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Herr Friedrichs, der Lachs und Herr Bergmann, aber alles ist umsonst: Es gibt nichts für Pinnebergs

Drei Wochen später – es ist ein trüber, kalter, regennasser Septembertag, sehr windig –, drei Wochen später schließt Pinneberg langsam die Außentür der Geschäftsstelle seiner Angestellten-Gewerkschaft. Einen Augenblick steht er auf dem Treppenabsatz und betrachtet gedankenlos einen Aufruf, der an das Solidaritätsgefühl aller Angestellten appelliert. Er seufzt tief und geht langsam die Treppe hinunter.

Der dicke Herr mit den trefflichen Goldzähnen auf der Geschäftsstelle hat ihm schlagend bewiesen, daß nichts für ihn zu machen ist, daß er arbeitslos zu sein hat, nichts sonst. »Sie wissen doch selbst, Herr Pinneberg, wie's mit dem Textilfach hier aussieht in Ducherow. Nichts frei.« Pause. Und mit erhöhtem Nachdruck: »Und es wird auch nichts frei.«

»Aber die Gewerkschaft hat doch überall Geschäftsstellen«, sagt Pinneberg schüchtern. »Wenn Sie sich mit denen in Verbindung setzen würden? Ich hab doch so gute Zeugnisse. Vielleicht ist irgendwo«, Pinneberg macht eine klägliche Bewegung ins Weite, »vielleicht ist irgendwo was zu machen.?

»Ausgeschlossen!« erklärt Herr Friedrichs bestimmt. »Wenn so was frei wird! – und wo soll denn was frei werden, alle sitzen doch auf ihren Posten wie angefroren –, dann sind am Ort so viel Mitglieder, die darauf warten. Das wäre doch keine Gerechtigkeit. Herr Pinneberg, wenn wir die Mitglieder am Ort zurücksetzen würden für jemand von außerhalb.«

»Aber wenn der von außerhalb es nötiger hat?«

»Nein, nein, das wäre ganz ungerecht. Nötig haben es heute alle.«

Pinneberg geht auf die Frage mit der Gerechtigkeit nicht näher ein. »Und sonst?« fragt er hartnäckig.

»Ja, sonst ...« Herr Friedrichs zuckt die Achseln. »Sonst ist auch nischt. Ein richtiger ausgebildeter Buchhalter sind Sie ja nicht, Herr Pinneberg, wenn Sie auch ein bißchen bei Kleinholz dareingerochen haben. Gott, Kleinholz, das ist auch so ein Betrieb ... Ist es denn wirklich wahr, daß er sich jede Nacht besäuft und dann Frauenzimmer mit ins Haus bringt?«

»Weiß nicht«, sagt Pinneberg kurz. »Ich mach nachts keinen Dienst.«

»Neenee, Herr Pinneberg«, sagt Herr Friedrichs etwas ärgerlich. »Und die Dag ist auch sehr gegen solche Sachen: Das Rüberwechseln schlecht ausgebildeter Kräfte von der einen Branche in die andere. Das kann die Dag nicht unterstützen, das schädigt den Stand der Angestellten.«

»Ach Gott!« sagt Pinneberg bloß. Und dann hartnäckig: »Aber Sie müssen mir was verschaffen, zum Ersten, Herr Friedrichs. Ich bin verheiratet.«

»Zum Ersten! Das wären netto acht Tage. Also ganz ausgeschlossen, Pinneberg, wie soll ich das denn machen? Sie sehen das ja selbst ein, Herr Pinneberg. Sie sind ja ein vernünftiger Mensch.«

Pinneberg legt auf Vernunft keinen Wert. »Wir erwarten ein Kind, Herr Friedrichs«, sagt er leise.

Friedrichs sieht schräg zu dem Bittsteller hoch. Dann sehr gemütlich, tröstend: »Na ja, Kinder bringen Segen. Sagt man. Sie haben ja erst mal die Arbeitslosenunterstützung. Wie viele müssen sich mit weniger einrichten. Es geht, seien Sie sicher.«

»Aber ich muß ...«

Herr Friedrichs sieht, er muß was tun. »Also, hören Sie zu, Pinneberg, ich seh ja ein, Sie sind in keiner schönen Lage. Hier – sehen Sie das? Ich schreib hier Ihren Namen auf meinen Notizblock: Pinneberg, Johannes, dreiundzwanzig Jahre alt, Verkäufer, wohnen? Wo Sie wohnen?«

