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Zweites Kapitel.

– Was die Tugend vermag und die Weisheit,
Stellt das nützliche Beispiel uns dar am edlen Ulysses.

Horaz.

Inzwischen war der Gegenstand ihres Suchens, nachdem er Mortons Laden verlassen, langsam und traurig durch die nassen Straßen gegangen, bis er ein Gasthaus in der Vorstadt auf der Straße nach London erreichte. Hier trat er auf eine kurze Zeit ein und trocknete seine Kleider am Kamine im Gastzimmer, welche Erlaubniß er sich dadurch erkaufte, daß er sich für vier Pence Gin geben ließ; und als er erfahren, daß die nächste Kutsche nach London erst in mehreren Stunden vorüberkommen werde, setzte er sich nieder, um ein wenig zu schlummern, bis das Horn des Postillons ihn wecken würde. Derselbe Omnibus, mit dem Philipp am Abend zuvor nach N* gekommen war, hatte auch den Mann, welchen er suchte, dorthin gebracht.

Der arme Mann war kränklich und ermüdet, und eben ein wenig eingeschummert, als er plötzlich durch das Rollen eines Wagens und das Stampfen von Pferden erweckt wurde. Da er nicht wußte, wie lange er geschlafen, und meinte, der Wagen den er erwartete, sei vor der Thüre, so eilte er hinaus. Es war ein Omnibus, der von London kam, und der Postillon scherzte mit der hübschen Kellnerin, die ziemlich kurze Röcke trug und ihm das gewohnte Glas reichte. Als der Mann sich überzeugt hatte, daß seine Zeit noch nicht da sei, war er im Begriffe zum Feuer zurückzukehren, als sich ein Kopf aus dem Fenster hervorstreckte und eine Stimme rief: »Sterne und Strumpfbänder! Will – bist du es?« Bei dem Tone dieser Stimme stand der Mann plötzlich still, wurde sehr blaß und seine Glieder zitterten. Der Passagier öffnete die Thür, sprang mit einem kleinen Reisesacke in der Hand heraus, zog eine lange lederne Börse hervor, aus welcher er großthuend einige Münzen auswählte, womit er den Kutscher bezahlte; dann nahm er den Arm des Bekannten, den er entdeckt hatte, und führte ihn in das Haus zurück.

»Will – Will,« flüsterte er, »du bist bei den Mortons gewesen. Sei nicht bedenklich – laß mich Alles hören. Jenny oder Dolly oder wie dein hübscher Name sein mag – ein besonderes Zimmer, ein Nösel Rum, meine Liebe, und heißes Wasser und Zucker. So ist's recht.«

Sobald die Beiden in einem kleinen Zimmer, den Rum vor sich, an einem guten Feuer saßen, ging der zuletzt Gekommene zur Thür und verriegelte sie vorsichtig, warf seinen Reisesack unter den Tisch, legte seine Handschuhe ab und breitete sich weiter und weiter vor dem Feuer aus, bis er jeden Strahl von seinem Freunde ausgeschlossen hatte; dann drehte er sich plötzlich herum, damit sein Rücken auch erwärmt werde, und rief:

»Zum Henker, Will, du bist eine hübsche Art von Bruder, daß du mir den Vorsprung abgewonnen hast. Doch, in dieser Welt denkt Jeder nur an sich selber!«

»Ich sage dir,« sagte Wilhelm mit einiger Entschiedenheit in seiner Stimme, »daß ich diesen jungen Männern kein Unrecht zufügen will, wenn sie leben.«

»Wer verlangt denn von dir, daß du ihnen Unrecht thun sollst – du Tölpel? Vielleicht werde ich der beste Freund sein, den sie haben – ja, oder auch du, obgleich du der undankbarste, grillenhafteste Mensch bist, der mir je über den Weg gelaufen. Komm' und trink' und rolle deine Augen nicht so wie ein Schuhu!« Hier hielt der Redende einen Augenblick inne und fuhr in ernsterem und nachdrücklicherem Tone fort: »So glaubtest du mir also nicht, als ich dir sagte, daß diese Brüder todt seien, und du gingst zu den Mortons, um mehr zu erfahren?«

»Ja.«

»Nun, und was hast du erfahren?«

»Nichts. Morton erklärt, er weiß nicht, daß sie leben, aber er weiß auch nicht, daß sie todt sind.«

»Ei,« sagte der Andere, mit großer Aufmerksamkeit zuhörend, »und glaubst du wirklich, daß er nichts von ihnen weiß?«

»Ja, das glaube ich in der That.«

»Hm! Ist er ein Mann, der Geld hergeben würde, um bei der Nachsuchung zu helfen?«

»Er sah aus, als hätte er das gelbe Fieber, als ich sagte, ich sei arm,« entgegnete Wilhelm, indem er sich umwandte, um auch einen Schimmer von dem Feuer zu erhaschen, als er seinen Grog hinuntergoß.

