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Die Herren der Schöpfung kriegen Kinder, und Lämmchen umarmt Puttbreese

Es ist an einem Mittwoch zu Ende des Monats März. Pinneberg geht langsam Schritt für Schritt, einen Handkoffer am Griff, Alt-Moabit hinauf und biegt zum Kleinen Tiergarten ein. Eigentlich müßte er um diese Zeit auf dem Wege zum Warenhaus von Mandel sein, aber er hat sich wieder einmal einen Tag Urlaub genommen: er will Lämmchen aus dem Heim abholen.

Im Kleinen Tiergarten setzt Pinneberg seinen Koffer noch einmal ab, er hat noch Zeit, um acht soll er erst dort sein. Er ist schon seit halb fünf auf, das Zimmer ist herrlich in Ordnung, er hat sogar den Fußboden gewachst und gebohnert, auch die Betten sind frisch überzogen. Es ist gut, wenn alles hell und sauber ist, es wird jetzt ein neues Leben, ein ganz anderes. Es ist ja ein Kind da, der Murkel. Alles müßte Sonne sein.

Ja, hier im Kleinen Tiergarten ist es jetzt hübsch, die Bäume werden schon richtig grün und die Sträucher sind es ganz, es ist früh damit dies Jahr. Aber später ist es doch besser, wenn Lämmchen mit dem Murkel in den richtigen Tiergarten fährt, wenn es auch ein bißchen weiter ist. Hier ist es zu traurig, so früh es ist, sitzen hier schon wieder Arbeitslose. Lämmchen nimmt sich alles so zu Herzen.

Koffer auf und weiter! Durch das Tor durch, am dicken Pförtner vorbei, der ganz mechanisch auf das Wort »Entbindungsheim« antwortet: »Gradeaus, der letzte Pavillon«. Ein paar Autodroschken fahren vorüber, da sitzen Herren drin. Väter wahrscheinlich, wohlhabendere, die ihre Frauen im Auto abholen können.

Entbindungsheim. Richtig, da halten die Autos. Ob er auch eins holt? Er steht da mit seinem Koffer, er ist so unsicher, der Weg ist ja nicht weit, aber vielleicht muß das sein, vielleicht finden die Schwestern es schrecklich, daß er kein Auto hat. Pinneberg steht da und sieht zu, wie eine Taxe, die gerade gekommen ist, umständlich auf dem kleinen Platz einkehrt, der Herr ruft dem Chauffeur zu: »Also, es wird ein Weilchen dauern.«

»Nein«, sagt Pinneberg zu sich, »nein, es geht ja nicht. Aber es ist nicht richtig, richtig ist es keinesfalls.«

Er tritt auf den Flur, er setzt seinen Koffer hin und wartet. Die Herren mit den Autos sind schon verschwunden, sicher sind die längst bei ihren Frauen. Pinneberg steht da und wartet. Wenn er eine Schwester anspricht, sagt sie hastig: »Einen Augenblick. Sofort!« und läuft weiter.

Eine Erbitterung steigt in Pinneberg auf, er weiß, er hat unrecht, die Schwestern haben sicher keine Ahnung, wer mit dem Auto kommt und wer ohne eins, aber haben sie wirklich keine Ahnung? Warum steht er noch hier? Er dürfte hier nicht mehr stehen. Ist er weniger als die anderen? Ist sein Lämmchen weniger? O Gott, verflucht, er ist ein Idiot, daß er so denkt, es ist ja alles Quatsch, sie machen gar keine Ausnahmen, aber seine Freude ist weg. Er steht da und sieht finster vor sich hin. So fängt es an und so wird es weitergehen, es ist ganz umsonst, daß man denkt, ein neues, helles, sonnigeres Leben fängt an, es geht immer so weiter wie bisher. Er und Lämmchen sind es ja schon gewohnt, aber soll es mit dem Murkel auch so werden?

