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Der Kinderwagen und die beiden feindlichen Brüder. Wann müssen Stillgelder gezahlt werden?

Es ist drei Tage später, an einem Sonnabend.

Pinneberg ist gerade nach Hause gekommen, hat einen Augenblick an der Krippe gestanden und auf den schlafenden Murkel gesehen. Nun sitzt er mit Lämmchen am Tisch und ißt sein Abendbrot.

»Ob wir beide morgen ein bißchen ausgehen können?« fragt er. »Das Wetter ist so schön.«

Sie sieht ihn bedenklich an: »Den Jungen hier allein lassen?«

»Aber du kannst doch nicht immer im Haus bleiben, bis der Junge laufen kann, du siehst schon ganz blaß aus.«

»Nein«, sagt sie zögernd. »Wir müssen eben einen Kinderwagen kaufen.«

»Natürlich müßten wir das«, sagt er. Und vorsichtig: »Was mag das kosten?«

Sie bewegt die Achseln: »Ach, es ist ja nicht nur der Wagen. Wir müssen ja auch Kissen dafür haben und Bezüge.«

Plötzlich ist er ängstlich: »Das Geld wird alle.«

»O Gott ja«, sagt sie auch. Und plötzlich fällt ihr etwas ein: »Du mußt dir ja das Geld von der Krankenkasse geben lassen!«

»Daß ich das vergessen habe!« ruft er. »Natürlich.« Er überlegt es sich: »Hingehen kann ich nicht. Ich kann nicht schon wieder Urlaub nehmen. Und die Mittagspause ist zu kurz.«

»Also schreib.«

»Schön. Schreib ich jetzt gleich. Und dann lauf ich runter und stecke den Brief am Postamt in den Kasten.«

»Höre einmal«, sagt er, während er den fast nie benutzten Schreibkram hervorsucht. »Was meinst du, Lämmchen, wenn ich eine Zeitung hole und wir sehen nach, wo ein gebrauchter Kinderwagen zu haben ist? Sicher sind die doch inseriert.«

»Gebrauchter? Für den Murkel?« seufzt sie.

»Wir müssen sehr sparen«, mahnt er.

»Aber ich will mir das Kind ansehen, das in dem Wagen gelegen hat«, erklärt sie. »Hinter jedem Kind soll der Murkel nicht im Wagen liegen.«

»Das kannst du ja«, sagt er.

Er sitzt schon und schreibt den Brief an seine Krankenkasse, Mitgliedsnummer so und so, und anbei eine Entlassungsbescheinigung aus dem Krankenhaus und eine Stillbescheinigung, und er bitte höflichst, ihm Wochen- und Stillgeld nach Abzug der Krankenhauskosten sofort zu übersenden.

Nach einigem Zögern unterstreicht er »sofort« einmal. Und dann noch einmal. »Hochachtungsvoll Johannes Pinneberg.«

Am Sonntag kaufen sie sich die Zeitung und finden ein paar Kinderwageninserate. Pinneberg macht sich auf den Weg und gar nicht so weit ab sieht er einen schönen Wagen. Er macht Lämmchen Bericht: »Weißt du, er ist wohl Straßenbahnschaffner. Aber sie sehen ganz ordentlich aus. Der Junge kann schon laufen.«

Lämmchen erkundigt sich: »Wie sieht der Wagen denn aus?« »Ich meine, ist es ein hoher oder ein tiefer Wagen?«

»Ja ...«, sagt er zögernd. Und dann: »Weißt du, es ist ein richtiger Kinderwagen.«

Sie versucht es noch einmal: »Hat er denn hohe oder niedrige Räder?«

Aber er ist vorsichtig: »Ja, ich glaube, so mittelhoch.«

»Welche Farbe hat er denn?« forscht Lämmchen.

