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Neuntes Kapitel.

Nur Heiterkeit und Frohsinn herrscht
Im lust'gen Monat Mai;
Drum nützt den Mai – wenn Mai zu End'
Ist's mit der lust'gen Zeit vorbei.

Richard Edwards.

Es war zu jener Jahreszeit, wo für die, welche nur die Oberfläche der Gesellschaft betrachten, London das strahlendste Lächeln zeigt, wo die Läden am meisten geschmückt sind und das Geschäft am lebhaftesten geht, wo die zahllosen Ströme des müßigen und wollüstigen Lebens durch die Straßen rollen und schimmern, wo die höhere Klasse verschwendet und die mittlere erntet, wo der Ballsaal der Markt der Schönheit ist und das Clubhaus die Lästerschule; wo die Spielhäuser nach ihrer Beute schnappen und Opernsängerinnen und Geiger – Geschöpfe, die das Geld ausbrütet wie der Dung Mistkäfer – schwärmend und summend sich mästen an dem Felle des lieben Publikums. Um den gewöhnlichen Ausdruck zu gebrauchen, es war die Londoner Saison. Und glücklich im Vergleich zu den übrigen Theilen des Jahres ist selbst für den Unglücklichen jene Periode der Gährung und des Fiebers. Es ist nicht die Jahreszeit der Mahner, und der Schuldner schleicht mit weniger ängstlichem Auge umher; das Wetter ist warm und der Obdachlose schläft ohne zu frieren unter dem sternenhellen Säulengange; der Bettler gedeiht und der Dieb frohlockt – denn die Civilisation hat überflüssigen Abfall genug für Alle. Und aus der allgemeinen Verwesung kriechen schmutzige und elende Wesen hervor, um sich in dem allgemeinen Sonnenschein zu sonnen – Geschöpfe, welche untergehen, wenn die ersten Herbstwinde durch die schwermüthige Stadt pfeifen. Es ist die fröhliche Zeit für den Erben und die Schöne, für den Staatsmann und den Advokaten, für die Mutter mit ihren jungen Töchtern, für den Künstler mit seinen frischen Gemälden, für den Dichter mit seinem neuen Buche. Es ist auch die fröhliche Zeit für den verhungerten Tagelöhner und den zerlumpten Ausgestoßenen, der mit langen Schritten und geduldigen Augen, um einige Pence zu erhaschen, dem Reiter folgt, der ihn vergebens verdammt und gehen heißt. Es ist eine fröhliche Zeit für die geschmückte Buhlerin im karmoisinrothen Pelzrock, und eine fröhliche Zeit für das alte Weib, die sich in der Nähe des Branntweinladens aufhält und sich in einem Trunk die Träume ihrer entschwundenen Jugend zurückkauft. Kurz, es ist eine fröhliche Zeit – so fröhlich, wie sie es für die Masse einer ungeheuren Stadt nur immer sein kann – für das Laster, wie für die Unschuld, für die Armuth, wie für den Reichthum. Und die Räder jedes einzelnen Geschicks drehen sich munterer, gleichviel ob sie zum Himmel oder zur Hölle gerichtet sind.