»Schwester, bitte!«

»Sofort. Gleich. Ich muß nur ...«

Weg. Fort. Na ja, es ist schon alles egal, er hat einen Tag Urlaub, den er gern mit Lämmchen verbringen möchte, er kann ja ruhig hier bis zehn oder elf stehen, es kommt nicht darauf an, was er möchte, ist nicht wichtig.

»Herr Pinneberg! Nicht wahr, Herr Pinneberg? Bitte, den Koffer. Wo ist der Schlüssel? Schön. Sie gehen jetzt am besten gleich zum Verwaltungsgebäude rüber und holen sich die Papiere. Unterdes zieht Ihre Frau sich an.«

»Schön«, sagt Pinneberg, nimmt seinen Zettel und marschiert los.

»Die werden einen auch wieder hübsch triezen«, denkt er in seinem Ärger. Aber er irrt sich, es geht alles ganz glatt, er bekommt seine Bescheinigungen, er unterschreibt etwas und ist schon fertig.

Dann steht er wieder auf dem Gang. Die Autos warten noch immer. Und nun sieht er Lämmchen, noch sehr unvollständig bekleidet läuft sie von einer Tür zur andern und winkt ihm rasch und strahlend zu: »Guten Tag, mein Junge!«

Weg ist sie. Guten Tag, mein Junge, nun, Lämmchen bleibt jedenfalls immer die alte, das Leben mag noch so dreckig sein, sie strahlt, sie winkt mit der Hand: Guten Tag, mein Junge. Und sehr gut ist ihr sicher nicht zumut, vor zwei Tagen ist sie noch beim Aufstehen ohnmächtig geworden.

Also er steht da, er wartet. Nun stehen schon mehr Männer hier, sie warten, es ist natürlich alles in schönster Ordnung, er ist nicht benachteiligt worden, schön dumm sind die, daß sie ihre Autos so lange warten lassen, ihm täte es leid, das Geld so rauszuwerfen. Die Väter unterhalten sich:

»Ja, jetzt ist es gut, daß ich meine Schwiegermutter im Hause habe. Die macht meiner Frau alle Arbeit«, sagt ein Herr.

»Wir haben ein Mädchen. Das kann die Frau ja gar nicht alles machen, mit so einem kleinen Kind und nach der Entbindung.«

»Erlauben Sie«, sagt ein fetter Herr mit Brille eifrig, »eine Entbindung ist für eine gesunde Frau gar nichts, die ist nur gut für sie. Ich habe meiner Frau gesagt, natürlich könnt ich dir 'ne Hilfe halten, aber das macht dich nur schlaff. Du erholst dich um so schneller, je mehr du zu tun hast.«

»Ich weiß doch nicht ...«, sagt ein anderer zögernd.

»Aber klar, klar, klar«, behauptet der Brillenmensch. »Ich hab gehört, auf dem Land, da kriegen sie die Kinder und gehen den andern Morgen gleich wieder in die Heuernte. Alles andere ist Verweichlichung. Ich bin sehr gegen diese Heime. Neun Tage ist meine Frau hier, und der Arzt wollte sie noch nicht gehen lassen. ›Bitte, Herr Doktor‹, habe ich gesagt, ›das ist meine Frau, über die bestimme ich. Was glauben Sie, was meine Vorväter, die Germanen, mit ihren Frauen gemacht haben!‹ Na, er wurde mächtig rot, seine Vorväter sind jedenfalls keine Germanen gewesen.«

»War die Geburt bei Ihrer Gattin schwer?«

»Schwer? Mein Lieber, ich sage Ihnen, die Ärzte waren fünf Stunden bei meiner Frau, um zwei Uhr nachts haben sie noch den Professor geholt!«

»Meine Frau ist sooo gerissen, sage ich Ihnen. Siebzehn Nadeln!«

»Meine Frau ist auch ziemlich eng. Es ist ja schon das dritte, aber sie ist noch immer so eng. Na ja, es hat ja auch seine Vorteile. Aber die Ärzte haben gesagt: diesmal, gnädige Frau, ist es grade noch gut gegangen, aber das nächste Mal ...«

»Haben Sie eigentlich auch so viele Drucksachen zugeschickt bekommen wegen der Geburt?« fragt wieder einer.

