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Kapitel 6.
Ein Freund in der Not.

Forrest ging quer durch das Zimmer und wartete auf einen günstigen Augenblick, die Prinzessin allein zu sehen.

»Kann ich dich kurz sprechen?«

Sie nahm seinen Arm, und sie gingen langsam zu einer ruhigen Ecke.

»Du bist schon wieder in der Stadt?« sagte sie und sah ihn neugierig an. »Ist es jetzt soweit? Bedeutet das –?«

»Nein. Wir haben kein Glück. Es ist nur wieder ein vierundzwanzigstündiger Urlaub. Erzähle mir, wie es mit dem Comte de Brensault steht.«

»Er benimmt sich tadellos. Je abweisender Jeanne ihn behandelt, desto mehr ist er hinter ihr her. Täglich schickt er große Blumenarrangements, Bonbonnieren, und häufig kommt er selbst. Noch nie hat mich ein Mensch so gelangweilt!«

»Verheirate die beiden doch möglichst schnell! Dann siehst du ja nichts mehr von ihm.«

»Ich bin meiner Sache noch nicht sicher«, erwiderte die Prinzessin nachdenklich. »Ich weiß nicht, ob es klug ist, Jeanne so sehr zur Eile anzutreiben.«

»Wir können in unserer bedrängten Lage nicht mehr berücksichtigen, ob es klug oder nicht klug ist, wir müssen handeln. London ist unmöglich für mich geworden. Ich weiß nicht, wer dahinter steckt, aber ich erhalte keine Einladungen mehr, und selbst in meinem Klub will man so wenig als möglich mit mir zu tun haben. Irgend jemand verbreitet unangenehme Gerüchte über mich. Ich bin ja glücklicherweise nicht überempfindlich, aber selbst für mich wird die Situation unhaltbar.«

»Glaubst du, daß die Engleton-Affäre daran schuld ist?«

Er nickte.

»Die Leute tuscheln. Wenn ich nur genügend Geld für die Überfahrt hätte, würde ich schon morgen abfahren und de la Borne sich selbst überlassen.«

Die Prinzessin zuckte die Schultern.

»Ich will dich nicht um Geld bitten«, fuhr er fort. »Ich weiß gut genug, daß du in derselben Lage bist.«

»Meine Lage ist sogar noch viel schlimmer als deine. Ich muß ein großes Haus führen, sämtliche Dienstboten sind nicht bezahlt, und ein ganzer Schwarm von Kaufleuten drängt mich, die Rechnungen zu begleichen. Ich sehe, daß du meine Halskette eingehend betrachtest, aber ich kann dir versichern, daß ich keinen einzigen echten Stein mehr besitze. Mein Schmuck liegt im Pfandhaus. Ich trage nur Imitationen.«

»Aber Ena, siehst du denn nicht ein, daß die Angelegenheit mit dem Comte unter allen Umständen beschleunigt werden muß? Er ist doch Feuer und Flamme, wie du eben sagtest. Hast du ihm die Situation klargemacht?«

»Ich glaube, er weiß genau, was ich will.«

»Dann sprich doch einmal offen und geschäftlich mit ihm. Sobald du zu festen Abmachungen mit ihm gekommen bist, muß Jeanne zur Vernunft gebracht werden. Ihr könntet doch alle nach Frankreich gehen, und sie könnten in Paris heiraten.«

»Jeanne ist die einzige Schwierigkeit bei der Ausführung des Plans. Paris würde mir auch mehr liegen, denn ich weiß nicht, ob ich hier noch so viel Kredit habe, um ihre Aussteuer zu kaufen.«

»Wir können unmöglich länger warten. Jedes Zögern macht die Lage unhaltbarer. Und de Brensault gehört nicht zu den Männern, die durch längere Bekanntschaft gewinnen. Da kommen sie eben. Der Mann ist als Liebhaber vollständig unmöglich.«

Der Comte und Jeanne kamen gerade durch den Saal. Ihre Haltung und ihr Blick zeigten, daß ihre Gedanken nicht bei ihrem Begleiter waren. Aber als sie gerade die Tür erreichten, änderte sich plötzlich ihr ganzes Wesen. Ihre Wangen röteten sich, und ihre Augen leuchteten auf. Sie streckte die Hände aus, um Andrew de la Borne zu begrüßen. Die Prinzessin und Forrest sahen unwillig auf diese Szene.