Der junge Erbe Arthur Beaufort war im Hause seines Vaters. Er war eben von Oxford gekommen, wo er bereits entdeckt hatte, daß die Gelehrsamkeit nicht besser sei als Haus und Land. Seit die neuen Aussichten ihm geöffnet waren, hatte sich Arthur Beaufort sehr verändert. Von Natur klug und fleißig, wäre er wahrscheinlich ein arbeitsamer und ausgezeichneter Mann geworden, wenn seine Vermögensumstände dieselben geblieben wären, wie sie vor dem Tode seines Oheims waren. Aber obgleich seine Fähigkeiten gut waren, so hatte er doch nicht jene ruhelosen Antriebe, die dem Genie angehören, die oft nicht nur dessen Ruhm, sondern auch dessen Fluch sind. Durch das Gold wurde seine Thatkraft eingeschläfert. Gutmüthig bis zur Uebertreibung, nahm er die Sitten und Grundsätze der jungen Müssiggänger an, die auf der Universität seine Genossen waren. Gleich ihnen wurde er sorglos, ausschweifend und vergnügungssüchtig. Diese Veränderung, wenn sie seinen Geist verschlimmerte, verbesserte sein Aeußeres. Es war eine Veränderung, die nicht umhin konnte, den Frauen zu gefallen, und von allen Frauen besonders seiner Mutter. Mrs. Beaufort war eine Dame von hoher Geburt, und als Robert sie geheirathet, hatte er viel von dem Einfluß ihrer Verbindungen gehofft; doch eine Veränderung im Ministerium hatte ihre Verwandten aller ihrer Macht beraubt, und außer ihrer Mitgift hatte er keinen weltlichen Vortheil durch die Dame seiner berechnenden Wahl erlangt. Mrs. Beaufort war eine Frau, die sich mit wenigen Worten beschreiben läßt. Sie war durchaus gewöhnlich – weder schlecht noch gut, weder geistreich noch dumm. Sie war, was man gut erzogen nennt; das heißt schmachtend, schweigsam, nach der Regel gekleidet und langweilig. Von ihren beiden Kindern war Arthur fast ausschließlich ihr Liebling, besonders nachdem er der Erbe eines so glänzenden Vermögens geworden war, denn sie war so sehr das mechanische Geschöpf der Welt, daß selbst ihre Neigung warm oder kalt war, im Verhältniß, wie die Welt darauf schien. Ohne eigentlich in ihren Mann verliebt zu sein, gefiel er ihr doch – sie paßten für einander, und trotz aller Versuchungen in ihren früheren Jahren – denn man hatte sie als eine Schönheit betrachtet, und sie lebte, wie weltlich gesinnte Leute es thun müssen, in Kreisen, wo die Beispiele unbestrafter Galanterie zahlreich und ansteckend sind – war ihr Betragen doch stets untadelhaft gewesen. Sie hatte wenig oder gar kein Gefühl für ein Mißgeschick, womit sie nie in Berührung gekommen war; dagegen wurde sie von solchen, welche sie selber erlebt oder empfunden hatte – als zum Beispiel von der Noth jüngerer Söhne oder den Irrthümern vornehmer Damen, oder den Täuschungen eines schicklichen Ehrgeizes – tiefer gerührt als man hätte erwarten sollen, und sie verbreitete sich darüber mit allem Takt wohlerzogener Menschenliebe und vornehmer Zurückhaltung. Obgleich sie hinsichtlich des moralischen Anstandes als eine strenge Person galt, war sie doch in der Gesellschaft beliebt, wie es hübsche und anspruchslose Frauen gewöhnlich sind.

Wir müssen Mrs. Beaufort Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, daß sie keinen Antheil an dem Briefe gehabt, den ihr Mann an Katharina geschrieben, obgleich sie auch nicht ganz unschuldig dabei war. Robert hatte nämlich nie der besonderen Umstände gegen sie erwähnt, die Katharina zu einer Ausnahme von der gewöhnlichen Regel machten – noch auch der großmüthigen Vorschläge, die ihm sein Bruder am Abend vor seinem Tode gemacht, und so groß auch seine Ungläubigkeit hinsichtlich der behaupteten geheimen Heirath und der vollkommenen Treue und Ergebenheit Katharinens gegen den Verstorbenen war, so hatte er nur gesagt: »Ich denke, ich muß etwas für jenes Frauenzimmer thun; sie hätte meinen Bruder beinahe dahingebracht, sie zu heirathen, und dann würde er Arthur von der Besitzung ausgeschlossen haben. Dennoch muß ich etwas für sie thun – nicht wahr?«

»Ja, ich denke es auch. Was war sie? von sehr niedriger Herkunft?«

»Die Tochter eines Handelsmannes.«

»Man muß die Kinder versorgen in Uebereinstimmung mit dem Range der Mutter; das ist die allgemeine Regel in solchen Fällen, und die Mutter sollte auch etwa dieselbe Versorgung haben, die sie hätte erwarten können, wenn sie einen Handelsmann geheirathet hätte und Wittwe geworden wäre. Ich vermuthe, sie war eine sehr listige Person, und verdient es nicht; aber es ist immer hübscher in den Augen der Welt, sich an die allgemeinen Regeln zu halten, die hinsichtlich der Geldangelegenheiten festgesetzt sind.«

So sprach Mrs. Beaufort. Sie kam zu dem Schlusse, ihr Mann habe die Sache abgemacht, und es wurde nie wieder davon gesprochen. In der That hatte ihr der verstorbene Beaufort nie gefallen, denn sie sagte, er habe einen schlechten Ton.

