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Drittes Kapitel.

Bertram. Ich meine das Geschäft ist beendet – und ich muß
noch einmal davon hören.

– – – – – –

Erster Soldat. Kennt Ihr dieß, Kapitän Dumain? –

»Ende gut, Alles gut.«

Eines Abends, einige Wochen nach der Zeit, wo dieses letzte Kapitel spielt, saß Robert Beaufort allein in seinem Hause in Berkeley-Square. Er war an jenem Morgen von Beaufort-Court angekommen und auf dem Wege nach Winandermere, wohin ihn ein Brief seiner Frau rief.

Jenes Jahr war eine aufgeregte und ereignißreiche Epoche in England, und Beaufort hatte eben das geschäftige Treiben einer Wahl durchgemacht, die freilich nicht bestritten wurde; denn seine Beliebtheit und sein großes Vermögen trotzten aller Rivalität in seiner Grafschaft.

Der reiche Mann hatte eben zu Mittag gespeist und saß nachlässig am Feuer, welches er weniger der Wärme als der Gesellschaft wegen hatte anzünden lassen. Er trank seinen Madeira und kaute mit halb geschlossenen Augen seinen gerösteten Zwieback.

»Ich weiß in der That nicht, was zu thun ist,« sagte er, indem er während dieser Beschäftigung mit sich selber redete – »meine Frau sollte über Gegenstände entscheiden, die das Mädchen angehen, – dazu ist ja eine Frau da. Mit einem Sohne ist es freilich etwas Anderes. Hm!«

»Herr,« sagte ein fetter Bedienter, der die Thüre öffnete, »ein Herr wünscht Sie in einem ganz besonderen Geschäfte zu sprechen.«

»Geschäft, zu dieser Stunde! sage ihm, er möge zu Herrn Blackwell gehen.«

»Ja, Herr.«

»Halt! vielleicht ist es ein Wähler, Simmons. Frage ihn, ob er zur Grafschaft gehört.«

»Ja, Herr.«

»Eine große Besitzung ist eine große Plage,« murmelte Beaufort, »und besonders, wenn man mit all den Wählern zu thun hat. Es ist doch angenehmer, im Oberhause zu sein. Ich denke, es müsse sich machen lassen, wenn ich wollte! aber dann muß man Steuern zahlen – das ist freilich eine Last. Ich will mit Lilburne zu Rathe gehen. Hm!« Der Diener trat wieder ein.

»Herr, er sagt, er gehört zur Grafschaft.«

»Führe ihn herein! – Was ist es für ein Mann?«

»Nun, ein feiner Herr, das heißt,« fuhr der Bediente fort, indem ihm die fünf Schillinge einfielen, die ihm der Fremde in die Hand gesteckt – »ein sehr feiner Herr.«

»Mehr Wein denn – und schüre das Feuer.«

Nach wenigen Augenblicken wurde der Fremde in's Zimmer geführt. Er war ein Mann zwischen fünfzig und sechzig, doch strebte er noch nach einem jugendlichen Aussehen. Seine Kleidung hatte etwas Militärisches, bestand in einem blauen Rock, der bis an's Kinn zugeknöpft war, einer schwarzen Halsbinde, weiten Beinkleidern und messingenen Sporen. Er trug eine Perrücke mit vollen, hellbraunen Locken, einen Backenbart von derselben Farbe, aber an der Wurzel ein wenig grau. Bei dem unvollkommenen Licht in dem Zimmer war es nicht zu bemerken, daß die Kleider etwas abgetragen und die Stiefel an den Seiten aufgesprungen waren und nicht sehr weiße Strümpfe zeigten. Beaufort, der widerstrebend von seinem Sitze aufstand, und froh war, sich gleich wieder setzen zu können, deutete auf einen Stuhl und nahm ein klägliches und zweifelhaftes Lächeln des Willkommens an. Der Diener setzte dem Fremden Wein und Gläser vor, und jetzt waren Wirth und Gast allein.

»So sind Sie also aus unserer Grafschaft, Herr,« sagte Beaufort mit matter Stimme, »ich vermuthe, aus der Gegend des Kanals – darf ich Ihnen ein Glas anbieten?«

»Sehr gütig, Herr – Ihre Gesundheit!« und der Fremde schüttete mit offenbarem Behagen ein Glas Wein voll hinunter.

»Aus der Gegend des Kanals?« wiederholte Beaufort.

»Nein, Herr, nein! Die Parlamentsherren müssen alle Hände voll zu thun haben – Sie haben eine sehr schöne Besitzung, höre ich, Herr. Erlauben Sie mir, die Gesundheit Ihrer werthen Frau Gemahlin zu trinken!«

»Ich danke Ihnen, Herr – Herr –. Wie sagten Sie doch, sei Ihr Name – bitte tausendmal um Verzeihung.«

»Hat durchaus nichts zu sagen, Herr; machen Sie keine Umstände mit mir – es ist ganz excellenter Madeira!«

»Darf ich fragen, wie ich Ihnen dienen kann?« sagte Beaufort, der zwischen der Langeweile und der Furcht, unhöflich zu sein, kämpfte. »Und hatte ich die Ehre, bei der letzten Wahl Ihre Stimme zu bekommen?«

»Nein, Herr, nein! Es ist viele Jahre her, seit ich zuletzt in diesem Theile der Welt war, obgleich ich hier geboren bin.«

»Dann sehe ich eigentlich nicht ein« – begann Beaufort und hielt mit Würde inne.

»Warum ich zu Ihnen komme,« setzte der Fremde hinzu, indem er mit seinem Rohrstock an den Stiefel schlug, den Riß bemerkte und beide Füße unter den Tisch steckte.