»Das habe ich nun nicht genau gesehen«, sagt er. Und als Lämmchen zu lachen anfängt, verteidigt er sich: »Es war gar nicht so hell in der Küche.« Plötzlich hat er eine Erleuchtung: »Es waren lauter weiße Spitzen um das Verdeck herum.«

»O Gott!« seufzt sie. »Ich möchte mal wissen, was du von dem Wagen überhaupt gesehen hast.«

»Erlaube mal, es ist ein sehr guter Wagen. Für fünfundzwanzig Mark.«

»Ja ich werde ihn mir schon selbst ansehen müssen. Jetzt sind nämlich nur tiefe Kinderwagen modern, mit ganz niedrigen Rädern.«

Vorsichtshalber baut er gleich vor: »Ich glaube, dem Murkel ist es ganz egal, ob er mit tiefen oder hohen Rädern gefahren wird.«

»Der Murkel soll es aber nett haben«, erklärt sie. –

Als nun der Junge getrunken hat und friedlich schlafend in seiner Krippe liegt, machen sie sich zum Ausgehen fertig. An der Schwelle bleibt Lämmchen stehen und dann geht sie noch einmal zurück und sieht auf das schlafende Kind und geht wieder zur Tür.

»Ihn so allein zu lassen«, sagt sie, während sie losgehen. »Manche Leute wissen gar nicht, wie gut sie es haben.«

»In anderthalb Stunden können wir ja wieder zurück sein«, tröstet er. »Sicher schläft er ganz fest und er kann sich ja noch gar nicht rühren.«

»Trotzdem«, beharrt sie. »Leicht ist es nicht.«

Und natürlich ist der Kinderwagen ein ganz unmoderner hoher Wagen, sehr sauber, aber ganz unmodern.

Ein kleiner blonder Junge steht dabei und sieht den Wagen auch an, ernsthaft. »Das ist sein Wagen«, erklärt die Mutter. »Fünfundzwanzig Mark ist viel Geld für solch unmodernen Wagen«, meint Lämmchen.

»Ich kann Ihnen ja noch die Kissen zugeben«, sagt die Frau. »Und die Roßhaarunterlage. Die hat allein acht Mark gekostet.«

»Ja ...«, sagt Lämmchen zögernd.

»Vierundzwanzig Mark«, sagt der Schaffner mit Blick auf seine Frau.

»Er ist wirklich wie neu«, sagt die Frau. »Und die niedrigen Wagen sind gar nicht so praktisch.«

»Was meinst du –?« fragt Lämmchen zögernd.

»Ja«, sagt er. »Viel kannst du ja auch nicht herumlaufen.«

»Ja ...«, sagt Lämmchen. »Na also, schön, vierundzwanzig Mark und Kissen und Unterlage.«

Sie kaufen den Wagen und nehmen ihn gleich mit. Der kleine Junge weint sehr, daß ihm sein Wagen fortgenommen wird, und es söhnt Lämmchen ein wenig mit dem unmodernen Stück aus, daß ein Kind so daran hängt.

Dann gehen sie beide auf der Straße, dem Wagen sieht man es nicht an, daß nichts drin liegt wie ein paar Kissen. Es könnte ebenso gut ein Kind darin liegen.

Pinneberg legt seine Hand manchmal auf den Rand. »Nun sind wir ein ganz richtiges Ehepaar«, sagt er.

»Ja«, sagt sie. »Den Wagen müssen wir immer unten in Puttbreeses Möbellager stehen lassen. Schön ist das nicht.«

»Nein«, sagt er. –

Als Pinneberg am Montagabend von Mandel nach Haus kommt, fragt er: »Nun, haben die von der Krankenkasse Geld geschickt?«

»Nein, noch nicht«, antwortet Lämmchen. »Es wird wohl morgen kommen.«

»Ja, sicher«, sagt er. »Es kann ja eigentlich auch noch gar nicht da sein.«

Aber am Dienstag ist das Geld auch noch nicht da und sie sind knapp vor dem Ersten. Das Gehalt ist alle und von der Hundertmarkreserve ist kaum mehr als ein Fünfzigmarkschein da.

»Der darf und darf nicht angerissen werden«, sagt Lämmchen. »Der ist nun unser letztes.«

»Nein«, sagt Pinneberg und ärgert sich sachte. »Das Geld müßte da sein. Morgen mittag gehe ich hin und mache Dampf.«

»Warte doch noch morgen abend ab«, rät Lämmchen.

»Nein, morgen mittag gehe ich hin.«

Also, er geht hin, die Zeit ist knapp, sein Mittagessen in der Kantine muß ausfallen, es kostet vierzig Pfennig Fahrgeld, aber immerhin sieht er ein, daß derjenige, der Geld zu zahlen hat, es meistens nicht so eilig hat wie der, der es bekommen will. Er will nicht etwa Krach machen, er will etwas Dampf hinter die Sache machen.