»Grünes Ende.«

»Das ist ganz da draußen? Also! Und nun noch Ihre Mitgliedsnummer. Schön ...« Herr Friedrichs betrachtet den Zettel gedankenvoll. »Den Zettel, den leg ich hier neben mein Tintenfaß, sehen Sie, so daß ich ihn immer vor Augen habe. Und wenn was kommt, dann denke ich zuerst an Sie ...«

Pinneberg will was sagen. »Also, ich behandle Sie bevorzugt, Herr Pinneberg, es ist ja eigentlich ein Unrecht gegen die andern Mitglieder, aber ich verantworte es. Ich tu das. Weil Sie in so schlechter Lage sind!«

Herr Friedrichs betrachtet den Zettel mit eingekniffenen Augen, einen Rotstift und fügt noch ein dickes, rotes Ausrufungszeichen hintendran. »So!« sagt er befriedigt und legt den Zettel neben das Tintenfaß.

Pinneberg seufzt und schickt sich an zum Gehen. »Also, Sie denken bestimmt an mich, Herr Friedrichs, nicht wahr?«

»Ich hab den Zettel. Ich habe den Zettel. Morgen, Herr Pinneberg.«

Pinneberg steht unschlüssig auf der Straße. Eigentlich müßte er jetzt wieder auf's Büro zu Kleinholz, er hat nur ein paar Stunden frei für die Stellungssuche. Aber er ekelt sich davor, er ekelt sich am meisten vor den lieben Kollegen, die nicht gekündigt haben, die auch nicht daran denken zu kündigen, die aber teilnehmend fragen: »Na, noch keine Stellung, Pinneberg? Nu aber Dampf dahinter gemacht, die Kinder schreien nach Brot, du Flitterwöchner!«

»In die Fresse ...« sagt Pinneberg nachdrücklich und schlägt den Weg zum Stadtpark ein.

Dieser kalte, windige, leere Stadtpark! Diese Beete, wie verwüstet! Diese Pfützen! Und ein Sturm, nicht mal 'ne Zigarette kriegt man an! Na, das ist nur gut, mit dem Zigarettenrauchen wird es nun auch bald vorbei sein. So ein Trottel! Kein Mensch braucht sechs Wochen nach der Heirat das Rauchen aufzugeben, nur er!

Ja also, dieser Wind. Wenn man an den Rand des Stadtparks kommt, wo die Felder anfangen, springt er einen richtig an. Er rüttelt an einem, der Mantel schlägt, den Hut muß man festtreiben mit einem Schlag. Es sind richtige Herbstfelder, naß, triefend, unordentlich, trostlos ... Zu Hause – es geht eine dämliche Redensart hier in der Gegend: »Ist nur gut, daß die Häuser hohl sind, daß Menschen drin wohnen können.«

Also, das Grüne Ende. Und wenn es mit dem Grünen Ende zu Ende ist, kommt etwas anderes, Billigeres, jedenfalls vier Wände, ein Dach über dem Kopf, Wärme. Eine Frau, jawohl eine Frau. Es ist herrlich, in einem Bett zu liegen und jemand schnauft neben einem in die Nacht. Es ist herrlich, die Zeitung zu lesen und jemand sitzt in der Sofaecke und näht und stopft. Es ist herrlich, man kommt nach Haus und jemand sagt: »Guten Tag, Jungchen. Wie war es heute? Ging's?« Es ist herrlich, wenn man jemand hat, für den man arbeiten und sorgen kann, nun ja, meinethalben auch sorgen und arbeitslos sein. Es ist herrlich, wenn man jemanden hat, der sich von einem trösten läßt.

Plötzlich muß Pinneberg lachen. Also, dieser Lachs. Dieses Lachs-Viertel. Das arme Lämmchen, wie unglücklich sie war! Trösten, das ist es.

Eines Abends, sie wollten grade essen, erklärt Lämmchen, sie kann nicht essen, alles widersteht ihr. Aber sie hat heute im Delikatessengeschäft einen Räucherlachs gesehen, so saftig und rosarot, wenn sie den hätte!

»Warum hast du ihn denn nicht mitgebracht?«

»Aber was denkst du, was der kostet!«

Nun, sie reden hin und her, es ist natürlich Unvernunft, viel zu teuer für sie. Aber wenn Lämmchen doch nichts anderes essen kann! Sofort – das Abendessen wird eben um eine halbe Stunde aufgeschoben – sofort geht der Junge in die Stadt.

Aber kein Gedanke! Lämmchen geht selbst. Was er denkt. Das Laufen ist ihr sehr gesund und dann, glaubt er, sie soll hier sitzen in Bange, er kauft von einem falschen Lachs?! Sie muß ihn sehen, wie die Verkäuferin von ihm absäbelt, Scheibe für Scheibe. Also unbedingt geht sie.

