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Ein echt französisches Fürstenbett, aber zu teuer. Jachmann weiß von keiner Stellung und Lämmchen lernt bitten

Frau Pinneberg öffnete die Tür eines Zimmers und sagte triumphierend: »Also, das ist nun euer Zimmer ...«

Sie schaltete das Licht ein und rötlicher Ampelschimmer mischte sich mit dem Licht des vergehenden Septembertages. Sie hatte von fürstlich gesprochen. Dies war fürwahr fürstlich! Auf einer Stufe stand das Bett, ein breites Bett, vergoldetes Holz mit Putten. Rote seidene Steppdecken, irgend ein weißes Fell auf der Stufe. Ein Baldachin darüber. Ein Paradebett, ein Prunkbett ...

»Oh Gott!« rief Lämmchen auch in dieser ihrer neuen Wohnung. Dann sagte sie sacht: »Aber das ist viel zu fein für uns. Wir sind ganz kleine Leute.«

»Es ist ganz echt«, sagte Frau Pinneberg stolz. »Louis XVI oder Rokoko, ich weiß nicht mehr, da müßt ihr Jachmann fragen, der hat es mir geschenkt.«

»Geschenkt«, denkt Pinneberg. »Schenkt ihr Betten.«

»Ich hab's bisher immer vermietet«, fährt Frau Mia Pinneberg fort. »Es sieht ja glänzend aus, aber so richtig bequem ist es doch nicht. Meistens an Ausländer. Mit dem kleinen Zimmer drüben zusammen habe ich zweihundert dafür bekommen im Monat. Aber wer zahlt das heute noch? Wir rechnen es euch für hundert.«

»Hundert Mark kann ich unmöglich für Miete ausgeben, Mama«, erklärt Pinneberg.

»Aber warum nicht? Hundert Mark ist doch nicht viel für so ein elegantes Zimmer. Das Telefon könnt ihr auch mit benutzen.«

»Ich brauche kein Telefon. Ich brauche kein feines Zimmer«, sagt Pinneberg ärgerlich. »Ich weiß ja noch gar nicht, was ich verdiene, und du sagst hundert Mark Miete.«

»Also trinken wir Kaffee«, sagt Frau Pinneberg und schaltet das Licht wieder aus. »Wenn du nicht weißt, was du verdienst, kannst du vielleicht hundert Mark sehr gut bezahlen. Eure Sachen legt man gleich hier ab. Und hör mal zu, Lämmchen. Meine Aufwartung, die Möllern, hat mich gerade heute in Stich gelassen, du hilfst mir ein bißchen bei den Vorbereitungen? Es macht dir doch nichts aus?«

»Gerne tue ich das, Mama«, sagt Lämmchen. »Sehr gern. Hoffentlich bin ich nur geschickt genug, ich bin ja gar keine richtige Hausfrau.«

Nach einer Weile ist das Bild in der Küche dann dies: auf einem etwas zerbrochenen Rohrsessel sitzt Frau Pinneberg senior und raucht eine Zigarette nach der andern. Und am Abwaschtisch stehen die beiden jungen Pinnebergs und waschen ab. Lämmchen wäscht ab, er trocknet ab. Es ist endlos viel abzuwaschen, überall stehen Töpfe mit Speiseresten, Regimenter von Tassen, Schwadronen von Weingläsern, Teller, Bestecke, Bestecke und noch mal Bestecke ... Es ist sicher seit vierzehn Tagen nicht abgewaschen worden.

Frau Mia Pinneberg unterhält die beiden: »Also, diese Möllern, da sieht man es wieder. Ich komme ja sonst nie in die Küche, und nun macht sie es so! Wozu ich der immer mein teures Geld in den Hals stecke, gleich morgen schmeiße ich sie raus. Hans, mein Sohn, paß ein bißchen auf, daß keine Fusseln von dem Tuch an den Weingläsern sitzen bleiben. Jachmann ist in so was schrecklich penibel, er wirft solch Glas einfach an die Wand. Und wenn wir nun mit dem Aufwaschen fertig sind, bereiten wir gleich das Abendessen vor. Das macht nicht viel Mühe; nette Brötchen, irgendwo muß noch ein großer Rest Kalbsbraten stehen. – Gottlob, da kommt Jachmann, der muß auch helfen.«

Die Tür geht auf und Herr Holger Jachmann tritt ein.

»Wen haben wir denn da?« fragt er verdutzt und starrt auf die beiden Aufwäscher.

Jachmann ist ein Hüne, Jachmann ist ganz, ganz anders, als sich Pinnebergs ihn vorgestellt haben. Ein großer blonder Mensch, blauäugig, mit einem starken, fröhlichen, graden Gesicht, ganz breite Schultern, selbst jetzt, im halben Winter, ohne Jackett und Weste.

