Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Eheliche Gewohnheiten bei Pinnebergs. Mutter und Sohn. Jachmann immer der Retter

Es ist Nacht. Pinnebergs gehen schlafen, ihr Besuch ist fort. Pinneberg zieht sich langsam und nachdenklich aus, er sieht dabei manchmal zu Lämmchen hinüber, bei der das einszweidrei geht. Pinneberg seufzt tief und sagt dann, überraschend munter: »Und wie hat dir Heilbutt gefallen?«

»O, ganz gut«, antwortet Lämmchen, aber diesem ganz gut merkt Pinneberg an, daß sie nicht die Absicht hat, sich über Heilbutt zu unterhalten. Er seufzt wieder schwer.

Lämmchen hat das Nachthemd übergezogen und streift nun, auf der Bettkante hockend, die Strümpfe ab. Sie legt sie über das eine Seitenschränkchen der Frisiertoilette. Pinneberg sieht mit Betrübnis, daß sie gar nicht merkt, auf was sie eigentlich ihre Strümpfe legt.

Aber Lämmchen geht noch nicht ins Bett. »Was hast du eigentlich Mama wegen der Miete gesagt?« fragt sie plötzlich. Pinneberg ist etwas verlegen: »Wegen der Miete –? O nichts. Daß ich jetzt kein Geld habe.«

Pause.

Dann seufzt Lämmchen. Sie legt sich mit einem Schwung ins Bett, zieht die Bettdecke über sich und sagt dabei: »Willst du ihr gar nichts geben?«

»Ich weiß nicht. Doch, ja. Nur nicht jetzt.«

Lämmchen ist stumm.

Nun steht Pinneberg im Nachthemd. Da der Lichtschalter neben der Tür liegt und nicht vom Bett aus betätigt werden kann, gehört es zu Pinnebergs Ehepflichten, das Licht auszuknipsen, ehe er das Bett besteigt. Andererseits wünscht Lämmchen, daß sie sich den Gutenachtkuß noch bei Licht geben. Sie möchte ihren Jungen dabei sehen. Also muß Pinneberg um das breite Fürstenbett herumgehen, bis er bei ihrem Kopfende ist, den Gutenachtkuß erledigen, dann zur Tür zurück, das Licht löschen, dann ins Bett gehen.

Der Gutenachtkuß selbst zerfällt wiederum in zwei Teile; seinen Teil und ihren Teil. Sein Teil ist ziemlich feststehend: drei Küsse auf ihren Mund. Ihrer wechselt stark, entweder nimmt sie seinen Kopf zwischen die Hände und küßt ihn gründlich ab, oder sie legt ihm den Arm um den Nacken, zieht den Kopf zu sich herunter und hält ihn ganz fest, während sie ihn einmal lange küßt. Oder sie legt seinen Kopf an ihre Brust und streichelt sein Haar.

Er versucht meistens, männlich zu verbergen, wie lästig ihm diese ausgedehnte Zärtlichkeit ist, und er ist sich dabei nie ganz klar darüber, wie weit sie ihn durchschaut und ob seine Kühle gar keinen Eindruck auf sie macht.

Heute möchte er am liebsten, diese ganze Gutenachtsagerei wäre schon überstanden, einen Augenblick erwägt er sogar den Gedanken, sie einfach zu ›vergessen‹. Doch würde das schließlich die Sache nur noch mehr komplizieren. Er geht also, möglichst gleichgültig tuend, um das Bett herum, gähnt herzhaft und sagt: »Schrecklich müde, altes Mädchen. Muß morgen wieder stramm arbeiten. Gute Nacht!« Und schon hat sie ihre drei Küsse weg.

»Gute Nacht, mein Junge«, sagt Lämmchen und küßt ihn einmal kräftig. »Schlaf auch schön.«

Ihre Lippen schmecken heute besonders weich und voll und dabei kühl, im Moment hätte Pinneberg nichts gegen eine Fortsetzung der Küsserei. Aber das Leben ist schon kompliziert genug, er beherrscht sich, macht kehrt, knipst am Schalter und wirft sich mit einem Schwung ins Bett. »Gute Nacht, Lämmchen«, sagt er noch einmal.

»Gute Nacht«, sagt auch sie.

