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Kapitel 8.
Jeanne macht Schwierigkeiten.

Jeanne fühlte sich plötzlich nicht mehr einsam und verlassen. Sie wußte, daß sie Freunde hatte und ihrer Stiefmutter nicht mehr hilflos gegenüberstand. Andrew war wieder in London, und der Herzog, der ein feines Verständnis für ihre schwierige Lage besaß, hatte ihr seine Hilfe angeboten.

Aber als sie am nächsten Mittag das Zimmer der Prinzessin betrat, ahnte sie noch nicht, welcher Kampf ihr bevorstehen würde.

Die Prinzessin hatte bereits eine Stunde bei ihrer Toilette zugebracht und forderte Jeanne auf, neben ihr Platz zu nehmen. Dann ging sie sofort auf ihr Ziel los.

»Jeanne, du bist jetzt nahezu zwanzig Jahre alt, und du weißt, daß ich dich verheiraten möchte. Ich habe meine bestimmten Gründe dafür. Der Comte de Brensault hat gestern in aller Form bei mir um deine Hand angehalten, und heute nachmittag um drei wird er kommen, um sich persönlich dein Jawort zu holen.«

Die Prinzessin sah Jeannes trotzige Kopfhaltung und den entschlossenen Zug um ihren Mund, und ihre Züge verdüsterten sich.

»Der Comte hätte sich die Mühe sparen können. Er weiß sehr gut, was ich ihm antworten werde, und ich dachte, du wüßtest es auch. Ich lehne seinen Antrag selbstverständlich ab.«

»Es ist aber mein ausdrücklicher Wunsch, daß du ihn annimmst. Überlege es dir wohl, bevor du eine derartig unwiderrufliche Entscheidung triffst.«

»In allen gewöhnlichen Dingen des Lebens will ich dir gern folgen, aber in diesem einen Punkt gehe ich meinen eigenen Weg. Ich habe das Recht der Selbstbestimmung und muß wenigstens meine Einwilligung dazu geben, wenn du einen Mann für mich wählst. Den Comte de Brensault nehme ich auf keinen Fall. Ich liebe ihn nicht, und ich würde ihn auch niemals achten können.«

Die Prinzessin schwieg einige Zeit, dann ging sie zu der Türe, die in ihr Schlafzimmer führte und drehte den Schlüssel um, denn ein Mädchen war dort noch mit Aufräumen beschäftigt.

»Jeanne«, sagte sie, als sie sich wieder gesetzt hatte, »ich muß dir Verschiedenes mitteilen, worüber du vielleicht erschrecken wirst. Das große Vermögen, von dem du soviel gehört hast, und von dem alle Leute sprechen, ist ein Märchen.«

»Was soll das heißen?« fragte Jeanne und starrte ihre Stiefmutter entsetzt an.

»Genau das, was ich dir eben gesagt habe. Dein Vater hat während seines letzten Lebensjahres seinen Verwandten große Schenkungen gemacht, und außerdem waren in seinem Testament beträchtliche Summen für wohltätige Zwecke vorgesehen. Dich hat er als seine Gesamterbin eingesetzt. Alle Welt glaubte nun, daß das Restvermögen mindestens noch eine Million Pfund betragen würde, aber als die Testamentsvollstrecker alles ausgeführt hatten, waren leider die Papiere, in denen dieses Vermögen angelegt war, stark gefallen, und es blieben schließlich nur noch etwa fünfundzwanzigtausend Pfund übrig. Mehr als die Hälfte davon ist für deine Erziehung verwendet worden, sowie zu einer Jahresrente für mich, seitdem ich dich zu mir genommen habe. Mr. Laplanche verwaltet nur noch eine kleine Summe, und die Schulden, die wir für unsere Kleider, für die Miete des Hauses und andere Dinge gemacht haben, werden wahrscheinlich diesen letzten Rest vollkommen aufzehren.«

»Ich besitze also überhaupt kein Vermögen?«

»Nein. Hoffentlich siehst du jetzt ein, wie wichtig es ist, daß du einen reichen Mann heiratest.«

Jeanne konnte es kaum fassen.

»Aber wie kommt es denn, daß alle Welt mich für eine reiche Erbin hält?«

Die Prinzessin sah sie mit einem verächtlichen Lächeln an.

»Hätte ich vielleicht alle Leute ins Vertrauen ziehen sollen?«

»Niemand ahnt, daß ich kein Geld habe?«

»Nein, sonst wären wir wahrscheinlich nicht hier.«

»Auch der Comte de Brensault weiß nichts davon?«

»Er ist ein reicher Mann, er kann es sich leisten, auch eine junge Dame ohne Mitgift zu heiraten.«

Jeanne bedeckte das Gesicht mit den Händen. Diese plötzlichen Enthüllungen hatten sie zu sehr erschüttert. Der Verlust ihres Vermögens bedrückte sie allerdings weniger als die Folgen, die sich daraus ergeben mußten. Sie versuchte nachzudenken, aber je mehr sie sich anstrengte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken. Schließlich sah sie wieder auf.

