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Viertes Kapitel.

Und sie ist eine Fremde!
O, Weiber – hütet euch vor Weibern!

Middleton.

Wie jüngste Kinder wir am meisten lieben,
So ist die letzte Frucht der Zärtlichkeit
Die stärkste auch – das letzte Erntefest,
Die letzte Fröhlichkeit vor Winters Eintritt!

Webster: »Des Teufels Rechtsfall«.

Was ist des Menschen Herz doch für ein Ding?
Ich will es dir berichten: 's ist ein Ding,
Was viel verschied'ne Ecken hat!

Rowley.

Ich habe gesagt, daß Gawtrey's Erzählung einen tiefen Eindruck auf Philipp machte – dieser Eindruck wurde durch weitere Unterredungen noch erhöht, die noch freier und ungezwungener waren, als bisher. Dieser Mann hatte offenbar einen unheilvollen Zauber an sich, der seine Laster verbarg. Vielleicht lag derselbe in der vollkommenen Bildung seiner Körpergestalt – die ihn unter allen Umständen heiter und bei guter Laune erhielt – und in einem so frischen und lebendigen Blute, welches nicht verfehlen konnte, die Poren seines Herzens offen zu erhalten. Aber ungeachtet aller seiner edlen Antriebe und großmüthigen Gefühle, und ungeachtet der Art, wie er seine Handlungen zu beschönigen suchte, denn freilich war er begierig, Philipp ein so wenig als möglich ungünstiges Bild von sich selber zu entwerfen – ungeachtet alles dessen war er ein vollkommener, gefährlicher Schurke, ein verzweifelter, sorgloser Wagehals, und wenn ihm irgend etwas in den Weg trat, sah man leicht an der Wolke auf seiner runzeligen Stirn, an dem Schwellen seiner Adern, an der Ausdehnung seiner weiten Nasenflügel, daß er im Stande sei, durch jedes Hinderniß seinen Weg zu bahnen – Jähzorn, Ungestüm, Heftigkeit, Entschlossenheit – dieß waren in der That die Eigenschaften, die ihm unter seinen Genossen Achtung verschafften, während seine schmeichelhaften und gutgelaunten Einfälle ihn beliebt machten. Er war in der That die Verkörperung eines großen Geistes, den die Gesetze gegen die Welt erheben, durch den in allgemeiner Hinsicht die Ungerechtigkeit der Welt auf schreckliche Weise bestraft, in besonderer Hinsicht aber nur angenagt wird, wie die Ratte den Fuß des Elephanten benagt; der Geist, der auf einem großen Theater sich gigantisch und großartig erhebt in den Heroen des Krieges und der Revolution – in den Mirabeau's, den Marats, Napoleons; in niederer Sphäre dagegen sich in Demagogen, fanatischen Philosophen und Schriftstellern für den Pöbel zeigt; er brachte auf den verbotenen Brettern, vor deren stinkenden Lampen Ausgestoßene sitzen, nie einen vollkommeneren Schurken in seiner Rolle hervor, oder der dieselbe mit mehr tragischer Würde durchführte, als Wilhelm Gawtrey. Ich nenne ihn bei seinem ursprünglichen Namen, denn anderer Benennungen hatte kaum Bacchus gleich viele.

Eines Tages wurde eine reichgekleidete Dame von Herrn Birnie in Love's oder Gawtrey's Bureau geführt. Philipp saß am Fenster und las zum erstenmal Candide – jenes Werk, welches nach Rasselas der hoffnungsloseste und finsterste von allen Scherzen des Genies mit dem Menschengeschlechte ist. Die Dame schien in einiger Verlegenheit, als sie bemerkte, daß Love nicht allein war. Sie trat zurück, zog ihren Schleier noch dichter um sich her, und sagte in französischer Sprache:

»Verzeihen Sie mir, ich wünsche Sie allein zu sprechen.«

Philipp stand auf, um sich zu entfernen, als die Dame, die ihn mit Augen ansah, deren Glanz durch den Schleier schien, sanft sagte:

»Aber vielleicht ist der junge Herr verschwiegen.«

»Er ist nicht verschwiegen, er ist die Verschwiegenheit selber! – Mein Adoptivsohn. Sie können ihm vertrauen, bei meiner Ehre, das können Sie, Madame!« Und Love legte die Hand auf's Herz.

