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Von den drei Arten Verkäufern und welche Art Herr Substitut Jänecke liebt. Einladung zu einem Butterbrot

Pinnebergs Herz schwoll vor Glück. »Finden Sie das wirklich, Heilbutt? Finden Sie das wirklich, daß ich ein geborener Verkäufer bin?«

»Aber das wissen Sie doch selbst, Pinneberg. Ihnen macht es doch Spaß, zu verkaufen.«

»Mir machen die Leute Spaß«, sagt Pinneberg. »Ich muß immer dahinterkommen, was sie sind und wie man sie nehmen muß und wie man es drehen muß, daß sie kaufen.« Er atmet tief. »Ich schiebe wirklich selten eine Pleite.«

»Das habe ich gemerkt, Pinneberg«, sagt Heilbutt.

»Ja, und dann sind es richtige Schrutzen, die gar nicht wirklich kaufen wollen, die nur schrutzen und klaffen wollten.«

»An die verkauft keiner«, sagt Heilbutt.

»Sie doch«, sagt Pinneberg. »Sie doch.«

»Vielleicht. Nein. Nun, vielleicht doch manchmal, weil die Leute Angst vor mir haben.«

»Sehen Sie«, sagt Pinneberg. »Sie imponieren den Leuten so schrecklich, Heilbutt. Vor Ihnen genieren sie sich, so anzugeben, wie sie möchten.« Er lacht. »Vor mir geniert sich kein Aas. Ich muß immer in die Leute reinkriechen, muß raten, was sie wollen. Darum weiß ich auch so gut, was die eben für 'ne Wut haben werden, daß sie den teuren Anzug gekauft haben. Jeder auf den anderen, und keiner weiß mehr richtig, warum sie ihn gekauft haben.«

»Na, und warum haben sie ihn gekauft, was meinen Sie, Pinneberg?« fragt Heilbutt.

Pinneberg ist ganz verwirrt. Er überlegt fieberhaft. »Ja, ich weiß auch nicht mehr ... Alle haben so durcheinander geredet ...«

Heilbutt lächelt.

»Ja, nun lachen Sie, Heilbutt. Ja, nun lachen Sie mich aus. Aber ich weiß es schon wieder, weil Sie ihnen so imponiert haben.«

»Unsinn«, sagt Heilbutt. »Vollkommener Unsinn, Pinneberg. Das wissen Sie doch selbst, daß darum keiner was kauft. Das hat die Sache vielleicht nur ein wenig beschleunigt ...«

»Sehr, Heilbutt, ganz mächtig beschleunigt hat es!«

»Nein, aber das Entscheidende war, daß Sie nie gekränkt waren. Wir haben Kollegen«, sagt Heilbutt und läßt seine dunklen Augen durch den Raum schweifen, bis sie den Gesuchten gefunden haben, »... die sind immer gleich beleidigt. Wenn die sagen, das ist ein vornehmes Muster, und der Kunde sagt, das gefällt mir aber gar nicht, dann sagen sie patzig: über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Oder sie sagen vor lauter Kränkung gar nichts. Sie sind nicht so, Pinneberg ...«

»Nun, meine Herren«, sagt der eifrige Substitut, Herr Jänecke. Ein kleines Palaver? Schon fleißig verkauft? Immer fleißig, die Zeiten sind schwer, und bis so ein Verkäufergehalt rausspringt, da will viel Ware verkauft sein.«

»Wir reden gerade, Herr Jänecke«, sagt Heilbutt und hält unmerklich Pinneberg am Ellbogen fest, »über die verschiedenen Verkäuferarten. Wir fanden, es gibt drei: Die, die den Leuten imponieren. Die, die raten, was die Leute wollen. Und drittens die, die nur per Zufall verkaufen. Was meinen Sie, Herr Jänecke?«

»Theorie, sehr interessant, meine Herren«, sagt Herr Jänecke lächelnd. »Ich kenne nur eine Art Verkäufer: die, auf deren Verkaufsblock abends recht hohe Zahlen stehen. Ich weiß, es gibt noch die mit den niedrigen Zahlen, aber ich sorge schon dafür, daß es die hier bald nicht mehr gibt.«

Und damit enteilt Herr Jänecke, um einen anderen anzutreiben, und Heilbutt sieht ihm nach und sagt gar nicht leise hinter ihm her: »Schwein.«

Pinneberg findet es ja herrlich, einfach so Schwein zu sagen, ohne Rücksicht auf die Folgen, aber ein bißchen bedenklich scheint es ihm doch. Heilbutt ist schon im Begriff fortzugehen, er nickt, er sagt: »Also, Pinneberg ...«

Da sagt Pinneberg: »Ich habe eine große Bitte, Heilbutt.« Heilbutt ist etwas erstaunt: »Ja? Selbstverständlich, Pinneberg.«

Und Pinneberg: »Wenn Sie uns einmal besuchen würden?« Heilbutt ist noch erstaunter. »Ich habe nämlich meiner Frau so viel von Ihnen erzählt, und sie würde Sie gern kennenlernen. Wenn Sie einmal Zeit haben? Natürlich nur zu einem Butterbrot.«

Heilbutt lächelt wieder, aber es ist ein reizendes Lächeln, aus den Augenwinkeln: »Aber natürlich, Pinneberg. Ich wußte gar nicht, daß es Ihnen Spaß machen würde. Ich komme gern einmal.«

Pinneberg fragte hastig: »Ginge es ... wäre es vielleicht heute abend möglich?«

»Heute abend schon?« Heilbutt überlegt. »Ja, da muß ich einmal nachsehen.« Er nimmt ein Lederbüchlein aus der Tasche: »Warten Sie, morgen ist der Vortrag in der Volkshochschule über griechische Plastik. Sie wissen ja ...«

Pinneberg nickt.

»Und übermorgen habe ich meinen Freikörperkulturabend, ich bin nämlich in einem Bunde für Freikörperkultur ... Und den Abend darauf habe ich meiner Freundin zugesagt. Nein, soweit ich sehe, Pinneberg, bin ich heute abend frei.«

»Schön«, stößt Pinneberg, atemlos begeistert, hervor. »Das paßt ja glänzend. Wenn Sie sich meine Adresse notieren wollen. Spenerstraße zweiundneunzig, zwei Treppen.«

»Herr und Frau Pinneberg«, trägt Heilbutt ein. »Spenerstraße zweiundneunzig, zwei. Da fahre ich am besten bis Bahnhof Bellevue. Und wann?«

»Geht es um acht? Ich gehe allerdings schon früher weg. Ich habe von vier Uhr an frei. Ich will noch was besorgen.«

»Also schön, um acht, Pinneberg. Ich komme ein paar Minuten früher, damit das Haus noch nicht zu ist.«


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