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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Aus der Nacht erhob sich das Licht und die Helle des Tages.

Hesiod.

Die liebliche Maisonne schien hell und heiter über die ruhige Vorstadt H* dahin. In den Straßen war es lebendig. Es war um die Mittagsstunde, wo der Verkehr lebhaft und die Straßen voll sind. Der alte Kaufmann, der sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, betrachtete mit neugierigen Augen die vorüberrollende Kutsche oder den oft anhaltenden Omnibus, und athmete die frische und duftige Luft in der breitesten und menschenreichsten Straße, von wo man in der Ferne die Thürme der Hauptstadt erblickte. Der aus der Schule befreite Knabe eilte zum Mittagessen nach Hause; die Balladensängerin ließ ihren kläglichen Gesang in den engeren Gassen hören, wo der Bäckerjunge mit den Puddings auf seinem Teller, und das hübsche Dienstmädchen, welches ausgeschickt war, um Porter zu holen, stillstanden, um zu horchen. Und an den Läden, wo wohlfeile Shawls und Zitze das weibliche Auge reizten, hielt manches Mädchen ihre ungeduldige Mutter an, betrachtete die Muster und berechnete, ob ihre mühsam gewonnene Ersparniß zu dem Sonntagsstaat ausreichen werde. Und an den Straßenecken dampften die wandernden Küchen der Pastetenbäcker, die ihre Waare den Kindern und dem hungrigen Pöbel anpriesen. Und zwischen Alle hindurch rollte die träge Kutsche eines alten Kaufmanns oder einer verwelkten, alten Jungfrau, die sich keines Lebens bewußt waren, außer dem, welches durch ihre eigenen, langsam fließenden Adern fortschlich. Und vor dem Hause, wo Katharina gestorben war, trieben sich viele Müßiggänger umher, und wunderten sich, warum wohl von der Kirche her das lustige Geläute der Hochzeitsglocke erscholl.

Aber endlich sah man auf der breiten Straße, die von der großen Stadt herführte, drei Wagen von ganz anderer Mode, als sie in der Vorstadt gebräuchlich war, daherfahren. Rasch kamen sie heran und bogen um die Ecke, die zu der Kirche führte; die Hufe der munteren Rosse ertönten lustig auf dem Boden; die weißen Bänder der Diener schimmerten in der Sonne. Glücklich ist die Braut, auf welche die Sonne scheint! Und als die Wagen verschwunden waren, vereinigten sich die zerstreuten Gruppen und nahmen ihren Weg zu der Kirche. Sie standen müßig auf dem Begräbnißplatze, und viele hatten sich um die Einzäunung versammelt, die Katharinens einsames Grab vor ihren Fußtritten schützte. Alles in der Natur war fröhlich und heiter; die sanfte Luft athmete eine liebliche Frische; keine Wolke war in dem lächelnden Azurblau zu sehen; selbst die alten Ulmen schienen glücklich in ihrem ewigen Grün. Die Glocke schwieg und dann wurde auch die Menge still. Und kein Ton wurde gehört an jener feierlichen Stätte, die zugleich der Geburt, der Hochzeit und dem Tode geweiht ist.

Endlich kam die wohlbeleibte Gestalt des rosigen Büttels aus der Kirchthür. Er näherte sich den Gruppen, flüsterte den Bessergekleideten zu und befahl den Zerlumpten, machte den Alten Vorstellungen und erhob seinen Rohrstock gegen die Jungen, und die Folge war, daß Alle nicht ohne einiges Murren und einige Einwendungen den Kirchhof räumten und sich auf den Platz vor dem Haupteingange desselben zurückzogen, wo sie neben den Wagen, welche die Hochzeitsgesellschaft wieder fortfahren sollten, gaffend und schwatzend stehen blieben.