»Wen haben wir denn da?« fragt er verblüfft und steht unter der Tür. »Ist das olle Biest, die Möllern, endlich an unserm gestohlenen Schnaps krepiert?«

»Reizend, Jachmann«, sagt Frau Pinneberg, bleibt aber ruhig sitzen. »Da stehst du und starrst. Ich müßte das eigentlich anstreichen, wie oft du stehst und starrst. Wo ich dir ausdrücklich erzählt habe, ich erwarte meinen Sohn und meine Schwiegertochter.«

»Kein Wort hast du mir erzählt, Pinneberg, kein Wort«, schwört der Riese. »Höre zum ersten Mal, daß du einen Sohn hast. Und nun auch noch eine Schwiegertochter. Gnädige Frau –«, Lämmchen am Abwaschtisch, mit der nassen Hand, bekommt den ersten Handkuß ihres Lebens. »Gnädige Frau, ich bin entzückt. Werden Sie hier immer abwaschen? Gestatten Sie!« Er nimmt ihr einen Topf aus der Hand. »Dies scheint ein verzweifelter Fall. Hier hat Pinneberg Schuhsohlen auf dem Kochwege herstellen wollen. Wenn ich mich recht erinnere und die krepierte Möller hat's nicht mit ins Grab genommen, muß Ata unten im Küchenschrank stehen. Ich danke Ihnen, junger Mann, unsere Freundschaft begießen wir nachher.«

»Du redest, Jachmann«, läßt sich Frau Pinneberg aus dem Hintergrund vernehmen. »Du bändelst an. Und du behauptest, ich hätte dir nie von meinem Sohn erzählt. Und dabei hast du diesem meinem Sohn eine Stellung bei Mandel besorgt, selbst, höchst persönlich, zum ersten Oktober anzutreten, was morgen ist. So bist du, Jachmann.«

»Ich? Ausgeschlossen!« grinst Jachmann. »Ich mach so was nie, Stellung besorgen in heutigen Zeiten. Pinneberg, das bringt nur Kummer.«

»Oh Gott, was für ein Mann!« ruft Frau Pinneberg aus. »Und dabei hast du mir gesagt, die Sache ist perfekt, ich soll ihn kommen lassen.«

»Aber du irrst dich, Pinneberg, du ganz allein. Ich habe vielleicht mal davon gesprochen, daß sich womöglich was machen ließe, mir schwebt dunkel so was vor, von Sohn hast du aber bestimmt nichts gesagt. Immer deine verfluchte Eitelkeit. Sohn, das Wort habe ich noch nie von dir gehört.«

»So«, sagt Frau Pinneberg empört.

»Und daß ich etwas von perfekt gesagt haben soll – ich bin so minutiös in meinen Geschäften, ich bin der ordentlichste Mensch in der Welt, ich bin der reine Pedant, also ausgeschlossen ist das. Ich bin erst vorgestern mit Lehmann von Mandel zusammen gewesen – das ist da der Personalchef –, der hätte mir doch ein Wort gesagt. Nee, Pinneberg, da hast du wieder mal Luftschlösser gebaut.«

Die beiden jungen Pinnebergs haben schon längst mit Aufwaschen Schluß gemacht, sie stehen da und sehen von einem zum andern. Zur Mama, vom Hünen einfach als Pinneberg angesprochen, und zu dem Riesen Jachmann, der mit schöner Ruhe alles von sich wegredet. Und nun den Fall für erledigt ansieht, für gänzlich erledigt.

Aber da ist Johannes Pinneberg. Der Jachmann ist ihm schnurz, den beachtet er gar nicht, den kann er schon nicht riechen, der kohlt ja, denkt er. Aber er macht drei Schritte auf die Mutter zu und sagt, sehr weiß und ein wenig stockend, aber sehr deutlich:

»Mama, soll das heißen, daß du uns aus Ducherow hast kommen und das viele Reisegeld hast ausgeben lassen, bloß auf einen blauen Dunst hin? Bloß weil du dein Fürstenbett gerne für hundert Mark vermietet hättest ...«

»Junge«, ruft Lämmchen.

Aber der Junge fährt immer fester fort: »Und bloß weil du jemand zum Aufwaschen brauchst? Wir sind arme Leute, Lämmchen und ich, wahrscheinlich kriege ich hier nicht mal Arbeitslosenunterstützung und was – was?« Plötzlich fängt er an zu schlucken. »«Was in aller Welt sollen wir jetzt tun?«

Er sieht sich in der Küche rund um.

