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Kapitel 11.
Ultimatum.

Forrest und Cecil saßen sich beim Dessert gegenüber. Die Sorgen der letzten Zeit hatten den Major altern lassen; er machte einen müden Eindruck. Unter Cecils Augen lagen schwere Schatten, und seine Wangen waren gerötet, als ob er zuviel getrunken hätte. Seine äußere Erscheinung war stark vernachlässigt.

»Forrest, ich halte das nicht länger aus. Dieses Haus macht mich noch verrückt. Wir wollen die ganze Sache aufgeben.«

»Das möchte für Sie ganz gut sein«, erwiderte der Major trocken. »Sie haben hier auf dem Lande genug zu leben, und Ihnen steht die ganze Welt offen. Aber ich kann das nicht tun. Ich bin über die mittleren Jahre hinaus, und ich habe meine bestimmten Gewohnheiten. Das Leben würde unerträglich für mich werden, wenn man diesem jungen Menschen erlaubte, seine Geschichte zu erzählen.«

»Aber wir können ihn doch nicht ewig hier gefangenhalten!« entgegnete Cecil düster. »Wir wollen doch nicht unser ganzes Leben lang Gefangenenwärter spielen! Außerdem besteht doch dauernd die Gefahr der Entdeckung. Zwei Detektive sind nun schon im Dorf, und ich glaube sicher, daß sie während unserer Abwesenheit schon hier im Hause waren.«

»Was könnten sie hier auch finden?«

»Diese Leute kommen hinter alles.«

»Haben Sie eigentlich noch nie daran gedacht«, sagte der Major leise und zögernd, »daß es logischerweise nur einen Ausweg gibt?«

»Nein«, erwiderte Cecil begierig. »Was meinen Sie?«

Forrest füllte sein Glas bis zum Rande, bevor er sprach, dann schob er Cecil die Whiskyflasche zu.

»Wir beide sind doch keine Kinder. Warum lassen wir denn einen solchen Jungen wie Engleton mit uns spielen? Am besten wäre es, wir setzten schwarz auf weiß eine Erklärung auf und legten sie ihm vor. Wir sagen ihm einfach: Zeichnen Sie dieses Schriftstück, und geben Sie Ihr Ehrenwort, daß Sie schweigen, dann können Sie gehen. Er lehnt es eben ab, weil er weiß, daß wir ihn nicht auf die Dauer hier behalten können. Wir müssen ihn vor eine andere Wahl stellen. Trinken Sie einmal, de la Borne. Es ist ein unheimliches Haus, man verliert allen Mut hier. Denken Sie einmal über das nach, was ich Ihnen gesagt habe.«

Cecil setzte das leere Glas nieder.

»Nun, welchen Vorschlag wollen Sie ihm denn sonst noch machen?«

»Können Sie das nicht erkennen? Wenn er es ablehnt, vernünftig zu werden, drohen wir ihm mit einer anderen Lösung, die ihn jedenfalls mürbe macht.«

»Was meinen Sie denn?« fragte Cecil erwartungsvoll.

»Was hätten denn Ihre Vorfahren in diesem Fall getan? Die hätten ihm doch klipp und klar gesagt: ›Wenn die Flut kommt, ist genug Wasser da, um Sie und noch ein Dutzend anderer zu ersäufen!‹ Warum sollen wir ihn denn so sorgfältig bewachen, wenn wir doch genau wissen, daß er uns ruiniert, falls wir ihn freilassen?«

Cecil atmete schwer. Der Major sah ihn gespannt an.

»So dürfen wir nicht sprechen, Forrest. Engleton wird in ein paar Tagen klein beigeben. Wenn uns jemand hören könnte, müßte er ja denken, wir hätten einen Mord vor.«

»In den zehn Geboten einer schönen Frau gibt es nur eine Todsünde: sich erwischen zu lassen. Warum sollen wir uns diesen Standpunkt nicht auch zu eigen machen? Niemand hat eine günstigere Gelegenheit als wir, einen gefährlichen Feind loszuwerden. Es ist unmöglich, uns irgend etwas nachzuweisen. Sollte er gegen alle Erwartung später gefunden werden, so ist das doch nicht tragisch. Wie viele Leute sind nicht schon hier ertrunken? Ich schlage vor, daß wir ihm klare Bedingungen stellen. Am besten heute abend. Jetzt haben wir noch Mut. ›Entweder schweigen Sie, oder Sie haben am längsten gelebt!‹«

Cecil starrte den Major mit entsetzten Augen an. Aber er wußte, daß seine Zukunft zerstört war, wenn Lord Ronald seine Anklage gegen ihn erhob. Ohne einen Schilling würde er dann als ein Verfemter in die Welt hinausgestoßen. Andrew würde ihm niemals vergeben. Forrests entschlossener Blick ließ ihn im Innersten erzittern.

»Wir wollen einmal hören, was er jetzt sagt«, brachte er schließlich mit stockender Stimme hervor. »Ich war seit heute morgen nicht unten. Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein. Es ist viel besser, wenn er möglichst allein gelassen wird. Aber wir wollen jetzt zusammen gehen.«

Ohne ein weiteres Wort erhoben sie sich vom Tisch. Cecil ging voraus in die Bibliothek und klingelte nach dem Diener.