»Ja, schrecklich, die reine Belästigung. Kinderwagenprospekte, Kindermehl, Malzbier.«

»Ja, einen Gutschein auf drei Flaschen Malzbier habe ich auch gekriegt.«

»Das soll blendend für die Frau sein, das schafft Milch.«

»Ich würde meiner Frau kein Malzbier geben. Das ist doch Alkohol.«

»Wieso Alkohol? Malzbier ist doch kein Alkohol?«

»Aber natürlich.«

»Bitte, haben Sie im Prospekt die ärztlichen Gutachten gelesen, wie die das empfehlen?«

»Ach, Gutachten, wer gibt denn heute was auf Gutachten? Meine Frau kriegt kein Malzbier.«

»Ich hole meine drei Flaschen, und wenn meine Frau nicht will, trink ich sie selber aus. Spart einen Schoppen.«

Die Frauen kommen.

Hier geht eine Tür auf und da geht eine Tür auf, sie kommen, längliche weiße Pakete im Arm, drei Frauen, fünf Frauen, sieben Frauen, alle mit dem gleichen Paket und alle mit dem gleichen etwas zerfließenden, weichen Lächeln auf den blassen Gesichtern.

Alle Männer sind still.

Sie sehen ihren Frauen entgegen. Ihre eben noch so selbstsicheren Mienen werden etwas ungewiß, sie machen ein Schrittchen und bleiben wieder stehen. Jetzt kennen sie sich schon untereinander nicht mehr. Sie sehen nur auf ihre Frauen, auf das längliche Paket in ihrem Arm. Sie sind alle sehr verlegen. Und plötzlich sind sie sehr laut und lärmend um ihre Frauen besorgt. »Aber Guten Tag. Nein, laß mich doch. Du siehst glänzend aus! Richtig erholt! Glaubst du, ich könnte ihn nicht tragen? Na schön. Wie du meinst. Aber jedenfalls den Koffer. Wo ist denn der Koffer? Wieso ist der so leicht? Ach ja, natürlich, ihr habt ja alles an. Wie geht es denn mit dem Laufen? Ein bißchen wacklig, was? Ich habe ein Auto draußen. Wir werden es schon kriegen. Wird er staunen, der kleine Kerl, wenn er im Auto fährt, kennt er doch noch nicht. Davon merkt er noch nichts? Das sag nicht. Man hört jetzt so viel von den verdrängten Kindheitserinnerungen aus der allerersten Zeit, vielleicht macht es ihm doch Spaß ...«

Und unterdes steht Pinneberg neben seinem Lämmchen und sagt nur: »Daß du wieder da bist! Daß ich dich wieder habe!«

»Mein Junge«, sagt sie, »freust du dich? War es schlimm, diese elf Tage? Nun ist es ja vorbei und ausgestanden. Oh, wie ich mich auf unser kleines Heim freue!«

»Es ist alles fertig, alles in Ordnung«, sagt er strahlend. »Du sollst sehen. – Willst du laufen? Oder soll ich ein Auto –«

»I wo! Warum denn ein Auto? Ich freu mich auf den Weg in der frischen Luft. Und wir haben ja Zeit, du hast doch Urlaub, nicht wahr?«

»Ja, heute habe ich Urlaub.«

»Na also, gehen wir ganz langsam. Faß mich unter.«

Pinneberg faßt sie unter und sie gehen auf den kleinen Platz vor dem Heim, wo die Autos schon knattern. Und langsam, langsam gehen sie den Weg bis zur Eingangspforte, die Autos preschen an ihnen vorbei, sie gehen Schritt für Schritt. ›Es macht nichts‹, denkt Pinneberg, ›ich hab euch ja reden hören, ich weiß Bescheid, es macht nichts, daß wir kein Geld haben.‹