»Dieser verfluchte Fischer!« sagte der Major halblaut. »Ich las in der Zeitung, daß er heute nachmittag aus dem Haag zurückgekehrt ist.«

Die Prinzessin machte eine unwillkürliche Bewegung, auf Andrew zuzugehen, aber Forrest hielt sie zurück.

»Im Augenblick kannst du wirklich nichts erreichen. Warte ab.«

Die weitere Entwicklung war sehr beschämend für den Comte de Brensault. Jeanne legte ihren Arm in den Andrews und verabschiedete sich mit einem kurzem Kopfnicken von ihrem früheren Begleiter. Dann verschwanden die beiden durch die offene Tür. Der Comte bebte vor Wut, als er ihnen nachschaute.

»Laß ihn einige Zeit in Ruhe«, riet Forrest. »Es hat keinen Zweck, jetzt zu ihm zu sprechen. Aber es ist absolut notwendig, daß du Jeanne über die Lage aufklärst.«

»Es ist vielleicht das Beste, wenn wir von London abreisen. In letzter Zeit habe ich zu meinem Entsetzen bemerkt, daß Jeanne über allerhand für mich unangenehme Probleme nachzudenken beginnt. De Brensault gegenüber spielt sie den harmlosen Backfisch, weil das die einfachste Methode ist, ihn abzulehnen.«

Inzwischen war Jeanne mit Andrew zu einer stillen Ecke gegangen, und sie hatten sich dort niedergelassen.«

»Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Ich habe mich so allein und verlassen gefühlt.«

Er lächelte.

»Auch ich kann Ihnen versichern, daß ich froh bin, wieder in London zu sein, obgleich mir die Arbeit dort drüben viel Befriedigung gegeben hat. Aber wer hat Sie denn mit dem Herrn bekanntgemacht, der Sie eben begleitete?«

»Meine Stiefmutter. Sie wünscht, daß ich ihn heiraten soll.«

Andrew sah sie entsetzt an.

»Das ist ja eine kaum glaubliche Nachricht.«

»Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Die Prinzessin ist zwar mein Vormund und hat nach dem Gesetz große Vollmachten, aber nichts in der Welt kann mich dazu bewegen, diesen Comte de Brensault zu heiraten.«

Seine Züge hellten sich auf.

»Ich kann mir nicht erklären, wie Ihre Stiefmutter zu diesem Plan kommt. Keine Frau, die nur ein bißchen Selbstachtung besitzt, könnte diesen Mann heiraten.«

»Ich verstehe auch nicht, warum man so darauf dringt, daß ich mich bald verheirate. Die Prinzessin denkt scheinbar überhaupt an nichts anderes. Dort kommt sie, wir wollen schnell durch die andere Tür gehen.«

Auf ihrem Wege trafen sie den Herzog von Westerham.

»Ich möchte Sie meinem Freunde noch einmal offiziell vorstellen. Sie haben ihn ja schon in Red Hall gesehen.«

Der Herzog schüttelte Jeanne freundlich die Hand und sah sie dann aufmerksam an.

»Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Andrew hat mir schon soviel von Ihnen erzählt.«

Sie unterhielten sich einige Zeit, bis Forrest und die Prinzessin auf der Bildfläche erschienen. Die Prinzessin streifte den Herzog mit einem sonderbaren Blick. Forrest errötete leicht, als er ihn erkannte.

Der Herzog küßte der Prinzessin galant die Hand; Forrest grüßte er nur mit einer eisigen Verbeugung. Der Major hatte scheinbar seine Haltung verloren, denn er brachte kein Wort heraus. Nur die Gewandtheit der Prinzessin rettete die Situation.

