Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Pinneberg erhält Gehalt, behandelt Verkäufer schlecht und wird Besitzer einer Frisiertoilette

Pinneberg steht vor der Tür des Warenhauses Mandel, seine Hand in der Tasche umschließt die Gehaltstüte. Nun ist er einen Monat lang hier beschäftigt gewesen, aber er hat in diesem ganzen Monat keine Ahnung gehabt, wieviel Gehalt er bekommen wird. Beim Engagement, bei Herrn Lehmann – nun, er war froh, daß er eine Stellung bekam, da hatte er nicht gefragt.

Auch die Kollegen hatte er nicht gefragt.

»Ich muß doch von Breslau her wissen, was Mandel zahlt«, hat er geantwortet, wenn Lämmchen einmal nach Klarheit drängte.

»So geh zur Dag!«

»Ach, die sind nur höflich, wenn sie von einem Geld haben wollen.«

»Aber die müssen doch Bescheid wissen, Junge.«

»Werden wir ja am Letzten sehen, Lämmchen. Unter Tarif kann er ja nicht zahlen. Und der Berliner Tarif wird schon nicht schlecht sein.«

Nun hat er seinen Berliner Tarif, der nicht schlecht ist. Hundertsiebzig Mark netto! Achtzig Mark weniger als Lämmchen erwartet hatte, sechzig weniger, als er in seinen ungünstigsten Berechnungen veranschlagte.

Diese Räuber, ob die sich überhaupt je den Kopf zerbrechen, wie wir uns einrichten sollen?! Die denken nur immer, andere kommen mit noch weniger aus. Und dafür dürfen wir noch kuschen und kriechen. Hundertsiebzig Mark netto. Eine etwas harte Nuß hier für Berlin. Mama wird mit ihrer Miete wohl etwas warten müssen. Hundert Mark, die hat ja überhaupt einen Vogel, in dem Punkt hat Jachmann jedenfalls Recht. Rätselhaft bleibt nur, wie Pinnebergs je zu Anschaffungen kommen sollen. Irgendwas würde man Mama ja doch geben müssen, Mama war ein Bohrer.

Hundertsiebzig Mark – und er hatte einen so schönen Plan gehabt. Er hatte Lämmchen überraschen wollen.

Es hatte damit angefangen, daß Lämmchen eines Abends auf eine leere Ecke im Fürstenschlafzimmer gedeutet und gesagt hatte: »Weißt du, hier müßte eigentlich eine Frisiertoilette hin.«

»Brauchen wir die denn?« hatte er ganz erstaunt gefragt. Er hatte immer nur an Betten, einen Klubsessel aus Leder und einen eichenen Diplomaten gedacht.

»Gott, brauchen. Aber schön wäre es doch. Wenn ich mich da so frisieren könnte! Na, guck nicht so, Jungchen, es wird schon nur ein Traum bleiben.«

Damit hatte es angefangen. Denn spazieren gehen muß man, namentlich bei Lämmchens Zustand. Nun hatten sie etwas, das man dabei ansehen konnte: sie betrachteten Frisiertoiletten. Sie gingen auf weite Entdeckungsreisen, es gab Gegenden, Seitenstraßen, wo sich die Tischler und die kleinen Möbelfabriken Laden an Laden drängten. Da standen sie dann und sagten: »Sieh mal, die!«

»Ich finde die Maserung ja sehr unruhig.«

»Findest du?«

Schließlich bekamen sie Lieblinge und der oberste der Lieblinge stand in dem Geschäft eines gewissen Himmlisch in der Frankfurter Allee. Die Spezialität der Firma Himmlisch waren Schlafzimmer, die Firma schien Wert auf diesen Umstand zu legen, auf ihrem Firmenschild nannte sie sich: »Betten-Himmlisch. Spezialität moderne Schlafzimmer.«

In deren Schaufenster stand nun schon seit Wochen ein Schlafzimmer, gar nicht so teuer, siebenhundertfünfundneunzig einschließlich Auflegematratzen und echtem Marmor. Aber dem Zuge der Zeit folgend, die für nächtlich frostige Wanderungen ist, ohne Nachtschränkchen. Und zu diesem Schlafzimmer, kaukasisch Nußbaum, gehörte eine Frisiertoilette ...

