so bequem als möglich.

»Es ist also gar kein schauriges Abenteuer? Wohin wollen Sie mich denn eigentlich bringen?«

»Ich kann Sie nur zum Dorf rudern«, meinte er gutmütig. »Sie sind wahrscheinlich aus dem Herrenhaus?«

»Ja, ich bin direkt vom Parktor hierhergegangen, und ich habe nicht gedacht, daß die Flut so hoch steigen würde.« Sie ließ ihre Hand durch das Wasser gleiten und freute sich an der Kühle der Salzflut. »Aber das macht nichts. Es ist ja noch so früh, und ich glaube kaum, daß die anderen in den nächsten Stunden schon aufstehen.«

Er machte keinen weiteren Versuch, sich mit ihr zu unterhalten, sondern steuerte sein kleines Fahrzeug der Küste entlang. Sie beobachtete ihn neugierig. Er trug Seemannskleidung, und seine weiten, dunkelblauen Hosen steckten in Wasserstiefeln. Sein Gesicht und seine Hände waren von der Sonne braun gebrannt. Aber er hatte regelmäßige, interessante Züge, und seine Stimme klang eigentümlich gepflegt, obwohl er den breiten Dialekt der Fischer sprach.

»Wer sind Sie denn?« fragte Jeanne nach einer Weile. »Leben Sie hier im Dorfe?«

Er sah sie mit einem leichten Lächeln an.

»Ja, ich wohne hier, und ich heiße Andrew.«

»Sind Sie ein Fischer?«

»Aber gewiß, wir sind hier alle Fischer.«

Seine Antworten befriedigten sie nicht. Er war auch viel zu gewandt und nicht im mindesten verlegen. Seine Worte klangen zwar sehr einfach, aber sie hatte doch das Gefühl, daß sie mit einem gesellschaftlich Gleichgestellten und nicht mit einem Dorfbewohner sprach, dem es Freude bereitete, einer Dame einen Dienst zu erweisen.

»Ich hatte großes Glück, daß Sie mich sahen. Fahren Sie jeden Morgen so früh hinaus?«

»Im allgemeinen ja. Ich hatte eigentlich die Absicht, weiter draußen auf hoher See die Netze auszuwerfen.«

»Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen soviel Zeit wegnehme und Sie in Ihrer Beschäftigung störe.«

Er betrachtete sie genauer. In ihrem kurzen, eleganten Kleid, ihren seidenen Strümpfen und ihren feinen Schuhen bot sie ein ganz anderes Bild als die Frauen dieser Gegend. Sie trug das dunkle Lockenhaar kurzgeschnitten. Das war also das Mädchen, das sein Bruder heiraten wollte!

»Sie sind wohl keine Engländerin?« fragte er plötzlich unvermittelt.

»Mein Vater war Portugiese, meine Mutter eine Französin. Trotzdem wurde ich in England geboren. Sie haben sicher Ihr ganzes Leben an der Küste zugebracht?«

»Ja, wir Dorfleute haben wenig Gelegenheit, Reisen zu machen«, meinte er nachdenklich.

Sie schaute ihn prüfend an.

»Sie sehen eigentlich nicht wie ein gewöhnlicher Fischer aus.«

»Ich bin aber wirklich nichts anderes. Können Sie dort drüben das kleine Haus auf der Insel sehen?«

Ihre Blicke folgten seinem ausgestreckten Arm.

»Ja – wohnen Sie dort?«

Er nickte.

»Es sieht schön und interessant aus. Aber ist es nicht sehr einsam?«

Er zuckte die Schultern.

»Vielleicht – aber man hat nur zehn Minuten bis zum Festland.«

»Es muß eigentümlich reizvoll sein, allein auf einer Insel zu leben. Sind Sie eigentlich verheiratet?«

»Nein.«

»Sie hausen also tatsächlich allein dort?«

Andrew sah lächelnd auf sie nieder, als ob sie ein wißbegieriges Kind wäre, das zu viele neugierige Fragen stellt.

»Ich habe natürlich einen Die – jemand, der mich betreut. Aber sonst bin ich ganz allein. Ich werde Sie jetzt hier ans Ufer setzen. Sehen Sie dort die Telegraphenpfosten? Die führen an der Straße zu dem Herrenhaus entlang.«

Sie sah noch nach der Insel hinüber und beobachtete die Wogen, die sich an der Küste dieses kleinen Eilands brachen.

»Es würde mir große Freude machen, wenn ich einmal dieses hübsche, kleine Haus sehen dürfte. Können Sie mich nicht einmal hinbringen?«

Er schüttelte den Kopf.