»Das sage ich nicht; aber zu dieser Stunde bin ich meistens beschäftigt – dennoch stehe ich stets jedem Wähler zu Gebote – es ist die Pflicht eines Parlamentsmitglieds. Herr – ich bitte um Verzeihung, ich hörte Ihren Namen nicht.«

»Mein Herr,« sagte der Fremde, indem er sich noch ein drittes Glas einschenkte; »auf die Gesundtheit Ihrer jungen Familie! Und nun zum Geschäft.« Hier zog der Fremde seinen Stuhl dem Wirthe näher, nahm ein ernsteres Ansehen, legte seine bellende Aussprache ab und fuhr fort: »Sie hatten einen Bruder?«

»Nun, Herr,« sagte Beaufort mit sehr verändertem Gesichte.

»Und dieser Bruder hatte eine Frau!«

Wäre eine Kanone dicht vor Robert Beauforts Ohr losgegangen, so hätte er nicht mehr erschrecken und betäubt werden können, als von diesem einzigen Wort, womit sein Gast seinen Satz schloß. Er sank auf seinen Stuhl zurück – seine Lippen halb geöffnet, seine Augen auf den Fremden gerichtet. Er wollte reden, aber seine Zunge klebte an seinem Gaumen.

»Diese Frau hatte zwei Söhne, die in der Ehe geboren wurden!«

»Es ist falsch!« rief Beaufort, der endlich seine Stimme wieder fand und aufsprang. »Und wer sind Sie, Herr? Und was meinen Sie mit –«

»Still!« sagte der Fremde ganz unbekümmert und die Würde seiner bellenden Aussprache wieder annehmend, »lassen Sie lieber die Diener nichts davon hören. Ich meines Theils glaube, daß Diener die längsten Ohren haben, die Esel selbst nicht ausgenommen; ihre Ohren gehen von der Küche bis zum Gesellschaftszimmer. Still, Herr! – Ganz excellenter Madeira!«

»Herr,« sagte Beaufort, der sich bemühte, seine Fassung beizubehalten oder sie vielmehr wieder zu erlangen, »Ihr Benehmen ist außerordentlich auffallend; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie durchaus unrecht berichtet sind. Mein Bruder verheirathete sich nie; wenn Sie etwas über diese jungen Leute – seine natürlichen Söhne – zu sagen haben, so muß ich Sie an Herrn Blackwell zu Lincolns-Inn verweisen. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.«

»Deßgleichen, Herr – will Sie nicht weiter belästigen, ich kam nur aus freundlicher Rücksicht für Sie – ich bin nicht gewohnt, so behandelt zu werden, Herr – ich bin im Dienste Seiner Majestät – Sie werden finden, daß der Zeuge der Trauung zum Vorschein kommen wird; dann werden Sie an mich denken und vielleicht wird es Ihnen leid sein, daß Sie mich so behandelt haben. Aber ich habe ausgeredet – Ihr ganz Gehorsamer!« Und mit einer Handbewegung wendete sich der Fremde zur Thüre.

Beim Anblick dieser Entschlossenheit des seltsamen Gastes wurde Beaufort von einer kalten, unruhigen und unbestimmten Ahnung ergriffen. Nicht wie ein Blitz, sondern wie ein kalter Schauder kam jede Erinnerung an die feierliche Versicherung seines Bruders, die er nicht geglaubt – an Katharinens hartnäckige Behauptung der Rechte ihrer Söhne – an ihren hoffnungslosen Prozeß, weil der Zeuge, auf den sie sich berufen, nicht zu finden gewesen. Mit dieser Erinnerung kam eine schreckliche Reihe düsterer Befürchtungen – Rechtsstreit, Zeugen, Urtheil, Herausgabe, Beraubung – Rückzahlungen – Untergang!

Als der Mann die Thüre erreicht hatte, wendete er sich noch einmal um und sah ihn mit behaglicher und triumphirender Miene seines unverschämten und sorglosen Gesichtes an.

»Mein Herr,« sagte Beaufort milde, »ich wiederhole, daß es besser ist, wenn Sie sich an Herrn Blackwell wenden.«

Der Versucher sah seinen Triumph. »Ich habe ein Geheimniß mitzutheilen, welches Sie lieber für sich behalten sollten. Wie vielen Leuten wollen Sie, daß ich es sagen soll? Ei, Herr, wir bedürfen keines Advokaten, oder wenn Sie es für gut halten, so sagen Sie es ihm selber. Jetzt oder nie, Herr Beaufort.«

»Ich kann nichts dagegen einzuwenden haben, anzuhören, was Sie mir zu sagen haben,« sagte der reiche Mann viel milder als vorher und setzte dann mit erzwungenem Lächeln hinzu, »obgleich meine Rechte zu fest gesichert sind, um einen Zweifel zuzulassen.«

Ohne auf die letzte Behauptung zu achten, kehrte der Fremde ruhig zurück, legte beide Arme auf den Tisch, sah Herrn Beaufort voll in's Gesicht und begann: »Mein Herr, bei der Trauung Philipp Beauforts und Katharina Mortons waren zwei Zeugen zugegen: der eine ist todt, der andere ging in's Ausland – der letztere ist noch am Leben!«

»Wenn das ist,« sagte Beaufort, dem es nicht an List und Verstand fehlte, und der entschlossen war, jeden Grund zur Unruhe genau zu erfahren – »wenn das ist, warum erschien nicht der Mann bei der Untersuchung? Ich meine, es war ein Diener, auf den sich Mrs. Morton berief.«

»Weil, wie ich schon gesagt, er im Auslande war und nicht aufgefunden werden konnte; man fand ihn nicht, weil man die Sache nicht recht anfing, oder weil es an Geld fehlte.«

»Hm!« sagte Beaufort, »ein Zeuge – ein einziger Zeuge beunruhigt mich nicht sehr. Es kommt nicht darauf an, was ein Mann aussagt, sondern darauf, was die Geschworenen glauben. Ueberdies, was ist aus den jungen Männern geworden? – Man hat seit Jahren nichts von ihnen gehört. Wahrscheinlich sind sie todt, und wenn das ist, so bin ich dennoch gesetzlicher Erbe!«

»Ich weiß wenigstens, wo Einer von ihnen zu finden ist.«

»Der ältere? – Philipp?« fragte Beaufort ängstlich und mit furchtsamer Erinnerung an den kräftigen und stürmischen Charakter, den sein Neffe früher gezeigt.

