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Drittes Kapitel.

All' sein Erfolg hängt von ihm selber ab –
Er hat nicht Geld, nicht Führer oder Freund!
Mit hohem Geist lernt' John der Welt zu trotzen,
War ein gewandter Schurk' in jedem Sinn.

Crabbe.

»Mein Großvater verkaufte Spazierstöcke und Regenschirme in dem kleinen Durchgange bei Exeter-Change; er war ein genialer und spekulativer Mann. Sobald er ein wenig Geld zusammengescharrt hatte, borgte er es einem armen Teufel, der einen harten Gutsherrn hatte, zu zwanzig Prozent, und derselbe mußte die Hälfte der Anleihe in Regenschirmen und Rohrstöcken annehmen. Auf diese Weise brachte er seinen Fuß auf die Leiter und klomm immer weiter aufwärts, bis er im Alter von vierzig Jahren fünftausend Pfund zusammengebracht hatte. Dann sah er sich nach einer Lebensgefährtin um. Ein redlicher Handelsmann am Strande, der viel in Zitz machte, hatte eine einzige Tochter; diese junge Dame hatte ein Legat von einer Großtante von 3220 Pfund nebst einigen kleinen Häusern in St. Giles, wo die Bewohner wöchentlich zahlten – lauter Diebe oder Schurken, und so waren ihre Einkünfte sicher. Nun empfand mein Großvater eine große Freundschaft für den Vater dieser jungen Dame, gab ihm ein neues Zitzmuster an, bewog ihn, ein Patent darauf zu nehmen, borgte ihm 700 Pfund zu der Spekulation, forderte das Geld in dem Augenblick, wo der Zitz am niedrigsten im Preise stand, und erhielt die Tochter anstatt des Geldes – durch welchen Tausch er 2520 Pfund gewann, die Tochter noch ungerechnet. Dann wurde mein Großvater der Compagnon des würdigen Handelsmannes, trieb das Geschäft mit Geist und Erfolg und zeugte zwei Söhne. Als er älter wurde, bemächtigte sich seiner der Ehrgeiz, seine Söhne sollten Männer von Stande werden – der eine wurde auf die Universität geschickt, und der andere bei einem abmarschirenden Regimente untergebracht. Mein Großvater dachte, hunderttausend Pfund zu hinterlassen, doch ein Fieber, welches er bekam, als er seine Miethsleute in St. Giles besuchte, verhinderte ihn daran, und er hinterließ nur zwanzigtausend Pfund, die unter die beiden Söhne gleich vertheilt wurden. Mein Vater, der Gelehrte« – hier schwieg Gawtrey einen Augenblick, nahm einen großen Zug und fuhr mit sichtbarer Anstrengung fort – »mein Vater war ein Mann von strengen Grundsätzen, vortrefflichem Rufe und einer großen Achtung vor der Welt. Er schloß eine frühe und respektable Heirath. Ich bin die einzige Frucht dieser Verbindung; er lebte nüchtern, sein Temperament war rauh und mürrisch und seine Wohnung finster; er war ein sehr strenger Vater und meine Mutter starb, ehe ich zehn Jahre alt war. Als ich vierzehn war, kam ein kleiner, alter Franzose zu uns, um bei uns zu wohnen; er war während des alten Regime verfolgt worden, weil er ein Philosoph war; er füllte meinen Kopf mit seltsamen Grillen an, die seitdem mehr oder weniger darin geblieben sind. Mit achtzehn Jahren wurde ich in das St. John-College in Cambridge geschickt. Mein Vater war reich genug, um für mich die Pension des höheren Ranges zu zahlen, doch seit Kurzem war er geizig geworden; er hielt mich für verschwenderisch, ich mußte Famulus werden, vielleicht that er es, um mir zu trotzen. Jetzt fielen mir zum erstenmal die Ungleichheiten im Leben auf, von denen mir der Franzose so viel vorgepredigt. Ein Famulus! Nur ein anderer Name für einen Hund! Ich besaß so viel