Dann gehen sie an dem Pförtner vorbei, und der Pförtner hat nicht einmal Zeit, ihnen Lebewohl zu sagen, denn vor ihm stehen zwei, ein junger Mann und eine Frau. Man sieht schon an ihrem Leib, was sie wollen. Und sie hören, wie der Pförtner sagt: »Erst zur Anmeldung, bitte!«

»Die fangen an«, sagt Pinneberg träumerisch. »Und wir sind damit durch.«

Es kommt ihm ganz komisch vor, daß das hier so weitergeht, daß immerzu Väter hierher laufen und warten und anrufen und sich ängstigen und die Frau abholen, jeden Tag, jede Stunde, es ist sehr komisch. Und dann sieht er an Lämmchen herunter und sagt: »Aber was bist du schlank geworden, wie eine Tanne.«

»Gott sei Dank«, sagt Lämmchen, »Gott sei Dank. Du kannst dir gar nicht denken, wie das ist, wenn der Bauch weg ist.«

»Doch, denken kann ich mir das schon«, sagt er ernst.

Sie treten hinaus aus der Einfahrt in die Märzsonne, in den Märzwind. Einen Augenblick bleibt Lämmchen stehen, sieht gegen den Himmel, auf dem weiße, wattige Wolken eilend dahinziehen, sieht gegen das Grün des Kleinen Tiergarten, sieht auf den Verkehr der Straße. Einen Augenblick verhält sie.

»Ja, Lämmchen?« fragt der Junge.

»Weißt du ...«, fängt sie an. Und bricht ab. »Ach nein, nichts.«

Aber er besteht darauf: »Sag schon. Es war doch was.«

»Ach, es ist dumm. Weil ich wieder draußen bin, weißt du. Da drin brauchte man sich um nichts zu kümmern. Und nun hängt alles von uns allein ab.« Sie zögert. Dann: »Wir sind doch noch sehr jung. Und wir haben keinen.«

»Wir haben einander. Und den Jungen«, sagt er.

»Ja, schon. Aber du verstehst doch –?«

»Ja, ja. Ich versteh schon. Und ich mach mir ja auch Sorgen. Bei Mandel ist das auch nicht mehr so einfach. Aber es wird ja klappen.«

»Natürlich wird es das.«

Und dann gehen sie Arm in Arm über den Fahrdamm und langsam, Fuß vor Fuß, durch den Kleinen Tiergarten. Pinneberg sagt: »Gibst du mir den Jungen für ein Weilchen?«

»Nein, nein, ich kann ihn gut tragen. Was denkst du denn?«

»Aber es macht mir gar nichts, laß ihn mich schon mal tragen.«

»Nein, nein, wenn du willst, können wir uns ein Weilchen auf eine Bank setzen.«

Und das tun sie und dann gehen sie langsam weiter.

»Er rührt sich ja gar nicht«, sagt Pinneberg.

»Er wird schlafen. Er hat ja eben noch zu trinken bekommen, ehe wir losgingen.«

»Und wann bekommt er wieder zu trinken?«

»Alle vier Stunden.«

Und da sind sie nun in dem Möbellager von Meister Puttbreese, und Puttbreese ist auch da und sieht den Anmarsch der dreiköpfigen Familie.

»Na, hat's geklappt, junge Frau?« fragt er und blinzelt. »Wie war's denn? Hat der Klapperstorch sehr gekniffen?«

»Na, danke, Meister, es geht schon«, lacht Lämmchen.

»Und wie machen wir das nun?« fragt der Meister und macht eine Kopfbewegung die Leiterstiege hinauf. »Wie kommen wir denn da rauf mit dem Kleinen? Es ist doch ein Junge?«

»Natürlich, Meister.«

»Aber wie kommen wir denn da rauf?«

»Ach, es wird schon gehen«, sagt Lämmchen und sieht ein bißchen unschlüssig die Leiter hinauf. »Ich erhol mich ja jetzt rasch.«

»Wissen Sie, junge Frau, fassen Sie mich um den Hals, ich trage Sie Huckepack rauf. Den Sohn geben Sie man Ihrem Mann, der wird ihn ja wohl raufkriegen, heil und ganz.«

»Eigentlich ist es natürlich ganz unmöglich ...« fängt Pinneberg an.

