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Pinneberg bekommt eine Molle geschenkt, geht Blumen stehlen und belügt am Ende sein Lämmchen

Pinneberg hat sich nicht von Heilbutt verabschiedet, mag er es ihm übelnehmen, ihm ist es egal. Er hat es einfach nicht mehr hören können, dies trübe, betrübte Geschwätz, er ist geflohen.

Und er nimmt seinen Weg unter die Füße, diesen weiten Weg aus dem äußersten Osten bis nach Alt-Moabit, dem Nordwesten Berlins. Er kann gut laufen, er hat Zeit bis zwölf, er kann das Fahrgeld sparen. Manchmal denkt er flüchtig an Lämmchen, auch an die Nothnagel, auch an Jänecke, der nun bald Abteilungsleiter werden wird, denn Herr Kröpelin soll nicht gut angeschrieben sein bei Herrn Spannfuß –, aber meistens denkt er an nichts. Man kann so laufen und in die Läden sehen und die Autobusse fahren vorüber und die Lichtreklamen sind sehr nett und dazwischen geht es einmal: ›Wie hat Bergmann gesagt? Es ist nur eine Frau. Sie hat den Verstand nicht so. Was Bergmann schon weiß, der hätte Lämmchen kennen sollen!‹

So läuft er, und als er in Alt-Moabit ist, ist die Uhr halb zwölf. Er sieht sich um, wo er wohl möglichst billig telephonieren kann, und geht dann doch in das nächste Lokal und bestellt eine Molle. Und er nimmt sich vor, die ganz langsam auszutrinken und dazu zwei Zigaretten zu rauchen. Und dann zu telephonieren. Denn dann ist die halbe Stunde bis Mitternacht um.

Aber ehe noch die Molle auf seinem Platz steht, springt er auf und läuft in die Telephonzelle. Den Groschen hat er schon in der Hand, siehe da, den Groschen hat er schon in der Hand, und er verlangt Moabit 8650.

Erst meldet sich eine Männerstimme und Pinneberg verlangt das Entbindungsheim. Dann vergeht eine lange Weile und eine Frauenstimme fragt: »Ja? Ist es Herr Pinneberg?«

»Ja. Schwester. Sagen Sie ...«

»Vor zwanzig Minuten. Alles ganz glatt gegangen. Kind gesund, Mutter gesund. Ich gratuliere.«

»O, das ist herrlich, Schwester, danke schön, Schwester, danke schön.«

Plötzlich ist Pinneberg strahlender Laune, ein Alp ist von ihm gewichen, er ist so froh. »Und nun sagen Sie mir, Schwester, was ist es nun? Ein Junge oder ein Mädel?«

»Tut mir leid«, sagt die Schwester am anderen Ende der Strippe. »Tut mir leid, Herr Pinneberg, das darf ich Ihnen nicht sagen, das ist uns verboten.«

Pinneberg ist aus allen Wolken gefallen: »Aber wieso, Schwester? Ich bin doch der Vater, mir können Sie es doch sagen!«

»Ich darf nicht, Herr Pinneberg, das soll die Mutter dem Vater selbst sagen.«

»Ach so«, sagt Pinneberg und ist ganz klein vor so viel Vorsorge. »Darf ich denn jetzt gleich mal hinkommen?«

»I wo, was denken Sie! Der Arzt ist jetzt bei Ihrer Frau. Morgen früh um acht.«

Und damit hängt die Schwester an, sagt schnell noch »Gute Nacht, Herr Pinneberg«, und hängt ab. Johannes Pinneberg aber tritt wie ein Träumender aus der Telephonzelle, und da er keine Ahnung hat, wo er ist, marschiert er schnurstracks durch das Lokal zur Straße und wäre fort gewesen, wenn ihn nicht der Kellner beim Arm genommen und gesagt hätte: »Hören Sie mal, junger Mann, Ihre Molle, die ist auch noch nicht bezahlt.«

Da wacht Pinneberg auf und sagt sehr höflich: »Ach, entschuldigen Sie bitte«, und setzt sich an seinen Tisch, nimmt einen Schluck aus dem Glas und sagt, als er sieht, daß ihn der Kellner immer noch böse anfunkelt: »Entschuldigen Sie bitte. Ich habe nämlich eben am Telephon erfahren, daß ich Vater geworden bin.«

»Au, Backe!« sagt der Kellner. »Da kann einem ja vor Schreck die Spucke wegbleiben. Junge oder Mädchen?«

»Junge«, behauptet Pinneberg kühn, denn seine Unwissenheit kann er doch unmöglich zugeben.

»Na ja«, sagt der Kellner. »Immer, was am teuersten ist. Anders ist es ja gar nicht möglich.« Und dann wirft er noch einen Blick auf den gänzlich versunkenen Pinneberg und kapiert die Sachlage noch immer nicht und sagt: »Na, damit der Schaden nicht ganz so groß ist, will ich Ihnen die Molle schenken.«

Da erwacht Pinneberg wieder und sagt: »Im Gegenteil! Im Gegenteil!« und legt ein Einemarkstück hin und sagt: »Es ist gut so!« Und stürzt hinaus.