Wie immer ist es im Zimmer zuerst stickedunkel, ganz allmählich tauchen dann die beiden Fenster als graue Flächen auf, zugleich werden die Geräusche deutlicher. Nun hört man die Stadtbahn, das Prusten einer Lokomotive, dann den Autobus, der durch die Paulstraße fährt. Plötzlich in nächster Nähe – beide fahren zusammen –, ein brausendes Gelächter, gefolgt von Ausrufen, Johlen, Gekicher.

»Der Jachmann ist wieder mal hübsch im Gang«, sagt Pinneberg unwillkürlich.

»Sie haben heute einen ganzen Korb Wein von Kempinski gekriegt. Fünfzig Flaschen«, erklärt Lämmchen.

»Was die saufen!« sagt der Junge. »Das schöne Geld ...«

Er bereut den Ausspruch: hier könnte Lämmchen einhaken. Aber sie tut es nicht, bleibt still.

Erst nach einer ganzen Weile sagt sie leise: »Du, Jungchen?«

»Ja?«

»Weißt du, was für ein Inserat Mama aufgegeben hat?«

»Ein Inserat? Keine Ahnung.«

»Als der Heilbutt kam, dachte sie erst, er wäre für sie, und fragte, ob er der Herr wäre, der auf das Inserat telephoniert hätte.«

»Verstehe ich nicht. Keine Ahnung. Was soll das für ein Inserat sein?«

»Ich weiß doch nicht. – Ob sie unser Zimmer wieder vermieten will?«

»Das kann sie doch nicht so ohne uns. Nee, glaube ich nicht. Die ist froh, daß sie uns hat.«

»Wenn wir keine Miete zahlen?«

»Bitte, Lämmchen! Wir zahlen schon noch.«

»Was es nur für ein Inserat sein mag? Ob es mit diesen Gesellschaften abends zusammenhängt?«

»Wie soll es denn? Man inseriert doch keine Gesellschaften!«

»Ich verstehe es nicht.«

»Und ich auch nicht. Also, gute Nacht, Lämmchen.«

»Gute Nacht, Junge.«

Stille. Pinneberg sieht zur Tür, Lämmchen zum Fenster. Ausgeschlossen ist es natürlich, daß Pinneberg jetzt einschlafen kann. Erstens wegen des Aufmunterungskusses von vorhin, wenn da eine Frau einen halben Meter ab sich hin und her legt, lauter atmet und leise. Und zweitens wegen der Frisiertoilette. Besser wäre es doch, er hätte schon gebeichtet.

»Du, Junge«, fragt Lämmchen ganz sanft und leise.

»Ja?« sagt er etwas beklommen.

»Darf ich noch einen Augenblick zu dir rüberkommen?«

Pause. Stille. Überraschungspause.

Dann sagt der Junge: »Aber gerne, Lämmchen. Selbstverständlich.« Und rückt an die Seite.

Es ist das vierte oder fünfte Mal in ihrer Ehe, daß Lämmchen eine Frage dieses Inhalts an ihren Mann gerichtet hat. Und es kann nicht behauptet werden, daß diese Frage zugleich eine versteckte Aufforderung Lämmchens zu Eroticis bedeutet hätte. Trotzdem es meistens darauf hinaus lief, aber das war nur die etwas eindeutige, handfeste, männliche Konsequenz, die Pinneberg am Ende aus solcher Frage zog.

Bei Lämmchen war es eigentlich nur eine Fortsetzung ihres Gutenachtkusses, ein Anschmiegebedürfnis, ein Zärtlichkeitsverlangen. Lämmchen wollte ihren Jungen nur ein Weilchen im Arm halten, draußen war ja die wilde, weite Welt mit viel Radau und Feindschaft, die gar nichts Gutes von einem wußte und wollte – war es da nicht gut, wenn eines am anderen lag und sich fühlte wie eine kleine, warme Insel?

So lagen sie auch jetzt, Arm in Arm, die Gesichter nebeneinander, im großen, tausendkilometerlangen Dunkel, ein kleiner sanfter Fleck, – und man muß sich schon sehr eng in den Armen halten, wenn solche moderne, ein Meter vierzig breite Steppdecke um zwei reichen soll, ohne daß es an allen Ecken und Kanten Luft gibt.