»Dann will ich verdammt sein, wenn ich mich der Gefahr aussetze, zu ihm zu gehen. Ich habe einige kleine Geschäfte in dieser Stadt gemacht, und obgleich es eine lange Zeit her ist, so vergessen doch die Leute einen hübschen Mann nicht so bald – besonders wenn er ihnen eine Nase gedreht hat! Nun höre mich an. Du siehst, ich habe dieser Sache alle meine Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn die Knaben todt sind, sagte ich dir, so ist es nicht der Mühe werth, sich die Finger zu verbrennen, indem man für Gebeine im Sarge ein Licht hält. Aber Herr Beaufort braucht nicht zu wissen, daß sie todt sind, und wir wollen sehen, was wir von ihm herausbringen können; und wenn es gelingt, woran ich nicht zweifle, so können wir für unser übriges Leben die Köpfe aufrecht halten. Wie ich dir sagte, ging ich zu Herrn Beaufort – und wahrhaftig, ich glaubte, wir hätten die Sache schon gewonnen. Doch seit ich dich zuletzt sah, hat mir der Teufel das Spiel verdorben. Als ich wiederkam, Will, wurde ich zu einem alten Herrn geführt, so scharf wie ein Bohrer. Ich will gehängt sein, Wilhelm, wenn er mich nicht aus allen meinen sieben Sinnen herausschreckte!«

Hier that Kapitän Smith – denn der Leser wird bereits entdeckt haben, daß der Redende keine geringere Person war – drei oder vier große Schritte durch's Zimmer, kehrte zum Tisch zurück, warf sich auf einen Stuhl, stellte seine Füße an den Kamin, legte seinen Finger an die Nase und sagte leise und mit bedeutungsvollem Blinzeln: »Will, er wußte, daß ich deportirt gewesen! Er weigerte sich nicht nur, das anzuhören, was ich zu sagen hatte, sondern drohte, uns Beide verfolgen, hängen, rädern und viertheilen zu lassen, wenn wir je wagten, mit der Wahrheit herauszukommen.«

»Aber was kann die Wahrheit nützen, wenn die Knaben todt sind?« sagte Wilhelm schüchtern.

Ohne auf diese Frage zu achten, fuhr der Kapitän fort, indem er den Zucker in seinem Glase umrührte: »Ich schlich mich also hinaus, und als ich meine Thür erreicht hatte und mich umsah, bemerkte ich den Polizeidiener Sharp auf der andern Seite der Straße und fühlte mich verdammt unbehaglich. Ich ging indeß hinein, setzte mich nieder und begann nachzudenken. Ich sah, daß mit den Alten nichts anzufangen sei, und jetzt möchte es der Mühe werth sein, ausfindig zu machen, ob die Jungen wirklich todt seien.«

»So wußtest du das doch nicht! Ich dachte es wohl. O Jerry!«

»Nun sieh nur, Mann, es war nicht unser Vortheil, ihre Partei zu ergreifen, wenn wir mit den Andern unsern Handel machen konnten. Der Grund ist dieser. Du bist nur ein einziger Zeuge – du bist ein guter Mensch, aber arm, und hast etwas schwache Nerven, Will. Du weißt nicht, was es mit den Perrücken auf sich hat, wenn man im Zeugenstand eingesperrt ist, sie kommen von der einen Seite und von der andern, sie drohen und verwirren, bis man einem Pferde gleicht, welches auf heißem Eisen tanzt. Wenn dein Zeugniß umgestoßen würde, so wäre die Sache zu Ende, und was würde dann aus uns werden? Ueberdies,« setzte der Kapitän mit würdevoller Aufrichtigkeit hinzu, »bin ich deportirt worden – es ist vergebens, es zu läugnen – und bin vor meiner Zeit zurückgekehrt. Wenn man Untersuchungen über deine Glaubwürdigkeit anstellte, so würden mir die Häscher bald auf die Spur kommen. Und du würdest doch nicht wollen, daß der arme Jerry zu dem garstigen Orte auf der andern Seite des großen Häringsteiches zurückgeschickt würde?«