Der Kellner aber starrt ihm nach, er begreift endlich: »So ein Dussel. Freut sich der Dussel wirklich! Der wird noch Knopflöcher machen!«

Es sind keine drei Minuten bis zu Pinnebergs Wohnung. Pinneberg aber geht weiter, an dem Kino vorbei, an seiner Wohnung vorbei, tief in Gedanken versunken. Und zwar denkt Pinneberg darüber nach, woher er bis morgen früh um acht Blumen bekommt. Was aber tut man, wenn keine Blumen zu kaufen sind, und wenn man keinen eigenen Garten hat, sie zu pflücken? Man geht Blumen stehlen! Und wo stiehlt man sie besser als auf den Anlagen der Stadt Berlin, deren Bürger man ja nun einmal ist und an denen man darum einen gewissen Anteil hat?

So beginnt Pinnebergs endlose Nachtwanderung, und nacheinander taucht er am Großen Stern, auf dem Lützowplatz, auf dem Nollendorfplatz, auf dem Viktoria Luise Platz, am Prager Platz auf. Überall bleibt er stehen und betrachtet tiefsinnig die Beete. Jetzt, Mitte März, ist kaum eines bestellt, es ist ein ziemlicher Skandal.

Aber wenn auch eines bestellt ist, was ist denn da? Ein paar Krokus oder im Rasen einige Schneeglöckchen. Ist das etwas für Lämmchen? Pinneberg ist sehr unzufrieden mit der Stadt Berlin.

Er setzt seine Wanderung fort, er taucht am Nikolsburger Platz auf und geht weiter zum Hindenburgpark. Und wieder ist er beim Fehrbelliner Platz, auf dem Olivaer Platz und am Savignyplatz. Es ist alles nichts. Es gibt keine Blumen für eine so feierliche Gelegenheit. Aber schließlich erhebt er einmal den Blick von der Erde und entdeckt ein Gebüsch mit leuchtend gelben Blüten. Zweige, strahlend gelb wie die Sonne und ohne ein grünes Blatt; nur gelbe Blüten aus dem nackten Holz. Und da besinnt er sich nicht lange. Er sieht sich nicht einmal um, ob ihn jemand beobachtet, er steigt, aus seinen tiefen Gedanken heraus, über das Gitter, geht über den Rasen und bricht einen ganzen Arm voll von diesen goldenen Zweigen ab. Und unangefochten tritt er wieder zurück, über Rasen und Gitter, und geht, die blanken Strahlenzweige vor sich in der Hand, seinen weiten Weg zurück. Es muß schon so sein, daß über den Verzückten ein gütiger Stern steht, denn an Dutzenden von Schupos vorbei kommt er nach Alt-Moabit über die Leiter in seine kleine Wohnung. Da stellt er noch die Zweige in die Wasserkanne und wirft sich aufatmend ins Bett, und im gleichen Augenblick, wo er liegt, ist er auch eingeschlafen.

Zwar hat er natürlich vergessen, den Wecker zu stellen und aufzuziehen, aber ebenso natürlich wacht er Punkt sieben Uhr auf und macht Feuer an und kocht sich Kaffee, und Rasierwasser wird dabei auch heiß. Frische Wäsche zieht er sich an und macht sich überhaupt so sauber und adrett, wie es nur möglich ist, und hingegeben pfeifend ergreift er zehn Minuten vor acht seine Blütenzweige und marschiert los.

Wenn er aber ganz leise in all seinem Glück gefürchtet hatte, es werde mit dem Portier Auseinandersetzungen geben, daß er ihn nicht so früh ins Krankenhaus ließe, so gab es auch in dieser Hinsicht keine Hindernisse. Er sagte bloß: »Entbindungsheim«, und der Portier antwortete ganz automatisch: »Letzter Pavillon geradeaus!«

Da lächelte Pinneberg und der Portier lächelte auch, nur bei dem Portier war es eine andere Art von Lächeln, aber das merkte Pinneberg nicht.

Und er wehte nur so mit seinem strahlend gelben Busch die Asphaltstraße zwischen all den Krankenhäusern entlang, und all die Kranken und Sterbenden, die da lagen, gingen ihn keinen Deut was an.