»Verzeihen Sie, wenn ich diese Frage nicht beantworte.«

»Herr! ein Rechtsstreit dieser Art gegen einen, der im Besitze ist, dürfte sehr zweifelhaft und,« fügte der reiche Mann hinzu, indem er sich stolz aufrichtete, »und vielleicht sehr kostbar sein!«

»Dem jungen Manne, von dem ich rede, fehlt es nicht an Freunden, die das Geld nicht scheuen werden.«

»Herr,« sagte Beaufort, indem er aufstand und seinen Rücken zum Feuer wendete; »Herr! welches ist der Zweck dieser Mittheilung? Kommen Sie von den jungen Männern, um einen Vergleich vorzuschlagen? Wenn das ist, so reden Sie offen.«

»Ich komme aus eigenem Antriebe. Es steht nur bei Ihnen, ob die jungen Männer je etwas davon erfahren sollen oder nicht!«

»Und was fordern Sie?«

»Fünfhundert Pfund jährlich, so lange das Geheimniß bewahrt wird.«

»Und wie können Sie beweisen, daß überhaupt ein Geheimniß vorhanden ist?«

»Indem ich Ihnen den Zeugen vorstelle, wenn Sie es wünschen.«

»Wird er die fünfhundert Pfund mit Ihnen theilen?« fragte Beaufort listig.

»Das ist meine Sache, Herr,« versetzte der Fremde.

»Was Sie mir sagen,« entgegnete Beaufort, »ist so außerordentlich – so unerwartet und scheint mir dennoch so unwahrscheinlich, daß ich Zeit zur Ueberlegung haben muß. Wenn Sie mich in einer Woche wieder besuchen, und mir die Thatsachen vorlegen wollen, so will ich Ihnen eine Antwort geben. Ich will Niemanden seine Rechte vorenthalten, Herr, aber andererseits lasse ich mich auch durch keinen Betrug täuschen.«

»Wenn Sie ihnen ihre Rechte nicht vorenthalten wollen, so wird es das Beste sein, ich gehe und sage es den jungen Herren,« sagte der Fremde mit kalter Unverschämtheit.

»Ich sage Ihnen, daß ich Zeit haben muß,« wiederholte Beaufort ärgerlich. »Ueberdieß habe ich nicht allein für mich zu sorgen,« setzte er mit würdevollem Nachdruck hinzu, »ich bin Vater!«

»Ueber acht Tage will ich wiederkommen. Guten Abend, Herr Beaufort!« Und der Mann reichte ihm mit einer Miene freundschaftlicher Herablassung die Hand.

Der respektable Herr Beaufort veränderte die Farbe und reichte endlich seinem Gaste zwei Finger, den er von Herzen in das Land verwünschte, wo der Pfeffer wächst.

Der Fremde lächelte, schritt zur Thüre, blinzelte bedeutungsvoll mit den Augen und verschwand, indem er es Herrn Beaufort überließ, sich den Gefühlen der Unruhe, der Furcht und des Schreckens hinzugeben, gleich einem Manne, den plötzlich die Flut umgibt, und der nur wenige Zoll von einem schlüpfrigen Felsen unter seinen Füßen hat.

Er schwieg einige Augenblicke, und sah sich dann in dem düsteren und geräumigen Zimmer um, während seine Augen bei allen Gegenständen des Luxus und des Reichthums verweilten, die dasselbe zeigte. Ueber dem ungeheuern Seitentische, der bei festlichen Gelegenheiten sich unter der Last der Erbstücke der Beauforts bog, hing in vergoldetem Rahmen ein großes Bild des Familiensitzes mit den stattlichen Säuleneingängen – dem herrlichen Park und den Wildgruppen, und an den Wänden unter den alterthümlichen Porträts von Rittern und Damen, die längst zur Ruhe eingegangen, befanden sich Meisterstücke der italienischen und niederländischen Kunst, die eine Generation nach der andern gesammelt, bis endlich die Sammlung der Beauforts die Berücksichtigung der Kenner in Anspruch nahm, und das Studium junger Genies ausmachte.

Das stille Zimmer, die stummen Gemälde – selbst der schwerbelastete Seitentisch schienen eine Stimme zu bekommen und hörbar zu ihm zu reden. Er steckte die Hand in die Falten seiner Weste und griff krampfhaft in sein eigenes Fleisch; dann schritt er im Zimmer auf und ab und versuchte seine Gedanken zu sammeln.

»Ich wage nicht, Mrs. Beaufort um Rath zu fragen,« murmelte er; »nein – nein – sie ist eine Thörin! Ueberdieß ist sie nicht da. Es ist keine Zeit zu verlieren – ich will zu Lilburne gehen.«

Kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, als er ihn schon in Ausführung zu bringen eilte; er klingelte, ließ sich Hut und Handschuhe bringen und eilte zu Fuß in Lord Lilburne's Haus in Park-Lane – die Entfernung war nicht groß und die Ungeduld hat weite Schritte.

Er wußte, daß Lord Lilburne in der Stadt sei, denn dieser liebte London um seiner selbst willen, und sogar im September würde er mit dem alten Herzog von Queensbury gesagt haben, wenn Jemand die Bemerkung gemacht hätte, daß London sehr leer sei: »Ja, aber es ist doch immer voller als auf dem Lande.«

Beaufort fand Lord Lilburne bei offenem Fenster in seinem Gesellschaftszimmer auf dem Sopha ruhend, draußen schienen die frühen Sterne auf die schimmernden Bäume und den versilberten Rasen des verlassenen Parks. Ungleich dem einfachen Dessert seines respektablen Schwagers standen die köstlichsten Früchte und reichsten Weine Frankreichs auf dem kleinen Tische neben dem Sopha, und als der steife Mann der Formen und Methode zur einen Thüre eintrat, rauschte ein seidenes Gewand durch die andere hinaus und schien zu verrathen, daß er Lilburne in einer angenehmeren Unterhaltung gestört habe.

