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Kapitel 12.
Ein Besuch bei dem Einsiedler.

Vor dem Hause auf der Insel stand ein Mann mit einem Feldstecher und beobachtete das herannahende Boot. Dann nahm er das Glas plötzlich vom Auge und ging auf die andere Seite des Hauses, wo Andrew mit einer Pfeife im Munde saß und seine Netze flickte.

»Wir bekommen Besuch – ein Boot steuert hierher. Sicher wollen die Leute landen.«

Andrew erhob sich und hielt Ausschau. Erstaunt nahm er seine Pfeife aus dem Mund.

»Um Himmelswillen! Das ist ja Cecil mit seinen Gästen!«

Der andere nickte. Er stand in mittleren Jahren, hatte ein braungebranntes Gesicht und trug einen kurzgeschnittenen Bart. Seine äußere Erscheinung verriet sofort, daß er ein Sportsmann war.

»Ich dachte es mir auch, aber ich kann Ronald nicht sehen.«

Andrew beschattete seine Augen mit der Hand.

»Nein, er ist nicht dabei. Ich erkenne nur die Prinzessin, Cecil, den Major und Miß Le Mesurier. Es sieht tatsächlich so aus, als ob sie hier an Land gehen wollten.«

»Warum auch nicht? Darf Cecil seinen Bruder nicht einmal in seiner Einsiedelei besuchen?«

Andrew runzelte die Stirne.

»Berners, wenn du ihnen hier begegnest, mußt du wissen, daß ich nur Mr. Andrew, der Fischer, bin, und daß du als mein Kurgast hier weilst.«

Berners sah ihn überrascht an.

»Was treibt ihr denn hier für Possen?«

Andrew zuckte die Schultern und lächelte gutmütig.

»Ach, das ist nebensächlich. Du kannst es für eine Laune oder sonst etwas halten. Cecil erwartete einige Gäste, die mir nicht sympathisch waren, und die sich auch nicht für mich interessierten. Ich hielt es also für das Beste, mich während dieses Besuches hierher zurückzuziehen und Cecil allein im Herrenhaus zu lassen. Seine Gäste wissen überhaupt nicht, daß ich existiere.«

»Nun gut, du bist Mr. Andrew, der Fischer. Und wenn dich jemand neugierig fragt, wer ich bin, so erzählst du, daß ich Berners heiße und mich hier erhole. Aber wie willst du denn erklären, daß sich dein alter Diener hier im Hause aufhält?«

»Ganz einfach. Das ist eben dein Diener, den du mitgebracht hast. Er weiß schon, welche Rolle er zu spielen hat, ich habe mit ihm darüber gesprochen. Sie kommen tatsächlich gerade auf uns zu. Würdest du mir nicht helfen, das Boot an den Strand zu ziehen?«

Die beiden gingen langsam zum Ufer hinunter.

»Wir wollen auf ein paar Minuten auf die Insel kommen«, rief Cecil, als sie in Hörweite waren.

»Werfen Sie doch ein Tau«, antwortete Andrew kurz.

Gleich darauf zogen Andrew und sein Freund das Boot aufs Trockene. Die Prinzessin betrachtete Andrew einen Augenblick aufmerksam durch ihr Lorgnon, dann ließ sie sich willig von ihm an Land tragen.

»Ich bin davon überzeugt, daß Sie mich nicht fallen lassen. Sicher sind Sie der starke, ritterliche Mann, der meine Tochter neulich gerettet hat? Ist dieses Haus Ihr Eigentum?«

»Ja, ich lebe hier.«

»Wollen Sie mir nicht auch beim Aussteigen helfen, Mr. Andrew?« fragte Jeanne und lächelte ihn an.

Er reichte ihr die Hand, und sie sprang leicht heraus.

