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Drittes Buch.


Berge lagen mir im Wege;
Ströme hemmten meinen Fuß;
Ueber Schlünde baut' ich Stege,
Brücken durch den wilden Fluß.

Schiller, »Der Pilgrim«.


Erstes Kapitel.

Der Ritter schlauer Industrie
Von Thaten rasch und keck.

Thomsons Schloß des Müßiggangs.
Vorwort zum zweiten Gesang.

In einem beliebten und respektablen, aber nicht sehr modischen Stadtviertel von Paris, in der ziemlich breiten und geräumigen Straße H., konnte man zu der Zeit, von der ich rede, ein seltsam aussehendes Gebäude bemerken, welches halbzirkelförmig mit übertünchten Pilastern und Stukkaturarbeit unter den benachbarten Kaufläden vorsprang. Die Kunstkenner in jenem Stadtviertel hatten entdeckt, daß das Gebäude einen alten Tempel in Rom vorstellen sollte; dieses Bauwerk, als es damals noch neu und frisch war, reichte nur bis zum ersten Stock. Die Pilaster waren hellgrün bemalt, mit vergoldeten Leisten versehen, während über den Querbalken drei kleine Statuen standen, wovon die eine eine Fackel, die andere einen Bogen, und die dritte einen Beutel hielt, von welchen man, ich weiß nicht aus welchem Grunde, vermuthete, daß sie künstlerische Darstellungen des Hymen, Cupido und der Fortuna sein sollten.

An der Thür stand auf einer Platte von Messing folgende Inschrift:

»Love, Engländer, im ersten Stock.«

Und wenn man die Schwelle überschritten hatte, die Treppe hinaufgestiegen war, und jenes geheimnißvolle Stockwerk erreicht hatte, welches Herr Love bewohnte, so konnte man an einer andern Thür zur Rechten wieder eine Aufschrift lesen, welche sagte, daß das Bureau des Herrn Love täglich von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags geöffnet sei.

Love hatte sein Geschäft, welches häufig in den kleinen Anschlagezetteln von Paris erwähnt wurde, etwa vor sechs Monaten errichtet und, sei es nun wegen der Beliebtheit jener Profession, oder wegen der Gestalt des Ladens, oder wegen des Benehmens des Herrn Love selber, kurz, der Tempel des Hymen, wie Herr Love sein Haus nannte, hatte in der Vorstadt St*** einen großen Ruf erlangt. Es ging das Gerücht, daß nicht mehr als neun Heirathen in der unmittelbaren Nähe durch jenes glückliche Geschäft zu Stande gekommen seien, und daß alle sehr glücklich ausgefallen, mit Ausnahme einer einzigen, wo die Braut sechszig und der Bräutigam vierundzwanzig Jahre alt gewesen, und wo man von häuslichen Uneinigkeiten gehört; doch da die Dame von ihrem Manne befreit worden, der sich etwa einen Monat nach der Trennung in die Seine gestürzt, so ging Alles besser, als man hätte erwarten können, und die Wittwe war so wenig dadurch entmuthigt, daß man sie schon wieder in das Bureau hatte gehen sehen, welcher Umstand den guten Ruf des Herrn Love sehr erhöhte.