»Haben Sie inzwischen etwas von Ihrem Bruder erfahren, mein lieber Herzog?«

»Noch nichts, Madame. Aber es scheint nur noch eine Sache von Zeit zu sein, bis er wieder auftaucht. Darf ich vielleicht Ihre Tochter um den nächsten Tanz bitten?«

Er führte Jeanne aus dem Saal. Auch Andrew entfernte sich nach kurzer, konventioneller Unterhaltung. Die Prinzessin und Forrest waren wieder allein.

»Es wird immer schlimmer«, sagte der Major. »Sicher verdächtigt er uns beide. Man sagt, daß Engleton sein Lieblingsbruder war. Er ist offensichtlich fest entschlossen –«

»Schweige doch bitte jetzt davon. Ich möchte nur wissen, warum der Herzog mit Jeanne tanzt.«

»Ach, das war doch nur ein Vorwand, sich von unserer Gesellschaft zu drücken. Hast du nicht gesehen, wie er mich behandelte? Ich kann wirklich nicht länger in London bleiben. Ich muß ein paar tausend Pfund haben, damit ich mich aus dem Staube machen kann.«

Die Prinzessin nickte.

»Wir wollen jetzt zu dem Comte gehen und mit ihm sprechen. Jetzt ist er wohl in der richtigen Stimmung, meine Vorschläge entgegenzunehmen.«

*

Der Herzog war gut mit den Räumlichkeiten des Hauses vertraut, in dem sie sich befanden, und führte Jeanne in einen kleinen Salon.

»Meine liebe Miß Le Mesurier, hoffentlich sind Sie nicht zu sehr enttäuscht, wenn ich nicht mit Ihnen tanze. Aber seit den letzten zehn Jahren habe ich mich nicht mehr auf dem Tanzboden versucht. Ich habe Sie hierhergebracht, weil ich einige Worte mit Ihnen sprechen möchte.«

Jeanne sah ihn etwas erstaunt an.

»Andrew de la Borne ist einer meiner ältesten und besten Freunde. Und was ich jetzt sage, sage ich hauptsächlich um seinetwillen. Bitte fühlen Sie sich nicht hierdurch verletzt. Ich bin alt genug, Ihr Vater sein zu können, und ich meine es gut mit Ihnen. Soviel ich weiß, besitzen Sie ein großes Vermögen. Ich möchte nichts gegen Ihre Stiefmutter sagen, aber ich glaube, daß Sie sich in einer schwierigen und gefährlichen Lage befinden. Dieser Major Forrest ist einer der skrupellosesten Abenteurer, und es tut mir leid, daß die Prinzessin stark unter seinem Einfluß steht. Sie haben keine anderen Verwandten oder Freunde in diesem Lande, und wie ich höre, hat man diesen de Brensault als Gatten für Sie ausgesucht.«

»Ich werde ihn niemals heiraten«, erwiderte Jeanne entschlossen.

»Ich freue mich, daß Sie das sagen. Ihre Stiefmutter scheint ihn aber offen zu ermutigen. Ich würde mich nun glücklich schätzen, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, falls Sie einen Freund und Ratgeber brauchen. Ich bin zwar Junggeselle, aber in meiner Lage und Stellung kann ich Sie sofort anderen Bekannten vorstellen, die weit bessere Gesellschafter für Sie sind. Wollen Sie zu mir kommen oder mich benachrichtigen, wenn Sie sich bedrängt fühlen?«

Jeannes wundervolle Augen strahlten ihn dankbar an.

»Das ist sehr, sehr lieb von Ihnen. Es ist so beruhigend, zu wissen, daß es Menschen gibt, die man um Rat fragen darf, wenn – wenn –«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen«, unterbrach sie der Herzog, erhob sich und bot ihr den Arm. »Fürchten Sie sich nicht, zu mir zu kommen oder mir Nachricht zu geben, und lassen Sie sich vor allem durch Drohungen nicht einschüchtern. Ich werde Sie jetzt zu Andrew zurückführen. Er ist einer der besten Menschen, die ich kenne. Ich wünschte nur –«

Er hielt mitten im Satze an, denn er erinnerte sich daran, daß er nicht das Recht hatte, weiter zu sprechen.


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