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Kapitel 13.
Alarmierende Gerüchte.

Cecil trat plötzlich ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Er atmete schnell, als ob er gelaufen wäre. Seine Lippen waren halb geöffnet, und in seinen Augen zeigte sich Furcht. Forrest und die Prinzessin sahen ihn bestürzt an.

»Was ist denn geschehen?« fragte sie rasch. »Es ist unverantwortlich von Ihnen, mit einem solchen Gesicht im Hause herumzulaufen!«

Cecil sank in einen Sessel.

»Ach, es ist dieser Mensch, den wir auf der Insel gesehen haben. Er kam uns doch gleich so bekannt vor. Ich habe ihn wieder getroffen, und ich kann mich jetzt besinnen.«

»Auf was denn?« fragte die Prinzessin.

»Ich weiß, wo ich ihn zuletzt gesehen habe. Es war in Pall Mall, und er ging mit – Engleton. Damals kannte ich den Lord noch nicht persönlich. Er muß ein Freund von Engleton sein. Was mag er nur hier wollen?«

Cecil zitterte wie Espenlaub, und die Prinzessin sah ihn verächtlich an.

»Sie brauchen sich aber doch wirklich hier nicht wie ein furchtsames Kind aufzuführen, selbst wenn Sie diesen Fremden einmal mit Lord Ronald zusammen gesehen haben. Engleton hat viele Freunde und Bekannte. Sicher ist das ein ganz harmloser Mensch, er benahm sich doch ganz nett auf der Insel.«

»Ich verstehe aber nicht, was er in dieser abgelegenen Gegend sucht. Er muß mit einer bestimmten Absicht hergekommen sein. Ich bin auch sicher, daß er vorige Nacht hier gewesen ist, denn ich habe gestern abend jemand beobachtet, der ihm sehr ähnlich sah.«

»Sie fürchten sich vor Schatten«, sagte die Prinzessin. »Wenn er ein Freund Lord Ronalds wäre und ihn sehen wollte, würde er doch gewiß hierherkommen. Außerdem ist es noch viel zu früh für irgendwelche Nachforschungen. Lord Ronald ist gestern erst von hier weggegangen.«

»Warum beobachtet er denn das Haus? Das kommt mir doch sehr verdächtig vor!«

»Mein lieber Cecil«, erwiderte die Prinzessin mit einem spöttischen Lächeln, »das ist eben ein merkwürdiges Zusammentreffen, das wirklich keinerlei Bedeutung hat. Soviel ich weiß, war Lord Ronald mit allen möglichen Leuten befreundet.«

Cecil atmete erleichtert auf.

»Sie mögen recht haben. Ich bin eben nicht an dergleichen gewöhnt.«

»Natürlich ist alles in Ordnung«, beruhigte ihn die Prinzessin. »Man müßte uns ja für Kinder halten, wenn wir uns um solche Kleinigkeiten kümmern wollten. Lord Ronald liebte es, viel umherzureisen. Es wird Monate dauern, bevor –«

»Sprechen Sie nicht weiter«, unterbrach sie Cecil. »Es mag ja sein, daß ich zu ängstlich bin, aber die Geschichte geht mir auf die Nerven.«

Forrest stand lachend auf; die Prinzessin erhob sich ebenfalls.

»Sie sind ein furchtsamer Junge!«

»Nein, ich fürchte mich nicht, aber dieser Fremde benimmt sich so merkwürdig.«

Die Prinzessin lachte, als sie aus der Türe ging.

»Werden Sie nur nicht nervös, Cecil. Bedenken Sie, daß nichts passieren kann, solange wir die Nerven nicht verlieren.«

*

Forrest traf die Prinzessin etwas später am Abend, als sie unten in der Halle auf das Gongzeichen zum Abendessen warteten. Er führte sie unter dem Vorwand, ihr einen alten Stich zu zeigen, in eine entlegene Ecke.

»Ena, kannst du diesem Cecil de la Borne auch trauen? Fürchtest du nicht, daß er Dummheiten macht?«

Die Prinzessin zuckte die Schultern.

»Nein, er ist furchtbar feige, aber seine Eitelkeit hält ihn von törichten Handlungen ab. Es ist aber unter allen Umständen besser, ihn nicht allein hier zu lassen.«

»Wenn wir abreisen, geht er auch fort. Das hat er mir erst heute morgen erklärt.«

»Hast du denn von Abreise gesprochen?«

»Ja. Mir ist die Sache hier auch über«, erwiderte er ein wenig mürrisch. »Diese großen, leeren Räume und die ewige Stille machen mich fast verrückt. So oft die Klingel an der Tür ertönt, fahre ich zusammen. Wir sind doch große Narren gewesen«, sagte er bitter. »Ich hätte früher niemals gedacht, daß ich mich einem so dummen Kerl ausliefern könnte!«

Er fuhr mit dem Taschentuch über seine feuchte Stirn. Die Prinzessin sah ihn sonderbar an.

»Sei doch vernünftig, Nigel. Wir haben Engleton eben unterschätzt, das war alles. Und wir konnten gar nicht anders handeln. Es war natürlich ein großer Fehler von mir. Ich habe Jeanne in meiner Obhut und hätte nicht in solche Schwierigkeiten zu kommen brauchen. Wenn diese Kaufleute bis zum Ende der Saison mit ihren Forderungen gewartet hätten, wäre alles gut abgelaufen.«

Forrest ging ruhelos im Zimmer auf und ab.