Das Geheimniß des glücklichen Erfolges des Herrn Love, die Ueberlegenheit seines Geschäfts hinsichtlich des Ranges und der Beliebtheit vor ähnlichen, bestand vielleicht in dem Geiste und der Liberalität, womit das Geschäft geführt wurde. Er schien entschlossen, alle Formalitäten zwischen den Parteien zu entfernen, die sich einander zu nähern wünschen mochten, und er kam auf die glückliche Erfindung, zweimal die Woche eine öffentliche Mittagstafel zu halten, worauf oft eine Tanzgesellschaft folgte, so daß die, welche nach dem ehelichen Glücke strebten, leicht mit einander bekannt werden konnten. Da er selber ein munterer, geselliger Mann war und viel Lebensart besaß, so war es erstaunenswerth, zu sehen, wie gut diese Gesellschaften ihrem Zwecke entsprachen. Personen, die sich bei der ersten Unterredung nicht sehr zu einander hinzuneigen schienen, wurden außerordentlich verliebt, wenn die Champagnerkorke – was natürlich im Abonnement besonders bezahlt werden mußte – an die Decke sprangen. Dazu kam noch, daß Love sich große Mühe gab, die Geschäftsleute in der Nachbarschaft kennen zu lernen, und seine anscheinende Wohlhabenheit, seine Scherze und die Geläufigkeit, womit er die Landessprache redete, machten ihn bald zum allgemeinen Liebling. Manche Personen, die im Allgemeinen ungewöhnlich steif waren und sich stellten, als spotteten sie über das Bureau, sahen nichts Unschickliches darin, an der öffentlichen Tafel zu Mittag zu speisen. Gegen die, welche das Geheimniß wünschten, sagte man, benehme er sich außerordentlich verschwiegen, doch gab es andere, die ihren Widerwillen gegen das einzelne Leben nicht verbergen wollten; übrigens waren die Gesellschaften so eingerichtet, daß die Delikatesse nie verletzt wurde, während sie stets die Bewerbung begünstigten.

