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Zwölftes Kapitel.

Bakam. Laßt meine Leute unsre Mauern schützen.
Syana. Die meinigen den Tempel.

Die Inselprinzessin.

Diese für Philipp so ereignißreichen Tage und Wochen waren für Fanny, hinsichtlich des inneren Lebens, nicht weniger bedeutend. Sie hatte sich stillen und wonnevollen Gedanken hingegeben bei dem Bewußtsein, daß sie an Kenntniß zunehme, daß sie seiner würdiger werde – daß er es bei seiner Rückkehr bemerken müsse. Ihr Wesen war gedankenvoller und gesammelter – kurz, weniger kindisch als früher. Und dennoch, bei aller Regsamkeit des neu erweckten Verstandes, war der Reiz ihrer auffallenden Unschuld nicht hinweggescheucht. Sie erfreute sich ihrer alten Freiheit, auszugehen und zurückzukehren, wenn es ihr gefiel, und da das Wetter zu kalt war, um Simon von seinem Kamine zu locken, außer vielleicht auf eine halbe Stunde Vormittags, so benutzte sie besonders die Stunden der Dämmerung, um sich zu ihrer guten Lehrerin zu schleichen und jeden Tag weiser und weiser zu werden in den Wegen Gottes und in der Erkenntniß seiner Geschöpfe. Die Lehrerin war keine geistreiche Frau, auch bedurfte Fanny nicht so sehr des Wissens, als vielmehr der Entwicklung ihrer Gedanken und ihres Geistes durch nützliche Bücher und verständige Unterredung. Da alle ihre natürlichen Gefühle so schön waren, so machte es der Lehrerin wenig Schwierigkeit, ihre Gefühle zu der Würde der Grundsätze zu erziehen.

Geduldig bei der Abwesenheit dessen, der nie aus ihren Gedanken abwesend war, erhielt Fanny endlich den Brief von ihm, den er zwei Tage vorher, ehe er Beaufort-Court verließ, an sie schrieb – noch einen zweiten Brief, worin er sich entschuldigte, daß er nicht früher komme, worin er ihr seine Adresse mittheilte und um eine Antwort bat. Es war ein Morgen unvergleichlicher Freude, die an Entzücken grenzte. Und dann kam die Aufregung, die sie beim Beantworten desselben empfand – der Stolz, zu zeigen, wie sie sich gebessert, welch' eine vortreffliche Hand sie jetzt schrieb! Sie schloß sich auf ihrem Zimmer ein, sie ging an diesem Tage nicht aus. Sie legte das Papier vor sich hin, und zu ihrem Erstaunen verschwand auf einmal Alles aus ihrem Geiste, was sie zu sagen hatte. Wie sollte sie auch nur beginnen? Sie hatte ihn sonst immer »Bruder« genannt. Seit ihrer Unterredung mit Sarah fühlte sie aber, daß sie ihn um die Welt nicht mehr so nennen könne – nein, nimmer! Aber wie sollte sie ihn nennen – wie konnte sie ihn nennen? Er unterschrieb sich »Philipp«. Sie wußte, daß das sein Name war. Sie hielt ihn für einen musikalischen Namen, für die Aussprache, aber ihn zu schreiben? – Nein, ein Instinkt, von dem sie sich keine Rechenschaft ablegen konnte, schien ihr zuzuflüstern, daß es unschicklich und vermessen sein würde, ihn »lieber Philipp« anzureden. Hatten die Lieder von Burns, die er ihr unbedachtsam in die Hände gegeben und ihr zu lesen anempfohlen – eine Sammlung, welche die schönsten Liebeslieder der Welt enthält – hatten diese dazu beigetragen, sie mit einigen Geheimnissen ihres Herzens bekannt zu machen? Und war Furchtsamkeit mit der Kenntniß gekommen? Wer kann sagen – wer kann errathen, was in ihr vorging? Auch kannte Fanny vielleicht ihre Gefühle nicht, aber die Worte »lieber Philipp« konnte sie nicht schreiben. Und den ganzen Tag, obgleich sie an sonst nichts dachte, konnte sie nicht einmal die erste Zeile zu ihrer Zufriedenheit zu Stande bringen. Am nächsten Morgen setzte sie sich wieder hin. Es wäre so unfreundlich gewesen, wenn sie nicht sogleich geantwortet hätte; sie mußte antworten. Sie legte seinen Brief vor sich hin und begann entschlossen. Aber eine Abschrift nach der andern wurde gemacht und zerrissen. Simon bedurfte ihrer – Sarah bedurfte ihrer – und es waren Rechnungen zu zahlen, und das Mittagessen war vorüber, ehe ihre Arbeit noch eigentlich begonnen hatte. Aber nach dem Mittagessen ging sie allen Ernstes daran.

