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Kientopp und Leben. Onkel Knilli entführt Herrn Jachmann

Es ist eigentlich ein etwas betrübtes kleines Abendessen, das die drei oben in ihrem Vogelbauer halten. Und Jachmann betrachtet nachdenklich seine beiden großen Kinder, denen nicht einmal die ungewohnten Delikatessen seines gestrigen Einkaufs schmecken wollen.

Aber er sagt ausnahmsweise nichts, und dann räumt Lämmchen das Geschirr fort und den Murkel her, und nun meint Holger Jachmann: »Oh, Kinder, Kinder, eigentlich ist es ein Grauen, wenn man euch so ansieht. So sollten auch die Frömmsten nicht auf jeden Kitsch reinfallen!«

Aber Pinneberg sagt: »Daß das alles nicht stimmt, das wissen wir auch recht gut, Herr Jachmann. So einen Volontär gibt es nicht und wahrscheinlich gibt es so einen Mann auch nicht wie den kleinen Kassierer mit der Melone. Mich hat ja auch nur der Schauspieler mitgenommen, wie heißt er? Schlüter, sagen Sie –?«

Jachmann nickt und fängt an: »Aber ...«

Doch Lämmchen sagt rasch: »Ich weiß schon, was der Junge meint, und dagegen können Sie gar nichts sagen. Wenn das auch alles nicht stimmt und nur Kientopp ist, das ist richtig, daß unsereiner immer Angst haben muß, und daß es eigentlich ein Wunder ist, wenn es eine Weile gut geht. Und daß immerzu etwas passieren kann, gegen das man ganz wehrlos ist, und daß man immer zu staunen muß, daß es nicht jeden Tag passiert.«

»Ach, alles ist immer nur so gefährlich, wie man's werden läßt«, sagt Jachmann, man braucht es ja nicht an sich ranzulassen. Und wenn ich der Kassierer gewesen wäre, ich wäre einfach nach Haus gegangen und hätte mich scheiden lassen. Und dann hätte ich eben wieder geheiratet, ein junges, nettes Mädel, na also, wozu solch Aufstand? Und jetzt schlage ich vor, da der Murkel satt zu sein scheint, wir machen uns schnell fertig, denn es ist schon nach elf. Jetzt wollen wir sie mal aufkratzen.«

»Ich weiß nicht«, sagt Pinneberg und sieht sein Lämmchen fragend an. »Wollen wir überhaupt noch fort? Eigentlich habe ich keine große Lust mehr.«

Und auch Lämmchen bewegt zweifelnd ihre Schultern.

Aber da wird Jachmann wild: »So was gibt es gar nicht! Jetzt hier zu Hause hocken und Trübsal blasen über einen solchen Schmarren! Nein, jetzt gehen wir auf der Stelle los, und Sie, Pinneberg, schwirren sofort ab und besorgen uns eine Taxe, während Ihr Lämmchen sein schönstes Kleid überzieht.«

Pinneberg sieht zweifelhaft aus, aber auch Lämmchen sagt: »Nun mach schon, Junge! Er läßt doch nicht nach.«

Pinneberg geht langsam los, und nun ist es wirklich sehr nett von Jachmann, daß der ihm nachgestürzt kommt und etwas in die Hand steckt. »Da stecken Sie es fort. Wenn man ausgeht, ist es immer unangenehm, man hat gar nichts in der Tasche. Und da das bißchen Silber auch. Und denken Sie daran, Ihrer Frau auch was zu geben, Frauen brauchen ewig ein paar Groschen. Ach, reden Sie nicht, machen Sie schnell mit der Taxe.«

Und damit ist er wieder weg und Pinneberg steigt langsam die Leiter hinunter und denkt: »Nett ist er doch. Aber man müßte besser Bescheid wissen mit ihm. So ist er doch nicht ganz nett.« Und seine Hand umschließt fest die Scheine. Aber im Auto dann, als er damit vor die Wohnung fährt, kann er es doch nicht lassen, er macht die Hand auf und sieht die Scheine an und zählt sie und sagt: »Aber das geht keinesfalls, dafür muß ich ja bald einen Monat arbeiten. Verrückt ist er. Ich werde es ihm gleich sagen.«

Aber es paßt nicht gleich, denn die beiden warten schon, und im Auto muß Lämmchen ihm erzählen, daß der Murkel gleich eingeschlafen ist, und sie macht sich gar keine Sorgen, höchstens ein ganz klein bißchen, und so furchtbar lange bleiben sie ja schließlich auch nicht weg. Und wohin gehen sie eigentlich –?«

»Hören Sie, Herr Jachmann ...«, fängt Pinneberg an.