»Ach, Jerry!« sagte Wilhelm, indem er freundlich seine Hand in die seines Bruders legte, »du weißt, daß ich dir bei der Flucht behülflich war. Ich ließ Alles zurück, um mit dir herüberzukommen.«

»Das thatest du, und du bist ein guter Kerl; doch was das Zurücklassen betrifft – du verlorst ja Alles vorher. Und als du mir von der Heirath erzähltest, sagte ich dir nicht, daß wir unser Glück machen könnten, auf unsere Lebenszeit? Doch um zu meiner Geschichte zurückzukehren. Es ist gefährlich, sich mit den jungen Leuten einzulassen. Aber da auf der andern Seite nur harte Worte zu erhalten sind, so wollen wir unsere Pflicht thun, und ich will sie ausfindig machen und das Beste für uns thun – das heißt, wenn sie noch über der Erde sind. Und nun will ich dir gestehen, ich weiß, daß der Jüngere am Leben ist.«

»Wirklich?«

»Ja, doch da er sich auf die Sache nicht wird einlassen wollen, wenn sein Bruder nicht todt ist, so müssen wir den Erben aufsuchen. Nun sagte ich dir schon, daß vor vielen Jahren ein junger Bursche bei mir war, der, wenn ich Alles berücksichtige – wie die Beauforts hinter ihm her waren und er zu der Zeit verschiedene Worte fallen ließ – kein Anderer sein kann, als der hoffnungsvolle Erbe deines alten Herrn. Ich weiß, daß der arme Will Gawtrey diesem Burschen die Adresse des alten Gregg gab, der ein Freund von mir ist. Als ich gewartet, bis Sharp sich entfernt hatte, ging ich noch in derselben Nacht, oder vielmehr um zwölf Uhr Morgens, in Greggs Haus, und nachdem ich sein Gedächtniß ein wenig aufgekratzt, erfuhr ich, daß der Bursche bei ihm gewesen und später nach Paris gegangen sei, um Gawtrey aufzusuchen, der dort ein Heirathsbureau gehabt. Da ich nicht reich genug war, um auf angenehme und anständige Art nach Paris zu gehen, so ließ ich mich von Gregg zu einem hübschen, stillen, kleinen Geschäft anwerben. Schüttle nicht den Kopf – Alles sicher – ein ländliches Geschäft! Das währte einige Tage. Du siehst, es hat mir dazu verholfen, mich neu aufzutakeln.« Und der Kapitän sah wohlgefällig seine sehr zierliche Kleidung an. »Nun, bei meiner Rückkehr ging ich, um dich aufzusuchen, aber du warst ausgeflogen. Ich argwöhnte, du möchtest zu den Verwandten der Mutter hierher gegangen sein, und dachte, auf jeden Fall könnte ich nicht besser thun, als selber gehen und zusehen, was sie von der Sache wüßten. Nach dem, was du sagst, halte ich es für besser, nicht zu ihnen zu gehen und sogleich nach Paris zu reisen. Ueberlaß es mir, ihn ausfindig zu machen. Und wahrlich, da Sharp und der alte Lord mich verfolgen, so wird es besser sein, ich verlasse England so bald als möglich.«

»Und du denkst wirklich, daß du sie noch auffinden wirst? O, fürchte nicht meine Nerven, wenn ich einmal auf dem rechten Wege bin; es macht mich nur zittern, wenn ich mit dir leben, dich unrecht handeln sehen und schlecht reden hören muß.«

»Bruder!« sagte der Kapitän, »halte mir keine Predigten. Steh' auf, Will, und sieh' uns Beide im Spiegel an! Ungeachtet meiner Mühseligkeiten sehe ich zehn Jahre jünger aus als du. Ich kleide mich wie ein Mann von Stande, was ich auch bin; ich habe Geld in der Tasche; ich gab dir Geld; ohne mich wärest du verhungert. Sieh' nur, du brachtest ein kleines Vermögen mit nach Australien – du verheirathetest dich – du triebst Landwirthschaft – du lebtest ehrlich, und doch ließest du dich durch deine verdammt schwankende Gemüthsart heute zu einer Spekulation verleiten und morgen wieder davon abbringen, und gingst zu Grunde!«