»Er ist sehr jung,« sagte die Dame im Tone unwillkürlichen Mitleids, während sie mit einer sehr weißen Hand den Mantel öffnete.

»Um so besser wird er den Fluch des ehelosen Standes begreifen,« entgegnete Love lächelnd.

Die Dame erhob einen Theil ihres Schleiers und zeigte einen schönen Mund und eine Reihe kleiner, weißer Zähne; denn sie lächelte auch, obgleich ernst, als sie sich zu Morton wendete und sagte:

»Sie scheinen mehr geeignet, selber im Tempel zu opfern, als einer der Priester desselben zu sein. Indessen, Herr Love, lassen Sie uns einander nicht mißverstehen; ich komme nicht hieher, um eine Heirath zu schließen, sondern um eine zu verhindern. Ich höre, daß der Herr Vicomte de Vaudemont Ihre Dienste in Anspruch genommen hat. Ich gehöre zu der Familie des Vicomte, und wir sind Alle darauf aus, zu verhindern, daß er eine Verbindung so seltsamer und, verzeihen Sie mir, so unpassender Art schließe, wie eine Heirath durch ein öffentliches Bureau immer sein muß.«

»Ich versichere Ihnen, Madame,« sagte Love mit Würde, »wir haben zu den ersten Verbindungen –«

»Mein Gott!« fiel die Dame mit großer Ungeduld ein, »verschonen Sie mich mit einer Lobrede auf Ihr Bureau; ich zweifle nicht, daß es sehr respektabel ist, für Grisetten und Gewürzhändler mag es sehr gut sein. Aber der Vicomte ist ein Mann von Geburt und Verbindungen. Mit einem Worte, was er beabsichtigt, ist nicht zu gestatten. Ich weiß nicht, welches Honorar Herr Love erwartet, aber wenn Sie es so machen können, daß Herr de Vaudemont getäuscht wird und die Verbindung, die er schließen will, vereitelt sieht, so soll dieses Honorar, welches es auch sein mag, verdoppelt werden. Verstehen Sie mich?«

»Vollkommen, Madame, doch es ist nicht Ihr Anerbieten, welches mich bewegt, sondern der Wunsch, eine so reizende Dame zu verpflichten.«

»Es ist also abgemacht?« sagte die Dame nachlässig, und als sie sprach, sah sie wieder Philipp an.

»Wenn Madame wieder kommen, will ich Sie von meinen Plänen unterrichten,« sagte Love.

»Ja, ich will wieder kommen. Guten Morgen!«

Als sie aufstand und an Philipp vorüber ging, zog sie ihren Schleier ganz auf die Seite und sah ihn mit einem Blicke an, der von Koketterie gänzlich frei war, aber neugierig, forschend und vielleicht bewundernd – der Blick, den ein Künstler einem Bilde geben kann, welches von höherem Werthe zu sein scheint, als der Ort vermuthen läßt, wo er es findet. Das Gesicht der Dame war schön und edel, und Philipp empfand ein seltsames Gefühl in seinem Herzen, als sie mit leichter Kopfbewegung sich aus dem Zimmer entfernte.

»Ah!« sagte Gawtrey, lachend, »dieß ist nicht das erste Mal, daß ich von Verwandten bezahlt worden bin, eine Verbindung abzubrechen, die ich selber geschlossen habe. Wahrhaftig, wenn man ein Bureau errichten könnte, um verheiratete Leute wieder ledig zu machen, so würde man in kurzer Zeit ein reicher Mann sein! Nun gut, dieß veranlaßt mich, die Verbindung zwischen Herrn Goupille und Fräulein de Courval zu Stande zu bringen. Eine Zeitlang schwankte ich zwischen dem Gewürzhändler und dem Vicomte. Jetzt will ich die Sache abschließen. Wissen Sie, Philipp, ich glaube, Sie haben eine Eroberung gemacht.«

»Pah!« sagte Philipp, roth werdend.

Love besuchte an demselben Abend den Gewürzhändler und Adele, und bestimmte den Hochzeitstag. Da Goupille ein Mann von großer Auszeichnung in der Vorstadt war, so wünschte sich Love zu dieser Hochzeit Glück und nahm mit Freuden eine Einladung für sich und seine Compagnons an, um das Fest durch ihre Gegenwart zu verherrlichen.