»Du willst mich also an jemand verheiraten, der daran glaubt, daß ich eine große Erbin bin, und der mir später bittere Vorwürfe machen wird, daß ich ihn getäuscht habe?«

Die Prinzessin lachte.

»Nach der Hochzeit wird dein Mann wohl kaum begierig sein, der ganzen Welt mitzuteilen, daß er sich betrogen fühlt. Wenn du deine Rolle gut spielst, geht alles glatt.«

Jeanne erhob sich langsam.

»Ich glaube, daß du mich nicht richtig verstanden hast. Ich werde niemals einen Mann heiraten, der über meine Vermögensverhältnisse nicht vollständig unterrichtet ist. Ich will auch keine weiteren Einladungen annehmen, denn die meisten Leute haben uns doch nur zu sich gebeten, weil sie uns für sehr reich halten. Die Wahrheit muß jetzt sofort bekanntgegeben werden.«

»Und wie willst du dann deinen Lebensunterhalt bestreiten?« fragte die Prinzessin ruhig.

»Wenn wirklich gar nichts mehr von meinem Geld übriggeblieben ist, dann will ich arbeiten. Sollte es ganz schlimm kommen, so gehe ich in den Konvent zurück und werde dort Lehrerin.«

»Du redest wie ein dummes Kind. Aber du hast ja auch noch keine Zeit gehabt, über deine Lage nachzudenken. Vergegenwärtige dir vor allem, daß du nicht unter falschen Voraussetzungen in die Gesellschaft eingeführt worden bist. Du bist die Tochter deines Vaters und seine Erbin. Wenn die Zeitungen und der Klatsch der Leute die Höhe deines Vermögens übertrieben haben, so ist das nicht deine Schuld. Sei vernünftig«, sagte sie und nahm Jeannes Hand. »Du mußt uns nicht durch Unvorsichtigkeiten in eine schreckliche Lage bringen. Denke daran, daß ich um deinetwillen große Opfer gebracht habe. Nur deine Heirat kann uns retten, und du mußt dich bald entscheiden. Der Comte de Brensault liebt dich so sehr, daß er keine weiteren Fragen stellen wird.«

Jeanne zog ihre Hand zurück.

»Nichts kann mich dazu bewegen, ihn zu heiraten, nicht einmal die Tatsache, daß er von meiner Armut weiß. Wenn wir es uns nicht leisten können, auf so großem Fuß zu leben, so wollen wir doch sofort dieses Haus aufgeben und irgendwo eine billige Wohnung mieten.«

Die Prinzessin sah bleich aus, aber ihre Blicke waren hart und entschlossen.

»Kind, mache mich nicht ärgerlich. Es ist nicht meine Schuld, daß du kein großes Vermögen geerbt hast. Ich habe alles für dich getan, was in meinen Kräften stand. Ich habe den Leuten suggeriert, daß du sehr reich bist. Sei nun vernünftig, und alles wird sich noch zum Guten wenden. Im anderen Fall wirst du uns ruinieren. Ich weiß nicht, wer dir diese Ideen in den Kopf gesetzt hat. Ich besitze doch viel mehr Lebenserfahrung als du. Überlasse mir nur die Sache.«

»Es tut mir leid, daß ich dich enttäuschen muß, aber ich werde jedem Bekannten, den ich treffe, erzählen, daß ich kein Geld habe, und vor allem werde ich den Comte de Brensault nicht heiraten.«

Die Prinzessin packte sie am Handgelenk.

»Du willst nicht gehorchen? Geh jetzt sofort auf dein Zimmer!«

Jeanne wandte sich um und ging zur Tür. Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen. Sie erinnerte sich daran, daß ihre Stiefmutter oft lieb und gut zu ihr gewesen war, und sie sah sie traurig an. Die Prinzessin saß auf dem Sofa und hatte das Gesicht in den Händen vergraben.

»Es tut mir sehr leid«, sagte Jeanne leise, »daß ich deinen Wünschen nicht nachkommen kann, aber es geht nicht. Begreifst du denn nicht, daß es unmöglich ist? Ich wäre doch charakterlos, wenn ich das täte!«

Die Prinzessin hob langsam den Kopf.

»Warum kannst du es nicht?« fragte sie aufgebracht. »Was heißt charakterlos? Wer spricht denn in unseren Kreisen noch von Charakter? Du benimmst dich wie ein kleines Kind, Jeanne. Wirst du mir gehorchen, wenn ich dir sage, daß du dein Zimmer nicht verlassen sollst, bis ich nach dir schicke?«

»Ja.«

»Gut, dann geh und warte. Ich muß mir überlegen, was jetzt zu tun ist.«


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