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Erstes Buch.


Noch in meines Lebens Lenze
War ich und ich wandert' aus,
Und der Jugend frohe Tänze
Ließ ich in des Vaters Haus.

Schiller, »der Pilgrim«.


Einleitendes Kapitel.

Zur Ruh' ist unser Pfarrer eingegangen.
Die ihn am besten kannten, sagen frei,
Kein Mann in seinem Alter hab' die Welt
Der Sünd' verlassen, mehr dem Dasein gleich,
In das er eingetreten.

Crabbe.

In einer der Grafschaften von Wales liegt ein kleines Dorf Namens A*. Es ist etwas von der Landstraße entfernt und daher den luxuriösen Liebhabern des Malerischen, welche die Natur durch die Fenster eines vierspännigen Wagens ansehen, nur wenig bekannt. Auch liegt nichts in der Scenerie des Ortes selbst, was den rüstigeren Enthusiasten von den ausgetretenen Spuren abzuziehen vermöchte, welche Touristen und Reisehandbücher denen vorschreiben, die das Erhabene und Schöne unter den heimischen Bergen der alten Britten suchen. Uebrigens ist das Dorf nicht ohne Anziehendes. Es liegt in einem kleinen Thale, durch welches ein klarer, plätschernder, geräuschvoller Bach, der den Liebhabern der Angel manchen guten Zeitvertreib gewährt, sich durchwindet und von mancher Felsenhöhe niederstürzt. Dorthin begeben sich zur Sommerzeit die Waltons aus der Umgegend – junge Pächter, zurückgezogene Geschäftsleute und zuweilen ein einzelner Künstler oder ein umherziehender Student von einer der Universitäten. Weil nun das einzige Gasthaus zu A* ziemlich viel besucht wird, so ist es reinlicher und bequemer eingerichtet, als man vernünftigerweise von dem unbedeutenden und abgelegenen Dorfe erwarten sollte.

Zu der Zeit, wo meine Erzählung beginnt, besaß das Dorf einen geselligen, angenehmen, sorglosen, halb verhungerten Pfarrer, der nie verfehlte, sich mit jedem Angler bekannt zu machen, welcher während der Sommermonate einen oder zwei Tage in dem Dorfe zubrachte. Der ehrwürdige Herr Caleb Price war auf der Universität Cambridge gebildet worden, und hatte dort in drei Jahren ein kleines Vermögen von dreitausend fünfhundert Pfund Sterling durchgebracht, ohne dagegen sich mehr geistige Fähigkeiten zu erwerben, als den bewundernswürdigsten Milchpunsch zu machen und der gefürchtetste Boxer in seinem Collegium zu werden, oder irgend einen wünschenswertheren Ruf zu erlangen, als einer der gutmüthigsten, geschwätzigsten, offenherzigsten Kameraden zu sein, die man nur in Newmarket auf seiner Seite oder auf derselben Ruderbank wünschen kann. Mit Hilfe dieser Gaben und Fähigkeiten hatte er nicht verfehlt, so lange sein Geld ausreichte, bei der jungen Aristokratie auf der Universität Gunst zu finden. Und obgleich er das gerade Gegentheil von einem ehrgeizigen und berechnenden Manne war, so hatte er doch offenbar dem Glauben gelebt, daß einer von den jungen Lords oder Gemeinen, mit denen er auf so gutem Fuße stand, ihm eine Pfarre verschaffen würde. Aber als Caleb Price mit einiger Schwierigkeit seinen Grad erlangt hatte, Baccalaureus der Künste und am Ende seiner Finanzen war, trennten sich seine großen Bekannten von ihm und gingen zu ihren verschiedenen Posten im Staate über. Und mit Ausnahme eines einzigen, der eben so heiter und sorglos war, wie er selber, überzeugten sie Caleb Price, daß, wenn das Geld Flügel bekommt, es mit unsern Freunden davonfliegt. Da der arme Price keine akademische Auszeichnung erlangt hatte, so konnte er keine Beförderung von seinem Collegium erwarten, keine Fellow-, keine Lehrstelle, die später zu Pfründen, Stiftsherrenstellen und Dekanaten führen.

Die Armuth begann ihm schon in's Gesicht zu starren, als dem einzigen Freunde, der sein Wohlleben getheilt und in seinem Mißgeschick ihm treu geblieben war – einem Freunde, der, zum Glück für ihn, hohe Verbindungen und glänzende Aussichten hatte – die Bemühung gelang, ihm eine kleine Pfarre zu A* zu verschaffen. Zu diesem abgeschiedenen Orte zog sich der einst so joviale Renommist mit Freuden zurück – lebte zufrieden von einem Einkommen, welches noch etwas weniger betrug, als er früher seinem Bedienten gegeben – hielt sehr kurze Predigten vor einer sehr spärlichen und unwissenden Versammlung, deren kleinster Theil die walisische Sprache verstand – that den Armen und Kranken auf seine eigene sorglose und nachlässige Weise Gutes – und stand, nicht erheitert, aber auch nicht geplagt von Weib und Kindern, im Sommer mit der Lerche auf und ging im Winter präcis um neun Uhr zu Bette, um Kohlen und Licht zu sparen. Uebrigens war er der geschickteste Angler in der ganzen Grafschaft, und so bereitwillig, die Resultate seiner Erfahrung über die zum Fangen am besten geeignete Farbe der Insekten und über den Lieblingsaufenthalt der Forellen mitzutheilen – daß er in dem Wirthshause ausdrücklich den Befehl ertheilt hatte, wenn ein fremder Herr komme, um zu fischen, so sollte man ihn sogleich rufen lassen. Dafür erhielt der würdige Pfarrer gewöhnlich seine Belohnung. Erstens, wenn der Fremde erträglich freigebig war, wurde Herr Price im Gasthofe zum Mittagessen eingeladen, und zweitens, wenn dieß an der Armuth oder an dem Mangel an Bildung dessen, den er verpflichtet hatte, scheiterte, hatte Herr Price doch immer Gelegenheit, die letzten Neuigkeiten zu erfahren, von der großen Welt zu reden – mit einem Worte, Ideen auszutauschen und vielleicht ein altes Zeitungsblatt oder eine überzählige Nummer von einem Journale zu erhalten.