»Nun gut. Gehst du.«

»Und wieviel?«

»Ein Achtel. Nein, bring schon ein Viertel. Wenn wir doch einmal so üppig sind.«

Er sieht sie losmarschieren, sie hat einen schönen, langen, strammen Schritt, und überhaupt sieht sie in diesem blauen Kleid glänzend aus. Er schaut ihr nach, aus dem Fenster lehnend, bis sie verschwunden ist, und dann wandert er auf und ab. Er rechnet, wenn er sich fünfzig mal durch das Zimmer hindurchgewunden hat, wird sie wieder in Sicht sein. – Er läuft ans Fenster. Richtig, eben geht Lämmchen ins Haus, sie hat nicht hoch gesehen. Also nur noch zwei oder drei Minuten. Er steht und wartet. Einmal ist ihm so, als sei die Flurtür gegangen. Aber Lämmchen kommt nicht.

Was in aller Welt ist los? Er hat sie ins Haus kommen sehen – und nun kommt sie nicht.

Er macht die Tür zum Vorplatz auf, und direkt im Türrahmen steht Lämmchen, an die Wand gedrückt, mit einem tränenüberströmten, ängstlichen Gesicht und sie hält ihm ein fettglänzendes Pergamentpapier bin, das leer ist.

»Aber, mein Gott, Lämmchen, was ist denn los? Hast du den Lachs aus dem Papier verloren?«

»Aufgegessen«, schluchzt sie. »Alles allein aufgegessen.«

»Du hast ihn so aus dem Papier gegessen? Ohne Brot? Das ganze Viertel? Aber Lämmchen!«

»Aufgegessen«, schluchzt sie. »Alles alleine aufgegessen.«

»Aber nun komm nur her, Lämmchen, erzähle doch. Komm rein, deshalb brauchst du doch nicht zu weinen. Erzähl mal der Reihe nach. Also du hast den Lachs gekauft ...«

»Ja, und ich hatte solche Gier darauf. Ich konnte es gar nicht mit ansehn, wie sie abschnitt und abwog. Und kaum war ich draußen, da ging ich in den nächsten Torweg und nahm schnell eine Scheibe – und weg war sie.«

»Und weiter?«

»Ja, Jungchen«, schluchzt sie. »Das habe ich den ganzen Weg gemacht, immer wenn ein Torweg kam, habe ich mich nicht halten können und bin rein. Und zuerst habe ich dich auch nicht beschupsen wollen, ich hab genau geteilt, halb und halb ... Aber dann hab ich gedacht, auf eine Scheibe kommt es ihm auch nicht an. Und dann hab ich immer weiter von deinem gegessen, aber ein Stück, das habe ich dir gelassen, das habe ich mit raufgebracht, bis hier auf den Vorplatz, bis hier vor die Tür ...«

»Und dann hast du es doch gegessen?«

»Ja, dann habe ich es doch gegessen, und es ist so schlecht von mir, nun hast du gar keinen Lachs, Jungchen. Aber es ist nicht Schlechtigkeit von mir«, schluchzt sie neu. »Es ist mein Zustand. Ich bin nie gierig gewesen. Und ich bin schrecklich traurig, wenn der Murkel nun auch so gierig wird. Und ... und soll ich nun noch mal schnell in die Stadt laufen und dir noch Lachs holen? Ich bring ihn, wahr und wahrhaftig, ich bring ihn her.«

Er wiegt sie in seinen Armen. »Ach du großes kleines Ding. Du kleines großes Mädchen, wenn es nichts Schlimmeres ist ...«

Und er tröstet sie und begöscht sie und wischt ihr die Tränen ab und langsam kommen sie ins Küssen und es wird Abend und es wird Nacht –

Pinneberg ist längst nicht mehr in dem windigen Stadtpark, Pinneberg geht durch die Straßen Ducherows, er hat ein festes Ziel. Er hat es unterlassen, in die Feldstraße einzubiegen, er ist auch nicht zum Büro von Kleinholz gegangen, Pinneberg marschiert, Pinneberg hat einen großen Entschluß gefaßt. Pinneberg hat entdeckt, daß sein Stolz albern ist, Pinneberg weiß jetzt, alles ist gleichgültig, aber Lämmchen darf es nicht schlecht gehen und der Murkel muß glücklich sein. Was kommt auf Pinneberg an? Pinneberg ist so wichtig nicht, Pinneberg kann sich ruhig mal demütigen, wenn seine beiden es nur gut kriegen.