»Ein verdammtes Nest hier«, brummte er. »Am liebsten möchte ich gleich meine Koffer packen und verschwinden.«

Die Prinzessin warf ihm einen empörten Blick zu.

»Nigel, ich hätte dich für klüger gehalten. Wenn wir jetzt die Waffen strecken, dann ist es mit uns zu Ende.«

»Ich habe ja alles nur getan, weil ich fürchtete, dich zu verlieren. Nur deshalb habe ich so tollkühn gehandelt.«

Die Prinzessin lachte leise.

»Mein lieber Freund, das glaube ich dir nicht. Ich mag dir ja manchmal nicht sehr intelligent vorkommen, aber diese Sache durchschaue ich vollkommen. Du kennst doch nur Egoismus, zu einer wahren Zuneigung oder Leidenschaft bist du ja gar nicht fähig.«

»Und doch –«

»Und doch«, sagte sie leise, »sind wir Frauen alle so töricht!«

Sie wandte sich schnell um. Cecil de la Borne war in die Halle getreten. Kurz darauf ertönte der Gong zum Abendessen. Die Gesellschaft war etwas fröhlicher als an den letzten Abenden. Forrest trank mehr Wein als sonst und unterhielt sich lebhaft. Cecil folgte seinem Beispiel. Die Prinzessin, die neben ihm saß, schaute ihn häufig an und flüsterte ihm dann und wann etwas zu. Jeanne war die einzige, die etwas zerstreut und teilnahmslos erschien. Sie stand wie gewöhnlich sehr früh vom Tisch auf und ging in den Garten hinaus. Ganz gegen ihre Gewohnheit erhob sich auch die Prinzessin und folgte ihr. Gegen Abend hatte sich der Wind gewendet und die Nebel fortgeweht, aber es stürmte noch ziemlich heftig.

»Aber liebe Jeanne«, rief sie, »es ist doch entsetzlich hier draußen! Wie kannst du nur in einem solchen Wetter spazierengehen!«

Jeanne lachte nur.

»Oh, das macht mir sehr viel Vergnügen. Was soll ich denn bei euch tun?«

»Komm doch einen Augenblick ins Hans zurück. Ich möchte mit dir sprechen.«

Unwillig wandte sich Jeanne um, und die Prinzessin zog sie in die geschützte Torhalle.

»Du scheinst deinen Freund von der Insel sehr häufig zu treffen. Wenn du ihn morgen siehst, so frage ihn einmal eingehend nach seinem Gast aus. Du weißt doch, wen ich meine?«

Jeanne sah ihre Stiefmutter neugierig an.

»Was willst du denn über ihn wissen?«

»Vor allem, woher er kommt, und was er hier vorhat. Du mußt herausbringen, ob er wirklich Berners heißt. Er kommt mir so bekannt vor. Auch Cecil glaubt, daß er ihn schon früher gesehen hat.«

»Du bist doch sonst nicht so wißbegierig?«

Die Prinzessin sprach noch leiser.

»Jeanne, ich muß dir etwas sagen. Als Lord Ronald ging, war er sehr aufgebracht gegen uns alle. Wir hatten einen kleinen Streit miteinander, und er hat sich ganz abscheulich benommen. Cecil glaubt, daß dieser Berners sein Freund ist, und wir möchten feststellen, ob das stimmt.«

»Das klingt ja entsetzlich geheimnisvoll. Ich kann es gar nicht verstehen. Es sieht fast so aus, als ob wir uns hier verstecken! Wir sehen keinen Menschen und machen nirgends Besuch. Major Forrest schaut sich immer um, wenn er im Garten spazierengeht, als ob er sich fürchtete. Was habt ihr denn mit Lord Ronald gehabt?«

»Das geht dich nichts an«, erwiderte die Prinzessin etwas scharf. »Major Forrest hat ein wechselvolles Leben hinter sich und hat Feinde. Er war es hauptsächlich, mit dem Lord Ronald in Streit geriet, und zwar über eine sehr ernste Angelegenheit. Also versuche, alles zu erfahren. Es ist wesentlich für uns.«

»Ich glaube kaum, daß Mr. Andrew etwas weiß. Aber ich will ihn natürlich fragen, wenn ich ihn sehe.«

Die Prinzessin trat von der offenen Tür zurück.

»Du wirst doch nicht noch einmal ausgehen?«

»Aber gewiß. Es ist mir zu langweilig, euch beim Kartenspiel zuzusehen. Hier im Hause ist nichts, was mich interessieren könnte. Höchstens der Park und die See reizen mich. Ich gehe noch ein wenig ans Ufer hinunter, bevor ich mich schlafen lege.«

»Du bist doch ein merkwürdiges Kind!«

Die Prinzessin trat in die Bibliothek, wo Kaffee und Liköre serviert waren und ein Spieltisch bereit stand. Aber niemand hatte Lust zum Spielen.

Jeanne ging die Küste entlang, kehrte dann wieder um und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, der durch eine riesige Hecke geschützt war. Sie schaute eine Weile auf das dunkle Meer hinaus und schloß dann die Augen. Das Plätschern der Wellen am Ufer und das Rauschen des Windes in den Bäumen klang wie ein Schlaflied. Sie saß in Gedanken versunken, bis sie plötzlich aufschreckte. Zwei Leute unterhielten sich dicht neben ihr miteinander.


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