Nun geschah es an einem Nachmittage im Oktober, als die periodischen Excursionen der Angler immer seltener geworden waren und endlich ganz aufgehört hatten, daß Herr Caleb Price aus seinem Wohnzimmer gerufen wurde, wo er sich beschäftigt hatte, ein Netz für seine Kohlköpfe zu stricken. Der Bote war ein kleiner, weißköpfiger Knabe, der ihm zu sagen kam, es sei ein Herr im Gasthause, der ihn sogleich zu sprechen wünsche – ein fremder Herr, der noch nie vorher da gewesen.

Herr Price warf sein Netz weg, ergriff seinen Hut und war in weniger als fünf Minuten in dem besten Zimmer des kleinen Gasthauses.

Die Person, die seiner dort wartete, war ein Mann, der, obgleich er einen einfachen Jagdrock von Manchester trug, ein viel vornehmeres Aussehen hatte, als die gewöhnlichen Fußreisenden, welche A* besuchten. Er war groß und von jener athletischen Gestalt, die im spätern Alter häufig in Korpulenz ausartet. Zu dieser Zeit war er indeß in der Blüte seiner Mannesjahre, und die weite Brust, die muskulösen Glieder, die sich in der einfachen und männlichen Kleidung sehr vortheilhaft zeigten, mußten jene allgemeine Bewunderung erregen, die bei dem einen Geschlechte der Stärke und bei dem andern der Zartheit gezollt wird. Der Fremde ging ungeduldig in dem kleinen Zimmer auf und ab, als Price eintrat, und dann wendete er zu dem Geistlichen ein schönes und ausdrucksvolles Gesicht, welches indeß einnehmender war wegen seines Ausdrucks der Offenheit, als wegen der Regelmäßigkeit seiner Züge. Er blieb plötzlich stehen, streckte seine Hand aus und sagte mit heiterem Lachen, als er den abgeschabten und unordentlichen Anzug des Geistlichen überblickte: »Mein armer Caleb! – welch eine Umwandlung! – Ich hätte dich fast nicht wieder erkannt!«

»Was! du! ist es möglich, mein lieber Junge? – Wie lieb ist es mir, dich zu sehen! Was in aller Welt konnte dich an einen solchen Platz führen? Nein! keine Seele würde mir glauben, wenn ich sagte, ich hätte dich in diesem elenden Loche gesehen.«

»Das ist gerade der Grund, warum ich hier bin. Setze dich nieder, Caleb, und wir wollen Alles besprechen, sobald uns der Wirth gebracht hat, was nöthig ist zum –«

»Milchpunsch,« fiel Price ein, indem er seine Hände rieb. »Ah, das wird uns in der That in die alten Zeiten zurückversetzen!«

In wenigen Minuten war der Punsch fertig, und nach zwei oder drei vorbereitenden Gläsern begann der Fremde folgenderweise:

»Mein lieber Caleb, ich bedarf deines Beistandes und vor allen Dingen deiner Verschwiegenheit.«

»Ich verspreche dir Beides vorher. Es wird mich für mein ganzes übriges Leben glücklich machen, meinem Patrone – meinem Wohlthäter – dem einzigen Freunde, den ich besitze, gedient zu haben.«

»Still, Mann! rede nicht so, wohlan, wir wollen nächstens besser für dich sorgen. Aber jetzt zur Sache: Ich bin hier, um mich zu verheirathen – alter Junge! – mich zu verheirathen!«

Und der Fremde warf sich in seinen Stuhl zurück und lachte mit der Heiterkeit eines Schulknaben.

»Hm!« sagte der Pfarrer ernst. »Dieß ist ein ernsthaft Ding, und dazu hast du einen seltsamen Ort gewählt.«

»Ich gestehe Beides zu. Dieser Punsch ist superb. Doch weiter: du weißt, daß meines Oheims ungeheures Vermögen zu seiner eigenen Verfügung steht; wenn ich ihn erzürnte, so wäre er im Stande, Alles meinem Bruder zu vermachen. Ich würde ihn in der That unversöhnlich erzürnen, wenn er erführe, daß ich die Tochter eines Handelsmannes geheirathet hätte – ein Mädchen, wie es unter einer Million kein Zweites gibt. Die Trauung muß so geheim als möglich geschehen, und wenn du sie in dieser Kirche vollziehst, so sehe ich keine Wahrscheinlichkeit der Entdeckung voraus.«

»Hast du eine Dispensation?«

»Nein! Meine Zukünftige ist noch nicht volljährig, und wir halten die Sache selbst vor ihrem Vater geheim. In diesem Dorfe kannst du die Proklamation hermurmeln, ohne daß einer von deiner Gemeinde auf den Namen achtet. Ich werde zu dem Zweck einen Monat hier bleiben. Sie ist in London und besucht eine Verwandte in der City. Sie wird eben so geheim in einer kleinen Kirche in der Nähe des Tower proklamirt, wo mein Name nicht weniger unbekannt sein wird als hier. O, ich habe es vortrefflich eingeleitet.«