»Hoffentlich stören wir Sie nicht«, sagte sie. »Aber ich wollte so gerne Ihr kleines Haus sehen.«

»Es gibt zwar nur wenig zu sehen – aber trotzdem sind Sie herzlich willkommen.«

»Es tut uns leid, daß wir Ihnen hier Unannehmlichkeiten bereiten«, wandte sich Cecil ein wenig unsicher an seinen Bruder. »Könnten die Damen vielleicht etwas Tee haben?«

»Natürlich. Ich werde gleich hineingehen.«

»Ach, das ist fein!« rief Jeanne. »Ich komme mit und helfe Ihnen! Bitte nehmen Sie mich mit in die Küche, Mr. Andrew. Ich verstehe auch, wie man Tee macht.«

»Danke bestens, aber es ist wirklich nicht nötig. Ich habe hier einen Kurgast, der einen Diener mitgebracht hat, und zufällig kocht der auch gerade Tee. Wenn Sie mit mir auf die andere Seite kommen wollen, wo es geschützt ist, werde ich Stühle herausbringen.«

Die Prinzessin betrachtete Berners neugierig.

»Ihr Gesicht kommt mir sehr bekannt vor«, sagte sie.

Berners antwortete nicht gleich und sah zu Forrest hinüber, der sich gerade eine Zigarette ansteckte.

»Ich glaube nicht, daß ich schon die Ehre hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen«, erwiderte er dann.

Aber die Prinzessin gab sich damit nicht zufrieden. Jeanne war mit Andrew vorangegangen, und sie folgte langsam mit Berners nach.

»Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis für Gesichter, und ich täusche mich nur selten.«

»Ich fürchte, daß dies eine der wenigen Ausnahmen sein wird. Wenn Sie gestatten, werde ich Andrew helfen.«

Er verschwand im Hause und kam gleich darauf mit einigen Stühlen zurück. Diesmal sah er Forrest voll ins Gesicht. Der Major wandte sich unangenehm berührt ab.

»Wer ist denn dieser Kerl?« sagte er halblaut zu Cecil. »Ich habe ihn doch schon irgendwo gesehen!«

»Das ist schon möglich«, entgegnete Cecil müde und ließ sich auf dem Rasen nieder. »Ich kann mich im Augenblick nicht auf ihn besinnen.«

Jeanne war auch ins Haus gegangen und stieß einen Freudenschrei aus, als sie sich in dem kleinen Wohnraum umsah. An den Wänden sah sie Bücher, Gewehre und Fischereigeräte.

»Ein wundervolles Zimmer, Mr. Andrew! Sagen Sie einmal, lesen alle Fischer Shakespeare, Maupassant und Musset?«

»Die Bücher gehören meinem Kurgast. Er wohnt hier. Ich sitze gewöhnlich in der Küche, wenn er zu Hause ist.«

Er sprach jetzt in einem besonders breiten Dialekt. Jeanne war sehr überrascht.

»Darf ich in die Küche mitkommen?«

»Gewiß. Der Diener von Mr. Berners hat sicher den Tee schon fertig.«

»Diese schönen Steinfliesen!« rief sie. »Und diese entzückenden Kupferkessel! Und hier kochen Sie nun für sich allein ohne jede Hilfe?«

»Manchmal kann ich mir auch etwas Bedienung leisten – das hängt ganz davon ab, wie der Fischfang war.«

Berners trat auch herein und ließ sich in einem Sessel im Wohnzimmer nieder.

»Bedienen Sie nur erst die Damen, Andrew. Ich trinke später hier.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr«, erwiderte Andrew.

In diesem Augenblick rief ihn die Prinzessin, und er trat ins Freie.

»Wir wollen doch Ihren Gast nicht vertreiben, Mr. Andrew! Möchten Sie ihn nicht bitten, den Tee mit uns zu nehmen?«

»Er ist wenig gesellig veranlagt und möchte sich hier nur einmal ausruhen. Er spricht auch sonst zu niemand, wenn es nicht durchaus notwendig ist.«

»Woher kommt er denn?« fragte die Prinzessin. »Ich bin sicher, daß ich ihn schon irgendwo gesehen habe, und daß er zu unseren Kreisen gehört.«

»Soviel ich weiß, wohnt er in London. Er heißt Berners, Mr. Richard Berners.«

»An den Namen kann ich mich allerdings nicht erinnern«, entgegnete die Prinzessin. »Aber sein Gesicht läßt mir keine Ruhe. Was für ein hübsches Teetablett Sie haben, Mr. Andrew. Nehmen Sie doch wenigstens bei uns Platz. Wir müssen uns entschuldigen, daß wir Sie hier überfallen haben. Ich habe mich noch nicht einmal dafür bedanken können, daß Sie so freundlich zu meiner Tochter waren.«