Es wäre ein interessantes Studium für Personen gewesen, welche die dunkeln und verworrenen Züge des menschlichen Charakters zu betrachten lieben, den Contrast zwischen dem Erzähler und Zuhörer zu beobachten, als Beaufort nach vielen Umwegen, mit verstellter Verachtung und wirklicher Aengstlichkeit, die seltsame und unheildrohende Unterredung zwischen ihm und dem Fremden berichtete.

Als der Diener Beaufort anmeldete, brachte er mehr Licht in's Zimmer, welches jetzt voll auf das Gesicht und die Züge Beauforts fiel. Alles an diesem Manne stand so vollkommen mit den Formen und dem Schein der Welt in Uebereinstimmung, daß in seinem Anblick etwas Moralisches lag. Auf seiner Stirn war keine Spur von mißbrauchter Jugendzeit. Keine aufregenden Leidenschaften hatten den Ausdruck desselben geschärft – kein erschöpfendes Laster die Züge tiefer eingegraben. Er war das schöne Ideal eines Parlamentsmitgliedes – so zierlich, so gesetzt, so geschäftig. Und jetzt lag ein bedeutender Ausdruck in seinem grauen Haar, in seinem nervösen Lächeln, in seinen zitternden Händen, in seiner raschen und unruhigen Bewegung, in dem Beben seiner Stimme. Die, welche ihn gesehen und nicht gehört hätten, würden ihn für einen guten Mann in einer Verlegenheit gehalten haben. Kalt, bewegungslos, sprachlos und dem Anscheine nach gefühllos, aber in Wahrheit beobachtend, noch auf dem Sopha ruhend, seinen Kopf zurückgelehnt, sein Auge auf seinen Gast gerichtet, die Hände vor sich zusammengefaltet, hörte Lord Lilburne ihm zu, und in dieser Ruhe in seinem Gesichte, sowie in seinem ganzen Körper, konnte man die Geschichte eines sehr verschiedenen Lebens und Charakters lesen! Welch ein angeborner Scharfblick in dem schlauen Auge! Welch' eine verhärtete Entschlossenheit in den vollen Nasenflügeln und festen Lippen! Welch' eine ironische Verachtung aller Dinge in den sich durchkreuzenden Linien um seinen Mund! Welche animalische Genußsucht in jenem zarten Nervensystem, welches mit ursprünglich kräftiger Constitution vereint, sich in den Adern der Hände und Schläfe, sowie in dem Beben der Oberlippe zu erkennen gab! Sein Körper war vor allem andern zur Genußsucht geeignet – er hatte eine hohe Brust, war fest und muskulös gebaut, aber schlank und fast hager – seine Hände und Füße fast weiblich zart. Die Gleichgültigkeit der Lage, die Art der Kleidung – nicht vernachlässigt, aber leicht, locker und sorglos – schien die Denkungsart und Lebensweise des Mannes – seine tiefe Verachtung der Aeußerlichkeiten auszudrücken.

Erst als Beaufort geendet hatte, veränderte Lord Lilburne seine Stellung und öffnete seine Lippen. Dann wendete er sich mit ruhigem Gesicht zu seinem Schwager und sagte trocken: »Ich bin immer der Meinung gewesen, daß dein Bruder jenes Frauenzimmer geheirathet hat: er war der Mann dazu, so etwas zu thun. Ueberdieß, wie hätte sie ohne Spur von Beweis vor Gericht gehen können, wenn sie nicht von ihrem Rechte überzeugt gewesen wäre? Der Betrug geht nie ohne irgend ein Zeugniß zu Werke. Die Unschuld ist thöricht genug, sich einzubilden, daß sie nur reden darf, um Glauben zu finden. Aber es ist keine Ursache zur Unruhe vorhanden.«

»Keine Ursache! – Und doch glaubst du, daß die Trauung wirklich stattgefunden hat?«

»Es ist durchaus klar,« fuhr Lilburne fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten, »daß der Mann, welches auch sein Zeugniß sein mag, keine hinlänglichen Beweise hat. Wenn das der Fall wäre, so würde er lieber zu den jungen Männern als zu dir gehen; es ist klar, daß sie unendlich viel größere Belohnungen versprechen würden, als er von dir erwarten kann. Die Menschen sind stets freigebiger mit dem, was sie erwarten, als mit dem, was sie haben. Alle Schurken wissen dieß. So gewinnen Juden und Wucherer mehr Geld von Erben als von Besitzern. Vermuthlich hat der Mann den wahren Zeugen der Trauung aufgefunden und weiß auch, daß das Zeugniß desselben allein dich noch nicht aus dem Besitze verdrängen würde. Er könnte Lügen gestraft werden – reiche Leute verstehen sich zuweilen darauf, arme Zeugen Lügen zu strafen. Bedenke, daß er nichts von dem verlorenen Copulationsschein sagt – welches nun der Werth dieses Dokuments sein mag, kann ich nicht genau sagen, da ich kein Rechtsgelehrter bin – noch auch von Briefen von deinem Bruder, worin er die Trauung behauptet. Bedenke, daß das Trennungsregister vernichtet – daß der Geistliche todt ist. Pah! beruhige dich darüber.«

»Es ist wahr,« sagte Beaufort getröstet, »welch ein Gedächtniß du hast!«

»Natürlich. Deine Frau ist meine Schwester – ich hasse arme Verwandte – und war daher bei deiner Nachfolge und deinem Rechtsstreit sehr interessirt. Nein – du kannst dich über die Sache beruhigen, wenigstens was einen erfolgreichen Rechtshandel betrifft. Die nächste Frage ist: wird es überhaupt zu einem Prozeß kommen? und ist es der Mühe werth, inzwischen diesen Kerl zu bestechen? Das kann ich nicht sagen, wenn ich ihn nicht selber spreche.«