Stärke, Gesundheit und Geist, daß ich mehr Leben in meinem kleinen Finger hatte, als die Hälfte der Pensionäre der höheren Klasse – jene zierlichen, spindelbeinigen Bursche, die für eine Sammlung von meines Großvaters Spazierstöcken hätten gelten können – in ihrem ganzen Körper. Ich denke oft, daß Gesundheit und Geist viele Pflichten auf sich haben! Wenn wir jung sind, gleichen wir so weit den Wilden – die der junge Anwuchs der Natur sind – daß wir einen ungeheuren Werth auf physische Vortheile legen. Sind nicht meine Proben von Stärke und Gewandtheit – meine Prügeleien in den Schenken, meine Sprünge auf dem Turnplatze und die Wettkämpfe im Rudern, die ich gewann, in der Chronik des St. John-Collegiums niedergeschrieben? Die Thaten gaben mir einen übertriebenen Begriff von meiner Überlegenheit, und ich konnte nicht umhin, die reichen Bursche zu verachten, die ich durch ein Niesen hätte umblasen können. Dennoch war eine unübersteigliche Schranke zwischen mir und ihnen – ein Famulus war kein geeigneter Gesellschafter für die Günstlinge des Glückes! Aber da war ein junger Mann, ein Jahr jünger als ich, von hoher Geburt und der Erbe eines beträchtlichen Vermögens, der mich nicht mit derselben übermüthigen Frechheit behandelte, wie die Andern; vielleicht machte ihn sein Rang gleichgültig gegen die kleinen konventionellen Förmlichkeiten, die auf Personen Einfluß haben, welche nicht mit dieser runden Erde Fußball spielen können; er war der wildeste Bursche auf der Universität – ein Laternenzerbrecher – ein geschickter Wagenlenker – ein wackerer Klopffechter – kurz, ein Teufelskerl – gewandt und geistreich, aber nicht im Lernen – klein und schlank, und tapfer wie ein Löwe. Aehnliche Gewohnheiten machten uns vertraut, und ich liebte ihn bald wie einen Bruder – mehr als einen Bruder – wie ein Hund seinen Herrn liebt; bei unseren Raufereien schützte ich ihn mit meinem eigenen Körper. Er durfte nur zu mir sagen: ›Springe in's Wasser‹, und ich würde mich nicht bedacht haben, meinen Rock auszuziehen. Kurz, ich liebte ihn wie ein stolzer Mann einen andern Mann, der zwischen ihm und der Verachtung steht – wie ein gemüthlicher Mann einen andern liebt, der zwischen ihm und der Einsamkeit steht. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: in einer Nacht beging mein Freund ein unverzeihliches Vergehen gegen die Disciplin. Es war in dem alten Collegium ein alter, heiliger und ernster Magister, der von einer Theegesellschaft nach Hause zurückkehrte; mein Freund und ein anderer seiner Kameraden verbanden diesem armen Kerl die Augen, knebelten ihm die Hände und trugen ihn zu dem Hause einer alten Jungfer, der er seit den letzten zehn Jahren den Hof gemacht hatte, banden seinen langen Zopf an den Thürklopfer und verließen ihn. Sie können sich denken, welchen Höllenspuk sein Bemühen, sich los zu machen, in der ganzen Straße anrichtete; die alte Magd der alten Jungfer rief Raub und Mord, nachdem sie in der Wuth alle Gefäße, deren sie hatte habhaft werden können, über seinen Kopf ausgeschüttet. Der Universitätsrichter kam mit seinen Bullenbeißern; sie befreiten den Gefangenen und machten Jagd auf die Delinquenten, die unvorsichtiger Weise in der Nähe geblieben waren, um sich ihres Spaßes zu erfreuen. Die Nacht war dunkel und sie erreichten sicher das Collegium, doch hatte man ihnen bis zu dem Eingange nachgespürt. Wegen dieses Vorgehens wurde ich relegirt.«