Einen oder zwei Tage vor der Trauung des Herrn Goupille und der aristokratischen Adele hatte Birnie sich zurückgezogen, und Gawtrey machte seine gewöhnlichen Vorbereitungen, um sich zu unterhalten. Doch dießmal schienen Cigarre und Punsch ihre Wirkung zu verfehlen, Gawtrey blieb mißmuthig und stumm, und Morton dachte an die glänzenden Augen der Dame, die sich so sehr gegen die Liebeshändel des Vicomte de Vaudemont ausgesprochen hatte.

Endlich brach Gawtrey das Schweigen.

»Mein junger Freund,« sagte er, »ich erzählte Ihnen von meiner kleinen Schutzbefohlenen; ich habe ihr diesen Morgen Spielsachen gekauft; sie ist ein hübsches Geschöpf: morgen ist ihr Geburtstag – sie wird dann sechs Jahre alt sein. Aber – aber –« hier seufzte Gawtrey – »ich fürchte, sie ist nicht ganz recht hier.« Und er berührte seine Stirn.

»Ich wünsche sehr, sie zu sehen,« sagte Philipp, der die letzte Bemerkung nicht beachtete.

»Und das sollen Sie – Sie sollen morgen mit mir kommen. Ei, um ihretwillen möchte ich noch nicht sterben!«

»Versucht ihre elende Verwandte, sie wieder in ihre Macht zu bekommen?«

»Ihre Verwandte! Nein, sie ist nicht mehr – sie starb vor zwei Jahren, die arme Marie! Ich – doch dieß ist Thorheit. Aber Fanny ist gegenwärtig in einem Kloster; Alle sind freundlich gegen sie, doch ich bezahle gut; wenn ich todt wäre und die Zahlung aufhörte, so muß ich wieder fragen, was würde aus ihr werden, wenn nicht mein Vater –«

»Aber Sie erwerben sich ja ein Vermögen?«

»Wenn es so fortgeht – ja; aber ich lebe in Furcht – die Polizei dieser verdammten Stadt hat Luchsaugen; doch das ist die helle Seite der Frage.«

»Warum wollen Sie das Kind nicht bei sich haben, da Sie es so sehr lieben? Sie würde ein großer Trost für Sie sein.«

»Ist dieß ein Ort für ein Kind – ein Mädchen?« sagte Gawtrey, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. »Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich das Auge jenes schurkischen Todtenkopfes auf sie gerichtet sähe!«

»Sie reden von Birnie. Wie können Sie ihn dulden?«

»Wenn Sie in meinem Alter sind, werden Sie wissen, warum man das duldet – das man fürchtet – wir machen die zu Freunden, die sonst die schrecklichsten Feinde sein würden; nein, nein – nichts kann mich von diesem Manne befreien, als der Tod – und – und –« setzte Gawtrey hinzu, indem er blaß wurde, »ich kann einen Mann nicht morden, der mein Brod ißt. Es gibt noch ein stärkeres Band, als die Zuneigung, mein Junge, welches die Menschen, gleich Galeerensklaven, zusammenbindet. Wer sie an den Galgen bringen kann, wirft die Schlinge um ihren Hals und führt sie daran umher, wie einen Hund.«

Den jungen Zuhörer überlief ein Schauder. Und welche dunklen Geheimnisse, die nur diese Beiden kannten, hatten den starken Willen und das entschlossene Gemüth Wilhelm Gawtrey's an einen Mann gebunden, der ein untergeordnetes Werkzeug zu sein schien?

»Aber fahre hin, düstere Sorge!« rief Gawtrey, sich aufraffend. »Und bei alledem ist Birnie ein nützlicher Kerl und wagt eben so wenig, gegen mich zu handeln, als ich gegen ihn. Warum trinken Sie nicht mehr?«

Und Gawtrey brach in eine laute, bacchanalische Hymne aus, worin Philipp keine Heiterkeit finden konnte, und worin der Sänger plötzlich inne hielt und rief: »Sagen Sie ja nichts von Fanny zu Birnie. Meine Geheimnisse, die wir mit einander haben, sind nicht von der Art. Er könnte dem armen Lamm freilich nichts zu Leide thun – wenigstens so weit ich es voraussehen kann. Aber man kann nie seines Lammes gewiß sein, wenn man es einmal zum Metzger führt.«