Sie standen immer lange und sahen sie an. Es war gut anderthalb Stunden Marsch hin und anderthalb zurück. Lämmchen stand da und sagte schließlich: »Gott, Junge, wenn man das so kaufen könnte! Ich glaube, ich würde vor Freude heulen.«

»Die es kaufen können«, antwortete nach einer Weile Pinneberg weise, »die heulen nicht vor Freude. Aber schön wäre es.«

»Schön wäre es«, bestätigte auch Lämmchen. »Herrlich wäre es.«

Und dann machen sie sich auf den Rückweg. Sie gehen immer eingehängt, und zwar so, daß Pinneberg seinen Arm durch Lämmchens Arm steckt. Er fühlt dann ihre Brust, die schon voller wird, so angenehm, es ist wie ein Zuhausesein auf allen diesen weltenweiten Straßen mit den tausend fremden Leuten. Bei diesen Heimwegen aber ist Pinneberg der Gedanke gekommen, Lämmchen zu überraschen. Einmal müssen sie ja doch anfangen, und wenn erst ein Möbelstück da ist, werden die anderen schon nachkommen. Darum hat er sich heute auch um vier frei geben lassen, heute ist der einunddreißigste Oktober, Gehaltszahlung. Kein Wort hat er Lämmchen verraten, er hat einfach das Ding schicken lassen wollen. Und er würde tun, als wüßte er nichts ...

Aber jetzt hundertsiebzig Mark! Das war ausgeschlossen. Klipp und klar und einfach ausgeschlossen.

Man nimmt nicht so leicht von seinen Träumen Abschied. Pinneberg kann jetzt noch nicht nach Haus mit seinen hundertsiebzig Mark. Er muß ja ein bißchen fröhlich sein, wenn er ankommt. Lämmchen hat doch mit zweihundertfünfzig gerechnet. Er schlägt den Weg nach der Frankfurter Allee ein. Abschiednehmen. Und dann nie wieder zu dem Schaufenster gehen. Es hat ja doch keinen Zweck. Für solche, wie sie sind, kommt nie eine Frisiertoilette in Frage, vielleicht reicht es mal zu ein paar Eisenbetten.

Dies also ist nun das Schaufenster mit dem Schlafzimmer und hier an der Seite steht die Frisiertoilette. Der Spiegel in seinem bräunlichen Rahmen mit einem ganz zarten grünlichen Ton ist rechteckig gehalten. Und rechteckig ist auch das Schränkchen darunter mit seinen beiden Ausläufern nach rechts und links. Es ist eigentlich rätselhaft, wieso man sich in solch ein Ding so verlieben kann, tausend Stück gibt es, die ähnlich sind oder fast gleich, aber dies, dies, dies, dies ist es!

Pinneberg sieht es langsam an. Er tritt zurück und dann geht er wieder ganz nah heran: es bleibt immer gleich schön. Auch der Spiegel ist gut, es muß herrlich sein, wenn Lämmchen morgens davor sitzt in ihrem weißroten Bademantel ... Es müßte herrlich sein.

Pinneberg seufzt kummervoll auf und wendet sich ab. Nichts. Gar nichts. Nicht für dich und deinesgleichen. Andere schaffen es, rätselhaft wie, du nicht. Geh nach Hause, Kleiner, friß dein Geld auf, mach damit, was du willst und kannst und magst, dies nicht!

Von der nächsten Straßenecke sieht Pinneberg noch einmal zurück, die Schaufenster von »Betten-Himmlisch« glänzen in einem magischen Schein. Er kann die Frisiertoilette noch unterscheiden.