»Aber, mein lieber Junge, bedenke, was du riskirst.«

»Ich habe Alles bedacht und finde, daß jeder Zufall mir nur günstig sein kann. Die Braut wird am Tage unserer Trauung hier ankommen; mein Diener wird der eine Zeuge sein und irgend ein dummer, alter Walliser, so altfränkisch als möglich – ich überlasse es dir, ihn auszuwählen – soll der andere sein. Ueber meinen Diener werde ich verfügen und auf die Uebrigen kann ich mich verlassen.«

»Aber –«

»Ich verabscheue dieses Aber; wenn ich eine Sprache zu machen hätte, so würde ich kein solches Wort darin aufnehmen. Und nun, ehe ich mich über Katharine verbreite, welcher Gegenstand durchaus unerschöpflich ist, erzähle mir etwas von dir selber, mein lieber Freund.«

*

Etwas mehr als ein Monat war seit der Ankunft des Fremden in dem Gasthofe vergangen. Er hatte sein Quartier mit dem Pfarrhause vertauscht – ging nur wenig aus, und dann besonders zu Fuß unter den Hügeln der Nachbarschaft; er war daher nur wenig im Dorfe bekannt, und der Besuch eines alten Universitätsfreundes beim Pfarrer, obgleich ein solcher Fall sonst noch nie vorgekommen war, konnte nicht so merkwürdig sein, um besonderes Aufsehen zu erregen. Die Proklamation war in vorgeschriebener Form und fast unhörbar nach beendetem Gottesdienste geschehen, während die spärliche Versammlung den kleinen Nebengang der Kirche hinunterging und sich zerstreute. Eines Morgens kam im Pfarrhause eine zweispännige Kutsche an. Ein Bedienter, der keine Livree trug, sprang vom Bocke. Der Fremde öffnete den Kutschenschlag, stieß ein Freudengeschrei aus und half einer Dame heraus, die so sehr aufgeregt war und zitterte, daß sie selbst bei seiner sicheren Unterstützung kaum die Stufen herunterkommen konnte.

»Ach!« sagte sie mit von Thränen erstickter Stimme, als sie in dem kleinen Vorzimmer allein waren, »ach! wenn du wüßtest, wie ich gelitten!«

Wie kommt es, daß gewisse Worte, und noch dazu die gewöhnlichsten – welche die Hand schreibt und das Auge liest, als abgedroschene und alltägliche Ausdrücke – wenn sie gesprochen werden, so viel sagen – so viele verwickelte und verfeinerte Bedeutungen haben? »Ach, wenn du wüßtest, wie viel ich gelitten habe!«

Als der Liebende diese Worte hörte, trübte sich sein heiteres Gesicht; er trat einen Schritt zurück – sein Gewissen machte ihm Vorwürfe; in jener Klage lag die ganze Geschichte geheimer Liebe, nicht für beide Theile, sondern für das Weib – das schmerzliche Geheimnis – der reuevolle Betrug – die Scham – die Furcht – das Opfer. Sie, die diese Worte aussprach, war kaum sechzehn Jahre alt. So frühe sollte sie die Kindheit hinter sich lassen!

»Geliebtes Mädchen! du hast freilich gelitten, aber es ist jetzt vorüber.«

»Vorüber! und was werden sie von mir sagen – was werden sie zu Hause von mir denken? Vorüber, ach!«

»Es ist nur auf eine kurze Zeit; dem Laufe der Natur nach kann mein Oheim nicht lange mehr leben. Dann soll Alles erklärt werden. Wenn deine Heirath bekannt gemacht wird, so werden Alle, die mit dir verwandt sind, stolz auf dich sein. Du besitzest Reichthum, Rang, einen Namen unter den ersten Adeligen Englands. Aber vor allen Dingen wirst du das Glück haben, zu denken, daß der Zwang, den du dir auf eine Zeitlang anthust, mich und vielleicht auch unsere Kinder, Geliebte, von der Armuth errettet.«

»Genug,« fiel das Mädchen ein, und der Ausdruck ihres Gesichts wurde heiter. »Es ist für dich – um deinetwillen. Ich weiß, was du wagst, und wie viel ich dir schuldig bin! – Verzeihe mir, dieß ist das letzte Murren, welches du je von meinen Lippen hören sollst.«

Eine Stunde nach diesen Worten wurde die Trauung vollzogen.

»Caleb,« sagte der Bräutigam, der den Pfarrer auf die Seite zog, als sie im Begriff waren, wieder in das Haus zu treten, »ich weiß, du wirst dein Versprechen halten, glaubst du aber, daß ich mich unbedingt auf die Treue des Zeugen verlassen kann, den du ausgewählt hast?«

»Auf seine Treue? – Nein,« sagte Caleb lächelnd; »aber auf seine Taubheit, auf seine Unwissenheit und sein Alter. Der arme, alte Mann wird Alles vergessen haben, ehe drei Monate um sind. Nun, da ich deine Dame gesehen habe, wundere ich mich nicht mehr, daß du dich einer solchen Gefahr ausgesetzt hast. Nie sah ich ein so niedliches Gesicht, du wirst glücklich sein!« Bei diesen Worten seufzte der Landpfarrer und dachte an den bevorstehenden Winter und seinen eigenen einsamen Herd.

