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Zweites Buch.


»Abend ward's und wurde Morgen,
Nimmer, nimmer stand ich still!«

Schiller »Der Pilgrim«.


Erstes Kapitel.

Incubo:
Seht nach dem Cavalier. Was fehlt ihm?

Wirthin:
Und in so guten Kleidern noch dazu.

Theodor:
Ich hab' 'nen Bruder – meine letzte Hoffnung!
Wie Ihr mich findet, ohne Furcht und Weisheit,
Bin ich das Kind der Hoffnung und Gefahr.

Beaumont und Fletcher, »Der Liebe Wallfahrt.«

Die Zeit, die Beaufort nöthig hatte, um nach Hause zurückzukehren, war von finsterem und verwirrtem Schrecken erfüllt. Ein unerklärliches Gefühl sagte ihm, daß Philipp's Verwünschungen mehr an seinem Sohne als an ihm sollten erfüllt werden. Er zitterte bei dem Gedanken, daß Arthur diesem seltsamen, wilden und erbitterten Landstreicher vielleicht am nächsten Morgen in der Glut seiner Leidenschaft begegnen könnte. Und doch, nach der Scene zwischen ihm und seinem Sohne, sah er Veranlassung zur Furcht, er möchte nicht im Stande sein, hinlängliche Macht über seinen Sohn auszuüben, so gehorsam er auch sonst war, um seine Rückkehr in das Sterbehaus zu verhindern. In dieser Verlegenheit beschloß er – wie selbst bei geistreicheren Männern vorkommt, wenn sie auch noch schwächere Frauen haben – zu hören, ob seine Frau nicht etwas Tröstliches oder Verständliches über den Gegenstand zu sagen habe. Als er daher Berkeley-Square erreichte, ging er sogleich zu Mrs. Beaufort, beruhigte sie über Arthur's Sicherheit und erzählte ihr von der Scene, wobei er so unfreiwillig mitgehandelt hatte. Mit jener lebhafteren Empfindlichkeit, die den meisten Frauen eigen ist, wenn sie auch verhältnißmäßig gefühllos sind, entschuldigte Mrs. Beaufort die Aufregung, die Philipp verrathen hatte. Beaufort's Schilderung der unheimlichen Drohungen, des finstern Gesichts, der räuberähnlichen Gestalt des beraubten Sohnes machten, daß sie große Furcht Arthur's wegen hegte, wenn die jungen Männer zusammenträfen, und sie stimmte mit ihrem Manne darin überein, daß man alle Mittel elterlicher Ueberredung oder Befehls anwenden müsse, um solches Zusammentreffen zu verhindern. Inzwischen aber kehrte Arthur nicht zurück, und neue Furcht bemächtigte sich der ängstlichen Eltern. Er war allein ausgegangen in eine ferne Vorstadt zu einer späten Stunde und selber in großer Aufregung. Er konnte in's Haus zurückgekehrt sein oder seinen Weg in den dunklen Gassen, wo Gewaltthätigkeit und Verbrechen zu Hause sind, verloren haben; sie wußten nicht, wohin sie schicken oder was sie anfangen sollten. Der Tag begann schon zu dämmern und noch immer kam er nicht. Endlich gegen fünf Uhr hörte man ein lautes Klopfen an der Hausthür, und Beaufort, der ein Geräusch im Vorsaale vernahm, eilte hinunter. Sein Sohn wurde von zwei Fremden aus einer Miethskutsche bleich, blutend und dem Anscheine nach bewußtlos hereingetragen. Sein erster Gedanke war: er sei von Philipp ermordet worden. Er stieß einen matten Schrei aus und sank neben seinem Sohne zu Boden.

»Erschrecken Sie nicht, Herr,« sagte einer von den Fremden, der ein Handwerker zu sein schien; »ich denke nicht, daß er schwer verwundet ist. Sehen Sie, er ging quer über die Straße und die Kutsche fuhr auf ihn los; aber sie ging nicht über seinen Kopf; es sind nur die Steine, die ihn so bluten machen; und das ist eine Gnade von Gott.«

»Eine Fügung der Vorsehung,« sagte der andere Mann; »aber die Vorsehung wacht über uns Alle, Nacht und Tag, im Schlaf oder im Wachen! Hm! wir kamen gerade aus unserer Versammlung her und da nahmen wir ihn und brachten ihn in einer Kutsche hieher, denn wir fanden seine Karte in seiner Tasche. Er konnte damals nicht reden; aber das Rasseln der Kutsche that ihm wohl, denn er stöhnte: ›Meine Augen!‹ O, wie er stöhnte! that er's nicht, Burrows?«

»Es that meinem Herzen wohl, es zu hören.«

»Eile zu Astley Cooper – du geh zu Brodie. Guter Gott! er stirbt. Schnell – schnell!« rief Beaufort seinen Dienern zu, wahrend Mrs. Beaufort, die jetzt die Stelle erreicht hatte, mit größerer Geistesgegenwart Arthur in sein Zimmer bringen ließ.