»Sie waren ja aber nicht dabei betheiligt?« sagte Philipp.

»Nein; aber ich kam in Verdacht und wurde angeklagt. Ich hätte davon kommen können, wenn ich die wahren Verbrecher hätte verrathen wollen, aber meines Freundes Vater war im öffentlichen Leben – ein strenger, stolzer, alter Staatsmann; mein Freund hegte eine tödtliche Furcht vor ihm – und sein Vater war in der That die einzige Person, die er fürchtete. Wenn ich zu sehr meine Unschuld behauptet hätte, so hätte ich die Untersuchung auf die rechte Spur leiten können. Kurz, ich fühlte mich glücklich, ihm meine Freundschaft beweisen zu können. Er drückte mir beim Scheiden zärtlich die Hand und versprach mir, meine großmüthige Aufopferung nie zu vergessen. Ich ging mit Schmach beladen heim; ich darf Ihnen nicht erst sagen, was mein Vater mir sagte; ich glaube, von der Stunde an liebte er mich nicht mehr. Bald nach dieser Zeit kam mein Oheim, der Kapitän George Gawtrey, vom Auslande zurück; er fand großes Gefallen an mir, und ich verließ meines Vaters Haus, welches mir unerträglich geworden war, um bei ihm zu wohnen. Er war ein sehr schöner Mann gewesen – ein fröhlicher Verschwender, hatte sein Vermögen durchgebracht und lebte jetzt von seinem Verstande. Er war ein Spieler von Profession. Sein leichtes Temperament und sein lebhafter Humor bezauberten mich, er kannte die Welt sehr gut und war, gleich allen Spielern, großmüthig, wenn die Würfel glücklich waren – was, um die Wahrheit zu sagen, im Allgemeinen der Fall war, da er keine Bedenklichkeiten hegte. Obgleich man einigem Verdacht wegen unredlicher Künste Raum gab, so hatte man solche doch nie entdeckt. Wir wohnten in einem eleganten Zimmer, gingen vertraut mit Männern von verschiedenem Range um und genossen das Leben so gut wir konnten. Ich rieb meinen Collegienrost ab und begann Geschmack an der Verschwendung zu finden; ich wußte nicht, wie es kam, aber in meinem neuen Leben waren Alle freundlich gegen mich; freilich waren Alle Taugenichtse, und ich besaß den Geist, der mich überall willkommen machte. Ich war charakterlos, aber munter – und dann ist man immer beliebt. Bis jetzt war ich noch nicht unredlich, doch sah ich Unredlichkeit um mich her, und es schien eine sehr angenehme und lustige Art, Geld zu erwerben, und jetzt kam ich wieder mit dem jungen Erben in Berührung. Mein Universitätsfreund war eben so wild in London, als in Cambridge; aber aus dem Jüngling war ein Mann geworden und er hatte seine alten Gewohnheiten nicht abgelegt.«

Hier schwieg Gawtrey mit finsterem Blicke.

»Er hatte viel natürliche Anlage, dieser junge Mann; viel Witz, lebhaften Verstand, Verschlagenheit und wurde sehr vertraut mit meinem Oheim. Er lernte von ihm, wie man Würfel spielen und die Karte spielen müsse, und zahlte ihm für die Belehrung tausend Pfund!«