»Mein lieber Freund, du hast nur ihre Schönheit gesehen, doch das ist nur ihr geringster Reiz. Der Himmel weiß, wie viele Liebeshändel ich gehabt habe, doch ist es das einzige Weib, welches ich je wahrhaft liebte. Caleb, da ist eine vortreffliche Pfarre auf meines Oheims Besitzthum. Der Rektor ist alt; wenn die Besitzung mein ist, so soll dir die Pfarre nicht lange vorenthalten werden. Wir werden Nachbarn sein, Caleb, und dann sollst du dir auch ein Bräutchen suchen. – Smith,« sagte der Bräutigam zu dem Diener, der seine junge Frau begleitet hatte und als ein zweiter Zeuge bei der Trauung zugegen gewesen war, »sage dem Postillon, daß er sogleich einspanne.«

»Ja, Herr. Darf ich ein Wort mit Ihnen reden?«

»Nun, und was?«

»Ihr Oheim, Herr, schickte am Tage vorher, ehe wir London verließen, zu mir und ließ mir sagen, ich solle zu ihm kommen.«

»Ei, wirklich!«

»Und ich brachte von seinen Dienern heraus, daß er einigen Verdacht hege – wenigstens, daß er Untersuchungen angestellt habe, und sehr mürrisch scheine, Herr.«

»Du gingst zu ihm?«

»Nein, Herr, ich fürchtete mich. Er hat ein so seltsames Wesen – wenn er sein Auge auf mich richtet, so ist es mir immer, als sei es unmöglich, eine Lüge zu sagen, und – und – kurz, ich hielt es für das Beste, nicht hinzugehen.«

»Du thatest Recht. – Zum Henker mit diesem Kerl!« murmelte der Bräutigam, indem er sich abwendete; »er ist redlich und liebt mich, doch wenn mein Oheim mit ihm spricht, so ist er plump genug, Alles zu verrathen. Nun, ich war immer der Meinung, daß es am Besten sei, ihn so bald als möglich aus dem Wege zu schaffen. – Smith!«

»Ja, Herr!«

»Du hast oft gesagt, wenn du einiges Kapital hättest, so möchtest du dich wohl in Australien ansiedeln; dein Vater ist ein vortrefflicher Landmann; du verdienst eine höhere Anstellung, als du bei mir hast; du bist wohl erzogen und besitzest einige Kenntniß vom Ackerbau; es kann nicht fehlen, daß du als Ansiedler dein Glück machst, und wenn du noch derselben Meinung bist, so will ich dir etwas sagen: sieh, da habe ich gerade tausend Pfund Sterling bei meinem Banquier. Du sollst die Hälfte davon haben, wenn du mit dem ersten Schiffe absegeln willst.«

»O Herr, Sie sind zu großmüthig.«

»Unsinn – keinen Dank – ich bin mehr klug, als großmüthig; denn ich stimme mit dir überein, daß mit mir Alles zu Ende ist, wenn mein Oheim deiner habhaft wird. Ich fürchte auch meinen spionirenden Bruder; kurz, die Verpflichtung ist auf meiner Seite. Bleibe nur so lange im Auslande, bis ich ein reicher Mann bin und meine Heirath bekannt gemacht ist, dann darfst du von mir fordern, was du willst. Es ist also abgemacht; bestelle die Pferde, wir gehen über Liverpool und erkundigen uns nach den Schiffen. Beiläufig gesagt, mein guter Junge, ich hoffe, du hast doch keinen Umgang mehr mit deinem Taugenichts von Bruder?«

»O nein, Herr. Es ist Schade, daß er so übel gerathen ist, denn er war der gescheideste von der Familie und konnte mich immer um seinen kleinen Finger wickeln.«

»Das ist gerade der Grund, warum ich ihn erwähnte. Wenn er unser Geheimniß wüßte, so würde er es gewiß theuer verkaufen. Wo ist er?«

»Er spielt Verstecken, Herr, vermuthe ich.«

»Nun gut, wir wollen die See zwischen Euch Beide setzen, und dann ist Alles sicher.«

Caleb stand am Eingang seines Hauses, als die Braut und der Bräutigam in ihren bescheidenen Wagen stiegen. Obgleich schon im November, war das Wetter außerordentlich mild und ruhig, der Himmel ohne Wolken, und selbst die unbelaubten Bäume schienen bei dem heiteren Sonnenlichte zu lächeln. Und die junge Braut weinte nicht mehr; sie war bei dem, welchen sie liebte – sie war die Seine auf immer. Sie vergaß das Uebrige. Die Hoffnung – das Herz einer Sechszehnjährigen – sprach aus dem Erröthen, welches ihre schönen Wangen bekleidete, des Bräutigams offenes und männliches Gesicht strahlte vor Freude. Als er Caleb von dem Fenster aus zuwinkte, klatschte der Postknecht mit der Peitsche, der Bediente setzte sich auf den Bock, die Pferde trabten davon und der Pfarrer war allein.

Die Verheirathung ist gewiß ein Ereigniß im Leben; andere Leute zu verheirathen ist für einen Pfarrer ein sehr gewöhnliches Ereigniß; doch ging von dem Tage an eine große Veränderung mit der Laune und den Gewohnheiten des guten Caleb Price vor. Hast du dich je, mein lieber Leser, eine Zeit lang ruhig in dem stillen Müßiggang eines langweiligen Landlebens begraben? Hast du dich je nach und nach an die Einförmigkeiten desselben gewöhnt, dich in die Einzelheiten desselben hineingelebt, und hast du gerade zu der Zeit, wo du die große Welt halb vergessen hattest, in deiner ruhigen Einsamkeit einen Gast empfangen, voll von dem geschäftigen und aufgeregten Leben, welches du mit Zufriedenheit aufgeben zu können glaubtest? Wenn das geschehen ist, hast du nicht bemerkt, daß, im Verhältniß, wie seine Gegenwart und Mittheilung entweder alte Erinnerungen belebte oder dir neue Bilder des glänzenden Tumultes jenes Daseins vor Augen stellte, wovon dein Gast einen Theil bildete – hast du nicht bemerkt, daß du ihn neugierig mit dir selber zu vergleichen begannst; daß du fühltest, wie das, was vorher nur geruht, jetzt dem Moder preisgegeben sei; daß deine Jahre dir ohne Freude dahinflossen und als verschwendet erschienen; daß der Contrast zwischen dem animalischen Leben leidenschaftlicher Civilisation und der vegetabilischen Unthätigkeit, von solcher Art ist, daß er deine ganze Philosophie in Thätigkeit setzt, um ihn zu ertragen, indem du die ganze Zeit über fühlst, daß diese Erstarrung dir vielleicht bis zu deinem Grabe beschieden ist? Und wenn dein Gast dich verlassen hat, wenn du wieder allein bist, ist die Einsamkeit wieder dieselbe, die sie zuvor war?

