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Zweites Buch


Kapitel 1.
Endlich Nachricht.

Der Herzog von Westerham streckte seinem Freund die Hände entgegen.

»Mein lieber Andrew, ich freue mich sehr, dich zu sehen. Es ist, als ob ein salziger Hauch der Nordsee mich in unserer langweiligen Stadt anwehte.«

»Drei Wochen lang war ich mit meinen Leuten auf dem Fischfang bei der Doggerbank. Ich bin so schwarzgebrannt wie ein Neger.«

»Wenn man dich sieht, fragt man sich, ob sich unser Leben hier überhaupt lohnt. Du repräsentierst den Sieg der physischen Kraft. Im Ringkampf könntest du mich oder ein Dutzend solcher Leute niederwerfen. Klugheit und Verstand hatten lange Zeit die Oberhand, heutzutage aber gilt nur die körperliche Kraft.«

Andrew lächelte, als er sich in einem Klubsessel niederließ.

»Du glaubst doch selbst nicht an das, was du eben gesagt hast. Du würdest nicht einmal den zehnten Teil deines Verstandes für meine Kraft geben.«

»Nein, es sind nicht allein die Muskeln, es ist deine ganze prächtige Erscheinung. Wenn du dich in einem Londoner Salon zeigst, wirst du sofort ein Gegenstand der Verehrung sein. Alle schönen Frauen liegen dir zu Füßen –«

»Das fehlte mir gerade noch!« rief Andrew in guter Laune. »Aber ich bin eigentlich gekommen, um ernsthaft mit dir zu reden.«

»Es muß schon etwas Ungewöhnliches sein, denn ich sehe, daß du Haare und Bart nach der neuesten Mode trägst. Diesen eleganten Anzug und die erstklassigen Schuhe hätte ich dir kaum zugetraut. Ich bin wirklich sehr erstaunt.«

»Ich fühle mich auch recht unbehaglich darin. Aber ich wollte nicht riskieren, daß mich deine Diener nicht ins Haus ließen. Aber im Ernst, Berners, ich komme mit einer Bitte zu dir.«

»Nun? Was kann ich für dich tun?« fragte der Herzog ermutigend.

»Kannst du mir nicht zu einer Tätigkeit verhelfen? Unsere Einkünfte sind sehr zusammengeschmolzen, und es steht pekuniär nicht glänzend mit uns. Ich weiß allerdings nicht, wozu ich mich eignen würde, aber ich nehme jede Stelle an, die ich ausfüllen könnte. Am liebsten wäre ich natürlich in meinem Dorf geblieben, aber es gibt noch andere Dinge, die ich bedenken muß, und ich möchte auch nicht ganz und gar verbauern.«

Der Herzog bot Andrew eine Zigarre an und bediente sich selbst.

»Mein lieber Andrew, du gibst mir wieder einmal ein Rätsel auf. Ich habe mich schon oft über dich gewundert, seit wir uns kennen, aber diesmal ist es wirklich schwierig.«

»Überlege dir die Sache doch einmal.«

»Wahrscheinlich hat dieser Idiot von deinem Bruder wieder Dummheiten gemacht?«

»Cecil kommt niemals aus den Schwierigkeiten heraus«, antwortete Andrew trocken. »Er hat wieder sehr hoch Bridge gespielt, und ich muß auch noch andere Schulden für ihn bezahlen. Aber darüber wollen wir nicht sprechen. Für die nächsten beiden Jahre müssen wir uns ziemlich zusammennehmen. Er muß auch arbeiten wie ich. Wenn ich nicht für ihn sorgen müßte, würde ich noch morgen nach Kanada auswandern.«

»Dieser verdammte Windhund! Erst hat er sein eigenes Geld durchgebracht und dann das deine.«

»Es ist aber nicht allein des Geldes wegen. Ich bin auch nicht ganz mit mir selbst zufrieden, daß ich dort draußen nur dem Sport lebe. Ich habe keine Vorurteile und weiß, daß es größere Dinge in der Welt gibt, die wichtiger sind. Und ich möchte den Zusammenhang mit der anderen Menschheit nicht ganz verlieren. Natürlich ist es jetzt zu spät für irgendeine große Stellung, aber trotzdem möchte ich etwas unternehmen. Kannst du mir nicht einen Vorschlag machen? Ich weiß wohl, daß es schwer ist, aber du bist doch immer so erfinderisch.«

»Möchtest du denn eine dauernde Beschäftigung haben oder nur eine vorübergehende?«

»Das letzte wäre wohl das Beste, wenn mir die Tätigkeit zusagt.«

»Wir müssen drei Delegierte nach dem Haag schicken, und zwar schon in vierzehn Tagen, um das internationale Fischereiabkommen zu revidieren. Würde dir das angenehm sein?«

»Ausgezeichnet! Ich bin von Kindheit an mit den Fischern auf hoher See gewesen und weiß in diesen Fragen gut Bescheid. Um was handelt es sich denn besonders?«