»Wie freundlich ist es von dir, an mich zu schreiben« (die Schwierigkeit der Ueberschrift wurde dadurch beseitigt, daß sie dieselbe ganz wegließ) »und nach dem Befinden meines lieben Großvaters zu fragen! Er ist noch derselbe, doch geht er jetzt fast nie aus, und ich habe viel Zeit für mich. Ich denke, etwas wird dich überraschen und dich zum Lächeln bringen, wie du Anfangs thatest, als du zurückkehrtest. Du mußt nicht böse auf mich sein, daß ich sehr oft allein ausgegangen bin – ja, in der That jeden Tag. – Ich bin so sicher gewesen. Niemand ist je rauh gegen Fanny gewesen.« (Das Wort »Fanny« war sorgfältig mit einem Federmesser ausgekratzt und »mich« an die Stelle gesetzt.) »Aber du sollst Alles erfahren, wenn du kommst. Und bist du auch gewiß wohl – ganz – ganz wohl? Hast du nie das Kopfweh, worüber du zuweilen klagtest? Sage mir dieß! Gehst du aus – jeden Tag? Hast du jetzt auch einen schönen Kirchhof in der Nähe? Mit wem gehst du aus?

»Es hat mich so glücklich gemacht, die Blumen auf die beiden Gräber zu streuen. Aber dem deinigen gebe ich immer die schönsten, obgleich das andere mir so lieb ist. Ich fühle mich traurig, wenn ich das letztere ansehe, aber nicht so, wenn ich das ansehe, welches ich so lange angesehen habe. O, wie gut du warst! Aber du willst nicht, daß ich dir danken soll.

»Dieß ist sehr dumm!« rief Fanny, indem sie plötzlich ihre Feder niederwarf; »und ich glaube am Ende gar nicht, daß ich mich gebessert habe.« Und sie weinte fast vor Aerger. Plötzlich fiel ihr ein Gedanke ein. In dem kleinen Zimmer, wo die Lehrerin sie empfing, hatte sie unter den Büchern auch eines unter dem Titel: »Der vollkommene Briefsteller« gesehen und sogleich gedacht, wie nützlich ihr dasselbe sein werde, wenn sie je an Philipp schreiben müsse. Aus dem Titel hatte sie gesehen, daß es Musterbriefe jeder Art enthielt – und ohne Zweifel war auch ein solcher Brief darin, wie er für die gegenwärtige Gelegenheit paßte. Bei diesem Gedanken sprang sie auf. Sie wollte gehen – sie konnte zurück sein und den Brief vor Abgang der Post vollenden, wenn sie einen Sixpence dafür zahlte. Sie setzte ihren Hut auf – ließ den Brief in der Hast offen auf dem Tische liegen – warf auf dem Wege zur Hausthür einen Blick in das Wohnzimmer, um sich zu überzeugen, ob Simon schlafe und das Drahtgitter vor dem Feuer sei, und eilte dann zu der freundlichen Lehrerin.