»Das ist eine Strafe für mich!« stöhnte Beaufort, der wie eingewurzelt im Vorsaal allein mit den Fremden stehen blieb.

»Mein Herr, es ist keine Strafe, es ist eine Fügung,« sagte der heiligere und besser gekleidete von den jungen Männern; »denn wäre es eine Strafe gewesen, so wäre das Rad über ihn hingegangen, und er mag nun sterben oder nicht, so werde ich stets sagen: wenn es keine Fügung war, so weiß ich nicht, was eine Fügung ist. Wir sind einen weiten Weg hergekommen, Herr, und Burrows ist ein armer Mann, obgleich ich wohlhabend bin.«

Dieser Wink brachte Beaufort wieder zum Bewußtsein; er legte seine Börse in die nächste Hand, die sich darnach ausstreckte, und murmelte etwas von Dank.

»Gott segne Sie, Herr! Und ich hoffe, der junge Herr wird bald wieder genesen. Wahrlich, Sie haben Ursache, Gott zu danken, daß er noch einen Zoll vom Rade entfernt war; war er's nicht, Burrows? Nun, das ist genug, um einen Heiden zu bekehren. Aber die Wege der Vorsehung sind geheimnißvoll, und das ist die Wahrheit von der Sache. Gute Nacht, Herr.«

In der That schien es, als habe Philipp's Fluch bereits gewirkt. Ein fast ähnlicher Unfall, wie der, welcher in dem Abenteuer des blinden Mannes Arthur in Katharina's Wohnung geführt, hatte ihn innerhalb vierundzwanzig Stunden selber auf das Krankenlager gestreckt. Der Kummer, den Beaufort nicht beseitigt hatte, war jetzt ihm selber zugefallen; aber da waren Eltern und Wärterinnen, große Aerzte und geschickte Chirurgen und die ganze Armee, die sich gegen den Tod verbindet – da waren Bequemlichkeit und Luxus, freundliche Augen und mitleidige Blicke und Alles, was dem Schmerze den Stachel rauben kann. Und so rang in derselben Nacht, wo Katharina starb, gebrochen und abgezehrt an einer fremden Brust, mit einem unbezahlten Arzte und bei dem Scheine einer einzigen Kerze, der Erbe des Vermögens, welches einst für ihren Sohn bestimmt gewesen, auch mit dem grimmigen Tyrannen, der aber durch die Künste und den Luxus, womit die Reichen dem Grabe trotzen, von seiner Beute hinweggescheucht zu sein schien.

Arthur war freilich schwer verwundet, eine von seinen Rippen zerbrochen und außerdem hatte er zwei starke Quetschungen am Kopfe. Auf die Bewußtlosigkeit folgte Fieber und dann phantasirte er. Mehrere Tage war er in großer Gefahr. Wenn irgend etwas seine Eltern bei einer solchen Trübsal hätte trösten können, so war es der Gedanke, daß er wenigstens jetzt mit Philipp nicht zusammentreffen könne. Vermöge des Instinkts jenes launenhaften und schwankenden Gewissens, das schwachen Geistern angehört, das während des ruhigen Glücks still bleibt und leblos niederhängt, gleich dem Wipfel am Mastbaum während der Windstille, das aber flattert und sich dreht, wenn der Wind weht und die Woge sich hebt, dachte Beaufort sehr lebhaft und reuevoll während der Gefahr seines eigenen Sohnes an die Mortons. Weit entfernt, daß seine Besorgniß für Arthur alle seine Sorge in Anspruch nahm, erhöhte dieselbe nur sein Mitleid mit den Waisen; denn mancher Mann wird fromm und wohlthätig, wenn er ein unmittelbares Interesse zu haben glaubt, die Vorsehung zu besänftigen. Am Morgen nach Arthur's Unfall schickte er zu Herrn Blackwell. Er trug ihm auf, Katharina's Leichenbegängniß mit gehöriger Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu besorgen, befahl ihm, mit Philipp zu sprechen, den Jüngling von Herrn Beaufort's guter und freundlicher Gesinnung gegen ihn zu überzeugen, und ihm zu sagen, daß er sich erbiete, seine Absichten in jeder Art der Erziehung oder einer Profession, die er wählen möchte, zu befördern. Auch rieth er dem Advokaten ernstlich, Takt und Delikatesse anzuwenden, wenn er sich mit einem so stolzen und feurigen, jungen Mann unterrede. Blackwell aber besaß keinen Takt und keine Delikatesse: er ging in das Trauerhaus, drängte sich zu Philipp, und schon der Anfang seiner Anrede, worin er sich über die außerordentliche Großmuth und das Wohlwollen dessen, der ihn gesendet, in Lobeserhebungen ausließ, mit herablassenden Ermahnungen gemischt, daß Philipp dankbar sein möge, brachte den Knaben so sehr auf, daß Blackwell sich Glück wünschte, als er mit heiler Haut aus dem Hause gekommen war. Er vernachlässigte indessen nicht den formelleren Theil seines Auftrages, sondern unterhandelte sogleich mit einem der besseren Leichenbesorger, und ertheilte Befehle zu einem sehr anständigen Leichenbegängnisse. Nach der Beerdigung, dachte er, würde Philipp in weniger aufgeregtem Gemüthszustande sein und vielleicht eher Vernunft annehmen; daher schob er eine zweite Unterredung mit dem verwaisten, jungen Manne bis nach jenem Ereigniß auf, und schickte inzwischen einen Brief an Herrn Beaufort, worin er ihm meldete, daß er seine Aufträge ausgeführt und die Befehle zu dem Leichenbegängnisse ertheilt habe, daß aber für den Augenblick das Gemüth des Herrn Philipp Morton zu sehr aufgeregt sei, um die Pläne ruhig mit ihm zu verabreden, die Herr Beaufort für seine Zukunft entworfen. Er zweifle indessen nicht, daß in einer folgenden Unterredung Alles nach den Wünschen seines edlen Clienten würde ausgeglichen werden. Beaufort's Gewissen wurde also über diesen Punkt beruhigt.

