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Kapitel 12.
Merkwürdige Gedanken.

Eigenartige Tage folgten für Jeanne. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang oder noch früher stahl sie sich aus dem kleinen Hause, in dem sie wohnte, und ging an das Ufer. Sie war dann ganz allein in den Dünen und belauschte das Erwachen der Natur. Tagsüber verließ sie das Haus nur selten, um Cecil und Forrest nicht zu begegnen.

Meistens saß sie dann in dem alten, gemütlichen Garten. Sie hatte noch keine Pläne für die Zukunft gemacht; sie war damit zufrieden, daß sie im Augenblick einer unerträglichen Situation entflohen war. Mrs. Caynsard, bei der sie sich eingemietet hatte, blieb fast unsichtbar. Ihre junge Tochter betreute Jeanne. Sie war sehr verschlossen und verlor erst allmählich nach näherer Bekanntschaft ihre Scheu. Sie war auch viel unterwegs, sie segelte und fischte und versah die kleine Landwirtschaft. Jeanne interessierte sich sehr für dieses eigenartige Mädchen. Kate war etwas über zwanzig Jahre alt, hatte eine schöne Gestalt, schwarze Haare und dunkelbraune Augen. Jeanne hatte schon mehrmals versucht, sie in ein längeres Gespräch zu verwickeln, aber ihre kurzen, abgerissenen Antworten ließen kaum eine Unterhaltung zustandekommen. Aber eines Morgens, als sich Jeanne nach einem langen Spaziergang wieder in dem Garten ausruhte, kam Kate langsam auf sie zu. Jeanne legte sofort ihr Buch beiseite.

»Guten Morgen, Miß Caynsard.«

»Guten Morgen, Miß. Sie sind wieder weit in den Marschen gewesen?«

»Ja. Ich mußte sogar vor der Flut fliehen, sonst hätte ich nasse Füße bekommen.«

Kate nickte.

»Ich habe Muscheln gesammelt und mußte mit der steigenden Flut durch das Wasser nach Hause waten. Man muß die Wege hier in den Marschen kennen, dann kann einem nichts passieren.«

»Sie sind natürlich mit Weg und Steg vertraut. Haben Sie Ihre ganze Jugend hier verlebt?«

»Ja, auch mein Vater und mein Großvater wohnten schon hier. Wer hier geboren und groß geworden ist, geht selten fort.«

»Zuerst kam mir das Land hier fremd und fast niederdrückend vor, aber jetzt liebe ich es.«

»Ich hasse es!« rief Kate leidenschaftlich. »Ich hasse es!«

Jeanne sah sie überrascht an.

»Wie merkwürdig, daß Sie das sagen! Ich entdecke hier jeden Tag neue Schönheiten.«

»Ja, manchmal ist es schön. Wenn die Buchten zur Flutzeit von Wasser gefüllt sind, und wenn die Aprilsonne darüber scheint, wenn die See ihre Farben ändert, und die Wolken am Himmel die Sonne verdunkeln, dann ist es schön hier. Aber es gibt auch Zeiten, in denen die Marschen nur eine einzige Schlammwüste sind, und graue Nebel über dem Lande liegen. Dann hasse ich es.«

»Könnten Sie denn nicht zu diesen Zeiten fortgehen?«

»Ich war einmal in London.« Kate schaute zur Seite. »Ich wäre dort geblieben, wenn alles so gekommen wäre, wie ich es erwartet hatte. Aber mein Vater starb plötzlich, und ich mußte nach Hause, um die Wirtschaft zu übernehmen.«

Jeanne nickte ihr freundlich zu. Sie wunderte sich, warum sie wohl zu ihr gekommen war und sich mit ihr unterhielt. Kate hatte die Hände auf den Rücken gelegt und runzelte die Stirne. Sonne und Wind hatten ihre Haut gebräunt, und sie sah etwas fremdländisch aus. Sie machte einen feineren, vornehmeren Eindruck als die anderen Dorfmädchen.