Der Nebel, der im Herbste sich über London und die Vorstädte lagert, machte den Abend vor der Zeit trübe. Es wurde dunkler und dunkler, als sie weiter ging, aber sie erreichte sicher das Haus. Sie brachte eine Viertelstunde in schüchterner Berathung mit ihrer Freundin über alle Arten von Briefen zu, mit Ausnahme dessen, den sie zu schreiben beabsichtigte, und nachdem sie sich fest eingeprägt hatte, daß sie, wenn der Brief an einen einigermaßen vornehmen Herrn sei, mit »werther Herr« beginnen und mit den Worten enden müsse: »ich habe die Ehre, mich zu nennen«, und daß es eine unversöhnliche Beleidigung sein werde, zu dem Namen auf der Aufschrift nicht »Esquire« hinzuzufügen (das war eine große Entdeckung!) – nahm sie das kostbare Buch mit und verließ das Haus. Eine Mauer, die den Bezirk des Schulhauses begrenzte, lief eine kurze Strecke in der Hauptstraße fort. Der zunehmende Nebel kämpfte hier mit dem Schimmer einer einzelnen Laterne in einiger Entfernung. Gerade in diesem Augenblicke bemerkte sie auf der Straße einen Gegenstand, den sie eben für einen Wagen erkannte, als ihre Hand ergriffen wurde und eine Stimme ihr in's Ohr sagte:

»Ah, Sie werden hoffentlich gegen mich nicht so grausam sein, wie Sie es gegen meinen Boten waren. Ich bin selber zu Ihnen gekommen.«

Sie wendete sich in großer Bestürzung um, doch die Dunkelheit verhinderte sie, das Gesicht des Mannes zu erkennen, der sie anhielt.

»Lassen Sie mich gehen!« rief sie – »Lassen Sie mich gehen!«

»Still! Still! Nein – nein! Kommen Sie mit mir. Sie sollen ein Haus, Wagen und Diener haben! Sie sollen seidene Kleider und Juwelen tragen! – Sie sollen eine große Dame werden!«

Als diese verschiedenen Lockungen rasch jeder neuen Anstrengung Fanny's folgten, sagte eine leise Stimme von dem Bock der Kutsche: »Nehmen Sie sich in Acht, Mylord, ich sehe Jemand kommen – vielleicht ist es der Polizeimann!«

Fanny hörte diese Warnung und schrie um Hülfe.

»Ist es so?« murmelte der Mann. Und plötzlich wurde Fanny's Mund zugehalten – ein Mantel über ihren Kopf geworfen – ihre leichte Gestalt vom Boden erhoben. Sie rang und kämpfte vergebens. Es war die Sache eines Augenblicks – sie wurde zum Wagen getragen – die Thür zugemacht – der Fremde war an ihrer Seite und seine Stimme rief: »Fahre zu, Dykeman. Schnell, schnell!«

Zwei oder drei Minuten vergingen, die ihr in ihrem Schrecken wie Jahre erschienen, als das Tuch und der Mantel leise weggenommen wurden, und dieselbe Stimme (denn sie konnte ihren Begleiter noch nicht sehen) sagte in sehr mildem Tone:

»Beunruhigen Sie sich nicht – Sie haben keine Ursache dazu – in der That nicht. Ich würde dieses Mittel nicht angewendet haben, wenn irgend ein milderes möglich gewesen wäre. Aber ich konnte nicht in Ihr Haus gehen und wußte kein anderes, wo ich Sie treffen sollte. Dieß war in der That das einzige Mittel, welches mir übrig blieb. Ich machte mich mit Ihren Gängen bekannt. Tadeln Sie mich nicht, daß ich Ihren Schritten nachspürte. Ich wartete gestern die ganze Nacht auf Sie; doch Sie kamen nicht heraus. Ich war in voller Verzweiflung. Endlich habe ich Sie gefunden. Seien Sie nicht so erschrocken; ich will nicht einmal Ihre Hand berühren, wenn Sie es nicht wünschen!«