Unseres armen Caleb Gedanken hatten seit Jahren in seinem Dorfe Wurzel geschlagen. Sein Gast hatte dem Vogel in dem Feenmährchen geglichen, er hatte sich auf die stillen Zweige niedergesetzt, und so laut und so fröhlich von dem fernen zauberischen Himmel gesungen, daß, als er davonflog, der Baum kränkelte und dahinwelkte in der nüchternen Sonne, in deren Strahlen er sich vorher zufrieden gesonnt hatte. Der Gast war freilich einer von jenen Männern, deren animalischer Geist auf diejenigen, die in ihren Bereich kommen, den Einfluß und die Macht ausübt, die man gewöhnlich nur den geistigen Fähigkeiten zuschreibt. Während des Monats, den er bei Caleb zugebracht, hatte er den armen Pfarrer in alle die Heiterkeit des munteren und geräuschvollen Noviziats zurückversetzt, die dem feierlichen Gelübde und der langweiligen Zurückgezogenheit vorherging – an die geselligen Partien, an die lustigen Abendgesellschaften, an die offenhändige und offenherzige Kameradschaft der ausgelassenen, fröhlichen und gedankenlosen Jugend erinnert. Und Caleb war kein Bücherwurm – kein Gelehrter; er hatte keine Quelle geistiger Unterhaltung in sich selber, keine Beschäftigung als seine trägen und schlechtbezahlten Pflichten. Die frühere Lebensthätigkeit wurde daher leicht in ihm angeregt. Aber wenn dieser Vergleich zwischen seinem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihn ruhelos und verstört machte, um wie viel tiefer und dauernder wurde er von einem Contrast zwischen seiner eigenen Zukunft und der seines Freundes ergriffen! Nicht in jenen Punkten, wo er nie eine Gleichheit hoffen konnte – in Reichthum und Rang – in den herkömmlichen Unterscheidungen, mit welchen sich ein Mann von gewöhnlichem Verstande früher oder später doch aussöhnen muß – sondern in jener einen Hinsicht, worin alle, hoch oder niedrig, auf dieselben Rechte Anspruch machen – Rechte, denen ein Mann selbst von mittelmäßiger Wärme des Gefühls nimmer freiwillig entsagen kann, nämlich einer Gefährtin, wenn auch in noch so niedriger Sphäre, einem freundlichen Gesicht am Herde, gleichviel wie wenig schön es sei! Und sein glücklicherer Freund, gleich allen lebensvollen Männern, war voll von sich selber – voll von seiner Liebe, von seiner Zukunft, von den Segnungen der heimischen Wohnung, von den Segnungen durch Weib und Kind. Dann schien auch die junge Braut so schön, so vertrauensvoll und so zärtlich; so ganz geschaffen, das edelste Haus zu zieren oder das bescheidenste zu erheitern! Und beide waren so glücklich, einander so ganz Alles in Allem, als sie jene verödete Thürschwelle verließen! Und der Pfarrer fühlte dieß Alles, als er mit Schwermuth und Neid sich an jenem Novembertag von der Thür wegwendete, um sich ganz allein zu finden. Er begann jetzt ernsthaft nachzusinnen über jene eingebildeten Segnungen, welche die des ehelosen Standes überdrüssigen Männer hinter dem Altar himmelwärts streben sehen. Einige Wochen später wurde eine auffallende Veränderung in dem Aeußern dieses guten Mannes sichtbar. Er wurde sorgfältiger in seiner Kleidung, rasirte sich jeden Morgen, kaufte einen kurzohrigen, walisischen Klepper, und bald wurde es in der Nachbarschaft bekannt, daß die einzige Reise, die der Klepper je zu unternehmen verurtheilt wurde, zu dem Hause eines gewissen Gutsbesitzers ging, der außer einer Familie jeden Alters auch zwei sehr hübsche, heirathsfähige Töchter hatte. Dieß war die zweite Jugendzeit des armen Caleb – die Liebesromantik seines Lebens; doch war sie bald zu Ende. Als der Gutsbesitzer erfuhr, wie geringe das Einkommen des Pfarrers war, so wies er ihn ab, und bald darauf machte das Mädchen, auf die er sein Augenmerk gerichtet hatte, was man in der Welt eine gute Partie nennt. Und vielleicht war es auch eine, denn ich hörte nie, daß sie den verlassenen Liebhaber bedauerte. Vielleicht war Caleb auch kein Mann, dessen Platz in einem weiblichen Herzen nie zu ersetzen ist. Die Dame verheirathete sich, die Welt drehte sich wie zuvor, der Bach rieselte ebenso munter durch das Dorf, die armen Leute arbeiteten an Werktagen und die Buben trieben Sonntags ihre Possen um die Grabsteine – und des Pfarrers Herz war gebrochen. Allmählig und still schwand er dahin. Die Dorfleute bemerkten, daß er sein früheres, gutmüthiges Lächeln verloren habe, daß er nicht jeden Samstag Abend an der Thür des Boten stehen blieb, um zu fragen, ob es nichts Neues in der Stadt gebe, die der Bote wöchentlich besuchte; daß er nicht kam, um die einzelnen Zeitungsblätter zu borgen, die von Zeit zu Zeit ihren Weg in das Dorf fanden, daß, wenn er an dem Bache dahinschlenderte, seine Kleider locker um seine Glieder hingen, und daß er nicht mehr pfiff, wenn er ging; denn leider fehlte es ihm nicht mehr an Gedanken. Nach und nach stellte er auch die Spaziergänge ein; der Pfarrer war nicht mehr sichtbar, ein Fremder verwaltete sein Amt.