»Jerry! Jerry,« rief Wilhelm bebend, »thu' es nicht – thu' es nicht!«

»Doch es ist Alles wahr und ich will dich vom Predigen heilen. Und dann, als du beinahe zu Ende warst, gabst du nach, anstatt ein kühnes Gesicht anzunehmen und deine Schulter an das Rad zu setzen – du verkauftest, was du hattest – gingst mit Weib und Allem nach Boston hinüber, weil dir Jemand gesagt, daß du in Amerika besser dein Glück machen könntest – du warst nicht zu finden, als man dich vor Jahren aufsuchte, wo du mir und der Familie deines Herrn hättest nützen können, ohne dich oder mich in Gefahr zu bringen – da konnte dich Niemand finden, weil du nicht wolltest, daß deine alten Freunde in England oder in der Kolonie erfahren sollten, daß du ein Sklaventreiber in Kentucky geworden. Du erregtest einen Aufstand unter den Negern, indem du sie beklagtest, anstatt sie zu ihrer Arbeit anzuhalten – du wirst selber ausgestoßen – dein Weib bittet dich, nach Australien zurückzukehren, wo sie hofft, daß ihre Verwandten etwas für dich thun werden – du bewerkstelligst deine Ueberfahrt und siehst so lumpig aus, wie ein Füllen, welches vom Grase kommt – deines Weibes Onkel liebt keine lumpigen Verwandten – dein Weib stirbt an gebrochenem Herzen – und du hättest mit den Sträflingen an den Wegen Steine klopfen können, hätte ich nicht, selber ein Sträfling, Mitleid mit dir gehabt. Greine nicht, Wilhelm, es ist Alles zu deinem Besten – ich hasse das unsinnige Geschwätz! Dagegen ließ ich, mein eigener Herr vom achtzehnten Jahre an, mich nie herab, einem Andern zu dienen – kleidete mich wie ein feiner Herr – küßte die hübschen Mädchen – fuhr im Phaeton – wurde in allen Zeitungen als der berühmte »tolle Jerry« genannt – mir fehlte es nie an einer Guinee in der Tasche, und als ich endlich deportirt wurde, hatte ich eine hübsche Summe in der Bank der Kolonie, um mein Unglück zu erleichtern. Ich entfliehe, ich bringe dich mit herüber – und hier bin ich, unterstütze dich, und bin höchst wahrscheinlich der Einzige, von dem das Schicksal einer der ersten Familien des Landes abhängt. Und du willst mir Moral predigen? Siehst du, Will – in dieser Welt ist Ehrlichkeit nichts ohne Stärke des Charakters! Nun, deine Gesundheit!«

Hier goß der Kapitän den noch übrigen Rum in sein Glas und leerte es auf einen Zug, und während der arme Wilhelm mit einem zerlumpten alten Taschentuche seine Augen trocknete, klingelte er und fragte, welche Kutschen nach B*, einer Seestadt in einiger Entfernung, vorüberkommen würden. Als er erfuhr, daß um sechs Uhr eine abgehen würde, so bestellte der Kapitän das beste Mittagessen, welches die Speisekammer nur liefern könne, und zwar sobald es fertig sei, und als sie dann allein waren, redete er so seinen Bruder an: »Nun gehst du in die Stadt zurück – hier sind vier Guineen für dich. Halte dich ruhig – sprich mit keiner Seele – lasse dich nicht auf das Geschäft ein, das ist Alles, worum ich dich bitte, und ich will Alles ausfindig machen, was nur zu entdecken ist. Es ist mir verdammt aus dem Wege, mich zu B* einzuschiffen; doch es wird das Beste sein, wenn ich mich aus London entferne. Und ich will dir etwas sagen, wenn diese jungen Bursche davongelaufen sind, so gibt es noch einen andern Vogel auf dem Busch, der sich vielleicht als ein Goldfink ausweisen wird – ich meine den jungen Arthur Beaufort. Ich höre, er ist ein wilder, verschwenderischer Junge, der nicht ohne viel Geld leben kann. Nun ist es leicht, einen Mann von der Art zu erschrecken, und der alte Lord wird ihm nicht zur Seite stehen.«

»Aber ich sage dir, daß ich nur für die Kinder meines armen Herrn besorgt bin.«

»Ja, aber wenn sie todt sind, und man dadurch, daß man sagt, sie sind am Leben, für sein Alter sorgen kann, so liegt kein Unrecht darin – he?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Wilhelm unentschlossen. »Aber gewiß ist es hart, in meinem Alter so arm zu sein, und so ehrlich und so arbeitsam, wie ich gewesen bin.« Und es lag ein Ausdruck des Neides in dem Blicke, den der hülflose Redliche auf das sorglose Gesicht und die rüstige Gestalt des entschlossenen Schurken warf.


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