Und plötzlich macht Pinneberg kehrt. Ohne zu zögern, ohne dies Möbelstück auch nur eines Blickes zu würdigen, schreitet er schnurstracks auf die Ladentür zu ...

Und während er dies tut, geht viel in ihm vor.

»Es kommt doch nicht darauf an«, klingt es.

Und: »Einmal muß man anfangen. Warum sollen wir immer gar nichts haben?«

Und ganz entschlossen: »Ich will es und ich tu es, und was auch kommt, einmal will ich so gewesen sein!«

Ein bißchen verelendeter noch, dies ist die Stimmung, in der man stiehlt, einen Raubmord begeht, bei einem Krawall mitmacht. Pinneberg kauft in dieser Stimmung eine Frisiertoilette, es ist alles das Gleiche.

»Bitte schön, mein Herr?« fragt der Verkäufer, ein dunkler älterer mit ein paar Sardellen über dem bleichen Schädel.

»Sie haben da ein Schlafzimmer im Schaufenster«, sagt Pinneberg und er ist wütend und sein Ton ist schrecklich aggressiv. »Kaukasisch Nußbaum.«

»Ja, gewiß«, sagt der Verkäufer. »Siebenhundertfünfundneunzig. Ein Gelegenheitskauf. Das letzte von einer ganzen Serie. Wir können's zu dem Preis nicht mehr herstellen. Wenn wir es jetzt wieder machen, kostet es mindestens elfhundert.«

»Wieso denn?« fragt Pinneberg verächtlich. »Die Löhne fallen doch immerzu.«

»Aber die Steuern, Herr! Und der Zoll! Was denken Sie, was auf kaukasisch Nußbaum für Zoll liegt! Verdreifacht ist es im letzten Vierteljahr.«

»Na, wenn es so billig ist, steht es aber schon sehr lange bei Ihnen im Schaufenster«, sagt Pinneberg.

»Geld«, sagt der Verkäufer. »Wer hat denn heute Geld, mein Herr?« Er lacht kläglich: »Ich nicht.«

»Ich auch nicht«, sagt Pinneberg grob. »Ich will auch gar nicht das Schlafzimmer kaufen, soviel Geld krieg ich in meinem Leben nicht zusammen. Ich will die Frisiertoilette kaufen.«

»Eine Frisiertoilette? Wenn Sie sich bitte nach oben bemühen wollen. Einzelmöbel haben wir im ersten Stock.«

»Die!« ruft Pinneberg und ist ganz Entrüstung und zeigt mit dem Finger. »Die Frisiertoilette da will ich kaufen.«

»Aus dem Zimmer? Aus dem Schlafzimmer?« fragt der Verkäufer und versteht nur sehr langsam. »Ja, das tut mir leid, Herr, wir können doch nicht ein einzelnes Möbelstück aus dem Zimmer verkaufen. Dann können wir das Zimmer nicht mehr verwerten. Aber wir haben sehr hübsche Frisiertoiletten.«

Pinneberg macht eine Bewegung.

Der Verkäufer beeilt sich: »Fast ganz genau die gleiche. Wenn Sie sich die mal ansehen wollen? Nur ansehen!«

»Hach!« macht Pinneberg verächtlich und sieht sich um. »Ich denke, Sie haben hier 'ne Möbelfabrik?«

»Ja?« fragt der Verkäufer ängstlich.

»Na – und?« sagt Pinneberg. »Wenn Sie eine haben, warum machen Sie die Toilette nicht noch einmal? Ich will die Toilette haben, verstehen Sie. Also machen Sie sie nach. Oder verkaufen Sie sie eben nicht, mir ist das egal. Es gibt ja so viele Geschäfte, wo man anständig bedient wird ...«

Und während Pinneberg all dies sagt und immer aufgeregter wird, fühlt er innen, daß er ein Schwein ist, daß er sich genau so mies benimmt wie seine miesesten Kunden. Daß er den älteren, verdatterten, sorgenvollen Herrn schweinemäßig behandelt. Und er kann doch nicht anders, er hat eine Wut auf die Welt, alle, alle sollen sie hin werden. Aber leider ist nur der ältliche Verkäufer da.