Gradewegs marschiert Pinneberg in Bergmanns Laden, gradewegs in das kleine, dunkle Vogelbauer, das einfach vom Laden abgeschlagen ist. Und wirklich sitzt der Chef da und zieht einen Brief auf der Kopierpresse ab. Das macht man noch bei Bergmann.

»Nanu, Pinneberg!« sagt Bergmann, »'s Leben noch frisch?«

»Herr Bergmann«, sagt Pinneberg atemlos. »Ich bin ein Riesenkamel gewesen, daß ich von Ihnen fort bin. Ich bitt' um Entschuldigung, Herr Bergmann, ich will auch gerne immer die Post holen.«

»Halten Sie ein«, ruft Herr Bergmann. »Reden Sie keinen Stuß, Herr Pinneberg. Was Sie gesagt haben, hab ich nicht gehört, Herr Pinneberg. Sie haben nicht nötig, mich um Verzeihung zu bitten, ich stell Sie doch nicht wieder ein.«

»Herr Bergmann!«

»Reden Sie nicht! Betteln Sie nicht! Nachher schämen Sie sich nur, daß Sie gebettelt haben und es ist umsonst gewesen. Ich stell Sie nicht wieder ein.«

»Herr Bergmann, Sie haben damals gesagt, Sie wollten mich einen Monat zappeln lassen, bis Sie mich wieder einstellen ...«

»Das hab ich gesagt, Herr Pinneberg, recht haben Sie, und leid tut mir das, daß ich Ihnen so was gesagt habe. Ich hab's im Zorn gesagt, weil Sie so ein ordentlicher Mensch sind, ein gefälliger Mensch – bis auf die Post – und gehen zu solchem Saufaus und Schürzenjäger. Aus Zorn hab ich's gesagt.«

»Herr Bergmann«, fängt Pinneberg wieder an. »Ich bin jetzt verheiratet, wir kriegen ein Kind. Kleinholz hat mir gekündigt. Was soll ich machen? Sie wissen, wie es hier ist in Ducherow. Arbeit gibt's nicht. Stellen Sie mich wieder ein. Sie wissen, ich verdiene mein Geld.«

»Ich weiß. Ich weiß.« Er wiegt den Kopf.

»Stellen Sie mich wieder ein, Herr Bergmann. Bitte!«

Der kleine häßliche Jude, mit dem der Herrgott bei seiner Erschaffung nicht sehr gnädig verfahren ist, wiegt mit dem Kopf: »Ich stell Sie nicht ein, Herr Pinneberg. Und warum? Weil ich Sie nicht einstellen kann!«

»Oh, Herr Bergmann!«

»Ehe ist keine leichte Sache, Herr Pinneberg, Sie haben früh angefangen damit. Haben Sie 'ne gute Frau?«

»Herr Bergmann –!«

»Ich seh's. Ich seh's. Möge sie auch gut sein auf die Dauer. Hören Sie, Pinneberg, was ich Ihnen sage, ist die reine Wahrheit. Ich möcht Sie einstellen, aber ich kann nicht, die Frau will nicht. Sie hat sich empört über Sie, weil Sie ihr gesagt haben, ›Sie haben mir nichts zu sagen‹, sie verzeiht es Ihnen nicht. Ich darf Sie nicht wieder einstellen, es tut mir leid, Herr Pinneberg, es geht nicht.«

Pause. Lange Pause. Der kleine Bergmann dreht an der Kopierpresse, holt seinen Brief heraus und sieht ihn an.

»Ja, Herr Pinneberg«, sagt er langsam.

»Wenn ich zu Ihrer Frau ginge«, flüstert Pinneberg. »Ich würde hingehen zu ihr, Herr Bergmann.«

»Hat es einen Zweck? Nein, es hat keinen Zweck. Wissen Sie, Pinneberg, meine Frau wird Sie bitten lassen, immer wieder, wird Sie wieder herbestellen, sie will sich's überlegen. Aber nehmen wird sie Sie doch nicht, ich müßte es Ihnen dann sagen zum Schluß, daß es doch nichts ist. Frauen sind so, Herr Pinneberg. Na, Sie sind jung, da wissen Sie noch nichts von. Wie lange sind Sie verheiratet?«

»Gut vier Wochen.«

»Gut vier Wochen. Rechnet noch nach Wochen. Nun, Sie werden ein guter Ehemann, man sieht das. Sie brauchen sich darum nicht zu schämen, wenn man einen andern um was bittet, das tut nichts. Wenn man nur freundlich ist zueinander. Seien Sie immer freundlich zu Ihrer Frau. Denken Sie immer, es ist nur 'ne Frau, sie hat den Verstand nicht so. Tut mir leid, Herr Pinneberg.«

Pinneberg geht langsam fort.


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