Da am nächsten Tage Sonntag und das Bureau geschlossen war, so gingen Philipp und Gawtrey in das Kloster. Von außen hatte der Ort ein unheimliches Ansehen, aber im Innern war ein großer Garten, der in guter Ordnung gehalten wurde und ungeachtet des Winters schön und erfrischend erschien, wenn man ihn mit den schmutzigen Straßen verglich. Das Fenster des Zimmers, in welches sie geführt wurden, hatte die Aussicht auf einen grünen Rasen und eine Mauer an den Enden, die mit Epheu bedeckt war, und Philipp erinnerte sich seiner eigenen Kindheit, als er den stillen und einsamen Ort anblickte.

Die Thür ging auf – man hörte die Stimme eines Kindes, eine Stimme der Freude und des Entzückens, und ein Kind, zart und schön, wie eine Fee, sprang an Gawtrey's Brust.

Nachdem sie sich dort eingenistet, küßte sie sein Gesicht, seine Hände und seine Kleider mit einer Leidenschaft, die nicht ihrem Alter anzugehören schien, und lachte und schluchzte in einem Athem.

Gawtrey schien eben so gerührt; er streichelte ihr Haar mit seiner ungeheuren Hand, legte ihr alle möglichen Namen bei und sprach zu ihr mit bebender Stimme, die vergebens heiter zu sein sich bemühte.

Endlich zog er die Spielsachen, die er mitgebracht, aus seinen großen Taschen, streckte seine ungeheure Gestalt aus und bestreute den Boden damit, während das Kind über ihn dahin sprang, zuweilen nach den Spielsachen griff und dann wieder an seine Brust zurückkehrte, ihren Kopf an dieselbe legte und still zu seinen Augen aufblickte, als wäre die Freude zu viel für sie.

Morton, auf den Beide nicht achteten, stand mit untergeschlagenen Armen da. Er dachte an seinen verlorenen und undankbaren Bruder und murmelte bei sich selber: »Der Thor! Wenn sie älter ist, wird sie ihn verlassen!«

Fanny zeigte in ihrem Gesichte die italienische Abkunft ihres Vaters. Sie hatte jene blühende Gesichtsfarbe, wie sie nur in Italien gefunden wird, und die mit dem Glanze ihres Haares und mit der vollen und klaren Iris der dunklen Augen harmonirte. Nie waren Kirschen schöner geröthet, als ihre thauigen Lippen, und die Farbe ihres bloßen Halses und ihre abgerundeten Arme waren noch blendender, und schienen um so weißer wegen der Dunkelheit des Haares und des Incarnats der glühenden Wange.

Plötzlich fuhr Fanny aus Gawtrey's Armen, lief auf Morton zu, sah ihn lebhaft an und sagte in französischer Sprache: »Wer sind Sie? Kommen Sie vom Monde? – Ich denke, so ist es.« Dann hielt sie plötzlich inne und brach in einen Vers eines Ammenliedes aus, den sie mit leisem und achtlosem Tone sang, als verstehe sie den Sinn desselben nicht. Wie sie dieß sang und Morton sie anblickte, bemächtigte sich seiner ein seltsamer und schmerzlicher Zweifel. Des Kindes Augen, obgleich sanft, hatten einen leeren Ausdruck.

»Und warum sollte ich denn vom Monde kommen?« sagte er.

»Weil Sie traurig und finster aussehen. Sie gefallen mir nicht – auch der Mond gefällt mir nicht, denn er verursacht mir hier Schmerz.« Sie deutete mit der Hand auf ihre Schläfe. – »Haben Sie etwas für Fanny mitgebracht – für die arme, arme, arme Fanny?« Und indem sie bei dem Beiwort verweilte, schüttelte sie traurig den Kopf.

»Du bist reich, Fanny, mit allen diesen Spielsachen.«

»Ist's wahr? – Jeder nennt mich die arme Fanny – Jeder, nur nicht der Papa.« Sie eilte auf Gawtrey zu und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

»Sie nennt mich Papa,« sagte Gawtrey, sie küssend; »Sie hören es? – Gott segne sie!«

»Und du küssest Niemand anders, als Fanny – du hast kein anderes kleines Mädchen?« sagte das Kind lebhaft und mit nicht so leerem Blicke, als der, welcher Morton traurig gemacht hatte.

