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Kapitel 9.
Vorschlag zur Sparsamkeit.

Der Comte erschien pünktlich um drei Uhr am Berkeley Square, aber die Prinzessin empfing ihn, und zwar allein.

»Nun?« fragte er begierig. »Ist Jeanne jetzt vernünftiger? Haben Sie gute Nachrichten für mich?«

Sie bot ihm einen Sessel an.

»Ich glaube, wir haben Jeannes Jugend zu wenig berücksichtigt. Der Gedanke an eine Heirat scheint sie zu erschrecken. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Sie ist in einer streng religiösen Schule erzogen worden, und dieser Sprung ins Leben kam ein wenig plötzlich für sie.«

»Sie glauben also, daß es nicht meine Persönlichkeit ist, gegen die sie sich wehrt?«

»Gewiß nicht. Nur weil Sie der Mann sind, den sie heiraten soll, sind Sie ihr unsympathisch. Ich habe heute mittag lange mit ihr gesprochen. Vielleicht könnten wir diesen Heiratsplan einige Zeit aufschieben oder –«

»Oder?« fragte de Brensault, als die Prinzessin zögerte.

»Ich könnte ja auch mit äußerster Strenge gegen Jeanne vorgehen. Ich würde daran natürlich nicht denken, wenn ich nicht völlig davon überzeugt wäre, daß sie uns in einiger Zeit vollkommen recht geben wird.«

»Will sie mich denn nicht empfangen? Wenn ich sie sehe, könnte ich sie vielleicht überreden.«

»Sie würden mehr Unheil als Gutes anrichten. Sie sitzt oben in ihrem Zimmer und weint wie ein Schulkind, das eine Strafe erwartet.«

»Aber warum ergreifen Sie denn nicht die strengeren Maßnahmen, von denen Sie eben sprachen?« fragte er eifrig. »Ich werde Jeanne zu einer sehr guten Gattin erziehen, das kann ich Ihnen versichern. Ich verspreche Ihnen, daß sie in vierzehn Tagen mit ihrem Los sehr zufrieden ist.«

Die Prinzessin sah ihn nachdenklich an.

»Wenn ich Ihnen nur trauen könnte!«

»Das können Sie unter allen Umständen tun. Ich will sehr gut und lieb zu ihr sein. Seien Sie doch vernünftig, Prinzessin. Sie wird gegen jede Heirat etwas einzuwenden haben, das haben Sie doch vorher schon gesagt. Und ich wüßte nicht, welche bessere Partie Sie für Jeanne ausfindig machen könnten. Wir wollen die Sache abgemacht sein lassen. Warum gehen Sie nicht nach Belgien mit ihr? Wir könnten uns dort in einem kleinen Ort trauen lassen, der nahe bei meinen Gütern liegt. Dort läßt sich alles leicht arrangieren. Ich bin in der Gegend wohlbekannt, und niemand würde lästige Fragen stellen.«

Die Prinzessin nickte nachdenklich.

»Das wäre vielleicht ganz gut.«

»Warum reisen wir nicht gleich ab? Durch Warten gewinnen wir nichts. Wir können schon morgen fahren.«

»Sie sind etwas zu hitzig, mein lieber Comte! Bevor ich London verlasse, muß ich noch mit meinen Rechtsanwälten sprechen und einige Rechnungen bezahlen.«

Der Graf zog sein Scheckbuch aus der Tasche.

»Natürlich halte ich mein Wort. Ich werde Ihnen die Summe zahlen, über die wir gestern gesprochen haben.«

Die Prinzessin stand auf und öffnete einen kleinen Sekretär.

»Hier ist Tinte und Feder. Dieses Geld kommt gerade zur rechten Zeit, um mich aus tausend Schwierigkeiten zu befreien.«

De Brensault zwirbelte seinen Schnurrbart und ließ sich an dem Schreibtisch nieder. Er schrieb den Scheck aus und reichte ihn dann der Prinzessin.

»Nun wollen wir noch einmal über Jeanne sprechen. Läßt sie sich wohl dazu überreden, London so plötzlich zu verlassen?«

»Ich werde jetzt zu ihr gehen und mit ihr sprechen. Speisen Sie doch heute abend mit mir, dann kann ich Ihnen berichten, wie weit ich mit ihr gekommen bin.«

Der Comte war mit dem Erfolg seines Besuches zufrieden und verabschiedete sich. Die Prinzessin signierte den Scheck auf der Rückseite und schloß ihn mit einem Seufzer der Erleichterung in einen Briefumschlag ein. Nachdem sie ihren Wagen bestellt hatte, ging sie zu Jeanne, die an ihrem Schreibtisch saß und einen Brief schrieb. Sie zögerte einen Augenblick, dann trat sie näher und legte ihre Hand auf Jeannes Schulter.