Zuerst empfand jedes noch die Wärme des anderen als etwas Fremdes, aber plötzlich war das fort, und sie waren nur eins. Und jetzt war es der Junge, der sich immer fester an sie drückte.

»Junge«, sagte Lämmchen, »mein Junge. Mein einziger ...«

»Du«, sagt er, »du ... o Lämmchen ...«

Und er küßt sie, und jetzt sind es keine Pflichtküsse, ach, wie gut ist es jetzt, diesen Mund zu küssen, der aufzublühen scheint unter seinen Lippen, der immer wieder weicher und voller und reifer wird ...

Aber plötzlich hört Pinneberg auf mit Küssen und er legt sogar einen kleinen Abstand zwischen seinen und ihren Leib, so daß sie nur noch oben an den Schultern, wo sie sich umfassen, einander berühren.

»Du, Lämmchen«, sagt Pinneberg, tief ehrlich, »ich bin ein schrecklicher Idiot gewesen.«

»Ja?« fragt sie und denkt ein Weilchen nach. Und dann sagt sie: »Was kostet denn die Toilette? Aber du sollst nicht davon reden, wenn du nicht magst. Es ist schon alles gut. Du hast mir eine Freude machen wollen.«

»O du!« sagt er. Und sie sind plötzlich wieder zusammen. Aber dann entschließt er sich doch und der Abstand ist wieder da. Und er sagt: »Hundertfünfundzwanzig kostet sie.«

Pause.

Lämmchen sagt nichts.

Und er, sehr entschuldigend: »Es klingt ja ein bißchen sehr viel, aber du mußt bedenken, der Spiegel kostet allein mindestens fünfzig Mark.«

»Schön«, sagt Lämmchen. »Der Spiegel ist wirklich gut. Es ist ja etwas über unsere Verhältnisse und in den nächsten fünf oder zehn Jahren hätten wir wohl eigentlich keine Frisiertoilette gebraucht, aber ich habe dir ja selber den Sparren in den Kopf gesetzt. Und schön ist es doch, daß wir sie haben. Und ein guter, dummer Kerl bist du auch. Und nun schimpf nicht, wenn ich mit dem blauen schäbigen Wintermantel noch ein Jahr herumlaufe, denn nun müssen wir zuerst für den Murkel sorgen ...«

»Du bist gut«, sagt er und das Küssen beginnt neu und sie sind sehr dicht beieinander und vielleicht wäre es heute abend überhaupt nicht mehr weitergegangen mit der Auseinandersetzung, da geht drüben im Berliner Zimmer ein wahrer Orkan von Geräuschen los, Gelächter, Gebrüll, Kreischen, eine männliche Stimme, sehr rasch, und über allem, etwas keifend, die nicht sehr freundliche Stimme Frau Mia Pinnebergs.

»Die sind schon wieder dreiviertel duhn«, sagt Pinneberg sehr gestört.

»Mama ist keiner guten Stimmung«, bemerkt Lämmchen.

»Mama ist immer streitsüchtig, wenn sie was getrunken hat«, sagt er.

»Kannst du ihr denn nicht die Miete geben? Wenigstens etwas«, fragt Lämmchen.

»Ich habe«, sagt Pinneberg entschlossen, »nur noch zweiundvierzig Mark.«

»Wie?!!!« fragt Lämmchen und setzt sich auf. Läßt ihren Jungen los, verzichtet auf Wärme, Luftabschluß, Erotica, setzt sich pfeilgerade auf. »Wie? Was hast du noch von deinem Gehalt?«

»Zweiundvierzig Mark«, sagt Pinneberg sehr klein. »Hör mal zu, Lämmchen.«

Aber Lämmchen hört nicht zu. Diesmal war der Schreck zu groß. »Zweiundvierzig«, flüstert sie und rechnet. »Hundertfünfundzwanzig. Da hast du einhundertsiebenundsechzig Mark Gehalt bekommen? Das ist doch nicht möglich!«

»Hundertsiebzig, drei Mark habe ich dem Jungen gegeben,« Lämmchen fällt über diese drei Mark: »Welchem Jungen –? Wieso?«

»Na, dem Lehrling.«

»Ach so. Also hundertsiebzig. Und da gehst du hin und kaufst – Ach Gott, was soll nun werden, wovon sollen wir nun eigentlich leben?«