»Keine Andere – nein – nichts unter dem Himmel, und vielleicht auch nichts über demselben, außer dir!« Und er drückte sie in seine Arme. »Aber,« setzte er nach einer Pause hinzu, »aber höre, Fanny, dieser Herr muß dir gefallen. Er will stets gut gegen dich sein, und er hatte einen kleinen Bruder, den er eben so sehr liebte, wie ich dich.«

»Nein, er wird mir nicht gefallen, es wird mir Niemand gefallen, als du und meine Schwester!«

»Schwester? – Wer ist deine Schwester?«

Das Gesicht des Kindes nahm wieder einen beinahe völlig geistlosen Ausdruck an. »Ich weiß nicht – ich sah sie nie. Ich höre sie zuweilen, aber ich verstehe nicht, was sie sagt – Still! Komm hieher!« Und sie schlich sich auf den Zehen zum Fenster. Gawtrey folgte ihr und sah hinaus.

»Hörst du jetzt?« fragte Fanny. »Was sagt sie?«

Während das Mädchen sprach, ließ ein Vogel unter dem Immergrün ein durchdringendes und klagendes Geschrei hören, welchen Ton die Drossel im Winter zuweilen hervorbringt, und welcher Furcht, Schmerz und Ungeduld auszudrücken scheint.

»Was sagt sie? – Kannst du mir es sagen?« fragte das Kind.

»Pah! Das ist ja ein Vogel; warum nennst du ihn deine Schwester?«

»Ich weiß nicht! – Weil er – weil er – ich weiß nicht – weil er Schmerz empfindet. Thu' etwas für ihn, Papa!«

Gawtrey sah Morton an, dessen Gesicht tiefes Mitleid verrieth, schlich sich zu ihm und flüsterte: »Meinen Sie, daß es hier wirklich nicht richtig ist? Nein, nein, es wird wieder vergehen, davon bin ich überzeugt!«

Morton seufzte.

Jetzt hatte sich Fanny wieder in die Mitte auf dem Boden niedergesetzt und ordnete ihre Spielsachen, doch ohne daß sie Vergnügen daran zu finden schien.

Endlich war Gawtrey genöthigt, sich zu entfernen. Die Laienschwester, welche die Aufsicht über Fanny hatte, wurde in das Sprachzimmer gerufen, und jetzt veränderte sich das Wesen des Kindes völlig – ihr Gesicht wurde purpurroth – sie schluchzte vor Zorn und Kummer. Sie wollte ihren Papa nicht verlassen – sie wollte nicht von ihm gehen – nein, das wollte sie nicht!

»Es ist stets so,« flüsterte Gawtrey Morton in beschämtem und entschuldigendem Tone zu. »Es ist so schwer, von ihr fortzukommen. Gehen Sie und reden Sie mit ihr, während ich mich hinausschleiche.«

Morton ging zu ihr, während sie mit der geduldigen, gutmüthigen Schwester kämpfte, und begann, sie zu besänftigen und zu liebkosen, bis sie ihre großen, nassen Augen auf ihn richtete und trauervoll sagte:

»Du bist böse, du hast arme Fanny gesagt!«

»Aber sieh' nur diese hübsche Puppe,« begann die Schwester.

Das Kind blickte sie trostlos an: »Und Papa will sterben!«

»Wenn der Herr geht,« flüsterte die Nonne, »so sagt sie immer, er ist gestorben, und weint, bis sie einschläft; wenn der Herr zurückkehrt, so sagt sie, er ist wieder in's Leben gekommen. Ich vermuthe, es hat ihr Jemand vom Tode vorgesagt, und sie meint, wenn sie Jemanden aus dem Gesichte verliert, so sei er gestorben.«

»Armes Kind!« sagte Morton mit bebender Stimme.