Es war ein trüber, schwüler Morgen, als Katharina Morton's Leiche dem Grabe übergeben wurde. In die Vorbereitungen zu dem Leichenbegängniß mischte sich Philipp nicht; er fragte nicht, auf wessen Befehl diese Feierlichkeiten, die stehenden Diener, die Kutschen, die schwarzen Federn und Florbänder angeordnet worden. Wenn seine unbestimmte Vermuthung diese letzte und vergebliche Aufmerksamkeit Robert Beaufort zuschrieb, so wurde dadurch das finstere Rachegefühl nicht verringert, welches er gegen seinen Oheim empfand, doch glaubte er andererseits den Respekt gegen die Todte nicht verbieten zu können, obgleich er den Dienst zurückwies, den man dem Ueberlebenden leisten wollte. Seit Blackwell's Besuch war er in eine Art von Gefühllosigkeit oder Erstarrung versunken, die den Leuten im Hause eher als Gleichgiltigkeit, denn als Kummer erschien. Als das Leichenbegängniß vorüber war und Philipp in die Zimmer, die seine Mutter bewohnt hatte, zurückkehrte, entschloß er sich, ihre Papiere und ihren Nachlaß überhaupt zu untersuchen. In einem alten Schreibpult fand er für's Erste verschiedene Pakete von Briefen von seines Vaters Hand, deren Schriftzüge durch die Zeit beinahe erloschen waren. Er öffnete einige; es waren die frühesten Liebesbriefe. Er wagte nicht mehr als wenige Zeilen zu lesen, so sehr stand der lebendige Hauch der Zärtlichkeit, die offene, herzliche Leidenschaft im Kontrast mit dem Schicksal der Angebeteten. In diesen Briefen schien das Herz des Schreibenden zu schlagen! Jetzt waren beide Herzen gleich still! Und ein Geist rief dem andern vergebens zu!

Endlich fand er einen Brief von seiner Mutter Hand, den sie erst zwei Tage vor ihrem Tode geschrieben. Er ging zum Fenster und schnappte im Nebel der schwülen Luft nach Athem. Unten hörte man das Geräusch von London; das durchdringende Geschrei umherwandernder Verkäufer, das Rollen der Karren, das Jubelgeschrei der Knaben, die aus der Schule kamen; dieses Alles übertönte ein lautes, lustiges Gelächter, welches seine Aufmerksamkeit mechanisch auf die Stelle lenkte, woher es kam; vor dem Gasthause stand der Leichenwagen, der seiner Mutter Sarg zur letzten Ruhe geführt hatte, und die lustigen Leichenbesorger hielten dort an, um sich zu erfrischen. Er schloß das Fenster mit einem Seufzer, kehrte zu dem äußersten Winkel des Zimmers zurück und las wie folgt:

»Mein liebster Philipp!