Während er sprach, versuchte er sie dennoch zu berühren und wurde mit einer Heftigkeit zurückgestoßen, die ihn aus der Fassung brachte. Das arme Mädchen wich in sprachlosem Entsetzen und in der finstersten Verwirrung ihrer Gedanken in den fernsten Winkel dieses Gefängnisses zurück. Sie weinte nicht – sie schluchzte nicht – aber ihr Zittern schien selbst den Wagen zu erschüttern. Der Mann fuhr fort, sie anzureden, machte ihr Vorstellungen, bat und versuchte, sie zu besänftigen. Sein Benehmen war respektvoll. Seine Versicherungen endlos, daß er ihr um die Welt nichts zu Leide thun wolle.

»Sehen Sie nur die Wohnung, die ich Ihnen geben kann – auf zwei Tage – ja nur auf einen Tag. Hören Sie nur, wie reich ich Sie und Ihren Großvater machen kann, und wenn Sie mich dann verlassen wollen, so mögen Sie es thun.«

Noch viel mehr dieses Inhalts sprach er, ohne einen Ton von Fanny hervorzubringen, als Schnappen nach Luft und von Zeit zu Zeit ein leises Gemurmel: »Lassen Sie mich gehen – lassen Sie mich gehen! – Mein Großvater – mein blinder Großvater!«

Und endlich fand sie in Thränen Erleichterung, und sie schluchzte mit einer Leidenschaft, die ihren Begleiter, so hart und eisig er auch war, beunruhigte und vielleicht sogar rührte. Inzwischen schien der Wagen dahin zu fliegen. So schnell, wie zwei gut eingefahrene Pferde laufen konnten, ging es weiter, bis der Wagen etwa nach einer Stunde, oder in noch kürzerer Zeit, anhielt.

»Sind wir schon da?« sagte der Mann, den Kopf aus dem Fenster streckend. »Thue, wie ich dir befahl. Nicht vor die Hauptthür – vor mein Studirzimmer.«

In noch zwei Minuten hielt der Wagen wieder vor einem Gebäude, welches weiß und geisterhaft durch den Nebel hervorschaute. Der Kutscher stieg ab, öffnete eine Glasthür mit einem Schlüssel – trat einen Augenblick ein, um die Lichter in dem einsamen Zimmer bei dem Feuer auf dem Herde anzuzünden – erschien dann wieder und öffnete die Thür des Wagens. Es verursachte eine Schwierigkeit, worauf sie kaum vorbereitet waren, Fanny aus dem Wagen zu bringen. Keine sanften Worte – keine leisen Bitten konnten sie herausbringen; und mit nicht geringer Geschicklichkeit, denn ihr Begleiter suchte so sanft mit ihr umzugehen, als die nothwendige Kraft, die er anwenden mußte, es nur immer gestattete, brachte er ihre Hände von den Fensterrahmen – von der Einfassung – von den Kissen los, woran sie sich hielt, und trug sie in's Haus. Der Kutscher machte die Glasthür wieder zu, als er sich entfernte, und sie waren allein. Fanny warf dann einen wilden, halb unbewußten Blick durch das Zimmer. Es war klein und einfach möblirt. Ihr gegenüber befand sich ein altmodisches Bureau, über welchem das Portrait eines Frauenzimmers in der Blüthe des Lebens hing – ein so schönes Gesicht, eine so helle Stirne, ein so klares Auge, eine Lippe voll Jugend und Freude, daß Fanny sich getröstet fühlte und es ihr war, als sei eine lebendige Beschützerin in ihrer Nähe, indem ihr Blick auf den Zügen ruhte. Die Wände waren mit Kupferstichen von Pferden und Jagden bedeckt, und die Vorhänge von farbigem, aber etwas verblichenem Zitz. Das Feuer brannte hell und lustig; ein gedeckter Tisch stand in der Nähe desselben. Jedem andern Auge wäre das Zimmer als ein Bild englischer Bequemlichkeit erschienen. Endlich ruhten ihre Blicke auf ihrem Begleiter. Er hatte sich mit einem Seufzer, theils der Ermüdung, theils der Freude über das Gelingen seines Planes, auf einen der Stühle geworfen und betrachtete sie, wie sie dastand und ihn ansah, mit einem Ausdruck gemischter Neugierde und Bewunderung. Sie erkannte sogleich ihren ersten und einzigen Verfolger, wich zurück und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Der Mann näherte sich ihr:

»Hassen Sie mich nicht, Fanny – wenden Sie sich nicht ab. Glauben Sie mir, obgleich ich so gewaltsam gehandelt habe, so wird doch hier alle Gewaltthätigkeit aufhören. Ich liebe Sie, doch will ich mich nicht eher zufrieden geben, als bis Sie mich wieder lieben. Ich bin nicht jung, ich bin nicht schön, aber ich bin reich und groß, und kann die, welche mich lieben, glücklich – sehr glücklich machen, Fanny!«

Aber Fanny hatte sich abgewendet und war jetzt eifrig beschäftigt, die Thür zu öffnen, durch die sie eingetreten war. Da ihr dieß nicht gelang, eilte sie plötzlich nach der andern Seite, öffnete die innere Thür und stürzte mit lautem Geschrei in den Gang. Ihr Verfolger unterdrückte einen Fluch, sprang ihr nach und hielt sie auf. Er sprach jetzt strenge und zeigte zugleich ein Lächeln und einen finsteren Blick.

»Dieß ist Thorheit – kommen Sie zurück oder Sie werden es bereuen! Ich habe Ihnen als Edelmann – wenn Sie wissen, was das ist – versprochen, Sie zu achten. Aber ich lasse nicht mit mir scherzen, noch mich beleidigen. Hier darf nicht geschrieen werden!«

Sein Blick und seine Stimme machten, ungeachtet ihrer Aufregung und ihres Abscheues, Eindruck auf Fanny, und sie ließ sich ohne Widerstand in's Zimmer zurückziehen. Er verschloß und verriegelte die Thür. Sie warf sich in einer Ecke auf den Boden und stöhnte leise und kläglich. Er sah sie einige Augenblicke nachdenkend an, als er neben dem Feuer stand, ging endlich zur Thür und rief leise: »Harriet!« Sogleich erschien ein junges Frauenzimmer von etwa dreißig Jahren, zierlich, aber einfach gekleidet und mit einem Gesichte, welches, wenn auch nicht sehr einnehmend, doch gewiß sehr schön genannt werden konnte. Er zog sie einige Augenblicke auf die Seite und sprach leise mit ihr. Dann ging er ernsthaft auf Fanny zu.

»Meine junge Freundin,« sagte er, »ich sehe, Sie können diesen Abend meine Gegenwart nicht ertragen. Dieses junge Frauenzimmer wird Ihnen aufwarten und Ihnen Alles verschaffen, was Sie bedürfen. Sie kann Ihnen auch sagen, daß ich nicht der schreckliche Mann bin, wofür Sie mich zu halten scheinen. Ich werde Sie morgen wieder sehen.« Mit diesen Worten wendete er sich um und ging hinaus.

Fanny hatte wieder eine Empfindung, die der Freiheit und der Freude glich. Sie stand auf und sah dem Frauenzimmer so lebhaft flehend in's Gesicht, daß Harriet ihre forschenden Augen beschämt abwendete, und in diesem Augenblicke sah Dykeman in's Zimmer.