»Lämmchen«, sagt der Junge bittend. »Ich weiß ja. Ich bin so dumm gewesen. Aber es kommt gewiß nie und nie wieder vor. Und wir bekommen ja jetzt noch das Geld von der Reichsanstalt.«

»Das wird schnell alle sein, wenn wir so wirtschaften! Und der Murkel? Wir müssen doch für den Murkel einkaufen! Du, ich bin nicht für drei Plünnen und Stroh. Uns kann's schon mal dreckig gehn. Uns schadet das nichts, aber der Murkel soll nichts auszustehen haben, die ersten fünf, sechs Jahre nicht, was ich dazu tun kann. Und du machst das so?«

Auch Pinneberg sitzt. Er hat Lämmchens Stimme so anders gehört, sie redet so, als gäbe es ihn, den Jungen, überhaupt nicht mehr, als sei er ein irgendwer, ein beliebiger. Und wenn er sonst nur ein kleiner Verkäufer ist, bei dem sie früh genug gesorgt haben, daß er weiß, er ist nichts Besonderes, irgend so ein Tierlein, das man leben lassen kann oder krepieren lassen, es ist wirklich nicht so wichtig – während sonst also, selbst in seiner tiefsten Liebe zu Lämmchen etwas Vorüberwehendes, Vergängliches, Unaufhebliches ist: nun ist er da, er, Johannes Pinneberg. Er weiß, jetzt geht es um das einzige, was in diesem seinem Leben Wert und Sinn hat. Das muß er festhalten, darum muß er kämpfen, darin sollen sie ihn nicht auch auspowern.

Und er sagt: »Lämmchen, du mein Lämmchen! Ich sage dir doch, ich bin ein Idiot gewesen, ich habe alles falsch gemacht. Ich bin doch so. Aber darum darfst du nicht so zu mir reden. So war ich doch immer, und deswegen mußt du doch bei mir bleiben und zu mir sprechen als deinem Jungen, und nicht, als wäre ich irgendwer, mit dem man sich zanken kann.«

»Junge du, ich ...«

Aber er redet weiter, dies ist seine Stunde, hierher ist der Weg gegangen, von allem Anfang an, er gibt nicht nach, er sagt: »Lämmchen, du mußt mir ganz richtig verzeihen. Weißt du, ganz von innen heraus, daß du gar nicht mehr dran denkst, daß du wirklich über deinen dummen Mann lachen kannst, wenn du die Frisiertoilette siehst.«

»Jungchen, du mein Jungchen ...«

»Nein«, sagt er und springt aus dem Bett, »Jetzt muß Licht sein. Ich muß dein Gesicht sehen, wie du aussiehst, wenn du mir wirklich verzeihst, daß ich das später immer weiß ...«

Und das Licht geht an und er eilt zurück zu ihr und geht nicht wieder ins Bett, sondern, über sie geneigt, betrachtet er sie ...

Es sind zwei Gesichter, erhitzt, gerötet, der Blick weit geworden. Ihre Haare fallen ineinander, sie liegen Lippe auf Lippe, im offenstehenden Hemd ist ihre weiße Brust so herrlich fest mit den bläulichen Adern ...

›Wie habe ich es gut‹, fühlt er. ›O welches Glück ...‹

›Mein Junge‹, denkt sie. ›Mein Junge. Mein großer, törichter, liebster Junge, daß ich dich drin habe in mir, in meinem Schoß ...‹

Und plötzlich erstrahlt ihr Gesicht, wird heller und heller, der Junge sieht es, es wird immer weiter und größer, als ginge eine Sonne auf über der Landschaft dieses Gesichtes.

»Lämmchen!« ruft er sie, lockt er sie, die zurückzuweichen scheint von ihm, immer ferner und seliger, »Lämmchen!«

Und sie nimmt seine Hand und führt sie nach ihrem Leib: »Da fühle, eben hat er sich geregt, der Murkel, er hat geklopft ... Fühlst du es? Jetzt wieder ...«