In Beaufort's Frühstückzimmer saßen Mutter und Sohn; die Erstere war beschäftigt, der Zweite saß am Fenster; sie waren nicht allein. In einem großen Armstuhle saß ein Mann mittleren Alters, der dem Geplauder eines hübschen kleinen Mädchens, Arthur Beaufort's Schwester, zuzuhören schien. Dieser Mann war nicht schön, doch lag eine gewisse Eleganz in seiner Miene und ein verständiger Ausdruck in seinem Gesicht, was sein Erscheinen sehr angenehm machte. Er hatte ein Auge, wie es häufig mit rothem Haare vereint ist – ein in's Röthliche fallendes nußbraunes Auge mit sehr langen Wimpern; die Augenbrauen waren dunkel und deutlich gezogen und das kurze Haar zeigte sehr vortheilhaft den Umriß eines kleinen, wohlgebildeten Kopfes. Seine Züge waren unregelmäßig; die Gesichtsfarbe war röthlich gewesen aber jetzt verblichen, und eine gelbe Farbe mischte sich mit der rothen. Sein Gesicht war runzliger, besonders um die Augen – die, wenn er lachte, kaum sichtbar waren – als gewöhnlich bei den Männern der Fall ist, die zehn Jahre älter sind. Er schien ausschweifend gelebt, aber dennoch genug in der Lampe zurückgelassen zu haben, um den Docht zu nähren. Beim ersten Anblick schien er schlank, als er sich nachlässig in seinem Stuhl hin- und herdrehte – ja fast zerbrechlich. Doch bei näherer Betrachtung bemerkte man, daß er ungeachtet der kleinen Hände und Füße und der zarten Knochen von Natur stark war. Ohne breit in den Schultern zu sein, hatte er eine außerordentliche hohe Brust – höher, als Männer, die neben ihm wie Riesen erschienen, und seine Bewegungen hatten die Leichtigkeit eines Mannes, der an thätiges Leben gewöhnt ist. In seiner Jugend war er freilich durch seine Geschicklichkeit in athletischen Uebungen berühmt gewesen, doch eine Wunde, die er vor vielen Jahren in einem Duell erhalten, hatte ihn auf Lebzeiten lahm gemacht – ein Unglück, welches seinen früheren Gewohnheiten hinderlich war und sein Temperament verbitterte. Dieser Mann, dessen Stellung und Charakter wir später schildern werden, war Lord Lilburne, Mrs. Beaufort's Bruder.

»So, Camilla,« sagte Lord Lilburne zu seiner Nichte, als er nachlässig, nicht zärtlich ihre glänzenden Locken niederstrich, »so gefällt dir also Berkeley-Square nicht so gut, wie Gloucester-Place?«

»O nein, nicht halb so gut! Sie sehen, ich gehe nie in den Park, noch mache ich Ketten von Jelängerjelieber auf Primrose-Hill. Ich weiß nicht warum; Mama sagt, daß wir uns hier besser befinden,« setzte das Kind hinzu. Lord Lilburne lächelte, aber das Lächeln war ein halber Spott.

»Du wirst es bald genug erfahren, Camilla; der Verstand junger Damen reift sehr schnell auf dieser Seite von Oxford-Street. Nun, Arthur, und was hast du heute vor?«

»Nun,« sagte Arthur, ein Gähnen unterdrückend, »ich habe einem meiner Freunde versprochen, mit ihm auszureiten, um ein Pferd zu besehen, welches irgendwo in einer Vorstadt zu verkaufen ist.«

Während er sprach, stand er auf, streckte sich, sah in den Spiegel und dann ungeduldig aus dem Fenster.

»Er sollte jetzt schon hier sein.«

»Er! Wer?« sagte Lord Lilburne, »das Pferd oder das andere Thier – ich meine den Freund?«

»Der Freund,« antwortete Arthur lächelnd, aber erröthend, denn er erwartete einen leisen Spott von seinem Oheim.

»Wer ist dein Freund, Arthur?« fragte Mrs. Beaufort, indem sie von ihrer Arbeit aufblickte.

»Watson, ein Bekannter von Oxford her. Beiläufig gesagt, ich muß ihn dir vorstellen.«

»Watson! welcher Watson? welche Familie Watson? Einige Watsons sind gut und andere schlecht,« sagte Mrs. Beaufort nachdenkend.

»Dann sind sie dem übrigen Menschengeschlecht sehr unähnlich;« sagte Lord Lilburne trocknen.