»Wie? Ein Betrüger? Sagten Sie nicht, er sei reich gewesen?«

»Sein Vater war sehr reich und gab ihm ein gutes Jahrgeld, doch er war sehr ausschweifend, und reiche Männer lieben den Gewinn eben so sehr, als die Armen. Er hatte keine andere Entschuldigung, als die eine große Entschuldigung für jedes Laster – die Selbstsucht. So jung er war, kam er in die Mode und mästete sich von dem Raube, den er Seinesgleichen abnahm, welche die Ehre seiner Bekanntschaft wünschten. Ich hatte wohl meinen Onkel betrügen sehen, aber nie sein Beispiel nachgeahmt; wenn der Mann der Mode betrog und einen Scherz über seinen Gewinn und meine Bedenklichkeiten machte – wenn ich sah, wie man sich um ihn drängte, ihm schmeichelte, ihn ehrte und seine Handlungen nicht verdächtigte, weil er mit der Hälfte sämmtlicher Pairs in Verbindung stand, da wurde die Versuchung stark, aber ich widerstand ihr dennoch. Nichts desto weniger sagte mein Vater immer, ich sei zu einem Taugenichts geboren und könne meinem Schicksale nicht entgehen. Und jetzt verliebte ich mich plötzlich – Sie wissen nicht, was das ist – um so besser für Sie. Das Mädchen war schön, und ich glaubte, sie liebe mich – vielleicht war es auch der Fall – aber ich sei zu arm, um sie zu heirathen, sagten ihre Verwandten. Inzwischen warb ich um sie. Meine Liebe zu ihr war es und der Wunsch, sie zu verdienen, was mich gegen meines Freundes Beispiel fest machte. Ich war thöricht genug, mit ihm von Marie zu reden – ihn ihr vorzustellen, und es endete damit, daß er sie verführte.« – Gawtrey schwieg wieder und athmete tief. – »Ich entdeckte den Betrug – forderte den Verführer – er lachte höhnisch und wollte sich nicht mit einem niedrig geborenen Abenteurer schlagen. Ich rang ihn zu Boden – und dann focht er. Ich war zufrieden, als ich eine Kugel durch meine Seite bekommen hatte; aber er,« setzte Gawtrey hinzu, indem er mit rachesüchtigem Lachen seine Hände rieb – »er war ein Krüppel auf sein Lebenlang! Als ich wieder genas, fand ich, daß mein Feind, dessen Krankenzimmer mit Freunden und Tröstern angefüllt war, meine Krankheit benutzt hatte, um meinen Ruf zu vernichten. Er, der Betrüger, beschuldigte mich seines eigenen Verbrechens, der zweideutige Ruf meines Onkels bestätigte die Beschuldigung. Sein vornehmer Zögling war im Stande, ihn zu entlarven, und seine Schande fiel auf mich. Ich verließ mein Bett, um meinen Oheim als einen offenen Theilnehmer eines Spielhauses zu finden, da jetzt alle Verstellung vorüber war, und für mich war Alles dahin, Name, Liebe, Vergangenheit und Zukunft. Und dann, Philipp, als ich jene Laufbahn wieder begann, die ich bisher betreten habe, wurde ich der Fürst der Taugenichtse; mit zehntausend andern Benennungen und eben so vielen Strängen an meinem Bogen. Die Gesellschaft stieß mich aus, als ich unschuldig war – und ich habe mich seitdem an der Gesellschaft gerächt! Ho, ho, ho!«

Das Lachen dieses Mannes war ansteckend. In dem tiefen Tone desselben lag etwas Triumphirendes; es war nicht das hohle, hysterische Lachen der Schande und Verzweiflung – es deutete auf heitere Freude! Wilhelm Gawtrey war ein Mann, dessen animalische Constitution machte, daß er animalisches Vergnügen an allen Dingen fand – er hatte sich des Giftes erfreut, wovon er lebte.

»Aber Ihr Vater – Ihr Vater doch –«

»Mein Vater,« fiel Gawtrey ein, »verweigerte mir die kleine Summe, um die ich ihn bat, da ich einmal den starken Antrieb aufrichtiger Reue empfand, um mein ehrliches Leben in einem untergeordneten Geschäfte zu beginnen. Diese Verweigerung verdrängte meine Reue – sie gewährte mir eine Entschuldigung für meine Laufbahn – und das Gewissen greift nach einer Entschuldigung, wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm. Und doch ließ sich dieser harte Vater – dieser vorsichtige, moralische, geldliebende Mann – drei Monate später von einem Schurken, der ihm fast ganz fremd war, zu einer Spekulation verlocken, die ihm fünfzig Procent einzubringen versprach. Er wendete so viel Geld an diesen Wucher, daß er damit hundert solche, wie mich, vom Verderben hätte retten können, und er verlor Alles; es war fast sein ganzes Vermögen; aber er lebt noch im Wohlstande; er kann nicht mehr spekuliren, aber er kann sparen; es lag ihm nichts daran, ob ich verhungerte, denn er findet ein stündliches Glück darin, sich abzuquälen.«

»Und Ihr Freund,« sagte Philipp nach einer Pause, während welcher sich eine lebhafte Theilnahme für seinen Wohlthäter regte, »was ist aus ihm geworden und aus dem armen Mädchen?«