»Einen Augenblick, bitte«, stammelt der. »Ich möchte nur mal ... den Chef ...«

Er verschwindet und Pinneberg sieht ihm nach mit Trauer und Verachtung. ›Warum bin ich so?‹ denkt er. ›Ich hätte Lämmchen mitnehmen sollen‹, denkt er. ›Lämmchen ist nie so‹, denkt er. ›Warum ist Lämmchen nie so?‹ überlegt er. ›Sie hat es doch auch nicht leicht.‹

Der Verkäufer kommt zurück. »Sie können die Toilette haben«, erklärt er kurz. Sein Ton ist sehr verändert. »Der Preis stellt sich auf hundertfünfundzwanzig Mark.«

›Hundertfünfundzwanzig – das ist ja Wahnsinn‹, denkt Pinneberg. ›Die Brüder nehmen mich ja hoch. Das ganze Schlafzimmer kostet siebenhundertfünfundneunzig.‹

»Ich finde das zu teuer«, sagte er.

»Das ist gar nicht teuer«, erklärt der Verkäufer. »So ein erstklassiger Kristallspiegel kostet allein fünfzig Mark.«

»Und wie würde es sich stellen, wenn ich auf Raten – – –?«

Ach, der Sturm ist vorüber, das liebe Geld steht zur Debatte. Pinneberg ist klein geworden und der Verkäufer ist sehr groß.

»Raten kommen hierbei nicht in Frage«, sagt der Verkäufer überlegen und mustert Pinneberg von oben bis unten. »Es ist schon eine reine Gefälligkeit für Sie. Wir rechnen darauf, daß Sie später bei uns ...«

›Ich kann nicht mehr zurück‹, denkt Pinneberg verzweifelt. ›Ich habe ja so angegeben. Wenn ich nicht so angegeben hätte, könnte ich zurück. Verrückt ist das, was wird Lämmchen sagen?‹

Und laut: »Gut. Ich nehme die Toilette. Sie müssen sie mir aber heute noch in die Wohnung schicken.«

»Heute? Das wird nicht mehr gehen. Die Leute haben ja schon in einer Viertelstunde Feierabend.«

›Ich kann noch zurück‹, denkt es in Pinneberg. ›Jetzt könnte ich noch zurück, wenn ich nicht so Krach gemacht hätte!‹

»Heute muß es sein«, beharrt er. »Es ist ein Geschenk. Sonst hat es keinen Zweck.«

Und er denkt dabei daran, daß heute Heilbutt kommt, und daß es schön sein wird, wenn der Freund dies Geschenk für die Frau sieht.

»Augenblick mal«, sagt der Verkäufer und verschwindet wieder.

›Am besten wäre es‹, überlegt Pinneberg, ›wenn er sagte, es geht heute nicht mehr, dann würde ich sagen, es tut mir leid, aber es hat keinen Zweck. Ich muß sehen, daß ich schnell aus dem Laden komme.‹ Und er stellt sich in die Nähe der Tür.

»Der Chef sagt, er will Ihnen einen Handwagen geben und den Lehrling. Sie müssen dann dem Lehrling eine Kleinigkeit geben, weil es ja nach Feierabend ist.«

»Ja ...«, sagt Pinneberg zögernd.

»Sie ist nicht schwer«, tröstet der Verkäufer. »Wenn Sie ein bißchen nachschieben, der Lehrling zieht es schon. Und wenn Sie auf den Spiegel aufpassen wollten. Wir schlagen ihn zwar in eine Decke ein ...«

»Also gemacht«, sagt Pinneberg. »Hundertfünfundzwanzig Mark.«


 << zurück weiter >>