»O, mein Watson ist ein sehr feiner Mann, das versichere ich Ihnen,« sagte Arthur halb lächelnd, »Sie dürfen sich seiner nicht schämen.« Dann suchte er der Unterredung eine andere Richtung zu geben und fuhr fort: »So wird Vater also heute von Beaufort-Court zurückkehren?«

»Ja, er schreibt in vortrefflicher Laune; er sagt, die Renten lassen sich wenigstens um zehn Prozent erhöhen und das Haus werde einer Ausbesserung bedürfen.«

Hier öffnete Arthur das Fenster.

»Ah, Watson! wie gehts dir? Wie geht's dir, Marsden? Danvers auch? Das ist vortrefflich! Je mehr, desto lustiger! Ich werde im Augenblick unten sein. Aber wollt Ihr nicht lieber hereinkommen?«

»Eine angenehme Ueberschwemmung,« murmelte Lord Lilburne, »drei auf einmal; er hält dein Haus für das Trinitätskollegium?«

Eine laute und deutliche Stimme aber lehnte die Einladung ab, die Pferde stampften draußen. Arthur ergriff Hut und Peitsche und sah Mutter und Oheim lächelnd an. »Leben Sie wohl! Ich werde bis zum Mittagessen ausbleiben. Küsse mich, meine hübsche Milly!« Seine Schwester, die zum Fenster geeilt war und ihn um die frische Luft und Bewegung beneidete, die er zu genießen im Begriffe war, wendete sich jetzt mit trauernden Augen zu ihm; er umarmte sie und flüsterte, während er sie küßte:

»Steh morgen früh auf, und wir wollen einen hübschen Spaziergang mit einander machen.«

Arthur ging; seiner Mutter Blick begleitete die junge und anmuthige Gestalt bis zur Thür.

»Gestehe, daß er schön ist, Lilburne. Darf ich nicht hinsetzen, daß er eine vornehme Miene hat?«

»Meine liebe Schwester, dein Sohn wird reich werden. Was seine Miene betrifft, so hat er viele Mienen aber wenig Anstand.«

»Wer könnte ihm besser die rechte Politur geben, als du?«

»Wahrscheinlich Niemand. – Aber wenn ich einen Sohn hätte – was der Himmel verhüte – so sollte er mich nicht zum Mentor haben. Man stellte einen jungen Mann – geh und mache die Thür zu, Camilla – zwischen zwei Laster – Weiber und Spiel, wenn man ihm die modische Glätte geben will. Unter uns gesagt, diese Politur ist ein wenig kostbar.«

Mrs. Beaufort seufzte. Lord Lilburne lächelte. Er fand ein seltsames Vergnügen daran, die Gefühle Anderer zu verletzen. Ueberdies mißfiel ihm die Jugend: in seiner eigenen Jugend hatte er so viel genossen, daß er mürrisch wurde, wenn er junge Leute sah.

Inzwischen lachte Arthur Beaufort mit seinen Freunden; heiter und unbekümmert um die Wärme des Wetters ritten sie zu der Vorstadt H*.

»Es ist auch ein abgelegener Ort für ein Pferd,« sagte Sir Harry Danvers.

»Aber ich versichere dir,« sagte Watson lebhaft, »daß mein Bedienter, der ein sehr guter Richter ist, es für das beste Miethspferd ausgibt, welches er je geritten. Es hat mehrere Preise bei Wettrennen gewonnen. Es gehörte einem Pferdehändler, der sein Geschäft aufgegeben hat. Die Anzeige fiel mir auf.«

»Nun,« sagte Arthur heiter, »auf jeden Fall ist der Ritt angenehm. Welches Wetter! Ihr müßt morgen Alle mit mir zu Richmond zu Mittag speisen – wir wollen zurückrudern!«

»Und hernach ein wenig Würfel,« sagte Marsden, der ein älterer, aber nicht besserer Mann als die Uebrigen war – ein hübscher, finsterer junger Mann – der eben Oxford verlassen hatte und schon auf der Rennbahn bekannt war.

»Alles, was Ihr wollt,« sagte Arthur, der sein Pferd curbettiren ließ.