Nun gut, er kommt in das Verwaltungsgebäude der Krankenkasse. Solch Verwaltungsgebäude mit Portier, Riesenvorhalle, künstlerisch ausgeführten Schalterräumen ist etwas ganz Ausgezeichnetes.

Hier kommt der kleine Mann Pinneberg, er will hundert Mark haben oder vielleicht werden es hundertzwanzig Mark, er hat keine Ahnung, was nach Abzug der Krankenhauskosten bleibt, und er kommt in ein schönes helles Riesengebäude. Er steht so hübsch klein und schäbig in der Mammuthalle. Pinneberg, mein Lieber, hundert Mark, hier geht es um die Millionen. Die hundert Mark sind dir wichtig? Für uns sind sie ganz unwichtig, für uns spielt das gar keine Rolle. Das heißt, eine Rolle spielt es schon, na, das wirst du nachher sehen. Zwar ist dies Gebäude aus deinen Beiträgen und aus denen von Leuten, die ebenso klein sind wie du, aufgebaut, aber daran darfst du jetzt nicht denken. Wir benutzen deine Beiträge genau den gesetzlichen Bestimmungen gemäß.

Ein Trost für Pinneberg, daß hinter der Barre Angestellte wie er sitzen, Kollegen gewissermaßen. Sonst könnte er ja ganz verzagt werden inmitten dieser edlen Hölzer und Steine.

Pinneberg sieht scharf um sich, das dort ist der richtige Schalter, Buchstabe P. Ein junger Mann sitzt da, beruhigend offen, nicht abgesperrt, nur an der anderen Seite der Barre.

»Pinneberg«, sagt Pinneberg, »Johannes. Mitgliedsnummer 606 867. Meine Frau hat ein Kind bekommen und ich habe Ihnen wegen des Wochen- und Stillgeldes ...«

Der junge Mann ist mit einem Kartothekkasten beschäftigt, er hat keine Zeit aufzusehen. Aber er streckt eine Hand aus und sagt: »Mitgliedskarte.«

»Hier«, sagt Pinneberg. »Ich habe Ihnen geschrieben ...«

»Geburtsurkunde«, sagt der junge Mann und streckt wieder die Hand aus.

Pinneberg sagt sanft: »Ich habe Ihnen geschrieben, Herr Kollege, ich habe Ihnen die Unterlagen, die ich vom Krankenhaus bekommen habe, eingeschickt.«

Der junge Mann sieht hoch. Er sieht Pinneberg an: »Na, was wollen Sie denn noch?«

»Ich will fragen, ob die Sache erledigt ist. Ob das Geld abgeschickt ist. Ich brauche das Geld.«

»Geld brauchen wir alle.«

Pinneberg fragt noch sanfter: »Ist das Geld an mich abgesandt?«

»Weiß ich nicht«, sagt der junge Mann. »Wenn Sie es schriftlich beantragt haben, wird es auch schriftlich erledigt.«

»Können Sie vielleicht feststellen, ob es erledigt ist?«

»Bei uns wird alles prompt erledigt.«

»Es hätte aber gestern schon da sein müssen.«

»Wieso gestern? Woher wissen Sie denn das?«

»Ich habe mir das ausgerechnet. Wenn es prompt erledigt worden ist ...«

»Was Sie rechnen –! Wie können Sie denn wissen, wie die Sache hier erledigt wird. Da gibt es mehr Instanzen.«

»Wenn es aber prompt erledigt ist ...«

»Hier wird alles prompt erledigt, da verlassen Sie sich drauf.«

Pinneberg sagt sanft und fest: »Wollen Sie sich nun also erkundigen, ob die Sache erledigt ist oder nicht?«

Der junge Mann sieht Pinneberg an, Pinneberg sieht den jungen Mann an. Sie sind beide recht anständig gekleidet. Pinneberg muß das ja schon von Berufs wegen, sie sind beide sauber gewaschen und rasiert, beide haben saubere Nägel und beide sind sie Angestellte.

Aber beide sind Feinde, Todfeinde, denn einer sitzt hinter der Barriere und der andere steht davor. Der eine will, was er für sein Recht hält, aber der andere hält es für eine Belästigung.

