Ida von Hahn-Hahn
Orientalische Briefe
Ida von Hahn-Hahn

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40. An meine Mutter

Lazarett im Piräus,
Mittwoch, März 20, 1844.

Gefangenschaft ist eine harte Sache, liebste Mutter, und wenn man sie um eines Verbrechens willen erduldet, muß es eine grausige Sache sein... vielleicht aber doch nicht so grausig als sterben zu müssen durch Henkershand. Seit zwölf Tagen denke ich darüber nach und schwanke zuweilen in der Wahl, wenn ich wählen müßte. Aber nein! Durch Henkershand? Nein! Da lieber hundert Jahr Gefangenschaft!! – Gottlob, meine kurze ist übermorgen zu Ende. Die drei Reisetage auf dem Meer werden uns angerechnet, machen im ganzen siebzehn, und darauf ist die ursprüngliche vierzigtägige Kontumaz zusammengeschmolzen.

Von diesen letzten vierzehn Tagen seit meinem Brief vom sechsten aus Alexandrien gibts wenig zu sagen. Am siebenten, gegen acht Uhr früh, waren wir an Bord des französischen Dampfschiffes le Dante, das von Marineoffizieren befehligt wird, weil die hauptsächliche Bestimmung dieser Linie ist die Depeschen der Regierung nach dem Orient zu befördern. Eine halbe Stunde nach uns kam Graf S. an, der seine Nilbarke nicht verlassen, aber günstigen Wind bekommen und mit Tagesanbruch Alexandrien erreicht hatte. Der dänische Generalkonsul, der einzige der dem Pascha nicht nach Kairo gefolgt ist, hatte ihm auf dem französischen Dampfschiffbüro das Notwendige verschafft, und so konnte er glücklich mit uns fortgehen. Eine halbe Stunde später wäre es zu spät gewesen, denn um neun Uhr lichteten wir die Anker, und schossen nach Norden bei günstigem Winde, der am zweiten Tage so heftig wurde, daß wir 11 Seemeilen (12 sind 3 deutsche) in der Stunde zurücklegten, und in der Mitte des dritten den Hafen der Insel Syra erreichten. Am neunten um halb zwei Uhr Mittags lagen wir vor Anker. Dies ist die schnellste Fahrt die der Dante je gemacht hat! So wie wir anlangten wurde die gelbe Pestfahne aufgezogen, ein Zeichen daß das Fahrzeug in Kontumaz ist und daß kein Boot aus der Stadt sich nahen darf. Ist an Bord selbst ein Pestfall, so muß eine schwarz und gelbe Fahne aufgezogen werden und die Passagiere kommen in das Pestlazarett auf der nahen Insel Delos in Quarantäne, Syra ist nur für uns Verdächtige. Es regnete, es windete, dicke Wolken hingen über Land und See, das Dampfschiff tanzte fürchterlich hin und her. Einige Stunden vergingen ehe es endlich zum Ausschiffen kam. Wir wurden grausam in den Schaluppen zusammengeschichtet, alle Passagiere durcheinander, Koffer, Kinder, unendliche Bagage aller Art. Einige spannten Regenschirme auf und stießen damit die andern in die Augen; die kleinen Kinder quarrten; dazu ging die See so hoch, daß wir nicht von der Stelle kamen; – es war anmutig! – Bei all dem amüsierte ich mich unbeschreiblich über einen jungen Franzosen, der seinen klagenden Gefährten mit den Worten zur Ruhe verwies: »Eh, mon cher! Nous avons à bord des Lords et des Mylords. Vous n'êtes qu'un particulier en ce monde! Taisez vous.«»Nun, nun, mein Guter! Wir haben hochgestellte Herrschaften an Bord. Sie sind nur einer von Vielen in dieser Welt! Beruhigen Sie sich.« – Endlich langten wir an. Das Lazarett, ein großes, neues, viereckiges Gebäude, das einen weitläufigen inneren Hof umschließt, liegt am Abhang eines Berges der Stadt gegenüber, durch den Hafen von ihr getrennt, der einen tiefen Einschnitt in die bergigen Ufer macht. Das Gebäude besteht nur aus einem Erdgeschoß, an das in der Front zwei Pavillons von zwei Stockwerken sich lehnen. Den einen bewohnt die Inspektion, und die oberen Zimmer des andern bekamen wir. Über die dumpfe Feuchtigkeit, den Zugwind, den Fußboden von Stein im Erdgeschoß hörte ich sehr klagen, und schon in Ägypten hatte man mich davor gewarnt, denn das sind lauter Dinge gegen die man durch das köstliche ägyptische Klima verwöhnt, äußerst empfindlich wird. Zwar gibt es in Ägypten, Alexandrien ausgenommen, nur Fußboden von Stein, allein die Unbequemlichkeit welche sie mit sich bringen ist dort nicht Feuchtigkeit, sondern Staub. – Die oberen Gemächer sind also verhältnismäßig gut zu nennen, und als wir um sechs Uhr abends endlich eingerichtet waren – hauptsächlich mit den eigenen Sachen – war ich seelenfroh, denn in zwei Nächten hatte ich nicht schlafen können. Eine Freude muß ich aber durchaus erwähnen, die ich hatte als ich das Ufer von Syra betrat. Trotz Wind und Regen, trotz grenzenloser Ermüdung, warf ich mich über eine Masse von kleinen schönen wilden Blumen so freudig her, als hätte ich nicht unter Palmwäldern, sondern unter dem nordischen Schneehimmel den Winter verlebt. Frühling muß ich einmal im Jahr haben, da wie dort, und seine ersten kleinen Boten empfange ich immer mit heimlichem Jauchzen. Ich hoffe Du lobst mich, Herzensmama, um meiner deutschen Gemütlichkeit willen!