Es war um acht Uhr Abends, und Love saß noch beim Mittagessen oder vielmehr beim Dessert mit einer Gesellschaft von Gästen. Seine Zimmer, obgleich klein, waren prächtig ausgemalt und möblirt, und sein Speisezimmer war nach türkischer Art dekorirt. Die Gesellschaft bestand für's Erste in einem reichen Gewürzhändler, einem Wittwer, Namens Goupille, der ein ausgezeichneter Mann in der Vorstadt war. Er war über das mittlere Alter hinaus, aber immer ein hübscher Mann, trug eine sehr gut gemachte Perrücke von hellbraunem Haar, dicht anschließende Beinkleider, die ein paar sehr respektable Waden enthielten, und sein weißes Halstuch und sein breiter Busenstreif waren mit besonderer Sorgfalt gewaschen und gefältelt. Neben Herrn Goupille saß eine sehr ehrbare und sehr hagere, junge Dame von etwa zweiunddreißig Jahren, von der man sagte, daß sie sich ein Vermögen erspart habe – der Himmel weiß wie – in der Familie eines reichen englischen Mylord, wo sie als Gouvernante gewesen; sie nannte sich Mademoiselle Adele de Courval, hielt sehr viel auf dieses De und war sehr schwermüthig wegen ihrer Vorfahren. Herr Goupille fuhr gewöhnlich mit dem Finger durch seine Perrücke und neigte sich ein wenig auf die linke Seite, wenn er mit Mademoiselle de Courval sprach, und Mademoiselle de Courval blickte gewöhnlich auf ihr Bouquet, wenn sie Herrn Goupille antwortete. Auf der andern Seite dieser jungen Dame saß ein hübscher, blonder, junger Mann, Herr von Sovolofski, ein Pole. Sein Rock war bis an's Kinn zugeknöpft und etwas abgetragen, dennoch war Alles sehr zierlich an ihm. Ihm zur Seite saß eine kleine, fette Dame, die sehr hübsch gewesen war, und die ein Speisehaus oder eine Pension für Engländer hielt, denn sie war eine Engländerin, obgleich sie schon lange in Paris wohnte. Es ging das Gerücht, sie sei in ihrer Jugend etwas munter gewesen, und ein russischer Edelmann habe sie mit einem sehr hübschen Jahrgelde in Paris sitzen lassen, und mit der Zeit und Gelegenheit habe sie selber und das Jahrgeld sich mehr und mehr erweitert; man nannte sie Madame Beavor. Auf der andern Seite des Tisches saß ein Engländer mit rothem Haar, der sehr wenig Französisch sprach. Man sagt, daß die französischen Damen für helles Haar sehr eingenommen seien; und da er selber zweitausend Pfund besaß, so beabsichtigte er, diese Summe durch eine kluge Heirath zu vervierfachen. Niemand wußte, wer seine Familie sei; aber sein Name war Higgins. Sein Nachbar war ein außerordentlich großer, grobknochiger Franzose mit einer langen Nase und einem rothen Bande, den man viel bei Frascati sah, und der unter Napoleon gedient hatte. Dann kam eine andere Dame, außerordentlich hübsch, sehr pikant und sehr geputzt, freilich über ihre erste Jugend hinaus, die Herr Love mehr als seine andern Gäste ansah; sie hieß Rosalie Caumartin und stand an der Spitze einer großen Bonbonfabrik; sie war verheirathet, aber ihr Mann war vor vier Jahren nach Isle de France gegangen, und sie blieb ein wenig zweifelhaft, ob sie nicht mit Recht die Vorrechte einer Wittwe in Anspruch nehmen dürfe. Herrn Love zunächst, auf dem Ehrenplatze, saß keine geringere Person, als Vicomte de Vaudemont, ein französischer Edelmann von wirklich guter Geburt, dessen verschiedene Ausschweifungen, vereint mit seiner Armuth, aber nicht dazu gedient halten, jenen Respekt für seine Geburt aufrecht zu erhalten, den man, wie er glaubte, derselben schuldig sei. Er war schon zweimal verheirathet gewesen; einmal mit einer Engländerin, die sich durch seinen Titel hatte verlocken lassen. Von dieser Dame, die im Kindbett starb, hatte er einen einzigen Sohn, was er der Pariser Welt sorgfältig verheimlichte, indem er den unglücklichen Knaben, der etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt war, in beständiger Verbannung in England ließ. Herr von Vaudemont wollte nicht für älter als dreißig gelten, und bedachte, wenn er einen Sohn von achtzehn Jahren zum Vorschein bringe, so würde der Bursche ein Ungeheuer von Undankbarkeit werden, indem er jede Stunde seinen Vater Lügen strafte. Ungeachtet dieser Vorsicht fand der Vicomte es sehr schwer, eine dritte Frau zu bekommen – besonders da er kein wirkliches und sichtbares Einkommen hatte, da er von den Blattern nicht besäet, sondern zerpflügt, klein von Statur war und für mehr als schwachköpfig gehalten wurde. Er war aber außerordentlich geputzt, trug einen Busenstreif von Spitzen und eine gestickte Weste. Herrn Love gegenüber saß der Engländer Birnie, eine Art von Gehülfe in dem Geschäft, mit einem harten, trockenen, pergamentartigen Gesicht und einem ausgezeichneten Talent zum Schweigen. Der Wirth selber war ein glänzendes Thier; seine breite Brust schien mehr Platz an dem Tische einzunehmen, als vier von seinen Gästen, doch war er nicht korpulent oder unbeholfen; er war schwarz gekleidet, trug eine sehr hohe Sammetcravatte, und vier goldene Knöpfe schimmerten vorn in seinem Hemd. Der obere Theil seines Kopfes war kahl, welches machte, daß seine Stirn sehr hoch erschien. Das Haar, welches er noch hatte, war grau und kraus, sein Gesicht glatt rasirt, mit Ausnahme eines kurz geschnittenen Schnurrbarts, und seine Augen, obgleich klein, waren hell und durchdringend.

»Das sind die besten Bonbons, die ich je gegessen,« sagte Love, Madame Caumartin anblickend. »Meine schönen Freundinnen haben Mitleid mit dem Tische eines armen Junggesellen.«

»Aber Sie sollten kein Junggeselle sein, Herr Love,« versetzte die schöne Rosalie mit schlauen Blicken; »Sie, der Sie Andere zum Heirathen bewegen, sollten ein gutes Beispiel geben.«

»Alles zu seiner Zeit,« antwortete Love, nickend; »man verschafft seinen Kunden so viel Glück, daß man selber keines mehr übrig hat.«

Hier hörte man eine laute Explosion. Herr Goupille hatte mit Mademoiselle Adele einen von den Knallbonbons aufgezogen.

»Ich habe das Motto bekommen! – Nein, der Herr hat es; ich bin stets unglücklich,« sagte die sanfte Adele.