»Nichts wie unnötige Scherereien«, brummt der junge Mann. Aber er steht unter Pinnebergs Blick auf und entschwindet in den Hintergrund. Im Hintergrund ist eine Tür, durch die Tür verschwindet der junge Mann. Pinneberg sieht ihm nach. Auf der Tür ist ein Schild, Pinnebergs Augen sind nicht gut genug, um ganz bestimmt die Schrift dieses Schildes lesen zu können, aber je länger er dorthin schaut, um so überzeugter ist er, auf dem Schild steht: »Toiletten«.

Eine Wut ist in ihm. Einen Meter ab sitzt ein anderer junger Mann, er hat den Buchstaben O. Pinneberg möchte ihn gern fragen, wegen der Toiletten, aber es hat keinen Sinn, O wird nicht anders sein als P, die Schalterhalle macht es und die Barriere macht es.

Nach einer ziemlich langen Zeit, eigentlich nach einer sehr langen Zeit erscheint der junge Mann wieder durch dieselbe Tür, auf der, wie Pinneberg annimmt, »Toiletten« steht.

Pinneberg schaut ihm gespannt entgegen, aber er wird nicht angesehen. Der junge Mann setzt sich, nimmt Pinnebergs Mitgliedskarte, legt sie auf die Barriere und sagt: »Ist erledigt.«

»Das Geld ist abgeschickt? Gestern oder heute?«

»Ist schriftlich erledigt, sage ich Ihnen doch.«

»Wann bitte?!«

»Gestern.«

Pinneberg sieht den jungen Mann noch einmal an. Es kommt ihm nicht geheuer vor, es waren doch wohl nur die Toiletten. »Wenn ich das Geld nicht zu Haus vorfinde, sage ich Ihnen –!« erklärt er drohend.

Aber er ist abgemeldet bei dem jungen Mann. Der spricht mit seinem Gegenüber, dem Buchstaben O, über »komische Leute«. Pinneberg schaut sich den Kollegen noch einmal an, sowas hat er schon immer gewußt, aber er ärgert sich doch. Dann sieht er auf seine Uhr: nun muß es aber mit der Elektrischen sehr klappen, wenn er rechtzeitig bei Mandel sein will.

Natürlich klappt es nicht. Natürlich wird er nicht nur bei der Torkontrolle erwischt, nein, Herr Jänecke faßt ihn auch noch auf der Abteilung ab, als er atemlos angeprescht kommt. Herr Jänecke sagt: »Nun, Herr Pinneberg? Kein Interesse an der Arbeit –?«

»Ich bitte um Entschuldigung«, keucht Pinneberg. »Ich war nur zur Krankenkasse. Wegen der Entbindung von meiner Frau.«

»Lieber Pinneberg«, sagt Herr Jänecke mit Festigkeit, »das erzählen Sie mir nun seit vier Wochen, daß Ihre Frau entbunden wird. Ich finde es ja eine große Leistung, aber vielleicht denken Sie sich das nächste Mal etwas anderes aus.«

Und ehe Pinneberg noch ein Wort antworten kann, entschwindet Herr Jänecke, Schritt um Schritt, und Pinneberg sieht ihm nach.

Aber am Nachmittag gelingt es Pinneberg doch, wenigstens mit Heilbutt hinter dem großen Mantelständer einen kleinen Plausch zu halten. Das haben sie lange nicht getan, es ist zwischen den beiden nicht mehr ganz so wie früher. Seit Heilbutt von Pinneberg nie ein Wort über den Badeabend gehört hat, geschweige denn eine Beitrittserklärung, ist etwas zwischen ihnen. Natürlich ist Heilbutt viel zu höflich, um den Gekränkten zu spielen, aber der alte Ton ist es nicht mehr.

Pinneberg schüttet sein Herz aus. Erst erzählt er von Jänecke, aber da zuckt Heilbutt nur die Achsel: »Der Jänecke. Gott, wenn du dir das zu Herzen nimmst!«

Schön, Pinneberg wird es sich also nicht mehr zu Herzen nehmen, aber die Leute von der Krankenkasse ...