»Was heißt unmöglich?« fragt der Meister. »Die Wohnung, meinen Sie? Wenn Sie 'ne bessere haben? Und wenn Sie 'ne bessere bezahlen können? Von mir aus, junger Mann, von mir aus können Sie jeden Tag ausziehen von wegen unmöglich.«

»So habe ich es ja auch nicht gemeint«, sagt Pinneberg bedrippst. »Ein bißchen schwierig ist es doch, das müssen Sie doch zugeben.«

»Wenn Sie das schwierig nennen, daß mich Ihre Frau um den Hals faßt, dann ist es schwierig. Da haben Sie recht«, erklärt Puttbreese ärgerlich.

»Also los, Meister«, sagt Lämmchen. »Abmarsch!«

Und ehe sich Pinneberg versieht, hat er das lange, feste Paket im Arm und Lämmchen legt ihre Arme um den Hals vom ollen, versoffenen Puttbreese, und der faßt sie sanft um die Schinken und sagt: »Wenn ich kneife, sagen Sie es nur, ich laß Sie gleich los, junge Frau.«

»Das glaub ich, mitten auf der Leiter«, lacht Lämmchen.

Und mit einer Hand sich krampfhaft festklammernd, das Paket im Arm, klettert Pinneberg Sprosse für Sprosse nach.

Sie stehen allein in ihrem Zimmer, Puttbreese ist verschwunden, sie hören ihn in seinem Lager hämmern, aber sie sind allein, die Tür ist zu.

Pinneberg steht da mit seinem Paket in der Hand, mit dem warmen, bewegungslosen Paket. Es ist hell im Zimmer, ein paar Sonnenflecken liegen auf dem gebohnerten Boden.

Lämmchen hat mit einer hastigen Bewegung ihren Mantel abgeworfen, er liegt auf dem Bett. Mit ganz leichten, leisen Schritten geht sie hin und her, Pinneberg sieht ihr zu.

Sie geht hin und her, sie faßt einen Rahmen sacht und schnell an und rückt ihn ein wenig zurecht. Sie gibt dem Sessel einen Schlag. Sie streicht mit der Hand über das Bett. Sie geht zu den beiden Primeln am Fenster, nur einen Augenblick beugt sie sich über sie, ganz leicht und sacht. Und schon ist sie am Schrank, sie öffnet die Tür, sie sieht hinein, sie schließt die Tür wieder. Am Ausguß dreht sie den Hahn auf, sie läßt das Wasser laufen, nur so, sie schließt den Hahn wieder.

Und plötzlich hat sie den Arm um Pinnebergs Nacken: »Ich bin froh«, flüstert sie. »Ich bin sehr froh.«

»Ich bin auch froh«, flüstert er.

Sie stehen ein Weilchen so, ganz still, sie hat den Arm um seinen Nacken, er hält das Kind. Sie sehen aus den Fenstern, vor denen schon der grüne Schatten der Baumkronen liegt.

»Gut ist das«, sagt Lämmchen.

Und: »Gut ist das«, sagt er.

»Hältst du den Jungen noch?« fragt sie. »Leg ihn auf mein Bett. Ich mache gleich seine Krippe fertig.«

Und rasch bezieht sie die kleine Wolldecke und legt das Laken aus.

Dann öffnet sie vorsichtig das Paket. »Er schläft«, flüstert sie. Und auch er beugt sich über das Paket, und da liegt er, ihr Sohn, ihr Murkel. Das Gesicht ist ein bißchen gerötet, es hat einen sorgenvollen Ausdruck, auf dem Kopf die Haare sind etwas heller geworden.