Der Gewürzhändler rollte feierlich den kleinen Papierstreifen aus einander; der Druck war sehr klein, und es verlangte ihn, seine Brille zum Vorschein zu bringen, doch bedachte er, daß er dann als alt erscheinen würde. Indessen buchstabirte er das Motto mit einiger Schwierigkeit zusammen:

»Es ward dein stolzes Herz besiegt, ich wette –
Kann sich mit der Huld'gung nicht versöhnen,
Behandelt man als Sieger die Coquette
Und sucht die Sklaverei der sanften Schönen.«

»Ich schenke es Ihnen, Mademoiselle,« sagte er, indem er das Motto feierlich auf Adelens Teller auf einen kleinen Berg von Kastanienschalen legte.

»Es ist sehr hübsch,« sagte sie, vor sich niederblickend.

»Es ist sehr passend angebracht,« flüsterte der Gewürzhändler, in seiner Aufregung seine Perrücke ein wenig zu rauh liebkosend. Love stieß ihn unter dem Tische an und deutete mit dem Finger auf seine eigene Glatze und dann auf seine Nase. Der scharfsichtige Gewürzhändler glättete sogleich wieder seine verstörte Perrücke.

»Lieben Sie die Bonbons, Mademoiselle Adele? Ich habe einen sehr hübschen Vorrath zu Hause,« sagte Herr Goupille.

Mademoiselle Adele de Courval seufzte. »Ach! Sie erinnern mich an glücklichere Tage. Als ich klein war, nahm mich meine liebe Großmama auf den Schooß und erzählte mir, wie sie der Guillotine entgangen sei; sie war eine Ausgewanderte, und Sie wissen, daß ihr Vater ein Marquis war.«

Der Gewürzhändler verbeugte sich verlegen. Er sah nicht recht die Verbindung zwischen den Bonbons und der Guillotine ein. –

»Sie sind traurig, mein Herr,« sagte Madame Beavor in ziemlich pikirtem Tone zu dem Polen, der seit dem Braten kein Wort gesprochen hatte.

»Madame, ein Verbannter ist stets traurig; ich denke an mein armes Vaterland.«

»Pah!« rief Love; »ich denke, das ist keine Verbannung, an der Seite einer schönen Dame.«

Der Pole lächelte schwermüthig.

»Ziehen Sie daran,« sagte Madame Beavor, indem sie dem Patrioten einen Knallbonbon hinreichte und das Gesicht abwendete.

»Ja, Madame, ich wünsche, es wäre eine Kanone zur Vertheidigung von Polen.«

Mit diesen hochtrabenden Worten zog der tapfere Sovolofski lustig an dem Bonbon, rieb dann seine Finger mit einer kleinen Grimasse und bemerkte, daß die Knallbonbons zuweilen gefährlich seien, und daß der gegenwärtige eine ungeheure Kraft erfordere.

»Ach! glaubt' ich doch bis diesen Tag,
Der Liebe obzusiegen,«

sagte Madame Beavor, das Motto lesend. »Was sagen Sie dazu?«

»Madame, es gibt keinen Triumph für Polen.«

Madame Beavor stieß einen ärgerlichen Ausruf aus und blickte dann in ihrer Verzweiflung zu ihrem rothhaarigen Landsmann hinüber. »Sind Sie auch ein großer Politiker?« fragte sie in Englisch.

»Nein, Madame! – Ich bin ganz für die Damen.«

»Was sagt er?« fragte Madame Caumartin.

»Herr Higgins ist ganz für die Damen.«

»Gewiß,« rief Love, »alle Engländer sind es, besonders mit jener Farbe des Haares; eine Dame, die einen leidenschaftlichen Anbeter wünscht, sollte immer einen Mann mit goldfarbigem Haar heirathen – immer. Was sagen Sie dazu, Mademoiselle Adele?«

»O, mir gefällt helles Haar sehr wohl,« sagte Mademoiselle, indem sie verschämt zu Herrn Goupille's Perrücke hinübersah. »Großmama sagte, ihr Papa – der Marquis – habe gelben Puder gebraucht; es muß sehr hübsch gewesen sein.«

»Da hätte man lieber Gerstenzucker nehmen sollen,« bemerkte der Gewürzhändler, auf der rechten Seite seines Mundes lächelnd, wo er noch die besten Zähne hatte.