»Nett«, sagt Heilbutt. »Sehr nett. Genau wie solche Leute sein müssen. Aber erst mal die Hauptsache: wenn ich dir mit fünfzig Mark aushelfen kann?«

Pinneberg ist gerührt: »Nein, nein, Heilbutt. Keinesfalls. Wir schlängeln uns schon durch. Es ist ja nur, weil man doch ein Recht hat auf das Geld. Sieh mal, die Entbindung ist nun bald drei Wochen her.«

»Auf die Geschichte, die du eben erzählt hast«, sagt Heilbutt nachdenklich, »würde ich nichts machen. Der Kerl streitet ja doch alles ab. Aber wenn du heute abend das Geld nicht zu Haus hast, dann würde ich mich beschweren.«

»Ach, das hilft ja auch nichts«, sagt Pinneberg mutlos. »Mit uns können sie es doch machen.«

»Nicht bei denen beschweren, das hat natürlich keinen Sinn. Aber es gibt ein Aufsichtsamt für Privatversicherungen, dem sind die unterstellt. Warte mal, ich sehe gleich die Adresse im Telefonbuch nach.«

»Ja, wenn es so was gibt«, meint Pinneberg hoffnungsvoller.

»Du sollst mal sehen, wie das Geld geflitzt kommt.«

Also Pinneberg geht nach Haus, er langt bei Lämmchen an, er fragt: »Das Geld?«

Lämmchen bewegt die Achseln: »Nichts. Aber es ist ein Brief von denen da.«

Pinneberg hört noch den frechen Tonfall von dem »Ist erledigt«, wie er den Brief aufreißt. Wenn er den jetzt da hätte, den Kollegen, wenn er den doch da hätte ...!

Also es ist ein Brief und es sind zwei schöne Fragebogen, nein, kein Geld, das Geld hat Zeit.

Papier. Ein Brief. Zwei Fragebogen. Aber sich einfach hinsetzen und die ausfüllen? O nein, mein Lieber, so einfach machen wir es dir nicht. Zuerst besorge dir einmal eine standesamtliche Geburtsurkunde für »Kassenzwecke«, denn die Krankenhausbescheinigung über die Geburt genügt uns natürlich nicht. Dann unterschreibe die Fragebogen und fülle sie hübsch aus, es werden da zwar lauter Sachen gefragt, die wir alle schon in unserer Kartothek haben, wieviel du verdienst, wann du geboren bist und wo du wohnst, aber ein Fragebogen ist immer hübsch.

Nun, mein Lieber, kommt die Hauptsache: Das alles ließe sich ja eventuell in einem Tag ganz gut erledigen, nun besorge uns aber erstmal Bescheinigungen, welchen Krankenkassen du und deine Frau in den beiden letzten Jahren angehört hat. Es ist uns zwar bekannt, daß die Ärzte der Ansicht zuneigen, daß im allgemeinen Frauen Kinder nur neun Monate tragen, aber sicher ist sicher, die letzten zwei Jahre, bitte schön. Vielleicht können wir dann die Kosten auf eine andere Kasse abwälzen.

Haben Sie die Güte, Herr Pinneberg, bitte gedulden Sie sich mit der Erledigung dieser Angelegenheit bis zum Eingang der notwendigen Unterlagen.

Ja, Pinneberg sieht also Lämmchen an und Lämmchen sieht Pinneberg an.

»Reg dich bloß nicht so schrecklich auf«, sagt sie. »Die sind nun mal so.«

»O Gott«, stöhnt Pinneberg. »Diese verruchten Schweine. Hätte ich den Kerl nur da –!«

»Laß man«, sagt Lämmchen. »Wir schreiben gleich an die Krankenkassen. Und wir legen Freiumschläge bei ...«

»Was das alles wieder für Geld kostet!«

»Und in drei, vielleicht vier Tagen haben wir alles beisammen und schicken es denen ein.«

Schließlich setzt sich Pinneberg hin und schreibt. Bei ihm ist der Fall einfach, er hat nur an seine Krankenkasse in Ducherow zu schreiben, aber Lämmchen war vorher in Platz leider in zwei verschiedenen Kassen, nun, man muß mal sehen, irgendwann werden die Brüder ja schreiben ...