»Wenn du dieß liesest, werde ich nicht mehr sein, du und der arme Sidney haben dann weder Vater noch Mutter, weder Vermögen noch Namen. Der Himmel ist gerechter als der Mensch, und ich setze meine Hoffnung auf den Himmel. Du, Philipp, hast bereits die Kindheit überschritten; deine Natur ist dazu gebildet, um mit Erfolg gegen die Welt anzukämpfen. Hüte dich vor deinen eigenen Leidenschaften, und du kannst leicht den Hindernissen trotzen, die dir im Wege stehen. In der letzten Zeit hast du in unserer Zurückgezogenheit die Leidenschaft so überwunden, den Stolz und Ungestüm deiner Kindheit so gezügelt, daß ich deine Aussichten mit weniger Furcht betrachtet habe, als früher geschah, wo sie so glänzend zu sein schienen. Verzeihe mir, mein liebes Kind, wenn ich dir meinen Gesundheitszustand verborgen habe, und wenn mein Tod dir ein plötzlicher und unerwarteter Schlag ist. Traure nicht zu lange um mich. Für mich ist meine Auflösung in der That eine Flucht vom Gefängniß und von der Kette – von körperlichem Schmerz und geistiger Qual, was, wie ich hoffe, eine Buße für die Irrthümer einer glücklicheren Zeit sein wird. Denn ich irrte, als ich selbst aus den am wenigsten selbstsüchtigen Beweggründen meine Verbindung mit deinem Vater verborgen hielt und so die Hoffnungen derjenigen zerstörte, die gleiche Rechte, wie er, an mich hatten. Aber ach! Philipp, hüte dich vor den ersten falschen Schritten in der Täuschung; hüte dich auch vor den Leidenschaften, die erst viele Jahre später ihre Frucht verrathen, wenn die Blätter und Blüthen jüngst abgefallen sind.

»Ich wiederhole meinen feierlichen Befehl – traure nicht zu sehr um mich, sondern stärke deinen Geist und dein Herz, um das Pfand zu empfangen, welches ich dir jetzt anvertraue – meinen Sidney, mein Kind, deinen Bruder! Er ist so sanft, so milde; er ist so ganz von mir abhängig, und wir sind jetzt zum ersten- und letztenmal geschieden. Er ist bei Fremden, und – und – o Philipp, Philipp, überwache ihn wegen der Liebe, die du nicht nur zu ihm, sondern auch zu mir hegst! Sei ihm ein Vater, sowie ein Bruder. Setze dein starkes Herz der Welt entgegen, um ihn, das schwache Kind, vor der Bosheit zu schirmen. Er hat nicht deine Talente und deine Charakterstärke; ohne dich ist er nichts. Lebe, arbeite, erhebe dich um seinetwillen, nicht weniger als um deinetwillen. Wenn du wüßtest, wie dieses Herz schlägt, während ich schreibe, wenn du begreifen könntest, wie ich um ihn getröstet bin durch mein Vertrauen zu dir, so würdest du einen neuen Geist fühlen – meinen Geist – meinen mütterlichen Geist der Liebe, der Fürsorge und Wachsamkeit, und er würde dich durchdringen, während du dieß liesest. Besuche ihn, tröste und beruhige ihn – zum Glück ist er noch zu jung, um seinen ganzen Verlust zu begreifen, und laß ihn in künftigen Tagen nicht unfreundlich von mir denken, denn er ist jetzt ein Kind, und man könnte seinen Geist leichter gegen mich aufbringen, als es bei dir möglich ist. Bedenke, wenn er später unglücklich ist, so könnte er vergessen, wie ich ihn geliebt, er könnte Denen fluchen, die ihm das Leben gegeben. Verzeihe mir dieses Alles, mein Sohn Philipp, und beachte es wohl.

»Und nun, wo du diesen Brief findest, wirst du auch einen Schlüssel sehen; er öffnet eine Schublade in dem Bureau, das meine kleinen Ersparnisse verwahrt. Du wirst sehen, daß ich nicht in Armuth gestorben bin. Nimm, was da ist; jung, wie du bist, magst du dessen jetzt mehr bedürfen als später. Aber es gehört deinem Bruder so gut wie dir. Wird er rauh behandelt, wenn du ihn besuchst – und du mußt bedenken, daß er sich unter einer Behandlung vor Schmerz krümmen wird, die du kaum fühlen würdest – oder wenn sie ihn mit Arbeit überladen – ach, er ist zu jung, um schon zu arbeiten – so könntest du ihm vielleicht in deiner Nähe ein Unterkommen verschaffen. Gott überwache und beschütze Euch Beide. Ihr seid jetzt Waisen. Aber Er hat selbst den Waisen geboten, ihn Vater zu nennen!«

Als Philipp Morton diesen Brief gelesen hatte, fiel er auf die Kniee und betete.


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