Als die Ceremonie beendet war, führte Philipp Beaufort seines Bruders junge Gattin schweigend durch das Schiff der Kirche. Auf seinen Stab gestützt, sein gewohntes, kaltes Lächeln auf seiner schmalen Lippe, hinkte Lord Lilburne Schritt für Schritt mit dem Paare fort, doch ein wenig von ihnen getrennt, und sah von Zeit zu Zeit in Philipp Beauforts Gesicht, wo er einen Kummer zu lesen hoffte, aber nicht entdecken konnte. Lord Lilburne hatte bis zu dem Tage jede Unterredung mit Philipp vermieden, und er kam jetzt nur zu der Hochzeit, wie ein Arzt in ein Hospital geht, wo er einen schweren Krankheitsfall zu finden erwartet: doch er sah sich getäuscht. Dicht hinter ihm folgte Sidney, in Freude, Jugend und Schönheit strahlend, und sein gütiger Pflegevater, dem die Thränen die Wangen herunterrollten, sprach murmelnd seinen Segen aus, indem er ihn anblickte. Mrs. Beaufort hatte es abgelehnt, der Ceremonie beizuwohnen – ihre Nerven waren zu schwach – aber in weiterem Zwischenraume folgte Robert Beaufort, dem äußeren Scheine nach so nüchtern, gesetzt und gesammelt, wie immer; obgleich ein genauer Beobachter hätte sehen können, daß sein Schritt schwerer war und seine gebeugte Gestalt freudenloser. In seiner Miene lag etwas Niedergeschlagenes. Das Bewußtsein des Grundbesitzes war aus seinem stattlichen Wesen gewichen; er war kein Besitzer mehr, sondern ein Pensionirter. Der reiche Mann, der nach Gefallen über das Glück Anderer entschieden hatte, war eine Null geworden, er hatte aufgehört, an irgend etwas Interesse zu nehmen. Was lag ihm jetzt an der Hochzeit seiner Tochter? Ihre Kinder konnten doch nie Erben von Beaufort werden. Als Camilla sich freundlich umwendete und mit glücklichen Thränen seine Annäherung erwartete, erzwang er ein Lächeln, aber es war kränklich und kläglich. Es verlangte ihn, sich fortzuschleichen und allein zu sein.

»Mein Vater!« sagte Camilla mit ihrer leisen und lieblichen Stimme, machte sich von Philipp los und warf sich an seine Brust.

»Sie ist ein gutes Kind,« sagte Robert Beaufort mit leerem Ausdruck, richtete seine trockenen Augen auf die Gruppe und wendete instinktmäßig eine von seinen gewohnten Redensarten an: »und ein gutes Kind, Herr Sidney, wird auch ein gutes Weib werden!«

Der Geistliche verbeugte sich, als sei das Compliment an ihn gerichtet; er war der Einzige von den Gegenwärtigen, den Robert Beaufort noch täuschen konnte.

»Meine Schwester,« sagte Philipp Beaufort, als sie sich wieder auf seinen Arm stützte und sie vor der Kirchthür stehen blieben, »möge Sidney Sie lieben und schätzen – wie ich würde gethan haben, und glauben Sie mir Beide, ich habe kein Bedauern, keine Erinnerung, die mich jetzt noch verletzt.« Er ließ ihren Arm sinken und winkte ihrem Vater, sie zu dem Wagen zu führen. Dann faßte er Sidney's Arm und sagte: »Warte, bis sie fort sind, ich habe dir noch ein Wort zu sagen. Gehen Sie weiter, meine Herren.«

Der Geistliche verbeugte sich und ging über den Kirchhof. Aber Lilburne blieb stehen, sah Philipp an und sagte leise zu ihm: »Und so viel thun Sie für das Gefühl – die Thorheit! So viel für die Großmuth – die Täuschung! – Glücklicher Mann!«

»Ich bin durchaus nicht unglücklich, Lord Lilburne.«

»Wirklich? – Dann war es weder Gefühl, noch Großmuth, und wir wurden getäuscht! Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.« Mit diesen Worten hinkte er langsam zum Thor. Philipp antwortete nicht einmal mit einem Blicke auf diesen Sarkasmus, denn in diesem Augenblicke erhob die Menge draußen ein lautes Geschrei – sie erblickte die Braut.