Und bezwungen von der seligen Mutter neigt er, der nichts hört, sich über sie. Sachte legt er seine Wange an ihren vollen, strammen Leib, der doch so weich ist ... Und plötzlich ist er wie das herrlichste Kissen der Welt, nein, Torheit, wie eine Woge ist er, es hebt und senkt sich der Leib, ein unermeßliches Meer von Seligkeit überströmt ihn ... ist es Sommer? Das Korn ist ja reif. Welch ein fröhliches Kind mit dem weißblonden, verstrubbelten Schopf und den blauen Augen der Mutter. O, wie gut riecht es hier auf dem Feld, nach Erde und Mutter und nach Liebe. Nach all der genossenen, immer frischen Liebe ... Und die kleinen Grannenhaare der Ähren sticheln an seiner Backe und er sieht hinten die schöne geschlossene Linie ihrer Schenkel und den kleinen dunklen Wald ... Und wie emporgehoben von ihren Armen, ruht er an der mütterlichen Brust, sieht ihren Blick so groß und strahlend ... O, ihr alle in den kleinen, engen Stuben, fühlt er, das kann man euch doch nicht nehmen ...

»Alles ist gut«, flüstert Lämmchen. »Alles ist gut, du mein Junge.«

»Ja«, sagt er und er huscht neben sie und neigt sein Gesicht über das ihre. »Ja«, sagt er. »Ich bin so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Du Lämmchen, du ...«

Ein harter Finger klopft gegen ihre Tür, nachts, um Mitternacht herum.

»Darf ich noch mal rein?« fragt eine Stimme.

»Komm nur rein, Mama«, sagt Pinneberg voll Stolz. »Uns störst du nicht.«

Und hält seine Hand fest auf Lämmchens Schulter und hindert sie, züchtig in ihren Bettanteil hinüberzuschlüpfen.

Frau Minna Pinneberg tritt langsam ein und überblickt die Lage.

»Ich störe euch hoffentlich nicht. Ich sah, daß hier noch Licht brennt. Aber ich dachte natürlich nicht, daß ihr schon im Bett wärt. Also ich störe euch gewiß nicht?« Dabei setzt er sich.

»Uns störst du gewiß nicht, Mama«, erklärt Pinneberg. »Das macht uns gar nichts. Übrigens sind wir ja auch verheiratet.«

Frau Mia Pinneberg sitzt da und atmet hastig. Trotz ihrer Malerei sieht man, daß sie sehr rot ist. Sicher hat sie ein bißchen scharf getrunken.

»Gott«, murmelt Frau Pinneberg – Lämmchens Hemden sind so verflucht offenherzig –, »was die junge Frau für 'ne Brust hat! Das sieht man am Tage gar nicht so. Du erwartest doch nicht?«

»I wo«, antwortet Pinneberg und sieht sachverständig in den Hemdenausschnitt. »Die ist bei Lämmchen immer so. Die hat sie schon als Kind gehabt.«

»Junge!« mahnt Lämmchen.

»Siehst du, Emma«, sagt Frau Pinneberg entrüstet, aber auch weinerlich. »Dein Mann verkohlt mich. Die drinnen verkohlen mich auch. Nun bin ich mindestens fünf Minuten weg und ich bin doch die Gastgeberin. Aber glaubt ihr, einer fragt nach mir? Immer die dummen Ziegen, die Claire und die Nina. Und Holger ist auch ganz anders geworden, die letzten Wochen. Nach mir fragt keiner.«

Frau Pinneberg schluchzt ein bißchen.

»O Mama!« sagt Lämmchen, ein bißchen verlegen – mitleidig und möchte gern aus dem Bett zu ihr hin, aber der Junge hält sie fest.

»Laß man, Lämmchen«, sagt er mitleidslos. »Das kennen wir schon. Hast einen kleinen sitzen, Mama. Na, das gibt sich wieder. Das ist immer so bei ihr«, erklärt er ganz ungerührt, »wenn sie einen sitzen hat, weint sie erst, und dann fängt sie Krakehl an, und dann weint sie wieder. Das kenne ich schon, seit ich Schuljunge war ...«

»Bitte, Junge, nicht so«, flüstert Lämmchen. »Das sollst du nicht ...«

Und Frau Pinneberg sagt sehr böse: »Erinnere du mich bloß an deine Schuljungenjahre! Da könnt ich deiner Frau erzählen, wie das war, als der Schutzmann kam und du hattest mit den Mädchen in der Sandkiste solche unanständigen Spiele ...«