Dieß schien Mademoiselle de Courval nicht zu gefallen. »Ich fürchte, Sie sind ein Republikaner, Herr Goupille.«

»Ich, Mademoiselle? Nein, ich bin für die Restauration;« und wieder war der Gewürzhändler in Verlegenheit, die Gedankenverbindung zwischen dem Republikanismus und dem Gerstenzucker zu entdecken.

»Noch ein Glas Wein! Kommen Sie,« sagte Love, indem er an dem Vicomte vorüberreichte, um Madame Caumartin einzuschenken.

»Mein Herr,« sagte der große Franzose mit dem rothen Bande, indem er den Gewürzhändler mit großer Verachtung ansah, »Sie sagen, Sie sind für die Restauration, ich bin für das Kaiserthum – ich!«

»Keine Politik!« rief Love. »Lassen Sie uns in den Salon gehen.«

Der Vicomte, der sich während dieser Unterredung sehr gelangweilt hatte, zupfte Herrn Love am Aermel, als er aufstand, und flüsterte ihm ärgerlich zu: »Ich sehe gar Keine hier, die mir gefällt, Herr Love – Keine von meinem Range.«

»Mein Gott!« antwortete Love, »ohne Geld kein Schweizer. Ich könnte Sie bei einer Herzogin einführen, doch da ist das Honorar sehr hoch. Da ist Mademoiselle de Courval – die datirt sich von den Karolingern her.«

»Sie gleicht gesottenem Sohlleder,« antwortete der Vicomte mit saurem Gesichte. »Doch – wie groß ist ihre Mitgift?«

»Vierzigtausend Franken,« versetzte Love; »aber sie will einen großen Mann, und Herr Goupille ist –«

»Große Männer sind niemals gut gebaut,« fiel der Vicomte ärgerlich ein, und er zog sich auf die Seite, als Love galant vortrat und Madame Beavor seinen Arm reichte, weil der Pole beim Aufstehen beide Arme über die Brust zusammengeschlagen hatte.

»Verzeihen Sie, Madame,« sagte Love zu Madame Beavor, als sie in den Salon gingen, »ich glaube, Sie behandeln jenen tapfern Mann nicht recht.«

»Mein Himmel, wie langweilig ist auch sein ewiges Geschwätz von Polen,« versetzte Madame Beavor, achselzuckend.

»Es ist wahr; doch er ist ein sehr schöner Mann, und es ist schon ein Trost, zu denken, daß man keine Nebenbuhlerin haben wird, als sein Vaterland. Verlassen Sie sich auf mich und ermuthigen Sie ihn ein wenig mehr. Ich sollte denken, er würde für Sie passen.«

Hier meldete der für den Abend gedungene Diener Herrn und Madame Giraud an, worauf ein kleines – kleines Paar eintrat, sehr plump und einander sehr ähnlich. Dieß war das Paar, welches Love zur Schau ausstellte – seine Lockvögel – sein letztes, bestes Beispiel, Heirathen zu schließen; sie waren seit zwei Monaten durch das Bureau verheirathet, und wurden von der ganzen Nachbarschaft wegen ihrer ehelichen Zärtlichkeit bewundert. Da sie jetzt vereinigt waren, hatten sie aufgehört, die öffentliche Tafel zu besuchen, doch Love lud sie oft nach dem Dessert ein, um die Andern zu ermuthigen.

»Meine lieben Freunde,« sagte Love, indem er Beiden die Hände drückte, »ich bin entzückt, Sie bei mir zu sehen. Meine Damen und Herren, ich stelle Ihnen Herrn und Madame Giraud, das glücklichste Paar in der Christenheit, vor – wenn ich nichts weiter in meinem Leben gethan hätte, als sie zusammenzubringen, so hätte ich nicht vergebens gelebt!«

Die Gesellschaft sah die Gegenstände seiner Lobrede mit großer Aufmerksamkeit an.

»Mein Herr, ich bete beständig, daß ich mein Glück verdienen möge,« sagte Giraud.