Andrew wollte nicht bleiben, aber Jeanne legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Mr. Andrew, setzen Sie sich doch bitte zu mir, und erzählen Sie mir, warum Sie auf dieser merkwürdigen, einsamen Insel wohnen. Lieben Sie denn die Einsamkeit so sehr?«

Andrew sah einen Augenblick auf sie nieder, ohne zu antworten. Zum erstenmal kam ihm die Schönheit und der Charme ihrer Persönlichkeit zum Bewußtsein. Er entdeckte ihre zarte, elfenbeinfarbene Haut, ihr ausdrucksvolles Gesicht und das glühende Feuer in ihren schönen Augen. Gebannt blieb er stehen und lehnte sich gegen den Flaggmast.

»Oh, es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Miß. Ich wohne hier, weil mir eben das Haus gehört. Es gehörte auch schon meinem Vater und meinem Großvater. Wir Leute auf dem Lande wechseln unsere Wohnung selten.«

Sie schaute ihn nachdenklich an. Er war so ganz anders als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. So oft sie mit ihm sprach, fand sie etwas Neues an ihm, obwohl er ihre Fragen nur knapp und kurz beantwortete. Sie interessierte sich sehr für ihn, aber sie ahnte, daß ihre Neugierde nie befriedigt würde. Die meisten Männer lagen ihr sklavisch zu Füßen, wenn sie sie einmal angelächelt hatte. Aber diesen einen schien ihre Gegenwart zu langweilen. Wahrscheinlich dachte er gar nicht an sie, da er fast unausgesetzt Cecil und Major Forrest beobachtete.

»Ich habe einmal gelesen«, sagte sie, »daß sich Leute, die in einem kleinen Dorf miteinander wohnen, allmählich immer ähnlicher werden. Im allgemeinen kann ich mir kaum zwei Leute vorstellen, die so ungleich sind wie Mr. de la Borne und Sie, und doch habe ich eben einen Zug in Ihrem Gesicht gesehen, der mich sehr an ihn erinnerte.«

Andrew sah sie stirnrunzelnd an und schien ärgerlich zu sein.

»Sie sind sicher die erste, die das bemerkt hat.«

»Es kommt mir ja auch kaum wie eine Ähnlichkeit vor, Sie brauchen deshalb nicht so böse dreinzuschauen. Alle Leute halten Mr. de la Borne übrigens für einen hübschen jungen Mann. Aber hören Sie nur den Aufruhr! Wir brechen auf.«

Andrew half, das Boot wieder flott zu machen. Die Prinzessin reichte ihm zum Abschied die Hand und lächelte ihn liebenswürdig an.

»Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre freundliche Bewirtung. Und ich hoffe, daß Sie meine Tochter wieder in Ihre Obhut nehmen, wenn sie sich an gefährlichen Stellen befindet.«

Andrew sah schnell zu Jeanne hinüber. Die Worte der Prinzessin schienen eine tiefere Bedeutung für ihn zu haben. Er fühlte, daß Jeanne trotz ihres gewandten Auftretens im Vergleich zu diesen Leuten noch ein Kind war. Sie lächelte ihn bezaubernd an.

»Wir wollen wieder einmal mit dem Boot hinaussegeln. Es war doch zu schön, daß Sie mich damals gerettet haben.«

Sie fuhren ab. Cecil fühlte eine große Erleichterung. Andrew wandte sich langsam zu seinem Freund um, der aus der Tür trat.

»Ich wundere mich nicht, Andrew, daß dir nichts daran liegt, eine solche Gesellschaft zu bewirten.«

Andrew hörte den Unterton in Berners' Stimme und sah ihn nachdenklich an.

»Weißt du etwas Bestimmtes?«

Berners nickte.

»Ja. Über einen weiß ich Bescheid. Ich möchte nur wissen, wo Ronald steckt. Er war doch gestern noch im Herrenhaus.«

»Vielleicht hat er genug gehabt und ist abgereist.«

Aber Berners schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte, das ist nicht der Fall. Wenn er nur so vernünftig gewesen wäre!«


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