»Gebe der Himmel, daß du das thätest!«

»Sehr gerne; das ist ein Geschäft für mich – ich habe gern mit Schurken zu thun; es unterhält mich. Ueber acht Tage? Ich will in deinem Hause sein und deine Stelle vertreten; ich werde es besser machen als Brackweb. Und da du sagst, daß man dich zu den Seen ruft, so gehe hinunter und überlasse mir Alles.«

»Tausend Dank. Ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich dir bin. Du bist in der That der gütigste und gewandteste Mensch auf der Welt.«

»Du kannst nicht schlimmer von der Fähigkeit und Güte der Welt denken als ich,« war Lilburne's zweideutige Antwort auf das Compliment. »Aber warum will meine Schwester dich sprechen?«

»O, ich vergaß! – Hier ist ihr Brief. Ich wollte dich auch darüber um Rath fragen.«

Lord Lilburne nahm den Brief und übersah ihn mit dem raschen Auge eines Mannes, der in allen Dingen sogleich die Hauptsache findet.

»Ein Heirathsantrag für meine hübsche Nichte – Herr Spencer – fordert kein Vermögen – sein Oheim will ihm Alles vermachen – der kindische, alte Mann – Alles! das Ganze beläuft sich ja nur auf tausend Pfund jährlich. Du denkst nicht viel daran – he? Es wundert mich, daß meine Schwester dich überhaupt darum befragen konnte.«

»Sieh aber, Lilburne,« sagte Beaufort in einiger Verlegenheit, »es wird kein Vermögen gefordert – es geht nichts aus der Familie, und Arthur ist in der That so kostbar; wenn sie sich gut verheiratete, könnte ich ihr nicht weniger als fünfzehn oder zwanzigtausend Pfund geben.«

»Aha! – ich sehe – Jeder nach seinem Geschmack; hier ist eine Tochter – dort eine Mitgift. Du hältst verteufelt viel auf's Geld, Beaufort. Der Geiz macht dir wohl viel Vergnügen – he?«

Beaufort wurde bei dieser Bemerkung und dieser Frage sehr roth, und sagte mit erzwungenem Lächeln: »du bist strenge. Aber du weißt nicht, was es heißt, der Vater eines jungen Mannes zu sein.«

»Dann haben mir viele junge Frauenzimmer die Unwahrheit gesagt! Doch du hast in deinem Sinne Recht. Dem Himmel sei Dank, ich hatte nie einen muthmaßlichen Erben. Rechtmäßige Kinder sind natürliche Feinde, welche die Jahre von der Glocke an zählen, die bei ihrer Volljährigkeit läutet, bis zu der, die bei meinem Tode läuten wird. Es ist mir genug, daß ich meinen Bruder und eine Schwester habe, daß meines Bruders Sohn meine Besitzungen erben wird – und daß er mir inzwischen jede Sekunde meines Lebens berechnet. Was liegt denn daran? Wenn er mein Onkel gewesen wäre, hätte ich es ebenso gemacht. Inzwischen sehe ich ihn so wenig, als es der Anstand nur immer gestattet. Das Gesicht des Erben eines reichen Mannes erinnert ihn an seinen Tod. Doch, um wieder auf unsern Hammel zu kommen – wenn du deiner Tochter kein Vermögen gibst, so wird dein Tod für Arthur nur um so vortheilhafter sein!«

»In der That, du hast eine so seltsame Ansicht von der Sache,« sagte Beaufort sehr betroffen. »Aber ich sehe, daß dir die Heirath nicht gefällt; vielleicht hast du Recht.«

»Ich habe keine Wahl in der Sache; ich mische mich nie zwischen Eltern und Kinder. Wenn ich Kinder hätte, so kann ich dir indeß zu deiner Beruhigung sagen, daß sie heirathen könnten, wie sie wollten – ich würde ihnen nichts in den Weg legen. Ich würde nur zu glücklich sein, sie aus dem Wege zu schaffen. Wenn sie sich gut verheirathen, so hat man den Vortheil davon, wenn nicht, hat man immer eine Entschuldigung, sie zu verläugnen. Wie ich schon vorher sagte, hasse ich arme Verwandte. Wenn Camilla an den Seen wohnt und sich dort verheirathet, so hast du weiter nichts mit ihr zu thun, als daß von Zeit zu Zeit ein Brief kommt, und den zu beantworten ist die Sache deiner Frau. Aber Spencer – welcher Spencer – welche Familie? War nicht die Rede von einem Herrn Spencer, der zu Winandermere wohnte und –«

»Und uns begleitete, als wir jene Knaben aufsuchten. Höchst wahrscheinlich ist es derselbe – ja, er muß es sein. Ich dachte sogleich daran.«

»Geh morgen zu den Seen hinunter, vielleicht erfährst du etwas von deinen Neffen« – dieses Wort schnitt Beaufort in's Herz. – »Es ist gut, vorbereitet zu sein.«

»Vielen Dank für all' deinen Rath,« sagte Beaufort aufstehend, indem er froh war, ihm zu entkommen; denn wenn gleich er und seine Frau Lord Lilburne's Rath sehr hoch schätzten, so empfanden sie doch die Stacheln, die den Honig begleiteten. Lord Lilburne war darin ausgezeichnet – er gab Jedem, der ihn darum bat, und besonders einem Verwandten, den besten Rath, der in seiner Macht stand, und Niemand gab bessern, das heißt weltlichern Rath. Ohne das geringste Wohlwollen zu besitzen, war er daher seinen Freunden oft von größtem Nutzen; aber er konnte nicht umhin, das Getränk mit so viel Bitterkeit als möglich zu mischen. Sein Verstand ergötzte sich an diesem freien Spiel und sein Herz an jener einzigen Grausamkeit, die die feine Gesellschaft ihren Tyrannen gegen Ihresgleichen übrig läßt – die Gefühle mit Nadelstichen zu verwunden und die Selbstliebe zu rädern. Doch gerade als Beaufort seine Handschuhe angezogen und die Thüre erreicht hatte, schien dem Lord Lilburne plötzlich ein Gedanke zu kommen.