O, Robert Beaufort! Robert Beaufort! hätte dein verständiges, planvolles, weltliches Herz nur fühlen können, welche Teufelspossen dein Reichthum mit einem Sohne spielte, der, so lange er arm war, der Stolz der Beauforts gewesen war! Auf der einen Seite unserer Goldstücke sehen wir den Heiligen den Lindwurm mit Füßen treten – falsches Sinnbild! Nun kehre es um! bei dem wahren Gebrauch des Goldes ist es der Lindwurm, der den Heiligen niedertritt! Aber weiter! – weiter! Das Wetter ist klar und unsere Gefährten sind lustig; benütze deine jungen Jahre gut, Arthur Beaufort!

Die jungen Männer waren eben in die Vorstadt H* eingeritten und trabten alle vier in der Reihe fort. In diesem Augenblick ging ein alter Mann über den Weg, der mit dem Stock vor sich hertappte, denn er sah nur wenig, obgleich er nicht völlig blind war. Bei ihrer lauten Unterhaltung bemerkten sie den armen Fußgänger nicht. Er stand plötzlich still, denn er hörte, daß Gefahr nahe sei – es war zu spät: Marsden's Pferd, welches hartmäulig und hochtrabend war, kam gerade auf ihn los. Marsden blickte nieder:

»Zum Henker mit diesen alten Leuten! sie sind stets im Wege,« sagte er klagend und im Tone einer Person, der man großes Unrecht gethan, und damit erst ritt Marsden weiter. Aber die Andern, die jünger und keine Spieler – die von den Rädern der Welt noch nicht zu Stein verhärtet waren – die Andern hielten an. Arthur Beaufort sprang vom Pferde und der alte Mann war bereits in seinen Armen; er war schwer verletzt. Das Blut floß von seiner Stirne nieder; er klagte über Schmerz in der Seite und in den Gliedern.

»Stützt Euch auf mich, armer Mann! Ich will Euch nach Hause führen. Wohnt Ihr weit entfernt?«

»Nur wenige Schritte. Dies würde nicht geschehen sein, wenn ich meinen Hund gehabt hätte. Lassen Sie mich nur, Herr, gehen Sie Ihrer Wege. Es ist nur ein alter Mann – was liegt daran? Ich wollte, ich hätte meinen Hund.«

»Ich werde nachkommen,« sagte Arthur zu seinen Freunden, »mein Bedienter hat meine Befehle; ich will den armen alten Mann nur nach Hause bringen und einen Wundarzt kommen lassen. Ich werde nicht lange ausbleiben.«

»Das sieht dir ähnlich, Beaufort. Du bist der beste Mensch von der Welt!« sagte Watson mit einiger Bewegung. »Sieh nur, da ist Marsden wirklich abgestiegen und besieht die Kniee seines Pferdes, als könnte es wirklich verletzt sein! Hier ist ein Goldstück für Euch, alter Mann.«

»Und hier ist noch eins,« sagte Sir Harry; »das wäre abgemacht. Du willst uns also nachkommen, Beaufort? Du siehst jenen Hof dort. Wir wollen zwanzig Minuten auf dich warten. Komm, Watson.«

Der alte Mann hatte die Goldstücke nicht aufgenommen, die man zu seinen Füßen niedergeworfen, noch auch den Gebern gedankt, und in seinem Gesichte war ein bitterer, ärgerlicher und rachsüchtiger Ausdruck.

»Muß ein Mann ein Bettler sein, weil er übergeritten wird, oder weil er halb blind ist?« sagte er, indem er seine trüben Augen schmerzlich zu Arthur wendete. »Ich wollte nur, ich hätte meinen Hund!«

»Ich will seine Stelle ersetzen,« sagte Arthur besänftigend. »Stützt Euch auf mich – fester; so ist's recht. Es ist nicht so schlimm mit Euch – he?«

»Hm! – die Goldstücke! – Es ist Unrecht, sie in der Gosse liegen zu lassen!«

Arthur lächelte. »Hier sind sie, Freund.«

Der alte Mann steckte das Geld in die Tasche und Arthur fuhr fort zu reden, obgleich er nur kurze Antworten erhielt und diese nur, um ihn zurechtzuweisen, bis der alte Mann endlich vor der Thür eines kleinen Hauses in der Nähe des Kirchhofes stillstand.