In der Nacht tobte ein wütender Sturm, der auch noch am zehnten fortdauerte, und die Schiffe im Hafen wie Schaukeln hin und her schleuderte. Am Morgen des elften war das Unwetter verschwunden, und ein reizendes Bild lag vor mir, als ich auf die lange Terrasse hinaustrat, welche die Bedachung des Hauptgebäudes ausmacht und uns einen sehr bequemen Spazierplatz bot. Ich war von einem Hufeisen von krausen, gewellten, lebhaften Bergen umzingelt: so machen sich die Uferwände von Syra, welche den Hafen umgeben, in welchem ziemlich viel Handels- und einige Dampfschiffe lagen. Dem Lazarett grade gegenüber senkt die Stadt Syra sich von der Höhe eines zuckerhutförmigen Hügels zum Meer herab. Die Spitze desselben krönt ein Kloster; um dasselbe lagert sich die Altstadt, deren Ursprung in die alten gefährlichen Zeiten fällt, wo Seeräuber die niederen Küsten unsicher machten. Jetzt aber, im Schirm des Friedens und der Sicherheit, hat sich die Neustadt bis unten herunter gewagt. Alle Häuser vom Kloster an sind blendend weiß, und sehen von ferne ungemein freundlich gegen den dunklen Hintergrund der Berge aus. Syra ist eine Handelsstadt von Wichtigkeit und hier kreuzen und treffen sich die verschiedenen Dampfschifflinien, welche Europa mit dem Zwischenreich – so kommt mir Griechenland und die Türkei vor! – und mit der Levante in Verbindung bringen, und daher ist hier auch eine Hauptquarantäne-Anstalt.