»Du mußt aber wissen,« sagte er, »wenn ich versprach, zu versuchen, diese Sache für dich zu besorgen, so meinte ich nur, daß ich einerseits genau die Gründe, die du zur Furcht hast, und andererseits die Bedingungen des Vertrages mit diesem Menschen erfahren wolle. Wenn das Letztere räthlich ist, so siehst du wohl ein, daß ich mich nicht in die Sache mischen kann. Ich könnte in eine Klemme gerathen und Beaufort-Court ist nicht meine Besitzung.«

»Ich verstehe dich nicht ganz.«

»Ich rede doch verständlich genug. Wenn Geld gegeben wird, so geschieht es, um die Zwecke dessen zu vereiteln, was man Gerechtigkeit nennt – um diese deine Neffen von ihrer Erbschaft auszuschließen. Käme dieß je an's Licht, so hätte es ein garstiges Ansehen. Die, welche sich in die Gefahr begeben, sich die Schmach aufzuladen, müssen auch die Personen sein, die das Vermögen besitzen.«

»Wenn du es für unehrlich oder unredlich hältst,« – sagte Beaufort unentschlossen.

»Ich kann hinsichtlich der Gefühle keinen Rath geben – nur hinsichtlich der Klugheit. Wenn du auch nicht glaubst, daß eine Trauung stattgefunden hat, so kann es dennoch redlich von dir sein, der Beschwerde eines Prozesses auszuweichen.«

»Aber wenn er mir beweisen kann, daß sie wirklich getraut wurden?«

»Pah!« sagte Lilburne, seine Augenbrauen mit verächtlicher Ungeduld erhebend; »es steht bei dir, ob er es zu deiner Zufriedenheit beweist oder nicht! Ich, als eine dritte Person, bin überzeugt, daß die Trauung stattgefunden. Doch, wenn ich im Besitze von Beaufort-Court wäre, würde meine Ueberzeugung eine ganz andere Richtung nehmen. Du verstehst mich. Es kann mich nur glücklich machen, dir zu dienen. Man kann von keinem Menschen erwarten, daß er seinen Ruf in Gefahr bringen oder mit dem Gesetz kokettiren soll, wenn es nicht zu seinem eigenen Vortheil geschieht, dann muß er aber natürlich für sich selber urtheilen. Lebe wohl! ich erwarte einige Freunde, Fremde – Carlisten – zum Whist. Du willst dich nicht anschließen?«

»Du weißt, ich spiele nie. Du schreibst mir also nach Winandermere, und auf jeden Fall hältst du den Mann hin, bis ich zurückkehre?«

»Gewiß.«

Beaufort, den der letztere Theil des Gesprächs weniger getröstet hatte, als der erstere, zauderte und drehte am Thürdrücker; aber als er seinen Schwager ansah, fand er in seinem Gesicht so wenig Hoffnung auf Theilnahme an dem Kampfe zwischen seinem Vortheil und seinem Gewissen, daß er es für's Beste hielt, sich gleich zu entfernen. Sobald er fort war, rief Lilburne seinen Diener, der schon viele Jahre bei ihm gewesen, und der sein Vertrauter bei allen abenteuerlichen Galanterien war, womit er noch immer den Herbst seines Lebens zu erheitern suchte.

»Dykeman,« sagte er, »du hast die Dame hinausgelassen?«

»Ja, Mylord.«

»Ich bin nicht zu Hause, wenn sie wiederkommt. Sie ist zu dumm; sie kann das Mädchen nicht so weit bringen, daß sie wieder zu ihr kommt. Ich will dich mit einem Abenteuer beauftragen, Dykeman – mit einem Abenteuer, welches dich an unsere jüngeren Tage erinnern wird. Dieses reizende Geschöpf, ich sage dir, sie ist unwiderstehlich – selbst ihre Seltsamkeit bezaubert mich. Du mußt – nun, du siehst unruhig aus – was willst du sagen?«

»Mylord, ich habe mehr von ihr erfahren und – und –«

»Nun?«

Der Diener näherte sich und flüsterte seinem Herrn etwas in's Ohr.

»Die sind selber blödsinnig, die das sagen,« antwortete Lilburne.

»Und,« stotterte der Mann, auf dessen Gesicht sich die Scham der Menschlichkeit zeigte, »sie ist der Beachtung Eurer Herrlichkeit nicht werth – ein armes –«

»Ja, ich weiß, sie ist arm, und das kann keine Schwierigkeit sein, wenn die Sache gehörig angeordnet wird. Vielleicht hörtest du nie von einem gewissen Philipp, König von Macedonien; doch ich will dir sagen, was er einst sagte, so gut ich mich dessen erinnere: ›Nimm einen Esel mit einem Korbe voll Gold und schicke den Esel in die Thore der Stadt, und alle Schildwachen werden davonlaufen.‹ Arm! – wo Liebe ist, da ist auch Freigebigkeit, Dykeman. Ueberdieß –«

Hier nahm Lilburne's Gesicht plötzlich den Ausdruck finsterer und zorniger Leidenschaft an, er brach ab, stand auf, ging im Zimmer auf und ab und murmelte bei sich selber. Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Hüfte und ein Ausdruck des Schmerzes veränderte wieder sein Gesicht.