Da war wieder eine Schwester und sie sagte: »Bitte schön!« Und er kam durch eine weiße Tür in einen langen Raum, und einen Augenblick hatte er das Gefühl von vielen Frauengesichtern, die ihn ansahen. Aber dann sah er nichts mehr von ihnen, denn direkt vor ihm war Lämmchen, nicht in einem Bett, sondern auf einer Tragbahre, und sie hatte ein ganz großes weiches, zerfließendes Lächeln und sagte leise, wie von weither: »O mein Junge!«

Und ganz sachte beugte er sich über sie und legte die gestohlenen Zweige auf die Bettdecke und flüsterte ganz leise: »Lämmchen! Daß ich dich wiedersehe! Daß ich dich nur wiedersehe!« Sie aber hob sachte ihre Arme und von den Armen fiel das Hemd mit den komischen blauen Buchstabenkränzen zurück, und die Arme waren ganz weiß und sahen so matt und kraftlos aus. Aber doch fanden sie den Weg um seinen Hals und Lämmchen flüsterte: »Nun ist der Murkel wirklich da. Es ist ein Murkel, mein Junge.«

Da merkte er plötzlich, daß er weinte, stoßweise und schluchzend weinte, und dabei sagte er böse: »Warum haben dir diese Weiber kein Bett gegeben? Gleich gehe ich und mache unmenschlichen Krach.«

»Es ist ja noch kein Bett frei«, flüsterte Lämmchen. »In ein oder zwei Stunden kriege ich schon eins.« Auch sie weinte. »Ach, mein Junge, freust du dich sehr? Du mußt nicht weinen, jetzt ist es ja vorbei.«

»War es denn schlimm?« fragte er. »«War es denn sehr schlimm? Hast du – schreien müssen?«

»Es ist ja vorbei«, flüsterte sie. »Es ist schon halb vergessen. Aber so bald wollen wir es nicht wieder? So bald nicht, nicht wahr?«

Und von der Tür her sagte eine Schwester: »Herr Pinneberg, wenn Sie Ihren Sohn sehen wollen, dann kommen Sie jetzt!« Und Lämmchen lächelte und sagte: »Grüß unsern Murkel.«

Hinter der Schwester her ging er in ein langes, schmales Zimmer. Da standen wieder Schwestern und sahen ihn an, aber er war gar nicht verlegen, daß er geweint hatte und noch ein bißchen schluchzte.

»Na, junger Vater, wie ist Ihnen denn so?« fragte eine dicke Schwester mit einem Brummbaß.

Aber eine andere, und siehe, das war die Hellblonde, die gestern Lämmchen so nett umgefaßt hatte, meinte: »Was fragst du ihn denn? Er weiß ja noch gar nichts. Er hat ja noch nicht mal seinen Sohn gesehen.«

Pinneberg aber nickte und lachte.

Da aber ging die Tür auf zum Nebenzimmer, und die Schwester, die ihn gerufen hatte, stand auf der Schwelle und hatte ein weißes Bündel im Arm, und in dem Bündel war ein uraltes, lackrotes, häßliches, faltiges Gesicht, mit einem zugespitzten birnenförmigen Kopf, und das quäkte hell und durchdringend und wimmernd.

Da wurde Pinneberg plötzlich ganz wach und all seine Sünden fielen ihm ein, von der frühesten Jugend an: das Onanieren und die kleinen Mädchen und der Tripper damals, und wie er vier- oder fünfmal schwer besoffen gewesen war.

Und während die Schwestern den kleinen, uralten, faltigen Zwerg anlächelten, stieg der Schrecken in ihm immer höher. Sicher hatte Lämmchen ihn noch nicht richtig gesehen. Und schließlich konnte er sich nicht mehr halten und fragte ängstlich: »Schwester, sagen Sie, sieht er ganz richtig aus? So wie alle Neugeborenen aussehen?«

»O Gott«, rief die dunkle Schwester mit dem Brummbaß: »Nun gefällt ihm sein Sohn nicht einmal. Viel zu schön bist du, Jungchen, für deinen Vater.«

Aber Pinneberg war noch voll Angst: »Bitte, Schwester, sagen Sie, ist heute nacht noch ein Kind hier geboren? Ja? Bitte, würden Sie es mir mal zeigen ... nur daß ich weiß, wie es aussieht.«

»Das lebt nicht«, sagt die Blonde. »Hat den nettesten Bengel im ganzen Heim und ihm gefällt er nicht. Kommen Sie her, junger Mann, sehen Sie sich das an.« Und sie machte die Tür auf zum Nebenzimmer und trat mit Pinneberg ein und da lag es freilich, in sechzig oder achtzig Betten, Zwerge und Gnomen, alt und runzlig, fahl und rot. Pinneberg sah sie sorgenvoll an. Halb war er beruhigt.

»Aber mein Junge hat so einen spitzen Kopf«, sagte er schließlich zögernd. »Bitte, Schwester, ist das auch kein Wasserkopf?«

»Wasserkopf?« sagte die Schwester und fing an zu lachen. »Oh, was seid ihr alles für Väter! Gott sei Dank, daß sich so ein Schädel zusammendrückt, das verwächst sich alles nachher wieder. Und nun gehen Sie zu Ihrer Frau und bleiben Sie nicht zu lange.«

Und Pinneberg warf noch einen Blick auf seinen Sohn und ging zu Lämmchen und Lämmchen strahlte ihm entgegen und flüsterte: »Ist er nicht süß, unser Murkel? Ist er nicht schön?« »Ja«, flüsterte er. »Er ist süß! Er ist schön!«


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