»Mein Freund wurde ein großer Mann, und gelangte zu der Pairswürde seines Vaters, die sich aus sehr alter Zeit herschrieb, und zu einem glänzenden Namen. Er lebt noch. Nun sollen Sie von dem armen Mädchen hören! Man erzählt uns von Opfern der Verführung, die, im Arbeitshause oder auf einem Dunghaufen büßend, gebrochenen Herzens, zerlumpt und sentimental sterben – es mag häufig der Fall sein, aber es ist noch nicht das Schlimmste. Ich halte es für schlimmer, wenn das schöne, büßende, unschuldige, leichtgläubige Mädchen ihrerseits sich zum Betruge wendet, wenn sie vom Laster angesteckt wird durch den Athem, den sie eingesogen – wenn sie zur geschminkten, frechen Buhlerei heranreift – wenn sie ihrerseits die warme Jugend durch falsches Lächeln und lange Rechnungen zu Grunde richtet – und was noch schlimmer als Alles ist, wenn sie Kinder, Töchter hat, die zu demselben Handwerk auferzogen werden für einen ergrauten Wollüstling, der kein Herz im Busen hat, wenn man nicht vielleicht die Wage, womit er das Geld wägt, ein Herz nennen will; dieß wurde Marie, und ich wollte lieber, sie wäre in einem Hospital gestorben! Ihr Liebhaber verderbte ihre Seele, so wie ihre Schönheit: er fand einen andern Liebhaber für sie, als er ihrer überdrüssig war. Als sie sechsunddreißig Jahre alt war, traf ich sie in Paris mit einer Tochter von sechszehn Jahren. Ich hatte damals viel Geld, besuchte die Salons und spielte die Rolle eines feinen Herrn; sie kannte mich Anfangs nicht und suchte meine Bekanntschaft. Denn Sie müssen wissen, mein junger Freund, daß ich nicht ganz der gemeine Mensch bin, wofür Sie mich halten möchten, wenn Sie mich hier sehen. In Paris – o, Sie kennen Paris noch nicht – findet eine herrliche Gährung in der Gesellschaft statt, wobei der Bodensatz oben ist. Ich kam hier zur Ruhe und habe hier seitdem den größeren Theil jedes Jahres gewohnt. Die ungeheuren Massen von Kraft und Leben, die durch das Aufthauen des Kaiserreichs gebrochen würden und auf der Fluth dahintreiben, sind schreckliche Eisberge für das Schiff des Staates. Einige denken, der Napoleonismus sei vorüber – aber die Wirkungen desselben haben erst begonnen. Die Gesellschaft ist von einem Ende bis zum andern erschüttert, und ich lache über die kleinen Klammern, womit man dieselben zusammen zu halten denkt. Aber zur Sache: Paris ist die Atmosphäre für Abenteurer – neue Gesichter und neue Männer sind hier so gewöhnlich, daß sie keine unverschämten Fragen veranlassen; es ist so gewöhnlich, zu sehen, wie einer in einem Tage ein Vermögen bekommt und es in einem Monat wieder ausgibt; außer in gewissen Kreisen beobachtet man den Charakter des Menschen nicht so genau, um zu sehen, wo es ihm fehlt! Ein ausgehungerter griechischer Dichter steckte Blei in seine Taschen, damit er nicht vom Winde umgeblasen würde – stecken Sie Gold in Ihre Taschen und in Paris können Sie dem schärfsten Winde in der Welt – ja, selbst dem Hauche jenes alten Aeolus, des Skandals, trotzen! Nun also, ich hatte Geld – einerlei, wie ich dazu kam, und Gesundheit und Heiterkeit, und wurde in allen Coterien, die in allen Hauptstädten existiren, aber besonders in Frankreich, wo das Vergnügen ein Bildungsmittel ist, welches viele verschiedene Bestandttheile vereint: hier, sage ich, traf ich Marie und ihre Tochter bei meinem alten Freunde – die Tochter noch unschuldig – aber zum Henker, in welchem Ocean des Lasters! Marie und ich wußten unsere beiderseitigen Geheimnisse und bewahrten sie; sie hielt mich für einen größeren Schurken, als ich war, und vertraute mir ihre Absicht, ihr Kind an einen reichen englischen Marquis zu verkaufen. Andererseits vertraute mir das arme Mädchen ihren Abscheu, den sie bei den Scenen, die sie erleben mußte, und bei den Schlingen, die sie umgaben, empfand. Was denken Sie, schützte sie vor aller Gefahr? Pah! Sie werden es nicht errathen. – Während das Beispiel verführt, schreckt es auch oft ab, aber vorzüglich war es, weil sie liebte. Ein Mädchen, welches einen Mann rein liebt, hat ein Amulet an sich, welches den Annäherungen der Ausschweifenden trotzt. Ein hübscher, junger Italiener, ein Künstler, der das Haus besuchte, war der Mann. Ich hatte also zwischen der Mutter und Tochter zu wählen: ich wählte die Letztere.«