»Es schmerzt noch immer. Dykeman – ich war kaum einundzwanzig Jahre – als ich auf mein Lebenlang ein Krüppel wurde.« Er hielt inne, schöpfte tief Athem, lächelte, rieb seine Hände und fügte hinzu: »Fürchte nichts – du sollst der Esel sein; und so beginnt Philipp von Macedonien den Korb zu füllen.« Und er schüttelte seine Börse in die Hände seines Dieners aus, dessen Gesicht bei der Berührung des Goldes den Ausdruck ängstlicher Verlegenheit zu verlieren schien. Lilburne sah ihn mit ruhigem Spotte an: »Geh! – ich will dir meine Befehle beim Umkleiden mittheilen.«

»Ja!« wiederholte er bei sich selber. »Es schmerzt mich noch immer. Aber er ist todt! – Erschossen, wie man eine Elster oder einen Iltis erschießt! Ich habe das Zeitungsblatt noch in meinem Schreibtisch. Er starb als Verbannter – Verbrecher – Mörder! Und ich vernichtete seinen guten Namen und ich verführte seine Geliebte und ich – ich bin Lord Lilburne!«

Um 10 Uhr kam ein halbes Dutzend jener muntern Männer, die, wie Lilburne, London treu blieben, wo gemeinere Verehrer die Straßen verlassen – meistens unverheiratete Männer und meistens in mittlerem Alter. Bald darauf kamen drei oder vier vornehme Fremde, die dem unglücklichen Karl dem Zehnten in sein Exil gefolgt waren, Ihre zugleich stolzen und traurigen Blicke – ihre niederwärts gezogenen Schnurrbärte – ihre langen Kinnbärte – bildeten Anfangs einen auffallenden Gegensatz zu den glatten und heiteren Engländern. Aber Lilburne, der die französische Gesellschaft liebte, und der, wenn er wollte, höflich und angenehm sein konnte, brachte die Verbannten bald in bessere Stimmung, und bei der Aufregung eines hohen Spiels verschwanden bald alle Unterschiede der Stimmung und Laune. Schon dämmerte der Morgen, als sie sich erst zum Abendessen niedersetzten.

»Sie sind heute Abend sehr glücklich gewesen, Mylord,« sagte einer von den Franzosen in neidischem Tone.

»Aber,« sagte ein Anderer, der mehrmals mit dem Wirthe gespielt und mit ihm bedeutend gewonnen hatte, »Sie sind auch der beste Spieler, Mylord, der mir je vorgekommen.«

»Mit Ausnahme des Herrn Deschapelles und N.,« versetzte Lilburne gleichgültig. Dann lenkte er die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand, und fragte einen von den Gästen, warum er ihn nicht mit einem französischen Offizier von Verdienst und Auszeichnung bekannt gemacht habe.

»Sie meinen de Vaudemont – den armen Kerl!« sagte ein Franzose in mittlerem Alter, der ein ernsteres Aussehen hatte, als die übrigen.

»Und warum nennen Sie ihn einen armen Kerl, Herr von Liancourt?«

»Er stieg so hoch vor der Revolution. Es war kein so tapferer Offizier in der Armee. Aber er ist nur ein Soldat des Glücks und seine Laufbahn ist geendet.«

»Bis die Bourbons zurückkehren,« sagte ein anderer Carlist, mit seinem Schnurrbart spielend.

»Sie werden mir in der That eine große Ehre erweisen, wenn Sie mich mit ihm bekannt machen,« sagte Lord Lilburne. »De Vaudemont – es ist ein guter Name – vielleicht spielt er auch Whist.«

»Aber,« sagte einer von den Franzosen, »ich bin durchaus nicht gewiß, ob er überhaupt ein Recht an diesen Namen hat. Es ist eine seltsame Geschichte.«

»Darf ich sie hören?« fragte der Wirth.

»Gewiß. Die Geschichte ist kurz folgende: Es lebte ein alter Vicomte de Vaudemont in Paris, von guter Geburt, aber außerordentlich arm. Er hatte schon zwei Frauen gehabt und ihr Vermögen durchgebracht. Da er alt und häßlich war und die Männer, welche zwei Frauen überleben, unter den heirathsfähigen Damen in Paris einen üblen Ruf haben, so fand er es schwierig, eine dritte zu bekommen. Da er an dem Adel verzweifelte, so begab er sich mit dieser Hoffnung unter die Bürgerlichen. Seine Familie war in beständiger Furcht vor einer lächerlichen Heirath. Unter diesen Verwandten war Madame de Merville, von der Sie vielleicht gehört haben.«

»Madame de Merville? Ei ja! Sie war schön, nicht wahr?«

»Ja. Madame de Merville, deren Fehler der Stolz war, hatte den verliebten Vicomte schon mehr als einmal vom Heirathen abgebracht. Plötzlich erschien in ihren Zirkeln ein sehr hübscher, junger Mann. Er wurde ihren Freunden förmlich als der Sohn des Vicomte de Vaudemont, aus seiner zweiten Ehe mit einer englischen Dame, vorgestellt, der in England erzogen und jetzt zuerst öffentlich anerkannt wurde. Es verbreiteten sich über ihn und Madame de Merville einige Gerüchte –«

»Herr,« fiel Liancourt sehr ernsthaft ein, »das Gerücht war von der Art, daß alle ehrenvollen Männer es brandmarken und verachten müssen – es ging nur von einem lügenhaften Bedienten aus, nämlich, der junge Mann sei schon am ersten Tage, als er in Paris angekommen, der Liebhaber einer Frau von fleckenlosem Rufe gewesen! Ich stehe für die Falschheit des Gerüchts ein. Doch ich muß gestehen, daß dieses Gerücht nicht nur Madame de Merville, die eine sehr zartfühlende Dame war, sondern auch meinen Freund, den jungen Vaudemont, zu einer Heirath bestimmte, deren pekuniäre Vortheile ihm bei seinem hochgestimmten Charakter fast zu groß erschienen.«

»Nun,« sagte Lord Lilburne, »dieser junge Vaudemont heirathete also Madame de Merville?«