»Sie sollen uns selber das Mittagessen hierher bringen, Onkel, und dann zu Mylord in's Gesellschaftszimmer kommen.«

Dykeman sah erfreut aus und verschwand. Dann näherte sich Harriet, nahm Fanny's Hand und sagte freundlich:

»Fürchten Sie nichts. Ich versichere Ihnen, die Hälfte der Londoner Mädchen würden, ich weiß nicht was, darum geben, an Ihrer Stelle zu sein. Mylord wird Sie nicht zwingen, etwas zu thun, was Sie nicht wollen – es ist nicht seine Art, und er ist der gütigste und beste Mann – und so reich; er weiß nicht, was er mit seinem Gelde anfangen soll!«

Auf dieß Alles gab Fanny nur eine Antwort – sie warf sich plötzlich an die Brust des Frauenzimmers und schluchzte heraus: »Mein Großvater ist blind, er kann nicht ohne mich leben – er wird sterben – sterben! Haben Sie nicht auch Jemand, den Sie lieben? Lassen Sie mich gehen – lassen Sie mich hinaus! Was mag man von mir wollen? – Ich that nie Jemanden etwas zu Leide.«

»Und es wird Ihnen auch Niemand etwas zu Leide thun – ich schwöre es!« sagte Harriet lebhaft. »Ich sehe, Sie kennen Mylord nicht. Aber hier ist das Mittagessen, kommen Sie und nehmen etwas zu sich und auch ein Glas Wein. Nun gehen Sie, Onkel, wir bedürfen Ihrer nicht.«

Fanny konnte nichts hinunterbringen als ein Glas Wasser, und auch daran erstickte sie beinahe. Endlich aber, als sie ihre Sinne wieder erlangte, beruhigte sie einigermaßen die Abwesenheit ihres Quälers – die Gegenwart eines Frauenzimmers – so wie Harriets feierliche Versicherung, daß sie nach einem oder zwei Tagen zurückkehren solle, wenn es ihr nicht gefalle, dazubleiben. Sie achtete nicht auf die langen und künstlichen Lobreden, womit die Versucherin sich über die Tugenden, die Liebe und Großmuth und vor allen Dingen über den Reichthum ihres Herrn verbreitete. Sie wiederholte nur bei sich selber: »Ich werde in einem oder zwei Tagen zurückkehren.« Endlich, nachdem Harriet so viel gegessen und getrunken hatte, als sie für ihre einzelne Person vermochte, und ihrer Bemühungen überdrüssig wurde, die so wenig Erfolg hatten, machte sie Fanny den Vorschlag, sich zur Ruhe zu begeben. Sie öffnete eine Thür auf der rechten Seite des Kamins und leuchtete ihr eine Wendeltreppe hinauf zu einem hübschen und bequemen Zimmer, wo sie sich erbot, ihr beim Auskleiden zu helfen. Fannys Unschuld und ihre gänzliche Unbekanntschaft mit der Gefahr, die ihrer wartete, obgleich sie sich einbildete, daß sie sehr groß und schrecklich sein werde, verhinderten sie zu begreifen, was Harriet mit ihren feierlichen Versicherungen sagen wollte, daß sie nicht werde gestört werden. Aber sie verstand wenigstens, daß sie ihren verhaßten Kerkermeister nicht vor dem nächsten Morgen sehen werde, und als Harriet ihr, indem sie ihr gute Nacht wünschte, einen Riegel an ihrer Thüre zeigte, war sie weniger erschrocken über den Gedanken, an einem fremden Orte zu sein. Sie horchte, bis Harriets Fußtritte nicht mehr zu hören waren, und dann faßte sie mit klopfendem Herzen die Thür an – sie war von außen verschlossen. Sie seufzte schwer. Das Fenster? – Ach, als sie den Fensterladen geöffnet hatte, war noch einer da, der von außen verriegelt war, was auch dort alle Hoffnung ausschloß; es blieb ihr nichts weiter übrig, als die Thür zu verriegeln, verzweiflungsvoll über ihre Lage dazustehen und endlich auf die Kniee zu fallen und auf ihre eigene einfache Weise, die indeß, seit ihren Besuchen bei der Lehrerin, verständiger und ernster geworden war, zu ihm zu beten, von dem weder Schlösser noch Riegel die Stimme des menschlichen Herzens ausschließen können.


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