Sie ist unschlüssig. »Ich weiß nicht, ich glaube, ich müßte ihn erst trocken legen, ehe er in die Krippe kommt. Sicher ist er naß.«

»Mußt du ihn stören?«

»Ehe er wund wird? Nein, ich lege ihn trocken. Warte, die Schwester hat es mir gezeigt.«

Sie legt ein paar Windeln im Dreieck hin und dann schält sie das Paket auf, ganz langsam. Ach Gott, die kleinen Glieder, diese kleinen wie verkümmerten Glieder und dazu der riesengroße Kopf! Pinneberg findet es schlimm, er möchte wegsehen, es ist etwas Grausiges daran, und er weiß doch, er darf nicht wegsehen. Mit so etwas darf man gar nicht erst anfangen, und er ist doch sein Sohn!

Lämmchen hantiert hastig, sie bewegt dabei die Lippen: »Wie war es doch? So? Ach, bin ich ungeschickt!«

Das kleine Wesen hat die Augen geöffnet. Augen von einem matten, müden Blau, es öffnet den Mund, es fängt an zu schreien, nein, zu quäken, es ist wie ein hilfloses, klägliches Winseln, durchdringend, wimmernd.

»Da! Da ist er wach!« sagt Pinneberg vorwurfsvoll. »Sicher ist ihm kalt.«

»Gleich! Gleich!« sagt sie und versucht, die Windeln festzubekommen.

»Mach doch schnell!« drängt er.

»Ja, so geht es nicht. Sie müssen ohne Falten sitzen, sonst wird er gleich wund. Wie war es doch –?« Sie versucht es wieder.

Er sieht mit gerunzelter Stirn zu. Lämmchen ist sehr ungeschickt. Also durchziehen das Dreieck, das ist klar, und dann von der anderen Seite ...

»Laß mich«, sagt er ungeduldig. »Du wirst ja nie fertig.«

»Bitte!« sagt sie erleichtert. »Wenn du es kannst.«

Er ergreift die Windeln. Es scheint so einfach, die kleinen Glieder rühren sich ja kaum. Also darauflegen, dann die Spitzen anfassen, durchziehen ...

»Das sind ja alles Falten«, sagt Lämmchen.

»Warte doch ab«, sagt er ungeduldig. Und hantiert hastiger. Der Murkel schreit! Das kleine, helle Zimmer schallt wider von diesem Gequäke, er schreit laut und durchdringend, so schwach seine Stimme ist. Er wird dunkelrot dabei, er müßte doch eigentlich zwischendurch mal wieder Atem holen, Pinneberg muß ihn immerzu ansehen, seine Arbeit gedeiht nicht dabei.

»Soll ich es noch einmal versuchen?« fragt Lämmchen sanft.

»Bitte!« sagt er. »Wenn du denkst, daß du es jetzt kannst.«

Und jetzt kann sie es. Plötzlich geht es ganz glatt, in einem Augenblick.

»Man ist nur so nervös«, sagt sie. »Aber das lernt sich rasch.« Der Murkel liegt in seinem Bett, er schreit wieder, nun hat er einmal damit angefangen, er liegt da und starrt die Decke an und schreit.

»Was tut man da?« flüstert Pinneberg.

»Gar nichts«, sagt Lämmchen. »Schreien lassen. In zwei Stunden bekommt er zu trinken, dann hört er von alleine auf.«

»Aber wir können ihn doch nicht zwei Stunden schreien lassen!«

»Doch, es ist besser. Das ist ihm gut.«

›Und wir?‹ will Pinneberg fragen. Aber er fragt es nicht. Er geht gegen das Fenster und starrt hinaus. Hinter ihm schreit sein Sohn. Es ist wieder einmal etwas anders, als es Pinneberg sich gedacht hatte. Er wollte mit Lämmchen gemütlich frühstücken, er hat wirklich ein paar nette Sachen besorgt, aber wenn der Murkel so brüllt ... Die ganze Stube ist voll davon. Er legt den Kopf gegen die Scheiben.