»Komm hierher Sidney,« sagte Philipp, »ich darf dich nicht lange zurückhalten.«

Arm in Arm gingen sie aus der Kirche und wendeten sich zu der nahen Stelle, wo die Blumen auf dem Grabsteine ihrer Mutter sie anlächelten. Die alte Inschrift war entfernt und statt derselben der Name Katharina Beaufort auf den Stein gesetzt.

»Bruder,« sagte Philipp, »vergiß dieses Grab nicht, wenn nach Jahren Kinder um deinen eigenen Herd spielen. Sieh', der Name Katharina Beaufort ist frischer auf dem Stein, als das Datum der Geburt und des Todes – der Name wurde erst heute eingegraben – an deinem Hochzeitstage! Bruder, bei diesem Steine sind wir jetzt in der That vereinigt.«

»O Philipp!« rief Sidney in tiefer Bewegung, indem er die Hand drückte, die er ihm entgegenstreckte; »ich fühle, ich fühle, wie edel, wie groß du bist – daß du mir mehr geopfert hast, als ich mir träumen ließ.«

»Still!« sagte Philipp lächelnd, »rede nicht davon. Ich bin glücklicher, als du glaubst. Geh', sie erwartet dich.«

»Und du? – Soll ich dich allein lassen?«

»Nicht allein,« sagte Philipp, auf das Grab deutend.

Kaum hatte er ausgesprochen, als Lord Lilburne's Stimme vom Thore her ertönte: »Wir warten auf Herrn Sidney Beaufort.«

Sidney fuhr mit der Hand über die Augen, drückte noch einmal seines Bruders Hand, und im nächsten Augenblicke war er an Camilla's Seite. Noch ein Zuruf – das Rollen der Räder – das Stampfen der Pferde – das ferne Gemurmel der Menge – und Alles war still.

Der Küster kehrte zurück, um die Kirche zu schließen – er bemerkte Philipp nicht, der im Schatten der Mauer stand – und ging heim, um von der vornehmen Hochzeit zu erzählen und zu fragen, um welche Stunde am nächsten Tage die Beerdigung eines jungen Frauenzimmers, seiner nächsten Nachbarin, stattfinden werde.

Philipp mochte vielleicht eine Viertelstunde dagestanden haben, ohne sich von der Stelle zu bewegen, als ihn Jemand leise am Aermel zupfte. Er wendete sich um und sah Fanny's bedeutungsvolles Gesicht.

»So wolltest du also nicht zur Hochzeit kommen?« sagte er.

»Nein. Aber ich dachte mir, du würdest hier allein sein und traurig.«

»Und du willst nicht einmal die Kleidung tragen, die ich dir gab?«

»Ein andermal. Sage mir, bist du unglücklich?«

»Unglücklich, Fanny! Nein, sieh' um dich. Selbst der Begräbnißplatz zeigt ein Lächeln. Der Epheu windet sich über die Mauer, höre nur die Vögel auf der dunkeln Ulme droben, und sieh', dort hat sich selbst ein Schmetterling auf ein Grab gesetzt! – Ich bin nicht unglücklich.«

Als er so sprach, sah er sie lebhaft an, nahm ihre beiden Hände in die seinen, zog sie sanft zu sich und fuhr fort:

»Erinnerst du dich, Fanny, wie wir uns einst über jene kleine Pforte lehnten, und ich zu dir von dem Glück der Ehe sprach, wo zwei Herzen vereint werden? Nein, Fanny, ich muß fortfahren. Es war hier an dieser Stelle, wo ich dich zuerst bei meiner Rückkehr nach England wieder sah. Ich kam, die Todten zu suchen, und habe seitdem gedacht, daß es der Schutzgeist meiner Mutter war, der mich hieher führte, um dich, die Lebende, zu finden! – Und später kamst du oft mit mir hierher, Fanny, und, geblendet und betäubt, wie ich war, kam ich hierher, um zu brüten und zu trauern, ohne um den Schatz zu wissen, der schon damals in meinem Bereiche war. Aber es ist so besser gewesen; die Prüfung, die ich bestanden, hat mich dankbarer gemacht für den hohen Preis, auf den ich jetzt zu hoffen wage. Deine Hand erneuerte jeden Tag die Blumen auf diesem Grabe. Willst du bei diesem Grabe, der Kette zwischen Zeit und Ewigkeit, deren Lehren wir zusammen lasen, mein Gelübde theilen? Fanny, Theuerste, Schönste, Zärtlichste, Beste, ich liebe dich endlich so, wie du allein geliebt werden solltest! – Willst du mein Weib sein? Mein, nicht für eine Zeit, sondern auf immer – auf immer, selbst dann noch, wenn diese Gräber geöffnet werden und die Welt zusammenschrumpft, wie eine Papierrolle! Verstehst du mich? Hörst du mich? Oder habe ich geträumt, daß – daß –«

Er hielt inne – ein Schrecken ergriff ihn bei ihrem Schweigen. Hatte er sich in seinem göttlichen Glauben getäuscht? Die Furcht war nur augenblicklich, denn Fanny, die zurückwich, während er sprach, drückte die Hände an ihre Schläfe, sah ihn athemlos und mit halbgeöffneten Lippen an, als könne ihr bescheidener Geist nur mit großer Anstrengung an die Möglichkeit des Glückes glauben, welches sich ihr plötzlich eröffnete, und näherte sich, während ihr Gesicht von Erröthen übergossen war, sah ihm in die Augen, als wollte sie in seiner tiefsten Seele lesen, und sagte in einem Tone, welcher zeigte, daß ihr ganzes Schicksal von seiner Antwort abhing:

»Aber ist dieß nicht Mitleid? – Man hat dir gesagt, daß ich – kurz, du bist großmüthig, du – du – o täusche mich nicht! Liebst du sie noch? – Kannst du wirklich die demüthige, die thörichte Fanny lieben?«

»Gott soll mich richten, Geliebte, wenn ich nicht aufrichtig bin! Ich habe eine Leidenschaft überlebt, die nie so süß – so zärtlich, so vollkommen war, wie die, welche ich jetzt für dich empfinde! Und, o Fanny, höre dieses wahre Bekenntniß! Zu dir – zu dir wendete sich mein Herz, ehe ich Camilla sah! – Gegen diesen Antrieb kämpfte ich an in der Blindheit eines hochmüthigen Irrthums!«

Fanny stieß einen leisen und unterdrückten Schrei der Freude und des Entzückens aus. Philipp fuhr leidenschaftlich fort:

»Fanny, mache das Leben glücklich, welches du gerettet hast. Das Schicksal bestimmte uns für einander. Das Schicksal hat deinen lieblichen Geist für mich gereift. Das Schicksal hat für dich dieses rauhe Herz besänftigt. Wir mögen noch viel zu ertragen und viel zu lernen haben. Wir wollen einander trösten und einander belehren!«

Er zog sie an seine Brust, während er sprach – sie zitterte und erröthete, widerstrebte aber nicht mehr, und dort bei dem Grabe, welches ein so denkwürdiger Schauplatz für ihre gemeinschaftliche Geschichte gewesen war, wurden jene Gelübde gemurmelt, worin, wie alle Welt weiß, so viel des menschlichen Glückes liegt – so viel der Liebe, die dem Kummer den Stachel raubt, und des Glaubens, welcher der Liebe Ewigkeit verleiht. Alles war still, aber heiter um sie her! Droben der Himmel, zu ihren Füßen das Grab – für die Liebe das Grab – für den Glauben der Himmel!


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