»Ich fürchte, wir waren vorhin beide ein wenig aufgeregt.«

Jeanne sah erstaunt auf, denn die Worte der Prinzessin klangen nicht mehr kühl und befehlend, sondern freundlich, fast bittend. Aber sie wunderte sich, daß sie trotzdem keinen Eindruck auf sie machten.

»Es tut mir leid, wenn ich unliebenswürdig zu dir war«, sagte sie, »aber eine ruhige Verhandlung über dieses Thema ist wohl kaum möglich.«

»Nun, man kann eine Sache auch in Ruhe besprechen.« Die Prinzessin ließ sich in einem Sessel nieder. »Ich fürchte nur, daß alles, was ich zu sagen hatte, sehr grausam und schroff klang. Aber ich habe alles solange für mich behalten müssen, daß es mich fast erdrückte.«

Jeanne fühlte sich beschämt, daß sie so wenig Mitgefühl und Sympathie für ihre Stiefmutter hatte, die wirklich niedergeschlagen und sorgenvoll aussah.

»Ich kann überhaupt nicht begreifen, daß du das Leben unter solchen Verhältnissen auch nur einen Tag ertragen konntest.«

Die Prinzessin seufzte.

»Das Leben ist viel grausamer und schwieriger, als du dir vorstellen kannst. Man hat uns den Geschmack und den Sinn für vornehme Lebenshaltung anerzogen, aber keine Mittel gegeben, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Wie könnte ich zum Beispiel in einer möblierten Wohnung hausen? Soll ich vielleicht als Gesellschafterin zu einer böswilligen, alten Frau gehen, die mich wahrscheinlich nur deshalb anstellt, um jemand zu haben, an dem sie ihre Wut auslassen kann? Und auch du bist an allen Komfort gewöhnt.«

Diese Gedankengänge waren neu für Jeanne.

»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was es heißt, allen Luxus aufzugeben, gewöhnliche Kleider zu tragen, einfach zu essen, Bücher aus Leihbibliotheken zu beziehen und sich an den Blumen anderer Leute zu erfreuen?«

Jeanne runzelte die Stirne. Diese Aussichten waren allerdings fürchterlich.

»Du hältst mich wahrscheinlich für sehr brutal, daß ich dir diese Heirat vorschlage, um einen Ausweg zu finden. Aber bedenke, daß du nicht nur dich, sondern auch mich zur Armut verurteilst, wenn du den Comte de Brensault ablehnst.«

»Aber du warst es doch, die uns in diese schreckliche Lage gebracht hat! Wieviel Geld wurde für unnötigen Luxus ausgegeben! Wenn ich nicht reich war, brauchte ich das alles nicht. Es ist wirklich unverzeihlich!«

Jeanne zeigte sich plötzlich von einer neuen Seite, und ihre kalten, erbarmungslosen Blicke beunruhigten die Prinzessin.

»Jeanne, du bist töricht. Der Comte entspricht vielleicht nicht allen Anforderungen, die man an einen Ehemann stellen kann, aber es gibt doch genug liebenswürdige, interessante Männer, die sich nur freuen werden, dir huldigen zu können. Meistens werdet ihr auf Reisen sein, und ich kann dir versichern, daß die Ehe der Weg zur Freiheit ist. Es liegt jetzt in deiner Hand, uns beide vor dem Elend zu bewahren. Bringe doch dieses kleine Opfer, Jeanne. Es ist ja fast nicht der Rede wert. Später wirst du froh sein, daß du meinen Rat befolgt hast. Wenn du aber auf dieser unvernünftigen Starrköpfigkeit bestehst, weiß ich wirklich nicht, was aus uns werden soll.«

Jeanne wandte sich entschlossen ihrer Stiefmutter zu.

»Ich werde den Comte niemals heiraten, und wenn ich verhungern müßte!«

Die Prinzessin stand auf.

»Nun gut, das beendet unser Gespräch. Ich hoffe nur, daß du dich stets daran erinnerst, daß du für alle Folgen verantwortlich bist. Es wäre auch besser, wenn du aufhörtest, Briefe zu schreiben, die doch niemals der Post übergeben werden. Packe deine Kleider, wir verreisen, und zwar spätestens morgen nachmittag.«

»Warum denn?« fragte Jeanne schnell.

»Siehst du nicht ein, daß wir uns hier nicht mehr halten können, wenn du deine interessanten Geständnisse machen willst? Vielleicht werden einige dieser Kaufleute, denen ich Geld schuldig bin, versuchen, mich ins Gefängnis zu bringen.«

»Nun, ich werde meine Zofe sofort verständigen. Ich will alles tun, was du unter diesen Umständen für das Beste hältst.«

Die Prinzessin lachte hart auf.

»Du mußt wohl ohne deine Zofe auskommen. Arme Leute wie wir können sich keine Dienstboten leisten, ich werde heute nachmittag noch alle entlassen. Packe deinen Koffer nur allein. Das Essen schicke ich dir später aufs Zimmer.«

Die Prinzessin verließ den Raum, und Jeanne hörte, daß sie den Schlüssel hinter sich umdrehte.


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