»Wenn du mir deine Adresse gibst, schicke ich dir alle Unterlagen zu deiner Information zu. Die Akten liegen in meinem Büro in der Downing Street. Wenn du sie durchgesehen hast, kannst du mir ja Nachricht geben, ob du die Sache übernehmen willst. Zwei Delegierte sind bereits ernannt, aber sie sind Rechtsanwälte, und ich brauche vor allem jemand, der aus der Praxis kommt.«

»Das wäre etwas für mich. Wieviel Gehalt gibt es denn?«

»Die Bezahlung ist glänzend, aber die Tätigkeit wird sich wahrscheinlich nur auf wenige Wochen beschränken. Was ich nachher mit dir anfangen soll, weiß ich noch nicht.«

»Nun, vielleicht fällt dir später wieder etwas ein. Wo willst du zu Mittag speisen? Kommst du mit mir zu den Travellers? Das ist der einzige Klub, den ich in London besuche. Man ißt dort ausgezeichnet.«

»Aber mein lieber Andrew, du bist doch selbstverständlich mein Gast, solange du hier bist. Ich werde dich zum Athenaeum mitnehmen und einmal diesen angekränkelten Wissenschaftlern und Gelehrten zeigen, wie ein richtiger Mann aussieht. Wir wollen gleich aufbrechen. In spätestens zehn Minuten sind wir dort.«

»Was ist eigentlich aus den Freunden deines Bruders geworden?« fragte der Herzog, als sie in dem Restaurant saßen. »Ich meine die kleine Gesellschaft, die ich damals so formlos auflöste?«

»Die Prinzessin und Miß Le Mesurier sind in London, soviel ich weiß. Ich war sehr erstaunt, als ich heute morgen hörte, daß dieser Major Forrest sich noch bei Cecil in Red Hall aufhält. Hast du noch nichts von Ronald erfahren?«

»Seit seiner Abreise von Red Hall hat man nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Ich vergaß, daß du nahezu einen Monat auf hoher See warst. Trotzdem ich ernstlich darum bemüht war, ist es mir doch nicht ganz gelungen, die Sache aus der Zeitung zu halten.«

»Das ist ja fürchterlich! Was willst du denn nun unternehmen?«

»Ich habe Detektive engagiert; ich wußte nicht, was ich sonst noch machen sollte. Einige sind noch in der Nähe von Red Hall tätig. Was die Prinzessin über Ronalds Abreise erzählte, scheint tatsächlich zu stimmen, obwohl sich auf dem Bahnhof niemand auf ihn besinnen kann.«

»Sind denn Schecks bei der Bank deines Bruders vorgezeigt worden?«

»Nein, er hat inzwischen kein Geld gezogen.«

»Und die Detektive konnten nicht das geringste herausbringen?«

»Nichts. Ronald hatte zwar ein paar harmlose Liaisons, aber die waren in keiner Weise gefährlich. Während der letzten zehn Tage hatte er einige Verabredungen, die er unter allen Umständen einhalten wollte, aber er ist nicht aufgetaucht. Es muß ihm etwas zugestoßen sein. Der Himmel mag wissen, wo und wann.«

»Ich bin doch sehr selbstsüchtig gewesen. Nun habe ich dich mit meinen Angelegenheiten geplagt, und du hast doch die Sorge um deinen Bruder. Ist dir eigentlich schon einmal der Gedanke gekommen, daß Ronald vielleicht in Red Hall –«

Der Herzog schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er entschieden. »Wenn Forrest allein dort gewesen wäre, hätte ich kaum daran gezweifelt. Aber da dein Bruder und die Prinzessin zugegen waren, scheidet dieser Verdacht von vornherein aus. Hoffentlich hat er es sich nicht zu Herzen genommen, daß Miß Le Mesurier seinen Antrag ablehnte.«

»Ronald ist wirklich nicht der Mann, der sich wegen eines Mädchens ein Leid antäte. Hast du übrigens die Prinzessin schon gesehen?« fragte Andrew möglichst gleichgültig.

»Gestern abend habe ich sie mit ihrer Stieftochter in Hereford House getroffen. Sie sah blendend aus wie immer, aber die Kleine war blaß und müde. Natürlich war sie von einem großen Schwarm von Verehrern umgeben, aber sie achtete gar nicht auf die Leute. Ein merkwürdiges kleines Mädel.«

Andrew erwiderte nichts. Er schaute durch ein Fenster, aber er sah nicht den Verkehr auf der Straße. Vor seinen Blicken tauchte ein Hügel in den Marschen auf, dahinter dehnten sich die weiten, von blühendem Lavendel bedeckten Felder aus. Im Vordergrund lag die gelbe Sandküste mit der wogenden See. Die Sonne schien warm in sein Gesicht, und der Wind umbrauste ihn.

Westerham wunderte sich einen Augenblick, wofür sich sein Freund auf der grauen Straße so sehr interessierte, und was sein verträumtes Lächeln bedeuten mochte.

Ein Page näherte sich dem Tisch und sprach den Herzog an.

»Eure Hoheit werden zum Telefon gebeten.«

Westerham entschuldigte sich bei seinem Freund und blieb einige Minuten fort.

»Ich erhielt eben eine Nachricht von einem der Detektive. Er will mich dringend sprechen und kommt gleich hierher.«


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