Philipp ergriff Gawtrey's Hand, drückte sie mit Wärme, und der Taugenichts fuhr fort:

»Sie müssen wissen, daß ich das Mädchen eben so sehr liebte, wie ich die Mutter geliebt hatte, obgleich auf andere Weise: sie war, wofür ich die Mutter gehalten hatte, und dabei schöner, anmuthiger und einnehmender, mit einem Herzen so voll von Liebe, als ihre Mutter voll Eitelkeit gewesen war. Ich liebte dieses Kind, als wäre sie meine eigene Tochter gewesen – ich bewog sie, das Haus ihrer Mutter zu verlassen – hielt sie vor ihr verborgen, verheirathete sie mit dem Manne, den sie liebte, und sah sie in mehreren Monaten nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich die Zeit im Gefängnisse zubrachte! Die jungen Leute konnten nicht von der Luft leben; ich gab ihnen, was ich hatte, und um noch mehr zu thun, that ich etwas, was der Polizei mißfiel. Ich kam damals noch mit genauer Noth davon; ich war beliebt – sehr beliebt, und mit vielen Zeugen, die nicht allzu bedenklich waren, kam ich davon! Als ich freigelassen wurde, wollte ich sie nicht aufsuchen, denn meine Kleider waren zerlumpt, die Polizei beobachtete mich und ich wollte ihnen um die Welt kein Leid zufügen. Ach, die Unglücklichen! Es ging ihnen sehr übel: der Mann konnte sehr wenig mit seiner Kunst verdienen, obgleich ich glaube, daß er sehr geschickt war, und das Geld, welches ich ihnen gegeben hatte, konnte nicht für immer ausreichen. Sie wohnten in der Nähe der eliseischen Felder, und Abends ging ich aus, um sie durch's Fenster zu sehen. Sie schienen so glücklich, so schön und so ruhig; aber er sah kränklich aus, und ich bemerkte, daß er sich, gleich allen Italienern, nach seinem warmen Klima sehnte. Aber der Mensch ist nicht nur geboren, zu betrachten, sondern auch zu handeln,« fahr Gawtrey in rascherem Tone fort, »und ich wurde bald wieder zu meiner alten Lebensart zurückgeführt, obgleich in niederer Sphäre. Ich ging nach London, um meinen Ruf ein wenig zu verbessern, und als ich zurückkehrte, war der arme Italiener todt und Fanny eine Wittwe mit einem Knaben und guter Hoffnung. Ich suchte sie wieder auf, denn ihre Mutter hatte sie aufgefunden und war sehr freundlich gegen sie; aber der Himmel war gnädig und entriß sie uns Beiden; sie starb bei der Geburt eines Mädchens, und ihre letzten Worte, die sie an mich, den Abenteurer – den Charlatan – den Taugenichts, richtete, waren die Bitte, ihr Kind von den Klauen ihrer eigenen Mutter fern zu halten. Nun, Herr, ich that Alles, was ich konnte, für die beiden Kinder; aber der Knabe litt, gleich seinem Vater, an der Auszehrung und schlummert auf dem Kirchhofe des Père la Chaise. Das Mädchen ist hier – Sie sollen sie nächstens sehen. Die arme Fanny! Wenn der Teufel es mir je gestattet, so will ich mich um ihretwillen bessern; inzwischen muß ich um ihretwillen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Meine Geschichte ist zu Ende, denn es ist unnöthig, Ihnen mein ganzes Treiben und alle die Rollen mitzutheilen, die ich im Leben gespielt. Ich bin nie ein Mörder gewesen, habe nie Häuser erbrochen, bin nie Straßenräuber gewesen oder was das Gesetz einen Dieb nennt. Ich kann nur sagen, was ich vorher schon sagte, daß ich von meinem Verstande gelebt, und der ist ein erträgliches Kapital gewesen. Ich war Schauspieler, Geldverleiher, Arzt, Professor des thierischen Magnetismus – das Geschäft war einträglich, bis es aus der Mode kam, vielleicht kommt es wieder in die Mode – ich war Rechtsgelehrter, Haushofmeister und handelte mit Curiositäten und chinesischem Porzellan, hielt ein Hotel, redigirte ein wöchentliches Journal, besuchte fast jede Stadt von Europa und machte auch mit den Gefängnissen einiger derselben Bekanntschaft; aber ein Mann, der viel Gehirn hat, kommt gewöhnlich, wenn er fällt, auf die Füße zu stehen.«