Eines Tages, es mochte wohl drei Jahre nach dem erwähnten unheilvollen Besuch sein, klingelte an einem sehr rauhen und kalten Tage zu Anfang des März der Postbote, der die Runde in dem Distrikt machte, an der Thürglocke des Pfarrers. Die einzige Magd, deren rothes Haar aufgelöst um ihren Hals hing, öffnete ihm.

»Und wie befindet sich der Herr?«

»Sehr schlecht,« und das Mädchen wischte sich die Augen.

»Er sollte ihr eine hübsche Summe hinterlassen,« sagte der Postbote freundlich, als er das Geld für den Brief einsteckte.

Der Pfarrer war im Bette – der rauhe Wind heulte im Kamin und klapperte mit dem lockern Fenster in seinem modernden Rahmen. Die Kleider, die er zuletzt getragen, lagen nachlässig umher, ungeordnet und ungebürstet; die wenigen Möbeln standen nicht auf ihren eigentlichen Plätzen; schmutzige und nachlässige Unbequemlichkeit bezeichnete ein Sterbezimmer. Neben dem Bette stand ein benachbarter Geistlicher, ein untersetzter, bäurischer, kurz, ein durchaus walisischer Pfarrer, der zu dem Porträt des Pfarrers hätte sitzen können.

»Hier ist ein Brief an Sie,« sagte der Gast.

»An mich,« sagte Caleb matt. »Ah – nun – ist es nicht sehr dunkel, oder sind meine Augen so schwach?« Der Geistliche und die Magd schlugen die Vorhänge zurück und legten dem Kranken die Kissen zurück, so daß er aufrecht sitzen konnte. Er las langsam und mit Schwierigkeit Folgendes:

»Lieber Caleb!

»Endlich kann ich etwas für dich thun. Ein Freund von mir hat eine eben erledigte Pfarre zu vergeben, die, wie ich höre, zwischen drei und vierhundert Pfund einträgt – sie ist klein und liegt in einer angenehmen Gegend. Mein Freund hält Jagdhunde, das paßt gerade für dich. Er ist indeß ein sehr seltsamer Mensch – er will einen Gesellschafter und hat einen Abscheu vor Allem Evangelischen; er wünscht dich jedoch vorher zu sehen, ehe er sich entscheidet. Wenn du dich daher im nächsten Monat in London zeigen willst, so will ich dich ihm vorstellen; ich zweifle nicht, daß die Sache wird abgemacht werden. Du wirst es für seltsam halten, daß ich nie an dich schrieb, seit wir uns trennten, doch du weißt, ich war nie ein sehr guter Korrespondent; und da ich dir nichts Vortheilhaftes mitzutheilen hatte, so hielt ich es für eine Art von Beleidigung, mich über mein eigenes Glück und dergleichen weiter zu verbreiten. Alles, was ich darüber sagen will, ist, daß ich dir mein Wort geben kann, es gibt nichts, was den Menschen lehren kann, wie groß das Herz ist und wie klein die Welt, als bis er nach einer ermüdenden Jagd nach Hause kommt und seinen eigenen Kamin sieht und einen lieblichen Willkomm hört, und beiläufig gesagt, Caleb, wenn du nur meinen Jungen sehen könntest, das ist der rüstigste kleine Schelm! Aber genug davon. Alles, was mich ärgert, ist, daß ich noch nicht im Stande gewesen bin, meine Heirath öffentlich bekannt zu machen; mein Oheim aber argwöhnt nichts; meine Frau erträgt Alles wie ein Engel; doch fällt mir ein, jetzt, da ich an dich schreibe, daß es gut sein wird, besonders wenn du den Ort verlässest, mir einen beglaubigten Trauungsschein zu schicken. In jenen entfernten Orten gehen die Trauungsregister oft verloren oder werden verlegt, und später, wenn ich die Heirath öffentlich bekannt mache, dürfte es gut sein, sogleich alle Zweifel über die Thatsache entfernen zu können.

»Lebe wohl, alter Junge,

»dein treuer Freund,

u.s.w. u.s.w.

»Es kommt zu spät,« sagte Caleb mit tiefem Seufzer, und der Brief fiel ihm aus den Händen. Hier trat eine lange Pause ein. »Macht die Fensterladen zu,« sagte der Kranke endlich, »ich denke, ich könnte schlafen, und – hebt mir den Brief auf.«

Mit bebendem und lebhaftem Griffe schnappte er nach dem Papier, wie ein Geizhals nach der Verschreibung einer Besitzung, worauf er Geld geborgt hat. Er glättete die Falten, betrachtete wohlgefällig die bekannte Handschrift, lächelte – ein gräßliches Lächeln! – legte den Brief unter sein Kopfkissen und sank dann nieder: man ließ ihn allein. Er erwachte mehrere Stunden nicht, und jener gute Geistliche, arm wie er selber, war wieder auf seinem Posten. Die einzige Freundschaft, die uns in der Stunde der Noth noch bleibt, ist die, welche durch Gleichheit der Verhältnisse mit uns verbunden ist. In den innersten Räumen des heimischen Hauses, in der Stunde der Unruhe, am Sterbebette sieht man den Reichen und den Armen selten neben einander. Caleb war offenbar viel schwächer geworden, aber sein Sinn schien klarer als vorher, und der Instinkt seiner angebornen Gutmüthigkeit verließ ihn zuletzt. »Ich soll noch etwas für ihn thun,« murmelte er. »Ah! jetzt erinnere ich mich. Jones, wollen Sie mir das Trauungsregister bringen lassen? Es muß irgendwo in der Sakristei sein, meine ich; aber nichts ist in Ordnung. Gehen Sie lieber selber – es ist wichtig.«