»... bis zum Eingang der notwendigen Unterlagen zu gedulden ...«

Und als diese Briefe geschrieben sind und Lämmchen friedlich dasitzt in ihrem rotweißen Bademantel, als sie ihren Murkel an der Brust hält und das Kind trinkt, trinkt, trinkt –, da taucht Pinneberg noch einmal die Feder in das Tintenfaß, schreibt mit seiner schönsten Handschrift einen Beschwerdebrief an das Aufsichtsamt für Privatversicherungen.

Nein, es ist kein Beschwerdebrief, so hoch versteigt er sich nicht, es ist nur eine Anfrage: darf die Krankenkasse die Auszahlung von Wochen- und Stillgeld von der Beibringung dieser Unterlagen abhängig machen? Muß ich wirklich über die letzten zwei Jahre ...?

Und dann ist es eine Bitte: Können Sie nicht dafür sorgen, daß ich das Geld bald bekomme? Ich brauche es nämlich.

Lämmchen verspricht sich nicht viel von diesem Brief: »Die werden sich gerade um uns Arbeit machen!«

»Aber es ist doch ungerecht!« ruft Pinneberg. »Stillgelder müssen doch während der Stillzeit gezahlt werden. Sonst hat doch das alles keinen Sinn.«

Und Pinneberg scheint wirklich recht zu behalten: schon drei Tage später erhält er eine Postkarte, daß seine Eingabe zu Erhebungen Anlaß gegeben hätte, nach deren Abschluß ihm weiterer Bescheid erteilt werden würde.

»Siehst du«, sagt er triumphierend zu Lämmchen.

»Zu was denn noch Erhebungen?« fragt Lämmchen. »Die Sache ist doch eigentlich klar.«

»Du wirst ja sehen«, verspricht er.

Nun wird es still um Pinneberg. Die fünfzig Mark werden natürlich angegriffen, aber dann kommt ja gleich das Gehalt und es wird wieder ein Hundertmarkschein zurückgelegt. Das Geld muß nun doch jeden Tag kommen.

Aber weder das Geld kommt, noch scheinen die Erhebungen schon zu einem Abschluß geführt zu haben. Was zuerst eintrifft, das sind die Bescheinigungen der Krankenkassen in Ducherow und Platz. Pinneberg packt alles zusammen: die Bescheinigungen, die Fragebogen, die Geburtsurkunde des Standesamtes, die Lämmchen längst besorgt hat. Und bringt alles zur Post.

»Nun bin ich ja gespannt«, sagt er.

Aber in Wahrheit ist er gar nicht sehr gespannt, er hat sich so geärgert, er hat vor Wut nicht einschlafen können, es hat alles keinen Sinn gehabt. Wir ändern nichts, es ist wie eine Wand, gegen die man anläuft. Es wird nicht anders.

Und dann kommt das Geld, es kommt jetzt wirklich sehr prompt, es ist direkt nach Eingang der Unterlagen abgesandt.

»Siehst du«, sagt er wieder einmal. Lämmchen sieht es, aber sie sagt lieber nichts, denn dann fängt er wieder an sich zu ärgern. »Und nun bin ich gespannt, was dieses Aufsichtsamt für Erhebungen macht. Sicher kriegen die auf der Kasse einen auf den Deckel!«

»Ich glaube nicht, daß die noch schreiben«, sagt Lämmchen. »Wir haben doch das Geld.«

Und Lämmchen scheint recht zu haben, eine Woche vergeht, und dann vergeht noch eine Woche. Und dann vergeht die dritte Woche. Und eine vierte Woche setzt ein ...

Manchmal sagt Pinneberg in dieser Zeit: »Ganz verstehe ich diese Herren ja auch nicht. Ich hab ihnen doch geschrieben, daß ich das Geld brauche, und nun lassen sie sich so sehr Zeit. Viel Sinn hat das nicht.«

»Die werden gar nicht mehr schreiben«, sagt Lämmchen wieder. Aber da hat Lämmchen unrecht. In der vierten Woche schreiben sie, sie schreiben kurz und würdevoll, daß sie die Angelegenheit für erledigt ansehen, da Herr Pinneberg bereits sein Geld von der Kasse bekommen hat.

Ist das alles? Pinneberg hat ja immerhin gefragt, ob die Kasse berechtigt sei, so umständlich zu beschaffende Unterlagen zu verlangen?