Nachdem man zweimal die Glocke angezogen, wurde die Thür von einem Frauenzimmer in mittleren Jahren geöffnet, die ihrem Ansehen nach der Mittelklasse angehörte; sie war etwas zu geputzt für ihre Jahre, trug eine Haube, die mit rothen Bändern geschmückt war, sehr weit nach hinten auf ihrer schwarzen Frisur, und eine Schürze, die aus einem seidenen Taschentuch bestand, ein Kleid von dunkelbraunem Sarsenet, schwarzseidene Strümpfe, lange vergoldete Ohrringe und eine Uhr am Gürtel.

»Gott sei uns gnädig, Herr! was ist geschehen?« rief diese würdige Person ihre Hände erhebend.

»Still! mir ist's schlecht: laß mich hinein. Ich bedarf Ihrer Hülfe nicht mehr, Herr. Dank Ihnen. Guten Tag.«

Nicht entmuthigt durch dieses Lebewohl, dessen bäurischen Ton Arthur bei seiner sanften Gemüthsart nicht übel empfand, geleitete der junge Mann den Leidenden durch den Gang in ein kleines altmodisches Zimmer, und sobald der Besitzer desselben auf seinem wurmstichigen ledernen Stuhle saß, wurde er ohnmächtig. Als Arthur das Haus erreicht, hatte er seinen Diener, der ihm mit den Pferden gefolgt war, zu dem nächsten Wundarzt geschickt, und während die alte Dame noch beschäftigt war, dem Leidenden das Halstuch abzunehmen und Federn unter seiner Nase zu verbrennen, hörte man ein heftiges Klingeln an der Thür. Arthur öffnete und ließ einen zierlichen kleinen Mann in Nankingbeinkleidern und Gamaschen herein, der mit geschäftiger Eile in's Zimmer trat.

»Was ist dies – schlimmer Unfall – übergeritten? Eine traurige Geschichte. Oeffnen Sie das Fenster. Ein Glas Wasser – ein Handtuch. So – so: ich sehe – ich sehe – kein Beinbruch – Quetschung. Helfen Sie mir, ihm den Rock ausziehen. Noch einen Stuhl, Madame; seine armen Beine darauf zu legen. Wie alt ist er, Madame? – Achtundsechzig! – Zu alt zum Aderlassen. Danke Ihnen. Wie ist es Ihnen, Herr? Schlecht – he? wird bald besser werden – noch ohnmächtig? Bald wird Alles gut sein.«

»Tray! Tray! wo ist Tray? Wo ist mein Hund, Mrs. Boxer?«

»Mein Gott, Herr! Was wollen Sie jetzt von Ihrem Hunde? Er ist auf dem Hofe.«

»Und was hat mein Hund auf dem Hofe zu thun,« schrie der Leidende in Tönen, die keine Abnahme der Kräfte andeuteten. »Ich dachte mir schon, sobald ich nur meinen Rücken wendete, würde mein Hund übel behandelt werden! Warum ging ich auch ohne meinen Hund aus? Lassen Sie sogleich meinen Hund herein, Mrs. Boxer.«

»Alles ist recht, wie Sie sehen,« sagte der Apotheker sich zu Beaufort wendend, »keine Ursache zur Unruhe – sehr befriedigend – diese kleine Leidenschaft – thut ihm gut – beruhigt den Geist. Wie geschah es? Ach, ich verstehe! Uebergeritten – hätte schlimmer werden können. Ihr Bedienter – ein gescheiter Kerl – erklärte mir Alles im Augenblick, Herr. Dachte mir gleich, es müsse mein alter Freund hier sein. Ein würdiger Mann – wohnt schon manches Jahr hier – sehr seltsam – excentrisch« – dies sprach er leise. – »Kam sogleich – war gerade beim Mittagessen – kalten Lammsbraten und Salat. Mrs. Perkins, sagt' ich, wenn Jemand nach mir fragt, ich werde Nr. 4 in Prospect-Place zu finden sein. Ihr Bedienter merkte sich die Adresse, Herr. O, ein sehr gescheiter Bursche! Sehen Sie nur, wie der alte Herr an seinem Hunde hängt – schöner kleiner Hund – Stumpfschwanz. Viel Praxis, Herr – erwarte jede Stunde zwei Niederkünfte, heißes Wetter zum Kindbett. So, sagt' ich zu Mrs. Perkins: Wenn Mrs. Plummer mich rufen läßt oder Mrs. Everat, oder wenn der alte Herr Grub noch einen solchen Anfall bekommt, so schicke gleich in Nr. 4. Aerzte müssen immer auf den Beinen sein – das ist mein Grundsatz. Nun Herr, wo fühlen Sie den Schmerz?«