»Theurer Engel!« murmelte Madame, und das glückliche Paar setzte sich neben einander nieder.

Love, der alle jene unschuldigen Zeitvertreibe liebte, die den conventionellen Zwang und die Zurückhaltung entfernen, machte jetzt den Vorschlag, einen Schuh zu haschen, welches Spiel von Allen mit Freuden angenommen wurde, außer von dem Polen und dem Vicomte. Mademoiselle Adele sah etwas spröde aus und sagte zu dem Gewürzhändler: Herr Love sei so drollig, aber sie wünsche nicht, daß ihre arme Großmama sie so sehen möchte.

Der Vicomte hatte sich der Mademoiselle Courval gegenübergestellt und richtete seine Augen sehr zärtlich auf sie.

»Ich sehe, Mademoiselle billigen diese bürgerlichen Belustigungen nicht,« sagte er.

»Nein, Herr,« sagte die sanfte Adele, »aber ich denke, wir müssen unseren Geschmack dem Geschmack der Gesellschaft aufopfern.«

»Es ist eine sehr liebenswürdige Gesinnung,« sagte der Gewürzhändler.

»Es ist eine solche, wie man sie Großmama's Papa, dem Marquis de Courval, zuschrieb. Diese Bemerkung ist seitdem sehr abgedroschen,« sagte Adele.

»Kommen Sie, meine Damen,« sagte die muntere Rosalie, »ich will meinen Schuh hergeben.«

»Setzen Sie sich doch,« sagte Madame Beavor zu dem Polen. »Haben Sie keine solche Spiele in Polen?«

»Madame! Polen ist nicht mehr,« sagte der Pole. »Doch mit den Schwertern seiner Tapfern –«

»Keine Schwerter hier, wenn's gefällig ist,« sagte Love, indem er seine großen Hände auf des Polen Schultern legte, und sie dann schnell sinken ließ.

Das Spiel wurde mit großer Lebhaftigkeit begonnen, und Rosalie, Love und Madame Beavor lachten viel dabei, besonders wenn die Letztere den Polen mit dem Absatze des Schuhes schlug. Herr Giraud war beständig überzeugt, daß Madame Giraud den Schuh habe, welche Ueberzeugung von seiner Seite zu manchen Liebkosungen Veranlassung gab, die bei verheiratheten Leuten stets so unschuldig sind. Der Vicomte und der Gewürzhändler hielten sich eben so fest überzeugt, daß Mademoiselle Adele den Schuh habe, die sich viel kräftiger vertheidigte, als man es bei ihrer Sanftmuth hätte erwarten sollen. Der Gewürzhändler wurde aber eifersüchtig bei den Aufmerksamkeiten seines adeligen Nebenbuhlers und sagte ihm, er genire Mademoiselle; darauf erklärte ihn der Vicomte für impertinent, und der große Franzose mit dem rothen Bande stand auf und sagte: »Kann ich Ihnen auf irgend eine Weise beistehen?« – Da legte sich Love, der große Friedensstifter, in's Mittel, und machte den Vorschlag, Collin Maillard oder Blindekuh zu spielen. Rosalie klatschte in die Hände. Tische und Stühle wurden weggeräumt, und Madame Beavor schob den Polen in Rosaliens Arme, die einige Augenblicke sein Gesicht befühlte und ihn für den langen Franzosen hielt. Während dieser Zeit verbargen sich Herr und Madame Giraud hinter einem Fenstervorhange.

»Amüsiren Sie sich, mein Freund,« sagte Madame Beavor zu dem befreiten Polen.

»Ach, Madame,« seufzte Sovolofski, »wie kann ich heiter sein! Mein ganzes Vermögen ist von dem Kaiser von Rußland konfiszirt worden. Hat Polen keinen Brutus?«

»Ich glaube, Sie sind verliebt,« sagte der Wirth, ihn auf den Rücken klopfend.