Ja, für dieses Aufsichtsamt ist es alles, die Beantwortung von Pinnebergs Fragen ist unnötig, er hat sein Geld.

Aber es ist doch nicht alles. Da sind die hohen Herren in dem herrlichen Krankenkassengebäude, einer ihrer niedersten Vertreter, ein junger Mann in der Schalterhalle hat Herrn Pinneberg einmal sehr hübsch abgefertigt. Nun fertigen ihn die hohen Herren höchstselbst ab. Sie haben einen Brief über den Angestellten Pinneberg geschrieben an das Aufsichtsamt. Und das Aufsichtsamt überreicht nun eine Abschrift dieses Briefes Herrn Pinneberg.

Was schreiben sie? Daß seine Beschwerde unbegründet ist. Nun, das ist selbstverständlich, das müssen sie schreiben. Aber warum ist seine Beschwerde unbegründet?

Weil Herr Pinneberg ein Bummelant ist. Seht, er hat sich die standesamtliche Geburtsurkunde schon an dem und dem Tag ausstellen lassen, und er hat sie der Kasse doch erst eine Woche später gesandt! »Auf welcher Seite die Verzögerung liegt, ist an Hand der Akte sehr leicht festzustellen«, so schreibt die Kasse.

»Und die Brüder schreiben kein Wort davon, daß sie doch auch die anderen Unterlagen wegen der letzten beiden Jahre haben wollten«, stöhnt Pinneberg. »Sie haben doch sämtliche Unterlagen verlangt, und die Bescheinigungen kamen doch nicht früher!«

»Da siehst du es«, sagt Lämmchen.

»Ja, da sehe ich es«, sagt Pinneberg wild. »Schweine sind das. Die lügen und fälschen, und wir stehen nachher da wie die Stänkerer. Aber jetzt will ich ...« Er versinkt in Nachdenken und schweigt.

»Was willst du?« fragt Lämmchen.

»Ich werde«, sagt er feierlich, »noch einmal an das Aufsichtsamt schreiben. Ich werde denen sagen, daß die Sache für mich nicht erledigt ist, daß es sich nicht nur um das Geld handelt, sondern daß die den Tatbestand gefälscht haben. Daß das abgestellt werden muß! Daß wir anständig behandelt werden müssen, daß wir Menschen sind.«

»Hat es einen Zweck –?« fragt Lämmchen.

»Aber sollen die alles machen dürfen?« fragt er wild. »Sitzen die nicht schon warm und sicher und reich in ihren Palästen und verwalten uns? Und nun sollen sie uns noch mies machen dürfen und zu Stänkerern! Nein, ich lasse das nicht durch. Ich wehre mich, ich will was tun –!«

»Nein, es hat keinen Zweck«, sagt Lämmchen wieder. »Es lohnt gar nicht. Sieh mal, wie aufgeregt bist du jetzt schon wieder. Du mußt den ganzen Tag arbeiten, und die kommen fein schön ausgeruht in ihr Büro und können sich Zeit lassen und telephonieren mit den Herren vom Aufsichtsamt, und die gehören viel eher zueinander als zu dir. Du machst dich kaputt, und am Ende lachen sie über dich.«

»Aber man muß doch was tun!« ruft er verzweifelt. »Ich ertrag das einfach nicht länger. Sollen wir zu allem still sein? Sollen wir uns immer treten lassen?«

»Die, die wir treten könnten, die wollen wir nicht treten«, sagt Lämmchen und nimmt den Murkel aus seiner Krippe, um ihm die Abendbrust zu verabreichen. »Ich weiß es doch von Vater her. Einer kann gar nichts machen, über den freuen sie sich nur, wie er sich abhampelt. Da haben die ihren Spaß daran.«

»Und ich möchte doch ...«, fängt Pinneberg hartnäckig wieder an.

»Nichts«, sagt Lämmchen. »Nichts. Hör doch schon auf.«

Und sie sieht so böse aus, daß Pinneberg sie nur einen Augenblick betrachtet, ganz verblüfft, so kennt er sie nicht.

Und dann geht er gegen das Fenster und sieht hinaus und halblaut sagt er: »Und das nächste Mal wähle ich doch Kommunisten!«

Aber Lämmchen antwortet nicht. Und das Kind trinkt zufrieden.


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