»Nein,« sagte Liancourt etwas traurig, »es war nicht so bestimmt; denn mit einem Ehrgefühl, welches ich nur achten kann, wünschte Vaudemont, während er Madame de Merville aufrichtig und dankbar ergeben war, selber vorher wenigstens einige ehrenvolle Auszeichnung zu erlangen, ehe er sich des Besitzes einer Hand für würdig hielt, nach welcher Männer von viel größerem Vermögen vergebens gestrebt. Ich schäme mich nicht, zu sagen,« setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, »daß ich einer von den zurückgewiesenen Bewerbern bin, und noch immer das Andenken Eugeniens de Merville verehre. Der junge Mann sollte also in mein Regiment eintreten. Ehe er aber eintrat und während er in der vollen Glut der Liebe war, erfuhr sie – sie –« hier bebte des Franzosen Stimme, und er fuhr mit angenommener Fassung fort – »erfuhr Madame de Merville, die das beste und gütigste Herz hatte, welches je in der Brust eines menschlichen Wesens geschlagen, daß eine arme Wittwe auf einer Dachkammer mit ihr in demselben Hotel wohne und gefährlich krank sei – ohne Arznei und ohne Speise – denn sie hatte den einzigen Freund und Ernährer vor kurzer Zeit in ihrem Manne verloren. In der Aufregung des Augenblicks pflegte Madame de Merville die Wittwe selber – bekam das Fieber, woran jene litt – lag zehn Tage krank – und starb, wie sie gelebt, indem sie Andern gedient und sich selber vergessen. – So viel über das Gerücht, mein Herr, wovon Sie sprachen.«

»Eine Warnung,« sagte Lord Lilburne, »nicht aus jener Eitelkeit, ein gütiges Herz zur Schau zu stellen (was man Menschenliebe nennt), mit seiner Gesundheit zu scherzen. Die Menschenliebe sollte im Gesellschaftszimmer und nicht auf der Dachkammer beginnen!«

Der Franzose sah seinen Wirth mit einiger Verachtung an, biß sich in die Lippe und schwieg.

»Aber dennoch,« fuhr Lord Lilburne fort, »es ist sehr wahrscheinlich, daß der alte Vicomte einen Sohn hatte, und ich kann sehr wohl begreifen, warum er nicht von ihm belästigt sein wollte, so lange er es vermeiden konnte; aber ich begreife nicht, wie man an der Verwandtschaft des jüngern Vaudemont zweifeln konnte.«

»Weil,« sagte der Franzose, der die Erzählung begonnen hatte – »weil der junge Mann sich weigerte, die gesetzlichen Schritte zu thun, seine Geburt zu rechtfertigen und sich als Franzose zu naturalisiren; weil er, sobald Madame de Merville gestorben war, den erst eben entdeckten Vater verließ – aus Frankreich ging, und mit einigen andern Offizieren in die Dienste eines der eingebornen Fürsten in Indien trat.«

»Aber vielleicht war er arm,« sagte Lord Lilburne. »Ein Vater ist ein sehr gutes Ding und ein Vaterland ist auch ein sehr gutes Ding, aber man muß Geld haben, und wenn der Vater auf die eine oder die andere Weise nicht viel für den Sohn thut, so folgt das Vaterland gewöhnlich seinem Beispiel.«

»Mylord,« sagte Liancourt, »mein Freund hat vergessen, zu sagen, daß Madame de Merville dem jungen Vaudemont ihr ganzes Vermögen hinterließ, und daß, als er sich einigermaßen von seinem Kummer erholt hatte, er ihre Verwandten um sich her versammelte und erklärte, ihr Andenken sei ihm zu theuer, als daß Reichthum ihn wegen ihres Verlustes trösten könne. Er behielt nur einen bescheidenen Antheil für sich, so viel, als zu seinen nothwendigen Lebensbedürfnissen erforderlich war, theilte das Uebrige unter sie und ging nach Ostindien, nicht nur, um seinen Kummer bei dem neuen und geräuschvollen Leben zu vergessen, sondern auch, um sich mit eigener Hand den Ruf eines ehrenvollen und tapfern Mannes zu erwerben. Mein Freund erwähnte das längst vergessene Gerücht – vergaß aber die großmüthige Handlung.«

»Sie sehen, Herr von Liancourt,« sagte Lilburne, »Ihr Freund ist mehr Weltmann als Sie.«

»Und ich wollte gerade bemerken,« sagte der erwähnte Freund, »daß eben diese Handlung das Gerücht zu bestätigen schien, daß es mit der Verwandtschaft nicht richtig sei; denn wäre er noch so entfernt von Madame de Merville verwandt gewesen, warum sollte er Bedenken getragen haben, ihr Vermächtniß anzunehmen?«

»Eine sehr scharfsinnige Bemerkung,« sagte Lord Lilburne, den Redenden mit einiger Achtung ansehend, »und ich gestehe, daß es eine sehr unerklärliche Handlung ist, deren sich weder Sie noch ich würden schuldig gemacht haben. Nun, und der alte Vicomte?«

»Der lebte nicht lange,« sagte der Franzose, der sich offenbar durch das Compliment seines Wirths geschmeichelt fühlte, während sich Liancourt mit Ernst und Mißfallen in seinen Stuhl zurücklehnte. »Der junge Mann blieb einige Jahre in Indien, und als er nach Paris zurückkehrte, bemühte sich unser Freund hier, der Herr von Liancourt, der damals bei Karl dem Zehnten in Gunst stand, und Madame de Merville's Verwandte für ihn. Er hatte bereits einigen Ruf im fremden Dienste erlangt, erhielt eine Stelle bei Hofe und wurde Offizier in der königlichen Leibgarde. Gewiß würde er sein Glück gemacht haben, wären die Julitage nicht dazwischen gekommen. So wie die Sache jetzt steht, sehen Sie ihn, gleich uns Andern, als Verbannten in London!«

»Und vermuthlich ohne einen Sou in der Tasche.«

»Nein, ich glaube, er hat den Antheil an Madame de Merville's Vermächtniß in Indien noch vergrößert.«

»Und wenn er nicht Whist spielt, so muß er es lernen,« sagte Lilburne. »Sie haben meine Neugierde erregt; ich hoffe, Sie werden mir erlauben, seine Bekanntschaft zu machen, Herr von Liancourt. Ich bin kein Politiker, aber erlauben Sie mir, einen Toast auszubringen: ›Glücklicher Erfolg denen, die den Verstand besitzen, Pläne zu entwerfen, und die Kraft, sie auszuführen!‹«

Bald darauf entfernten sich die Gäste.


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