»Ich wollte Sie etwas fragen«, sagte sie plötzlich. »Wenn ich zu Hause gewesen wäre, als Sie die Zimmer mieteten, hätte ich Sie gleich gefragt.«

»Nun, was ist es denn?«

»Sind Sie nicht die junge Dame, die vor einigen Wochen im Herrenhaus wohnte?«

»Ja, ich war damals zu Besuch dort. Und weil ich die Gegend so sehr liebe und mich hier viel wohler fühle als in London, bin ich wiedergekommen.«

Jeanne schaute auf und sah, daß Kate sie forschend betrachtete.

»Sind Sie nicht aus einem anderen Grund zurückgekehrt? Wollten Sie nicht Mr. de la Borne wiedersehen?«

Die naive Selbstverständlichkeit, mit der Kate diese Frage stellte, war etwas verblüffend. Jeanne mußte herzlich lachen.

»Ich kann Ihnen versichern, daß das nicht der Fall ist. Bitte denken Sie doch daran, daß ich nur morgens ganz früh oder spät abends ausgehe, weil ich vermeiden will, daß mich jemand von Red Hall sieht.«

»In einem kleinen Ort wie diesem wird viel gesprochen«, sagte Kate langsam. »Als Sie und die andere Dame damals von London kamen und in Red Hall wohnten, hieß es allgemein, Sie wären eine reiche Erbin, und Mr. de la Borne würde sich mit Ihnen verheiraten, damit er all das Land zurückkaufen könnte, das die de la Bornes früher veräußern mußten.«

Jeanne zuckte die Schultern.

»Alle Leute haben immer erzählt, daß ich sehr reich sei, und viele wollten mich meines Geldes wegen heiraten. Deshalb bin ich ja hergekommen. Ich wollte vor diesen zudringlichen Menschen fliehen, besonders vor dem einen, den meine Stiefmutter mir als Gatten ausgesucht hatte.«

Kate Caynsard sah sie erstaunt an.

»Das ist aber sonderbar, daß ein Mädchen sich nicht einmal selbst den Mann aussuchen darf, den sie heiraten will!«

»Wenn ich nur die Wahl zwischen einem oder zweien hätte, würde ich niemals diesen Mr. de la Borne nehmen«, meinte Jeanne lachend.

Kates Gesicht verdüsterte sich.

»Ja, diese de la Bornes sind heruntergekommene Leute, wenigstens einer von ihnen.«

»Meinen Sie Mr. Andrew?« fragte Jeanne ängstlich.

»O nein, Mr. Andrew ist ein Gentleman, aber er kann den Verfall der Familie auch nicht aufhalten. Er ist groß und stark, und Betrug und Unredlichkeit sind ihm unbekannt. Ich wünschte nur, daß er heute hier wäre.«

Kate Caynsard sah sehr bedrückt aus, und Jeanne vermutete, daß sie noch nicht gesagt hatte, was sie eigentlich sagen wollte.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Wollen Sie mir etwas anvertrauen, Miß Caynsard?«

Kate trat plötzlich näher an Jeanne heran und sprach hemmungslos.

»Sie können sich doch an den jungen Lord erinnern, von dem soviel in den Zeitungen stand? Er wohnte damals auch in Red Hall, als Sie dort waren. Er soll eines Morgens nach London abgefahren sein und ist seitdem verschwunden.«

»Lord Ronald Engleton? Ja, ich weiß davon.«

»Manchmal habe ich merkwürdige Gedanken über diesen Fall. Mr. Cecil und dieser Major Forrest, wie sie ihn nennen, sind noch im Haus, und die Diener sagen, daß sie nichts anderes tun als trinken und fluchen. Ich wundere mich nur, warum sie noch da sind, und warum Mr. Andrew nicht wiederkommt.«

Jeanne lehnte sich in ihrem Stuhl vor.

»Sie verschweigen mir noch etwas –«

»Wenn Sie Mut haben und mich heute abend begleiten wollen, werde ich Ihnen zeigen, was ich meine.«


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