Pfarrer Jones nickte mit dem Kopfe und ging hinaus. Das Register war nicht in der Sakristei; die Kirchenvorsteher wußten nichts davon; der Küster – ein neuer Küster, der auch zugleich Todtengräber war, und oben drein ein wilder Bursche, war zehn Meilen weit zu einer Hochzeit gegangen; Alles wurde durchsucht, bis man endlich das Buch unter einem Haufen alter Journale und bestäubter Papiere in Caleb's eigenem Wohnzimmer fand. Als man es dem Kranken brachte, war er seinem Tode nahe; mit einiger Schwierigkeit entdeckten seine trüben Augen die Stelle, wo sich unter den unförmlichen Schnörkeln der Gemeindemitglieder die große und deutliche Handschrift seines alten Freundes und die zitternden Züge der Braut zeigten.

»Wollen Sie dies für mich abschreiben?« sagte Caleb.

Jones gehorchte.

»Nun schreiben Sie über den Auszug:

»Mein Herr.

»Auf Herrn Price's Bitte sende ich Ihnen das Beigeschlossene; er ist zu krank, um selber zu schreiben, aber ich soll Ihnen sagen, daß er nie ganz derselbe Mann gewesen ist, seit Sie ihn verlassen, und daß, wenn er nicht wieder aufkommen sollte, Ihr freundlicher Brief wenigstens seinen Geist beruhigt hat.«

Caleb hielt inne.

»Fahren Sie fort.«

»Das ist Alles, was ich zu sagen habe; unterzeichnen Sie Ihren Namen und setzen Sie die Adresse darauf, da ist sie. Aber der Brief darf nicht hier umherliegen,« murmelte er. »Wenn mir etwas Menschliches begegnete, so könnte er dadurch in Verlegenheit gerathen.«

Und als Jones seine Mittheilung versiegelte, streckte Caleb seine dürre Hand aus und hielt den zu spät gekommenen Brief an die Flamme des Lichtes. Als das Papier auf den unbedeckten Fußboden fiel, setzte Jones klüglich die breite Sohle seines Stiefels darauf, und die Magd kehrte das halbverbrannte Papier weg und warf es in den Kamin.

»Ja, tretet es nur aus – unter die Asche damit. Das Letzte wie das Uebrige,« sagte Caleb in rauhem Tone. »Freundschaft, Glück, Hoffnung, Liebe, Leben – eine kleine Flamme, und dann – und dann –«

»Seien Sie nicht unruhig – es ist ganz aus!« sagte Jones.

Caleb wendete sein Gesicht zur Wand. Er lebte noch bis zum nächsten Tage, wo er bewußtlos vom Schlafe zum Tode überging. Sobald ihn der Athem verlassen hatte, fühlte Jones, daß er seine Pflicht erfüllt habe, und daß andere ihn nach Hause riefen. Er versprach zurückzukehren, und dem Verstorbenen die Leichenrede zu halten, ertheilte einige heftige Befehle in Betreff des einfachen Leichenbegräbnisses und wollte sich eben aus dem Zimmer entfernen, als er den Brief, den er auf Caleb's Wunsch geschrieben, noch auf dem Tische liegen sah. »Ich gehe an der Post vorbei und will ihn hineinwerfen,« sagte er zu der weinenden Magd; »gebe Sie mir nur das Stück Papier da.« Dann schrieb er auf einen Papierstreifen: »Nachschrift. – Er starb diesen Mittag um halb ein Uhr ohne Schmerz. M. J.« Und ohne sich die Mühe zu geben, das Siegel zu erbrechen, schob er den letzten Bericht in die Falten des Briefes, den er dann sorgfältig in die Tasche steckte und später sicher der Post überlieferte. Und das war Alles, was der joviale und glückliche Mann je von den letzten Tagen seines Universitätsfreundes hörte.