Lämmchen steht neben ihm.

»Kann man ihn nicht ein bißchen hin und her tragen oder schaukeln?« fragt Pinneberg. »Ich glaube, ich habe mal gehört, das macht man, wenn kleine Kinder schreien.«

»Das fang nur an!« sagt Lämmchen empört. »Dann können wir überhaupt nichts anderes mehr tun als hin und her laufen und ihn wiegen.«

»Aber vielleicht heute einmal, wo es sein erster Tag bei uns ist!« bittet Pinneberg. »Er soll es doch nett haben bei uns!«

»Ich will dir was sagen«, sagt Lämmchen und ist sehr energisch. »Das fangen wir gar nicht erst an. Hör zu, die Schwester hat gesagt, das Beste ist, ihn durchbrüllen zu lassen, die ganzen ersten Nächte wird er brüllen. Wahrscheinlich ...« schränkt sie das Gesagte mit einem Blick auf ihren Mann ein. »Es kann ja auch anders kommen. Und man soll ihn auf keinen Fall aufnehmen. Schaden kann ihm das Brüllen nichts. Und dann gewöhnt er sich daran, daß er durch Brüllen nichts erreicht.«

»Na ja«, sagt Pinneberg. »Ich finde es aber ziemlich roh.«

»Aber, Jungchen, es sind doch nur die ersten zwei oder drei Nächte, dann haben wir doch alle den Vorteil davon, wenn er durchschläft.« Ihre Stimme bekommt einen verführerischen Klang: »Die Schwester hat gesagt, es ist das einzig Richtige. Aber von hundert Eltern bringen es keine drei fertig. Es wäre doch schön, wenn wir es fertig brächten!«

»Vielleicht hast du recht«, sagt er. »Nachts, das kann ich verstehen, das muß er lernen, daß er da durchzuschlafen hat. Aber jetzt, am Tage, da könnte ich ihn doch ruhig einen Augenblick tragen.«

»Unter keinen Umständen«, sagt Lämmchen. »Ganz und gar nicht. Der weiß doch noch gar nicht, was Tag und Nacht ist.«

»So laut brauchtest du auch nicht zu reden, das stört ihn sicher auch.«

»Der hört ja noch gar nichts!« sagt Lämmchen triumphierend. »Die ersten Wochen können wir Krach machen, so viel wir wollen.«

»Na, ich weiß nicht ...!« sagt Pinneberg und ist entsetzt über Lämmchens Ansichten.

Aber das gibt sich wieder, und nach einer Weile hört der Murkel mit Schreien auf und liegt still. Sie frühstücken wirklich so nett, wie er sich gedacht hat, und von Zeit zu Zeit steht Pinneberg auf und geht näher an die Krippe und sieht auf das Kind, das da liegt mit offenen Augen. Er schleicht auf den Zehen, und es ist ganz umsonst, daß Lämmchen ihm sagt, das ist nicht nötig, das Kind stört noch nichts, er schleicht doch auf den Zehen. Und dann setzt er sich wieder und sagt zu Lämmchen:

»Weißt du, eigentlich ist es doch sehr schön, nun hat man jeden Tag etwas, auf das man sich freuen kann.«

»Natürlich hat man das«, sagt Lämmchen.

»Wie er sich so entwickeln wird«, meint er. »Wenn er erst sprechen lernt ... Wann lernen Kinder eigentlich sprechen ...?«

»Manche schon mit einem Jahr.«

»Schon? Erst meinst du. Ich freu mich schon so darauf, daß ich ihm was erzählen kann. Und wann lernt er laufen?«

»Ach, Jungchen, es geht ja alles ganz langsam. Erst lernt er den Kopf halten. Und dann wohl sitzen. Und dann kriechen. Und dann laufen.«

»Es ist doch, wie ich sage: Immer etwas Neues. Ich freu mich.«

»Und ich erst! Was meinst du, wie glücklich ich bin! O Junge!«


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