Zur Rechten, da wo das Hufeisen sich öffnet, breitet das Meer sich aus mit einem Teil der Kykladen, zu denen Syra selbst gehört. Da liegen Tino, Mykonia, das »heilige Delos«, Naxos – lauter schöne malerische blaue Berge, liebliche Töchter eines Hauses, mit ich weiß nicht welchem Zauber von Poesie und göttlichem Geheimnis angetan. Um all die schönen Bergformen schwebte ein silberner Duft und ein reizendes Farbenspiel, und die wechselvolle Beweglichkeit der Linien in der Landschaft drang ganz fröhlich in mein Auge, das durch die ernsten, langen, graden der ägyptischen Landschaft auch ganz ernst geworden ist. Dazu erklangen drüben im Kloster die Glocken. Die hatte ich nicht gehört – weiß nicht seit wann! Rührend wie ein Ruf der Liebe schwebte der sanfte feierliche Ton über das blaue Meer in den blauen Himmel hinein, und klang mir wie ein Willkommen in der Heimat. Es war ein herrlicher Morgen! – – Nachmittags kam plötzlich die Botschaft von unserem »Dante«, der noch immer im Hafen lag unentschieden ob seine Bestimmung ihn nach Alexandrien oder nach dem Piräus führen würde: jetzt sei es entschieden, er gehe nach dem Piräus, und ob jemand von seinen früheren Passagieren mitwolle? Die Quarantänetage in Syra würden uns dort angerechnet werden. Mir eine höchst willkommene Botschaft, denn es war fraglich ob am zweiundzwanzigsten und wahrscheinlich erst am siebenundzwanzigsten ein erlösendes Dampfschiff nach Syra kommen würde; überdies ein herrlicher Tag, der eine ruhige Nacht versprach – was mir bei meiner ewigen dummen Neigung zur Seekrankheit sehr wichtig ist. Nun, wir und zwei Engländer kehrten zum Dante zurück, der um halb neun Uhr abends seine Fahrt antrat. Die Nacht war so ruhig wie ich es gehofft hatte; im Schlaf fuhr ich am Vorgebirge Sunium vorüber, an der Insel Ägina und in den Piräus hinein. Ich erwachte erst als um sieben Uhr der Anker fiel und flog aufs Verdeck. Hier zog Themistokles ein nach der Schlacht von Salamis und all die Berge rund umher haben es gesehen! – Das war mein erster freudiger Gedanke da oben. Grüß dich Gott, du kleines Athen, du Königin-Priesterin, mit dem Szepter der Intelligenz, mit der Krone künstlerischer Vollendung, mit dem Purpur der Herrschaft geschmückt, mit den höchsten Gaben der Welt ausgestattet: mit Weisheit und Begeisterung. Eines oder das andre haben die Menschen, wenn's hoch kommt; deine Menschen hatten Beides. Drum ist auch seitdem nichts Herrliches, in keiner Sphäre des Lebens geschehen, was nicht vorher schon bei dir erschienen wäre. Alle Größe, allen Ruhm, allen Glanz, alle Schönheit hast du besessen und ausgestrahlt. Eine so vom Himmel begnadigte Stätte muß für ewige Zeiten dem Menschengeschlecht heilig bleiben. – – Mitten aus meiner Dithyrambe heraus wurde ich in die Schaluppe versetzt, die uns ins Lazarett brachte. Da hatten früher Angekommene die guten Zimmer besetzt, und wir mußten uns mit den Räumen begnügen, welche man oberflächlich aus Warenmagazinen in Gemächer umgeschaffen hat, so daß sie z. B. nur eine mächtige Flügeltür durch eiserne Haken von innen zu schließen, aber keine Fenster haben. Da hier nicht mehr ägyptisches Klima, sondern Regen, Gewitter und Sturm, und überhaupt sehr frische Luft herrscht, so hab' ich's freilich nicht besonders gut, indessen – in el Arisch war die Quarantäne viel unbequemer und ganz abgeschmackt, und so wie ich frei bin, bringt mich ein Wagen in einer Stunde nach Athen; ich bedaure nicht die bessere Wohnung in Syra verlassen zu haben. Drückend ist solche Gefangenschaft immer. Man hat seinen Wächter, man muß in dem winzigen Hof oder auf dem vierzig Schritt langen Kai spazieren gehen, man muß die leiseste Berührung, das Schleifen des Schleiers einer früher oder später angekommenen Person meiden, man ist zwischen Gittern eingesperrt, man verliert vierzehn Tage, und man muß all diese Unbequemlichkeiten teuer bezahlen. Allabendlich haben wir ein Schauspiel, das wir mit dem Anteil und der Pünktlichkeit von echten Gefangenen besuchen. Es ist der Moment, wo der Kanonenschuß im Hafen fällt, welcher den Sonnenuntergang verkündet. Dann sinken die Flaggen von sämtlichen Schiffen und deren Musikchöre begleiten diesen Akt mit klingendem Spiel. Hat man darauf noch ein Weilchen dem Farbenwechsel des Abendhimmels zugesehen, so schlüpft jeder in seine Zelle zurück.


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