»Setzen Sie den Spieltisch hierher und bringen Sie Whisky und Soda. Nachher wollen wir nicht mehr gestört werden.«

»Ganz wie Sie wünschen, mein Herr.«

Sie warteten, bis alles gebracht war, dann schloß Forrest die Tür ab. Cecil nahm zwei elektrische Taschenlampen aus einer Schublade und tastete nach der Springfeder, die sich in dem Eichenpaneel der Wand befand. Die Tür öffnete sich, und es wehte ihnen eine drückende, ungesunde Luft entgegen. Schweigend gingen sie den unterirdischen Gang entlang, bis sie das Kellergewölbe erreichten. Cecil zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür.

Engleton hatte eine böse Zeit hinter sich, aber er sah nicht so aus, als ob er nachgeben würde, als er jetzt aufschaute. Er saß an einem kleinen Tisch, auf dem eine kümmerliche Küchenlampe brannte. Die Kleider schlotterten um seinen Körper, und sein Gesicht war eingefallen und abgemagert. Ein struppiger Bart entstellte seine Züge. Er trug keine Krawatte und keinen Kragen mehr, und seine ganze Erscheinung sah furchtbar heruntergekommen aus. Forrest betrachtete ihn kritisch.

»Nun, mein lieber Engleton?«

»Was zum Teufel wollen Sie denn so spät noch von mir? Wollen Sie sehen, wie ich mich während der langen Abende unterhalte? Oder wollen Sie Bridge mit mir spielen? Es ist allerdings schon eine Erholung, wenn Sie die Türe auflassen, damit ein wenig frische Luft hereinkommt.«

»Sie haben es sich doch selbst zuzuschreiben, daß Sie hier sind«, sagte Cecil. »Nur wegen Ihrer verdammten Dickköpfigkeit müssen wir Sie hier einsperren. Ich erkläre Ihnen aufs neue, daß alles, was Sie sahen, nur eine Einbildung war. Vergessen Sie es, geben Sie Ihr Ehrenwort darauf, daß Sie es vergessen und nie darüber sprechen werden – und Sie sind sofort frei.«

»Daran zweifle ich nicht. Es gibt aber nichts auf der Welt, das mich veranlassen könnte, das zu tun. Über kurz oder lang werde ich doch befreit werden, und dann erzähle ich allen Leuten, wer Sie eigentlich sind. Heute abend bin ich in besonders schlechter Stimmung. Gehen Sie lieber fort, ehe ich meine Geduld verliere.«

Forrest setzte sich auf die Ecke einer Kiste.

»Wir sind heute abend hier, um auf jeden Fall zu einer Verständigung mit Ihnen zu kommen.«

»Das wird Ihnen nicht gelingen«, rief Engleton hitzig. »Sie können mir kein Angebot machen, das mich für die schreckliche Zeit hier entschädigt. Bilden Sie sich nur nicht ein, daß ich das jemals vergessen könnte. Ich bleibe hier nur, weil ich nicht entkommen kann. Aber ich würde eher mein Leben lang hier bleiben, als vor Ihnen zu Kreuze kriechen.«

»Nun, unser Freund Engleton benimmt sich ja wie ein Held«, sagte Forrest spöttisch.

»Machen Sie jetzt, daß Sie hinauskommen, bevor ich in Wut gerate!«

Forrest ging einige Schritte auf ihn zu.

»Wenn Sie sich dauernd weigern, Ihr Ehrenwort zu geben, werden wir Sie in Freiheit setzen.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Vielleicht haben Sie mich nicht ganz richtig verstanden. Wir werden Ihnen bei Flut die Möglichkeit geben, sich durch Schwimmen zu retten.«

Engleton schrak zurück, denn die lange Gefangenschaft hatte seine Nerven zermürbt.

»Was, Sie wollen mich in die See werfen?«

Forrest nickte.

»Sie können dann ja an Land schwimmen.«

»Aber das ist ja reiner Mord!«

Forrest zuckte die Schultern.

»Wenn Sie wollen, können Sie es ja so nennen. Ich bezeichne es jedenfalls nicht so. Sie werden noch sehr lebendig sein, wenn Sie ins Wasser kommen. Wenn Sie nicht schwimmen können, ist das nicht unsere Sorge.«

»Wann wollen Sie denn diesen gemeinen Plan ausführen?«

»Wann es uns paßt, Sie verdammter Dickkopf!« schrie Forrest, der plötzlich jede Haltung verlor. »Sie elender Hund! Sie meinen wohl, Sie könnten uns ewig zum Besten haben? Da irren Sie sich aber sehr! Wenn Sie erst dort unten im Seetang verrecken, können Sie keine Geschichten mehr erzählen!«

Engleton nickte.

»Ich werde mir also große Mühe geben, nicht in den Seetang zu geraten.«

»Also zum letztenmal. Wir sind es müde, Ihre Ablehnung zu hören. Heute abend unterzeichnen Sie den Schein und geben uns Ihr Ehrenwort, oder wir werfen Sie in die See hinunter!«

»Ich warne Sie! Ich bin ein guter Schwimmer.«

»Und ich garantiere Ihnen, daß Sie vergessen haben, wie man schwimmt, wenn Sie ins Wasser kommen!« erwiderte Forrest höhnisch.


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