»In meinen Ohren, Herr.«

»Wahrhaftig, das sieht schlimm aus. Wie lange haben Sie ihn schon gefühlt?«

»So lange Sie im Zimmer waren.«

»O, ich verstehe. Ha! ha! – sehr excentrisch – sehr!« murmelte der Apotheker ein wenig mißvergnügt. »Nun so lassen Sie ihn sich niederlegen, Madame. Ich will ihm einen kleinen beruhigenden Trank senden, den er sogleich einnehmen muß – Pillen zu Nacht, morgen ein Laxir. Wenn Sie meiner bedürfen, so schicken Sie nach mir – bin stets zu finden. Wahrhaftig da klingelt mein Lehrling Bob! Oeffnen Sie gefälligst die Thür, Madame, ich kenne sein Klingeln – er hat einen ganz eigenthümlichen Zug. Wette zehn gegen eins, es ist Mrs. Plummer oder auch Mrs. Everat – ihr neuntes Kind in acht Jahren. – Ein Weib, wie es unter Tausenden kein zweites gibt, Herr.«

Hier kam ein hagerer Bursche mit sehr kurzen Aermeln und sehr großen Händen mit offenem Munde in das Zimmer gestürmt.

»Herr – Herr Perkins!«

»Ich weiß – ich weiß – ich komme. Mrs. Plummer oder Mrs. Everat?«

»Nein, Herr, die arme Dame im Hause der Mrs. Lacy; sie ist sehr krank. Mrs. Lacy's Mädchen war eben im Laden und da kam ich denn zu Ihnen herübergelaufen, Herr.«

»Mrs. Lacy! O, ich weiß. Die arme Mrs. Morton! Ein schlimmer Fall – sehr schlimm – ich muß fort. Halten Sie ihn ruhig, Madame. Guten Tag! Werde morgen wiederkommen – um neun Uhr. Tunken Sie ein wenig Leinwand in das Wasser, welches ich schicken werde und legen es ihm auf den Kopf. Mrs. Morton! Ah! das ist eine schlimme Geschichte.«

Hierauf watschelte der Apotheker zur Hausthür hin, als Arthur seinen Arm faßte.

»Mrs. Morton! sagten Sie nicht Mrs. Morton, Herr? Was ist das für eine Person – ist sie sehr krank?«

»Ein hoffnungsloser Fall, Herr – eine hübsche Frau – eine vollkommene Dame – hat bessere Tage gekannt, davon bin ich überzeugt.«

»Hat sie Kinder – Söhne?«

»Zwei – Beide jetzt fort – schöne Buben – haben sich immer abgesondert – besonders der Jüngste.«

»Guter Himmel! sie muß es sein – krank, sterbend und verlassen vielleicht« – rief Arthur mit wahrem und tiefem Gefühl. »Ich will mit Ihnen gehen, Herr. Ich glaube diese Dame zu kennen – und –« setzte er großmüthig hinzu – »bin mit ihr verwandt.«

»Ei, es ist mir lieb, das zu hören. So kommen Sie mit; sie sollte auch Jemand bei sich haben außer den Dienern; zwar ist Jenny sehr freundlich gegen sie. Doktor M*, der sie zuweilen besucht, sagte zu mir: ›Sie leidet am Gemüth, Herr Perkins; ich wollte, wir könnten ihre Knaben wieder zu ihr bringen.‹«

»Und wo sind sie?«

»Auswärts in der Lehre, glaube ich. Sidney –«

»Sidney!«

»Ja, das ist der Name – ein hübscher Name. Kennen Sie Sir Sidney Smith? – ein außerordentlicher Mann, Herr! Der kleine Sidney ist ein schönes Kind – sehr verzogen. Sie glaubte immer er sei krank – schickte immer nach mir. ›Herr Perkins,‹ sagte sie, ›es geht etwas mit dem Kinde vor; ganz gewiß, obgleich er es nicht gestehen will. Er hat seinen Appetit verloren – er hatte in der letzten Nacht Kopfweh.‹ – ›Es ist nichts, Madame,‹ sagte ich, ›ich wünschte, Sie dächten mehr an sich selber.‹ Diese Mütter sind thörichte, ängstliche, arme Geschöpfe. – Hier haben wir das Haus erreicht.«

Und der Apotheker klopfte an die Hausthür eines Strumpfweberladens.


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