Und Jachmann sagt eilig: »Also in den Westen gehe ich nicht mit euch, Kinder. Erstens bin ich im Westen sehr bekannt und dann macht es lange nicht so viel Spaß, und zweitens ist da alles längst nicht so nett. In der Friedrichstraße ist noch so richtiger Betrieb für die Fremden, na, ihr werdet ja sehen.«

Und nun beraten sie, in was für ein Lokal sie zuerst wollen, und Jachmann macht Lämmchen den Mund immer wässriger mit Bars und Kabaretts und Varietés, und ab und zu bekommt auch Pinneberg einen Bissen ab: »Mädchen halbnackt, mein lieber Flitterwöchner!« und »Sieben Schönheiten nur mit einem Schürzchen! Pinneberg, was sagen Sie –?«

Nein, einig werden sie sich noch nicht über das Wohin und Jachmanns Vorschlag wird angenommen, erst einmal einen Bummel durch die Friedrichstraße zu machen.

So gehen sie nun also zu dreien, Lämmchen in der Mitte, sie hat sich bei ihren Männern eingehängt. Sie sind strahlender Laune und bleiben nicht nur an den Schaukästen der Varietés mit ihren betörenden Mädchen, die alle irgendwie gleich aussehen, sondern auch fast vor jedem Laden stehen. Pinneberg findet das etwas langweilig, aber da ist nun Jachmann der beste Kamerad von der Welt und er kann sich genau wie Lämmchen über ein Wiener Strickkleid begeistern und zweiundzwanzig Hüte Stück für Stück daraufhin betrachten, ob sie Lämmchen stehen würden oder nicht.

»Gehen wir noch nicht weiter?« fragt Pinneberg.

»Oh, diese Ehemänner!« sagt Jachmann. »Erst ist ihnen nichts schön genug und nachher ist ihnen alles gleich. Aber Durst kriege ich auch allmählich. Ich schlage vor, wir gehen da schräg rüber.«

Sie kreuzen also den Damm und sind schon beinahe drüben, da stoppt hinter ihnen ein Auto und eine hohe Stimme kräht: »Jachmann, bist du das!?«

Jachmann aber fährt herum und ruft verblüfft: »Onkel Knilli, haben sie dich denn noch nicht –?« Aber er bricht ab und sagt zu Pinnebergs: »Einen Augenblick, Kinder, ich komme gleich wieder.«

Das Auto ist dicht an das Trottoir herangefahren, und da steht Jachmann nun und spricht mit dem dicken gelblichen Eunuchengesicht, und wenn sie zuerst noch gelacht haben, so wird die Unterhaltung immer leiser und ernster.

Pinnebergs stehen und warten. Es dauert fünf Minuten, es dauert zehn Minuten, sie sehen ein Schaufenster an, und als in dem Schaufenster nichts mehr anzusehen ist, warten sie wieder.

»Nun könnte er aber allmählich Schluß machen«, murrt Pinneberg. »Onkel Knilli nennt er den, weißt du, was Jachmann alles für Menschen kennt ...«

»Nett sieht er wirklich nicht aus«, bestätigt auch Lämmchen. »Warum er wohl so kräht und piept?«

Pinneberg will das Lämmchen erklären, da kommt Jachmann und sagt: »Oh, Kinder, seid mir nicht böse, es wird heute abend nichts. Ich muß mit Onkel Knilli los.«

»Ja?« fragt Lämmchen zögernd. »Herr Jachmann –!«

»Geschäfte, Geschäfte. Aber morgen mittag spätestens bin ich wieder bei euch, Kinder, pünktlich zum Essen ... Und jetzt, wißt ihr was, geht allein los! Es ist ja auch viel netter für euch ohne mich ...«

»Herr Jachmann«, sagt Lämmchen wieder. »Ist es nicht besser, Sie bleiben heute lieber bei uns? Ich habe so ein Gefühl ...«

»Muß. Muß«, sagt Jachmann und ist schon beim Auto.

»Und ihr geht also ohne mich! Haben Sie noch Geld, Pinneberg?«

»Hauen Sie bloß ab, Jachmann!« ruft Pinneberg.

Und Jachmann murmelt: »Dann ist ja alles gut. Ich dachte bloß ... Also morgen mittag.«

Die Taxe ist fort und Pinneberg erzählt seinem Lämmchen von den reichlich hundert Mark, die ihm Jachmann vor einer Stunde zugesteckt hat.

»Die gibst du ihm aber morgen gleich wieder«, sagt Lämmchen energisch. »Wir gehen jetzt nach Haus! Oder hast du Lust?«

»Überhaupt keine gehabt«, sagt Pinneberg. »Morgen kriegt er sein Geld wieder.«

Aber es kommt nicht dazu. Denn eine lange, lange Zeit vergeht, und alles ist in Pinnebergs Leben sehr anders geworden, ehe sie Herrn Holger Jachmann, der pünktlich zum Mittagessen da sein wollte, wiedersehen.


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