»Nun, nun, nun«, sagt die Mama, »weine man bloß nicht. Zurückfahren nach Ducherow könnt ihr immer noch. Und das habt ihr ja gehört und du auch, Lämmchen, daß ich an der ganzen Sache unschuldig bin, daß das wieder dieser Mensch, der Jachmann verbummelt hat. Ja, wenn man auf ihn hört, ist alles perfekt und er der ordentlichste Mensch von der Sonne, aber in Wirklichkeit ... Wie er dasteht, ich wette, er hat vergessen, daß heute Stoschussens drei Holländer bringen und daß er den Müllensiefen auffordern sollte und die Claire und die Nina. Und neue Ecarté-Karten solltest du auch mitbringen –«

»Da hören Sie's«, sagt der Riese triumphierend. »So ist Pinneberg. Von den drei Holländern hat sie mir erzählt und daß ich die Mädels bestellen sollte. Aber kein Wort von Müllensiefen! Was brauchen wir übrigens Müllensiefen? Was Müllensiefen kann, kann ich lange.«

»Und die Ecarté-Karten, mein Schätzchen?« fragt Frau Pinneberg lauernd.

»Hab ich! Hab ich! Stecken in meinem Paletot. Ich denke wenigstens, sie müssen drin stecken, wenn ich ihn angezogen habe – ... Ich will doch gleich einmal auf dem Flur nachsehen ...«

»Herr Jachmann!« sagt plötzlich Lämmchen und tritt ihm in den Weg. »Hören Sie einen Augenblick zu. Sehen Sie, für Sie ist das gar nichts, daß wir keine Stellung haben. Sie können sich wahrscheinlich immer helfen. Sie sind viel klüger als wir ...«

»Hörst du, Pinneberg«, ruft Jachmann sehr befriedigt.

»Aber wir sind ganz einfache Menschen. Und wir sind sehr unglücklich, wenn mein Junge keine Stellung hat. Und darum bitte ich Sie, wenn Sie's können, dann tun Sie's, dann besorgen Sie uns eine.«

»Kleine junge Frau«, sagt der große Mann mit Nachdruck, »wissen Sie, ich mach es. Ich besorg Ihrem Jungen da 'ne Stellung. Was soll's denn sein? Wieviel muß er denn verdienen, damit Sie leben können?«

»Aber du weißt doch alles ganz gut«, läßt sich Frau Pinneberg vernehmen. »Verkäufer bei Mandel. Herrenkonfektion.«

»Bei Mandel? Mögen Sie denn das in so einer Knochenmühle?« fragt Jachmann und kneift die Augen ein. »Außerdem glaub ich nicht, daß er da mehr als fünfhundert monatlich kriegt.«

»Du bist verrückt«, sagt Frau Pinneberg.. »Verkäufer mit fünfhundert! Zweihundert. Zweihundertfünfzig höchstens.«

Und auch Pinneberg nickt dazu.

»Na also!« sagt der Riese erlöst. »Dann lassen Sie doch den Quatsch. Nee, wissen Sie, ich werde mal mit dem Manasse reden, wir machen Ihnen einen feinen kleinen Laden auf im alten Westen, irgend was ganz Ausgefallenes, auf das kein Mensch kommt. Ich gründe Sie, junge Frau, ich gründe Sie groß.«

»Nun höre schon auf«, sagt Frau Pinneberg ärgerlich. »Von deinen Gründungen habe ich wirklich die Nase voll.«

Und Lämmchen sagt: »Nur die Stellung, Herr Jachmann, nur die Stellung zu Tarifgehalt.«

»Wenn's weiter nichts ist! So was habe ich schon hundertmal eingerenkt. Also bei Mandel. Geh ich einfach zum ollen Lehmann, der ist so dusselig, daß er sich freut, wenn er einem einen Gefallen tun kann.«

»Aber Sie dürfen es nicht vergessen, Herr Jachmann. Es muß sofort sein.«

»Morgen spreche ich mit ihm. Übermorgen fängt Ihr Mann an. Ehrenwort.«

»Also wir danken Ihnen, Herr Jachmann, wir danken Ihnen sehr.«

»Alles in Ordnung, junge Frau. Alles in schönster Ordnung. Und nun will ich doch wirklich nach den verfluchten Ecarté-Karten ... Ich möchte schwören, ich habe den Überzieher angezogen, wie ich von Haus weg bin. Und dann habe ich ihn sicher hängen lassen, wo, weiß der Himmel. Immer im Herbst derselbe Kram: ich gewöhne mich nicht, ich denk nicht an das Ding, ich laß es hängen. Und im Frühjahr ziehe ich immer fremde Überzieher an ...«

Jachmann verschwindet auf den Flur.

»Und der Mann sagt, er vergißt nichts«, bemerkt tröstlich Frau Pinneberg.


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