Das Kind blickte auf, lächelte, streichelte seine Wange mit ihrer kleinen Hand und sagte: »Ich danke dir – ja – arme Fanny! Ach, er geht, – sieh'! Laß mich auch gehen – du bist böse.«

»Aber,« sagte Morton, sie sanft zurückhaltend, »weißt du nicht, daß du ihm Schmerz verursachst? – Du machst, daß er weint, wenn du selber Schmerz zeigst. Mache ihn nicht traurig!«

Das Kind schien betroffen, ließ einen Augenblick den Kopf hängen, als ob es nachdächte, sprang dann von Mortons Schooß, eilte zu Gawtrey, hielt ihre vollen Lippen empor und sagte: »Noch einen Kuß!« Gawtrey küßte sie und wendete sein Gesicht ab.

»Fanny ist ein gutes Mädchen,« und indem sie dieß sprach, kehrte sie zu Morton zurück und hielt ihre kleinen Finger vor die Augen, als wollte sie Gawtrey's Entfernung nicht sehen oder ihre Thränen zurückdrängen.

»Gib mir die Puppe jetzt, Schwester Maria.«

Morton lächelte und seufzte, übergab das Kind, welches sich jetzt nicht mehr sträubte, der Nonne, und verließ das Zimmer; ehe er aber die Thür zumachte, sah er sich um und bemerkte, daß Fanny sich von der Nonne losgemacht, sich auf den Boden geworfen hatte und still weinte.

»Ist sie nicht ein liebes Kind?« sagte Gawtrey, als sie die Straße erreichten.

»Sie ist in der That ein sehr schönes Kind!«

»Und wollen Sie sie lieben, wenn ich sie ohne Vermögen zurücklasse?« sagte Gawtrey plötzlich. »Ihre Liebe zu Ihrer Mutter und zu Ihrem Bruder war es, welche machte, daß Sie mir gleich Anfangs gefielen. Ja,« fuhr Gawtrey in sehr ernstem Tone fort, »ja, was mir auch begegnen möge, ich will mich bemühen, Sie vor allem Schaden zu bewahren, mein armer Junge, und was noch besser ist, Sie selbst von solchen Dingen frei erhalten, die für mein starkes Gewissen leicht genug sind. Dagegen sein Sie gut gegen das Kind, wenn Sie die Macht dazu haben – ja, sein Sie gut gegen sie! – Ich will kein hartes Wort gegen Sie sagen, wenn Sie selbst mein Verräther würden.«

»Gawtrey!« sagte Morton vorwurfsvoll und zornig.

»Pah! – Dergleichen Dinge sind schon geschehen; aber sagen Sie mir ehrlich, halten Sie sie nicht für sehr seltsam – glauben Sie nicht, daß es ihr im Kopfe fehlt?«

»Ich habe sie nicht lange genug beobachtet, um sie beurtheilen zu können,« antworte Morton ausweichend.

»Sie ist so veränderlich,« fuhr Gawtrey fort, »zuweilen würden Sie sagen, daß ihr Verstand über ihr Alter hinausgeht, sie spricht so gescheidte und geistreiche Gedanken aus, und im nächsten Augenblick setzt sie mich in Verzweiflung. Diese Nonnen sind sehr geschickt in der Erziehung – wenigstens hält man sie dafür. Die Aerzte geben mir auch Hoffnung; ihre arme Mutter war sehr unglücklich zur Zeit ihrer Geburt – sie war geistesabwesend, und das erklärt vielleicht die Sache. Ich bilde mir oft ein, es sei die beständige Aufregung, die ihr Zustand mir verursacht, weßhalb ich sie so sehr liebe; Sie sehen, sie ist eine Person, die nie für sich selber sorgen kann. Ich muß Geld für sie anschaffen, ich habe schon eine kleine Summe bei der Superiorin niedergelegt und würde dieses Kapital nicht anrühren, wenn es mich auch vom Hungertode erretten könnte! Wenn sie Geld hat, so werden die Leute freundlich genug gegen sie sein. Und dann müssen Sie bemerken, daß sie Niemand in der Welt liebt, als mich – mich, den sonst Niemand liebt! Nun, lassen Sie uns wieder in mein Bureau gehen.«

Als sie nach Hause zurückkehrten, sagte ihnen die Haushälterin, es sei eine Dame da gewesen, die nach Herrn Love und dem jungen Herrn gefragt, und sich sehr verdrießlich gezeigt habe, daß sie Beide verfehlte. Nach der Beschreibung vermuthete Morton, daß es die schöne Unbekannte gewesen sei, und war sehr ärgerlich, sie nicht wieder gesehen zu haben.


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