»Sind Sie ganz gewiß,« flüsterte der Pole dem Heirathsstifter zu, »daß Madame Beavor zwanzigtausend Livres Renten hat?«

»Keinen Sou weniger.«

Der Pole dachte nach, sah Madame Beavor an und sagte: »Und doch, Madame, Ihre reizende Heiterkeit tröstet mich bei allen meinen Leiden,« worauf ihn Madame Beavor einen Schmeichler nannte und ihn mit dem Fächer auf die Knöchel seiner Finger schlug; das letztere schien dem Polen nicht besonders zu gefallen, denn er steckte seine Hände sogleich in die Hosentaschen.

Das Spiel hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Rosalie war ungewöhnlich lebhaft und eilte hin und her, was den Polen sehr außer Athem brachte; er wischte sich wiederholt das Gesicht ab und bemerkte, es sei eine beschwerliche Arbeit, die ihn an die letzte traurige Schlacht für Polen erinnerte. Goupille, der erst kürzlich Tanzunterricht genommen, war eitel auf seine Gewandtheit, und stieg, wenn Rosalie sich näherte, mit vieler Anmuth und großem Ernste über Stühle und Tische. Bei diesen Sprüngen stieg er auch auf einen Stuhl in der Nähe des Vorhanges, hinter dem sich Herr und Madame Giraud verborgen hatten. Da sich der Vorhang ein wenig bewegte, so war es ihm plötzlich, als schliche sich Rosalie hinter demselben herum; der Gewürzkrämer machte einen plötzlichen Sprung von dem Stuhl, und sein linker Rockschoß blieb an dem Haken hängen, woran die Vorhänge befestigt waren, und die unheilvolle Bewegung gab die unbeschützte Seite preis, gerade als er sich umwendete, um dieses Kleidungsstück aus seiner Verlegenheit zu befreien. Rosalie sprang auf ihn zu, erhob natürlich ihre Hände zu der Höhe, wo sie das göttliche Menschengeschlecht erwartete, faßte aber aus Versehen einen andern Theil der anmuthigen Gestalt des Herrn Goupille.

»Ich weiß nicht, was dieß ist. Welch' ein drolliges Gesicht!« murmelte Rosalie.

»Aber, Madame,« stotterte Herr Goupille, der sehr verwirrt aufblickte.

Die sanfte Adele, der dieses Abenteuer nicht zu gefallen schien, kam ihrem Bewerber zu Hülfe, und kniff Rosalie heftig in den Arm.

»Das ist nicht recht. Aber ich will wissen, wer dieß ist,« rief Rosalie zornig; »Sie sollen mir nicht entfliehen!«

Ein plötzlicher und allgemeiner Ausbruch des Lachens erregte ihren Verdacht – sie zog sich zurück und rief: »Aber dieß ist kein hübscher Spaß; dieß ist zu stark,« und richtete mit ihrer schönen Hand einen so herzhaften Schlag auf den bestrittenen Theil, daß Goupille einen kläglichen Schrei ausstieß, vom Stuhle sprang und den Rockschoß, die Veranlassung all' dieses Ungemachs, an dem Haken hängen ließ.

Gerade in diesem Augenblicke und bei der Aufregung, die Goupille's Mißgeschick veranlaßte, wurde die Thür geöffnet und der Diener erschien wieder mit einem jungen Manne in einem großen Mantel.

Der Ankommende blieb auf der Schwelle stehen und sah sich erstaunt um.

»Teufel!« sagte Love, sich nähernd und den Fremden starr ansehend. »Ist es möglich? – Sie kommen also doch endlich? – Willkommen!«

»Aber,« sagte der Fremde, der noch immer verwirrt schien, »dieß muß ein Irrthum sein; Sie sind nicht –«

»Ja, ich bin Love! – Liebe ist auf der ganzen Welt zu finden. Wie geht's unserem Freunde Gregg? – Er sagte Ihnen wohl, Sie sollten sich an Love wenden, he – hm! – Meine Damen und Herren, eine Acquisition für unsere Gesellschaft. Ein hübscher Bursche, he? – Fünf Fuß elf Zoll, ohne seine Schuhe – und jung genug, um sich dreimal zu verheirathen, ehe er stirbt. – Wann kamen Sie an?«

»Heute.«

Und so trafen sich Philipp Morton und Wilhelm Gawtrey wieder.


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