Die Pfarre, die durch Caleb Price's Tod erledigt wurde, war nicht so einträglich, daß der Patron von vielen Bewerbern geplagt wurde. Sie blieb beinahe die ganzen sechs vom Gesetze vorgeschriebenen Monate unbesetzt, und der verlassene Haushalt in der Pfarrwohnung wurde einem von den Dorfleuten übergeben, der Caleb zuweilen bei der Bestellung seines kleinen Gartens behülflich gewesen war. Der Mann nahm mit seiner Frau und einem halben Dutzend lärmender und zerlumpter Kinder Besitz von der ruhigen Junggesellenwohnung. Die Möbeln waren verkauft worden, um die Kosten des Leichenbegängnisses und einige unbedeutende Rechnungen zu bezahlen; und das außer dem Wohnzimmer und zwei Dachkammern unbewohnte Haus wurde den Possen und Spielen der müßigen Buben überlassen, die in den stillen Zimmern aus Furcht vor dem Schweigen laut brüllten. In das Schlafzimmer, wo Caleb gestorben war, wagten sich die Kinder lange Zeit aus Aberglauben nicht; doch als der älteste Knabe sich einst über die Schwelle wagte, zogen zwei halb offenstehende Schränke des Kindes Aufmerksamkeit auf sich. Er öffnete den einen und sein Ausruf versammelte bald die übrigen Kinder um ihn her. Bist du, Leser, als Knabe je plötzlich in das Eldorado gekommen, welches die erwachsenen Leute eine Rumpelkammer nennen? Und welche Schätze fandest du dort! Dieser Schrank war die Rumpelkammer in Caleb's Haushalt gewesen. In einem Augenblick hatte sich der ganze Trupp über den bunten Inhalt hergeworfen. Einzelne Stücke von plumpen Angelruthen, künstliche Köder, ein Paar abgetragene Stulpstiefel, die dem einen von den Buben, der sie jauchzend und frohlockend anzog, bis zur Mitte des Leibes gingen, der von Motten zerfressene, beschmutzte und zerlumpte Studentenmantel – ein Ueberbleibsel aus der glorreichen Zeit des Verstorbenen; ein Sack mit Zimmermannsgeräth, größtenteils zerbrochen, ein Fangball, ein Boxerhandschuh, ein Fechtrappier, in der Mitte zerbrochen, und vor allen Dingen einige halbbeendete plumpe Spielsachen: ein Boot, ein Karren, ein Dockenhaus, womit sich der gutmüthige Caleb für die jüngeren Kinder jener Familie beschäftigt hatte, wo er das unheilvolle Ideal seines langweiligen Lebens gefunden. Nach einander wurden alle diese Dinge aus ihrem staubigen Schlummer hervorgezogen – profane Hände stritten um das erste Recht ihres Besitzes. Und nun, als Alles hinweggeräumt war, starrte den erschrockenen Verletzern des Heiligthums von der Wand, mit gläsernen Augen und scheußlichem Gesicht, ein grimmiges Ungeheuer entgegen. Sie drängten einander bleich und athemlos zurück, bis der Aelteste, als er sah, daß das Geschöpf sich nicht bewege, ein Herz faßte und sich auf den Zehen näherte. Zweimal wich er zurück, zweimal trat er wieder vor und zog endlich einen ungeheuren gemalten Drachen hervor, der einen Greif vorstellte!

Die Kinder waren leider noch nicht alt und klug genug, den ganzen schlummernden Werth jenes eingekerkerten Luftschiffers zu kennen, der dem armen Caleb die Arbeit manches langen Abends gekostet hatte, und den er für den Lieblingsbruder seiner Ungetreuen bestimmt hatte. Doch muthmaßten sie, daß es ein Ding oder ein Geist sei, der ihnen mit Recht gehöre, und beschlossen nach reiflicher Ueberlegung, das Geheimniß ihrer Entdeckung einem alten Mann mitzutheilen, der ein hölzernes Bein hatte und in der Armee gedient hatte. Er war der Abgott aller Kinder des Ortes und alle glaubten fest, er wisse Alles unter der Sonne, mit Ausnahme der mystischen Künste des Lesens und Schreibens. Als sie daher gesehen, daß die Luft rein war – denn sie betrachteten ihre Eltern, wie die Kinder der arbeitenden Klasse es häufig thun, als die natürlichen Feinde jeder Belustigung – trugen sie das Ungeheuer in ein altes Nebenhaus und eilten zu dem Invaliden und baten ihn, sich in's Haus zu schleichen und ihre Eroberung anzusehen.

Drei Monate nach diesem denkwürdigen Ereigniß kam der neue Pfarrer an. Ein steifer, zierlicher, pünktlicher, junger Mann, von der Natur dazu gebildet, wie durch Gewohnheit dazu abgerichtet, viel Einsamkeit und Hunger zu ertragen. Zwei liebende Paare hatten gewartet, sich trauen zu lassen, bis Se. Hochehrwürdigen ankommen würden. Die Trauungen waren vollzogen: aber wo war das Trauungsregister? Die Sakristei wurde durchsucht, die Kirchenvorsteher befragt, der lustige Küster, der anstatt seines tauben Vorgängers ein wenig vor Caleb's letzter Krankheit in's Amt gekommen war, erinnerte sich dunkel, das Buch zu der Zeit, als die Sakristei ausgeweißt worden, in Herrn Price's Haus getragen zu haben. Das Haus wurde durchsucht – der Schrank, der geheimnißvolle Schrank durchstöbert. »Hier ist es, Herr Pfarrer!« rief der Küster und deutete auf einen blassen Pergamentband. Der schmächtige Geistliche öffnete ihn und fuhr erschrocken zurück – mehr als Dreiviertel von den Blättern waren ausgerissen.

»Das haben die Motten gethan, Herr Pfarrer,« sagte die Frau des Gärtners, die sich mit ihrer Familie noch nicht aus dem Hause entfernt hatte.

Der Geistliche sah sich um, eins von den Kindern zitterte. »Was hast du mit diesem Buche gethan, Kleiner?«

»Mit dem Buche da? – hi! hi!«

»Rede die Wahrheit, und du sollst nicht bestraft werden.«

»Ich wußte nicht, daß es etwas schadete – hi – hi –«

»Nun, und – «

»Und der alte Ben half uns.«

»Nun?«

»Und – und – und – hi! – hi! – der Schweif von dem Drachen, Herr! –«

»Wo ist der Drache?«

Ach! der Drache und sein Schweif waren längst in jene unentdeckte Vorhölle gegangen, wo alle Dinge verloren gehen, zerbrochen, zerstört werden und verschwinden, wo Dinge, die sich verlieren – denn Dienstboten sind zu ehrlich, um zu stehlen – wo Dinge, die zerbrechen – denn Diener sind viel zu vorsichtig, etwas zu zerbrechen – eine ewige und unerforschliche Zuflucht finden.

»Es ist kein Nadelknopf daran gelegen,« sagte der Küster; »man muß eben ein neues anlegen!

»Es ist nicht meine Schuld,« sagte der Pfarrer. »Sind meine Hammelsschnitte fertig?«


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