»Geschenkt!« sagt Pinneberg. »Meine Frau kennt das alles. – Siehst du, Lämmchen, jetzt kommt bei ihr der Zustand, wo sie Streit anfängt, jetzt geht das los.«

»Ich will das nicht mehr hören«, sagt Lämmchen mit flammenden Wangen. »Wir sind alle dreckig, ich weiß das leider, auch mich hat keiner beschützt. Aber daß du als Sohn zu deiner Mutter ...«

»Sei man ruhig«, sagt Pinneberg. »Ich fange mit solchem Mist nicht an. Immer ist das Mama.«

»Und wie ist das mit meiner Miete?« fragt Frau Pinneberg plötzlich wütend und ist mitten in ihrem Thema. »Heute ist der einunddreißigste, überall müßt ihr die Miete vorausbezahlen und ich habe noch keinen Pfennig ...«

»Du kriegst sie schon«, sagt Pinneberg, »heute nicht und morgen auch nicht. Aber kriegen tust du sie – mal.«

»Ich muß sie heute haben, ich muß den Wein bezahlen. Kein Mensch fragt mich, woher ich mein Geld nehme ...«

»Sei doch nicht blöd, Mama. Du brauchst den Wein doch nicht in der Nacht zu bezahlen. Das alles ist ja Geschwätz. Und denk bitte auch daran, daß Lämmchen dir alle Arbeit macht!«

»Ich will mein Geld haben«, sagt Frau Pinneberg erschöpft. »Wenn Lämmchen mir nicht mal solchen kleinen Gefallen tun will. Ich habe auch heute den Tee für euch aufgebrüht, wenn ich das nun auch bezahlt haben will?«

»Du bist ja verdreht, Mama«, sagt Pinneberg. »Jeden Tag die ganze Wohnung aufräumen und ein bißchen Tee aufbrühen! –«

»Egal«, sagt Frau Pinneberg. »Gefallen bleibt Gefallen.« Aber sie sieht sehr bleich aus, sie erhebt sich wankend. »Ich komme gleich wieder«, flüstert sie und stottert hinaus.

»Nun aber schnell das Licht aus«, sagt Pinneberg. »Verdammt, daß man die Tür nicht abschließen kann, nichts ist hier in Ordnung in diesem Saustall.« Er kriecht wieder zu Lämmchen. »O Lämmchen, daß die Olle dazwischen kommen mußte, und wir waren so schön im Gang ...«

»Ich kann das nicht ertragen«, flüstert Lämmchen, und er fühlt, wie sie am ganzen Leibe zittert, »daß du so zu Mama sprichst. Es ist doch deine Mutter, Jungchen.«

»Leider«, sagt der Junge und ist nicht zu erweichen. »Leider, und weil ich sie eben so gut kenne, weiß ich, was sie für ein Biest ist. Du fällst ja noch drauf rein, Lämmchen, weil sie am Tage, wenn sie nüchtern ist, witzig ist und Humor hat und Spaß versteht. Ist ja alles nur Schlauheit von ihr. Keinen Menschen mag sie wirklich, mit dem Jachmann, glaubst du, es geht noch lange gut? Der wird doch auch schlau und merkt, sie nützt ihn bloß aus. Und nur so fürs Bett, da wird sie doch nun auch bald zu alt.«

»Junge«, sagt Lämmchen sehr ernst, »ich will nie wieder hören, daß du so von Mama sprichst. Du magst recht haben, und ich mag ein dummes sentimentales Puttchen sein, ich will es nie wieder hören. Ich muß immer denken, der Murkel könnte einmal so von mir reden.«

»Von dir?« fragt Pinneberg. Und der Ton sagt schon alles. »Von dir sollte der Murkel so reden –? Aber du, du bist doch Lämmchen! Du bist – ach Gott, verdammt, da ist sie schon wieder an der Tür. – Wir schlafen jetzt, Mama!«

»Liebe Kinder!« läßt sich ganz überraschend Jachmanns Stimme vernehmen, aber auch ihr merkt man an, daß der Besitzer beschickert ist. »Liebe Kinder, entschuldigt mich einen Augenblick ...«

»Gerne«, sagt Pinneberg. »Gehen Sie immer raus, Herr Jachmann.«

»Einen Augenblick, junge Frau, ich gehe raus. Sie sind Ehe und wir sind Ehe. Nicht standesamtlich, aber sonst ganz reell mit allem Krach ... Warum sollen wir uns also nicht helfen?«

»Raus!« sagt Pinneberg nur.

