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Zehntes Kapitel.

Es ist, als ob was unter uns geschehen!

Der Maltheserritter.

Zwei oder drei Abende nach dieser denkwürdigen Unterredung mit Robert Beaufort, sagte Lord Lilburne während des Umkleidens zu seinem Kammerdiener: »Dykeman, es wird täglich besser mit mir.«

»In der That, Mylord, ich bemerkte nicht, daß Eure Herrlichkeit je besser aussahen.«

»Da lügst du. Ich sah im letzten Jahre besser aus – ich sah im Jahre vorher besser aus – und ich sah jedes Jahr zurück besser aus, bis zum Alter von einundzwanzig! Aber ich rede nicht vom Aussehen; ein Mann, der Geld hat, braucht nicht gut auszusehen. Ich rede vom Befinden. Ich befinde mich besser. Das Podagra ist fast verschwunden. Ich bin jetzt einen Monat ruhig gewesen – das ist eine lange Zeit – verschwenderische Zeit, und in meinem Alter habe ich so wenig Zeit zu verschwenden. Ueberdieß, wie du weißt, bin ich gar sehr verliebt!«

»Verliebt, Mylord? Ich meine, Sie sagten mir, ich solle nie von Liebe reden?«

»Dummkopf! Wozu, zum Henker, war es gut, davon zu reden, während ich in Flanell eingewickelt war? Ich bin nie verliebt, wenn ich krank bin – wer ist es auch? Ich bin jetzt wohl, oder doch beinahe wohl. Manche Dinge haben mich geärgert und mir diesen Ort sehr unangenehm gemacht; ich werde in die Stadt gehen, und in einer Woche wird jenes liebliche Gesicht vielleicht meine Einsamkeit zu Fernside erheitern. Ich werde selber dafür sorgen. Ich sehe, du bist im Begriff, etwas zu sagen. Erspare dir die Mühe! Alles geht seinen rechten Gang, wenn ich es selber unternehme.«

Lord Lilburne, der sich in der That in Vaudemonts Nähe unbehaglich und genirt fühlte, der den Gästen von Beaufort-Court so viel abgewonnen hatte, als sie verlieren zu wollen geneigt schienen, und es zu seiner Lebensregel gemacht hatte, sein eigenes Vergnügen und seine Unterhaltung vor allen andern Dingen zu befragen, bestellte am folgenden Tage Postpferde und benachrichtigte seinen Schwager von seiner Abreise.

»Und du willst mich mit diesem Manne allein lassen, gerade da ich überzeugt bin, daß er die Person ist, die wir in ihm vermutheten? Mein lieber Lilburne, bleibe doch, bis er geht.«

»Unmöglich! Ich bin zwischen fünfzig und sechszig – jeder Augenblick ist kostbar zu dieser Zeit. Ueberdieß habe ich Alles gesagt, was ich sagen kann; halte dich ruhig – ergreife die Defensive – verwickle diesen verdammten Vaudemont, oder Morton, oder wer er auch sein mag, in das Netz der Reize deiner Tochter, und dann schaffe ihn dir vom Halse, aber nicht eher. Dieß kann nicht schaden, die Sache mag ausfallen, wie sie will. Lies die Zeitungen und laß Blackwell kommen, wenn du Rath oder Vorschläge nöthig hast. Ich wüßte nicht, was man für jetzt mehr thun könnte. Du kannst an mich schreiben; ich werde in Park-Lane oder Fernside sein. Sei vorsichtig. Du bist ein glücklicher Kerl – du leidest nie am Podagra. Lebewohl!«

Und in einer halben Stunde war Lord Lilburne auf dem Wege nach London. Lilburne's Abreise war für viele Andere ein Signal, sich auch zu entfernen, besonders und ganz natürlich für die, welche er selber eingeladen hatte. Er kündigte diesen Gästen seine Abreise nicht eher an, als bis der Wagen vor der Thür stand. – Dieß konnte Delikatesse oder Nachlässigkeit sein, wie man es nehmen wollte, und wie man es nahm, darum kümmerte sich Lord Lilburne keinen Strohhalm, denn er war viel zu selbstsüchtig, um rücksichtsvoll zu sein. Am nächsten Tage war wenigstens die Hälfte der Gäste fort, und selbst Marsden, der besonders Arthurs wegen eingeladen war, kündigte an, daß er nach dem Mittagessen abreisen werde. Er reiste stets bei Nacht – er schlief gut unterwegs, und so ging ihm kein Tag verloren.

»Es ist so lange, daß Sie Arthur nicht sahen,« sagte Beaufort, indem er ihn dazubleiben bat, »und ich erwarte ihn jeden Tag.«

»Thut mir sehr leid – der beste Mensch von der Welt – aber ich bin selber nicht recht wohl. Ich bedarf ein wenig Seeluft; ich werde nach Dover oder Brighton gehen. Aber ich vermuthe, Sie werden zu Weihnachten wieder das Haus voll haben; und in diesem Falle wird es mich freuen, meinen Besuch wiederholen zu dürfen.«

Einerseits ohne Lilburne's Verstand und andererseits ohne seine Laster, war Marsden, gleich jenem großen Sensualisten, eins von den gebrochenen Stücken des großen Spiegels »Ich« genannt. Man bemerkte, daß er stets die Gesellschaften aufsuchte, wo Lord Lilburne Karten spielte, indem er sorgfältig einen andern Tisch wählte und stets auf Lilburne's Seite wettete. Die Kartentische waren jetzt aufgehoben; Vaudemonts Ueberlegenheit im Schießen und die Art, wie er die alleinige Unterhaltung der Jäger bildete, mißfiel ihm. Er fühlte sich gelangweilt – er wollte fort – und fort ging er. