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Kapitel 16.
Weitere Nachforschungen.

»Morgen sind wir zwei Wochen hier«, sagte die Prinzessin.

Cecil de la Borne setzte sich neben sie auf das Sofa.

»Ich fürchte nur, daß es schrecklich langweilig für Sie gewesen ist – abgesehen von allem anderen.«

»Aber durchaus nicht. Natürlich war die letzte Woche anstrengend, aber davon wollen wir nicht weiter sprechen. Sie haben uns gesagt, daß wir in eine halbe Wildnis kommen würden, und statt dessen haben wir hier ein wahres Schlemmerleben geführt. Ich kann Ihnen versichern, daß ich ungern gehe, obwohl unser Aufbruch natürlich in gewisser Weise eine Erleichterung mit sich bringt.«

»Auch ich werde mich sehr einsam fühlen«, entgegnete er leise.

Er legte die Hand auf die ihre und sah ihr in die Augen. Die Prinzessin unterdrückte mit Mühe ein Gähnen. Diese Art Flirt hatte sie schon vor Jahren gelangweilt.

»Nun, Sie finden sicher bald andere Zerstreuungen. Außerdem ist die Welt ja klein, und wir werden uns wohl bald Wiedersehen. Nebenbei bemerkt, haben Sie sich in den letzten Tagen wenig um Jeanne gekümmert.«

»Sie gibt mir ja kaum Gelegenheit, mit ihr zu sprechen«, erwiderte er düster.

»Ach, sie ist noch so jung, sie kann das Leben noch nicht ernst nehmen. Ich glaube nicht, daß sie sich bald verheiraten wird.«

Cecil neigte sich so weit zu ihr, daß sein Haar das ihre berührte.

»Ich glaube, daß ich mich nicht für Ihre Tochter interessieren kann, solange Sie hier sind.«

»Nun hören Sie aber auf! Ich bin doch doppelt so alt als Jeanne.«

»Das stimmt nicht. Sie sind in letzter Zeit eigentlich recht abweisend zu mir gewesen. Ich habe Sie kaum allein gesehen, seit Sie hier sind.«

Sie lachte leise und nahm ihren kleinen Schoßhund in den Arm, als ob sie ihn wie einen Schild gegen Cecil gebrauchen wollte.

»Mein lieber Cecil«, sagte sie jetzt ernst, »bitte machen Sie mir keine Liebeserklärungen. Ich habe Sie gern und möchte mich nicht über Sie ärgern, weil Sie mich langweilen. Jeder Mann, mit dem ich zehn Minuten allein bin, hält es für seine heiligste Pflicht, mir Dummheiten zu sagen. Und ich habe Ihnen doch schon versichert, daß ich mir daraus nichts mehr mache. Heute interessieren mich nur noch drei Dinge – mein kleiner Schoßhund, das Bridgespiel und Geld.«

Seine Züge verdüsterten sich ein wenig.

»In London haben Sie nicht so gesprochen«, erinnerte er sie.

»Vielleicht nicht. Vielleicht habe ich auch nur eine Laune. Ich kann nur das sagen, was ich im Augenblick fühle. Zu Zeiten kann ich auch anders sein, aber sicherlich nicht jetzt.«

»Gibt es nicht andere Männer, für die Sie mehr empfinden?« sagte er eifersüchtig.

»Vielleicht«, erwiderte sie ruhig.

»Als ich neulich ins Zimmer trat, hielt der Major Ihre Hand!«

»Die letzten Ereignisse haben ihn sehr mitgenommen – ich mußte ihn ein wenig trösten. Er hat Verabredungen und sollte längst von hier fort sein, aber Sie wissen ja, daß wir wie Gefangene hier sitzenbleiben müssen. Ich bin neugierig, wie lange das noch dauern soll.«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Cecil finster. »Forrest kann vielleicht mehr darüber sagen.«

»Er meint, daß wir wahrscheinlich in einigen Tagen abreisen können.«

»Dann seien Sie doch wenigstens während dieser kurzen Zeit noch etwas liebenswürdiger zu mir«, bat er.

Sie streichelte seine Hand.

»Sie törichter Junge! Natürlich werde ich freundlicher zu Ihnen sein, wenn Sie es durchaus haben wollen. Aber ich warne Sie. Ich werde Sie nur enttäuschen. Junge Leute in Ihrem Alter erwarten immer soviel, und ich habe nur so wenig zu geben.«

»Warum sagen Sie das?«

Sie zuckte die Schultern.

»Weil es wahr ist. Ich spiele Ihnen keine Komödie vor, ich meine es wirklich so. Aber bitte rufen Sie doch mein Mädchen zurück. Ich sehe sie eben dort über den Fahrweg gehen. Sie sollte einige Telegramme aufgeben, aber ich muß den Inhalt noch einmal ändern.«

Cecil entfernte sich, und die Prinzessin winkte Forrest zu sich, der in einiger Entfernung in einem Liegestuhl eine Zigarette rauchte.

»Nigel, wie lange müssen wir noch bleiben?«

Der Major sah nachdenklich auf die Rauchwölkchen.

»Das kann ich dir nicht sagen – vielleicht einen Tag, vielleicht eine Woche, vielleicht –«

»Nein, nein«, unterbrach ihn die Prinzessin unwillig. »Von einer solchen Entwicklung will ich nichts wissen.«

»Der Herzog treibt sich immer noch hier herum«, sagte er düster. »Ich sah ihn heute morgen wieder. Außerdem hat ein Detektiv Nachforschungen nach dem Auto und dem Chauffeur angestellt.«

»Aber das spricht doch nur zu unseren Gunsten. Du brachtest den Wagen doch gegen neun Uhr morgens zurück.«

Forrest nickte.

»Wir wollen nicht mehr darüber sprechen. Wo ist Jeanne?«

Sie zeigte auf den Rasen hinaus, wo Jeanne und Cecil eben eine Partie Krocket begannen.

»Was hast du eigentlich mit ihr vor? Du wolltest mir doch deine Pläne erzählen.«

»Diese andere Sache hat ja alles in den Hintergrund gerückt. Ich möchte sie unter allen Umständen verheiraten, bevor sie volljährig ist. Ich muß nur jemand finden, der mir die nötige Abstandssumme zahlt.«

»Du willst eine Vermittlungsgebühr haben?« fragte er unsicher.

Die Prinzessin nickte.

»Nehmen wir einmal an, Ihr Vermögen beträgt vierhunderttausend Pfund, so würde eine Provision von fünfundzwanzigtausend Pfund doch eine ganz mäßige Summe für jemand sein, der eine Frau mit einer solchen Mitgift bekommt.«

»Hast du schon jemand im Auge?«

»Ich habe eine Freundin in Paris, die unter der Hand vorsichtige Erkundungen einzieht. In einigen Tagen wird sie mir schreiben.«

»Bis jetzt hast du von dieser Vormundschaft nichts als deine Rente gehabt.«

»Und die ist obendrein noch lächerlich klein. Zweitausend Pfund im Jahr! Ich brauche dir nicht zu sagen, daß man damit nicht weit kommt, wenn man Kleidung, Dienstboten und eine große Wohnung davon unterhalten muß. Jeanne ist zufrieden und beklagt sich nicht. Sonst können ihre Rechtsanwälte recht unangenehme Fragen stellen.«

»Wenn sie nun aber den Mann, den du ihr vorschlägst, nicht nehmen will?«

»Bis sie volljährig ist, hat sie zu tun, was ich verlange. Das französische Gesetz ist in diesem Punkt viel schärfer als das englische. Es mag ja wohl einige Unannehmlichkeiten geben, aber ich weiß schon, wie ich mit ihr umgehen muß.«

»Sie hat aber sehr ausgesprochene Neigungen und Antipathien. Wenn sie sich selbst überlassen bliebe, würde sie wahrscheinlich ihre ganze Zeit mit diesem Fischer zubringen.«

Die Prinzessin sah nachdenklich auf ihren Türkisenring.

»Ihr Vater stammte aus bürgerlichen Kreisen, und ihre Mutter kam aus einer kleinen Familie. Das fällt ins Gewicht. Ich habe niemals den ernsten Versuch gemacht, sie zu beeinflussen. Wenn ich später einen schweren Kampf mit ihr kämpfen muß, so ist es besser, ihr in Kleinigkeiten freien Willen zu lassen. Aber still, da kommt sie.«

Jeanne trat auf sie zu.

»Ach, möchtest du nicht dafür sorgen, daß dieser Cecil de la Borne nicht immer so aufdringlich zu mir ist? Er läuft mir überall nach, und er langweilt mich doch so grenzenlos!«

Die Prinzessin zuckte die Schultern.

»Ich werde ihm sagen, daß er dich in Ruhe lassen soll. Aber denke bitte daran, daß wir bei ihm zu Gast sind. Du bist verpflichtet, liebenswürdig zu ihm zu sein.«

Die Prinzessin erhob sich und ging auf den Rasenplatz zu. Jeanne ließ sich in einem Sessel nieder. Forrest betrachtete sie aufmerksam.

»Sie sind doch ein merkwürdiges junges Mädchen«, sagte er schließlich.

Sie schaute ihn einen Augenblick böse an, aber dann blickte sie auf die See hinaus.

»Sie mögen mich scheinbar nicht?«

»Die Freunde meiner Stiefmutter liebe ich ebensowenig wie das Leben, das ich führen muß, seitdem ich das Pensionat verlassen habe.«

»Möchten Sie wieder dorthin zurück?« fragte er ironisch.

»Dort konnte man sich wenigstens die Leute, mit denen man verkehren wollte, aussuchen.«

»Wenn Sie sich dazu entschließen könnten, mich in Ihrer Nähe zu dulden, so könnte ich wahrscheinlich manches für Sie tun. Ihre Stiefmutter hört auf meinen Rat. Vielleicht könnte ich bei ihr durchsetzen, daß sie mit Ihnen an ruhige Plätze reist, wo Sie das Leben führen können, das Sie lieben.«

»Ich danke Ihnen, aber ich bin ja bald meine eigene Herrin. Bis dahin muß ich mich eben so gut als möglich mit den Verhältnissen abfinden. Wenn Sie aber etwas für mich tun wollen, so beantworten Sie mir eine Frage.«

»Gerne.«

»Wer hat Lord Ronald an dem Morgen seiner Abreise zur Station gefahren? Soviel ich weiß, hatte er zwei Tage vorher seinen Chauffeur entlassen. Und hier war niemand, der ein Auto lenken konnte.«

»Ich habe ihn zum Bahnhof gebracht. Ich habe es allerdings sehr ungeschickt gemacht, und der Motor ist seit der Zeit in Unordnung. Wenn ich ehrlich sein soll, haben wir es beide probiert. Er weckte mich morgens um fünf und bat mich, es zu versuchen.«

Sie sah ihn fest an, und er wußte nicht, ob sie ihm glaubte oder nicht.

»Sie haben doch wiederholt gesagt, daß Sie nichts von Autos und Motoren verstünden!«

Er nickte.

»Ich bin nicht sehr stolz auf meine Geschicklichkeit. In Homburg habe ich mir früher einmal einen kleinen Wagen gekauft, um Touren in den Schwarzwald zu machen. Wenn Sie mir nicht glauben, können Sie ja die Dienstboten fragen. Sie sahen alle, wie ich das Auto wieder zurückbrachte.«

»Es wurde hereingeschleppt! Der Motor ging doch nicht.«

Er sah sie etwas bestürzt an.

»Das Unglück passierte erst kurz vor dem Tor.«

Sie erhob sich.

»Ich danke Ihnen für diese Auskunft. Ich werde jetzt spazierengehen.«

»Allein?«

Sie würdigte ihn keines Blickes mehr und wandte sich ab.

»Ich weiß nicht«, sagte er zu sich selbst, »ob Ena mit diesem Mädchen so leicht fertig wird, als sie sich einbildet.«


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