»Und Ihr Vater?« sagte Philipp, und theilte Gawtrey die Unterredung mit, die er auf dem Kirchhofe mit angehört hatte, worüber er bisher aus natürlicher Delikatesse geschwiegen.

»Nun, ich muß Ihnen sagen,« fuhr sein Wirth fort, während seine Wangen sich ein wenig rötheten, »obgleich ich viele meiner Fehler der Strenge und dem Geize meines Vaters zuschreibe, so hegte ich doch immer eine gewisse Liebe zu ihm, und als ich in London war, hörte ich zufällig, daß er blind sei und mit einer listigen, alten Haushälterin lebe, die ihn in der Nacht, nachdem sie ihn durch Schmeicheleien bewogen, ein für sie günstiges Testament zu machen, mit einer Dosis Magnesia zur Ruhe senden könne. Ich suchte ihn auf – und – aber Sie sagen, sie hörten, was geschah?«

»Ja, und ich hörte auch, wie er Sie mit Namen rief, als es zu spät war, und sah die Thränen über seine Wangen niederfließen.«

»Wirklich? – Wollen Sie das beschwören,« rief Gawtrey mit Heftigkeit; dann bedeckte er seine Stirn mit der Hand und versank in eine Träumerei, die mehrere Augenblicke währte. »Wenn mir etwas begegnen sollte, Philipp,« sagte er plötzlich, »so möchte er vielleicht als Vater an der armen Fanny handeln; und wenn er sich zu ihr hält, so wird sie ihm allen Schmerz vergüten, den ich ihm verursacht habe. Halt! Nun, da ich daran denke, will ich Ihnen seine Adresse aufschreiben – vergessen Sie dieselbe nicht – hier! Es ist Zeit, zu Bette zu gehen.«

Gawtrey's Erzählung hatte einen tiefen Eindruck auf Philipp gemacht. Er war zu jung, zu unerfahren, zu sehr von der Leidenschaft des Erzählers hingerissen, um zu sehen, daß Gawtrey weniger Ursache hatte, das Schicksal zu tadeln, als sich selber. Freilich war er auf ungerechte Weise in die Schande eines unwürdigen Oheims verwickelt worden, obgleich er wußte, daß er ein gemeiner Betrüger sei; freilich war er von einem Freunde verrathen worden, aber er hatte vorher gewußt, daß dieser Freund ein Mann ohne Grundsätze und Ehrgefühl sei. Aber war es zu verwundern, daß ein glühender Jüngling dieß Alles nicht sah – daß er nur das gute Herz erkannte, welches ein armes Mädchen vom Laster errettet hatte, und seufzte, einem harten und geizigen Vater Erleichterung zu verschaffen? Selbst die Winke, die Gawtrey unversehens fallen ließ, von den Verlegenheiten großer Schulknaben, wie er sie nannte, entgingen entweder Philipps Beachtung, oder er erklärte sie auch milder, vermöge des Mitleids und der Unwissenheit eines jungen, raschen und dankbaren Herzens.


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