»In diesem flachen Fahrzeug können wir nicht so weit fahren, und mein Segelboot liegt in dem kleinen Hafen bei dem Dorf – über eine Meile weit weg.«

Sie runzelte leicht die Stirne, denn sie war nicht gewohnt, daß man eine ihrer Bitten abschlug. Aber Andrew schien kein Verständnis für ihre Wünsche zu haben.

»Ich gehe jetzt zum Fischfang und muß in einer ganz anderen Richtung fahren. Gestatten Sie.«

Er stieg an Land und hob sie aus dem Boot. Sie blieb einen Augenblick stehen und holte ihre Geldbörse aus der Handtasche.

»Sie müssen mir erlauben, Ihnen eine kleine Belohnung und Entschädigung für die Zeit zu geben, die Sie durch mich verloren haben.«

Er schaute sie sonderbar an, und sie hatte wieder das Gefühl, daß er trotz seiner rauhen Kleider und seines Dialektes kein gewöhnlicher Fischer war. Aber sie sagte nichts und reichte ihm fünf Schilling.

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich werde die Hälfte davon nehmen, das genügt vollkommen. Sehen Sie jetzt das Herrenhaus dort hinter den Bäumen? Sie können den Weg gar nicht verfehlen. Und wenn ich Ihnen raten darf, dann wandern Sie nicht wieder in den Marschen umher, höchstens bei Flutzeit. Die See steigt manchmal sehr unerwartet, und man muß sich schon gut in der Gegend auskennen, wenn man während der Ebbe hier Spaziergänge machen will. Guten Morgen!«

»Vielen Dank, und auf Wiedersehen!« sagte sie und wandte sich der Straße zu.

*

Cecil de la Borne stand am Ende des Fahrwegs und hielt ein Fernglas in der Hand. Eilig lief er Jeanne entgegen, als er sie entdeckte. Er trug einen eleganten, grauen Flanellanzug und war sorgfältig frisiert.

»Aber meine liebe Miß Jeanne«, rief er. »Ich habe erst jetzt gehört, daß Sie schon ausgegangen sind. Stehen Sie sonst auch mitten in der Nacht auf?«

Sie lächelte ein wenig und fand es sonderbar, daß sie diesen modischen jungen Mann mit dem rauhgekleideten Fischer vergleichen mußte, dem sie eben begegnet war.

»Wenn ich ein solches Abenteuer wie heute früh noch einmal erleben könnte, würde ich überhaupt nicht schlafen. Denken Sie, ich wäre beinahe ertrunken! Aber ich wurde noch rechtzeitig von einem wundervollen Mann gerettet. Er betrachtete mich so verwundert, daß ich bestimmt annehme, er hat noch niemals durchbrochene Seidenstrümpfe gesehen.«

»Erzählen Sie mir auch keine Märchen?« fragte Cecil unsicher.

»Nein! Ich bin heute morgen in die Marschen gegangen und plötzlich von der Flut überrascht worden. Und dieser geheimnisvolle Mann rettete mich. Er war genau so gekleidet wie die Fischer hier, und er nahm auch das Geld, das ich ihm gab. Aber trotzdem habe ich meine Zweifel. Er nannte sich Mr. Andrew.«

Cecil öffnete das Gartentor, und sie gingen dem Hause zu. Seine Stirne lag in Falten.

»Kennen Sie ihn vielleicht?« fragte Jeanne.

»Ja. Er ist ein sonderbarer Mensch, lebt ganz allein und hat komische Schrullen. Kommen Sie doch bitte herein und frühstücken Sie mit mir. Ich glaube nicht, daß sonst schon jemand auf ist.«

»Ich werde meine Zofe herunterschicken, daß sie mir etwas Kaffee holt. Ich will mich oben umkleiden, denn ich bin bei dem Abenteuer doch etwas naß geworden. Hierzulande muß ich wohl auch stärkere Schuhe tragen.«

Cecil seufzte.

»Man sieht so wenig von Ihnen«, sagte er leise. »Und ich freute mich schon so sehr auf das Zusammensein mit Ihnen allein.«

»Ich komme später mit den anderen herunter. Aber bitte suchen Sie doch möglichst viel über Mr. Andrew zu erfahren. Sie müssen mir nachher viel von ihm erzählen.«

Cecil wandte sich schnell ab und ging mit verdüstertem Gesicht durch die Halle.

»Wenn Andrew mir dieses Mal dazwischenkommt«, sagte er zu sich selbst, »dann soll er einmal sehen!«


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