»Sie sind eine entzückende Frau«, sagt Jachmann und setzt sich schwer auf das Bett.

»Das bin leider nur ich«, sagt Pinneberg.

»Egal«, sagt Jachmann und steht auf. »Ich weiß doch hier Bescheid, gehe ich einfach rum um das Bett ...«

»Sie sollen raus gehen«, protestiert Pinneberg etwas hilflos.

»Tu ich auch noch«, sagt Jachmann und sucht sich den Weg durch den Engpaß zwischen Waschtisch und Schrank. »Ich komme nämlich nur wegen der Miete.«

»O Gott«, seufzen beide Pinnebergs.

»Sind Sie das, junge Frau?« ruft Jachmann. »Wo war das? O, machen Sie doch mal Licht. Sagen Sie noch einmal: O Gott.« Er kämpft sich weiter durch das Zimmer voller Fallen, nach dem Bett am Fenster.

»Wissen Sie, die Frau, Ihre Mutter, schimpft ewig rum, weil sie die Miete noch nicht hat. Heute verkorkst sie uns wieder den ganzen Abend. Jetzt weint sie drüben. Na, habe ich gedacht, Jachmann, die letzten Tage hats nur so geflutscht mit dem Geldverdienen, Jachmann, geben würdest du es der Frau doch, gibst du es den Kindern. Die geben es der Frau, kommt es auf eins raus. Und Friede ist.«

»Nee, Herr Jachmann«, fängt Pinneberg an, »das ist ja sehr liebenswürdig von Ihnen ...«

»Liebenswürdig –, o verflucht, was steht denn hier? Das ist ja ein neues Möbelstück! Spiegel! Nee, meine Ruhe will ich haben. Kommen Sie her, junge Frau, hier ist das Geld.«

»Bedauere sehr, Herr Jachmann«, sagt Pinneberg fröhlich, »daß Sie den weiten Weg umsonst gemacht haben, das Bett ist leer, meine Frau ist bei mir.«

»O verflucht«, flüstert der Riese.

Denn draußen tönt eine weinerliche Stimme: »Holger, wo bist du denn, Holger?«

»Verstecken Sie sich rasch! Sie kommt hier rein«, flüstert Pinneberg.

Gepolter, die Tür geht auf. »Ist Jachmann vielleicht hier?« Und Frau Pinneberg macht Licht. Zwei Augenpaare sehen sich etwas ängstlich um, aber er ist nicht da, steckt sicher hinter dem zweiten Bett.

»Wo er wieder ist? Manchmal rennt er auf die Straße. Bloß weil es ihm zu heiß ist. – Ach Gott, da –!«

Pinneberg und Lämmchen folgen etwas bestürzt dem Blick der Mama. Doch nicht Holger ist es, den sie entdeckt hat, sondern ein paar Geldscheine, offenliegend auf Lämmchens rotseidener Steppdecke.

»Ja, Mama«, sagt Lämmchen und ist die Gefaßteste. »Wir haben es uns eben besprochen. Das ist die Miete für die nächste Zeit. Bitte!«

Frau Mia Pinneberg nimmt das Geld. »Dreihundert Mark«, sagt sie etwas atemlos. »Na, es ist gut, daß ihr euch besonnen habt. Ich rechne es dann für Oktober und November. Dann ist nur noch die Kleinigkeit für Gas und Licht. Das rechnen wir dann bei Gelegenheit ab. Also gut ... ich danke auch ... Gute Nacht ...«

Sie hat sich aus dem Zimmer geredet, ängstlich ihren Schatz hütend.

Hinter dem letzten Bett taucht Jachmanns strahlendes Gesicht auf: »Was 'ne Frau!« sagt er. »Was 'ne Frau! Dreihundert Mark und Oktober und November ist doch sehr gut! Na, entschuldigt, Kinder, jetzt muß ich sie sehen. Erstens bin ich neugierig, ob sie was von dem Geld sagt. Und zweitens ist sie jetzt bestimmt so aufgedreht – na also, gute Nacht.«

Und raus ist er.


 << zurück weiter >>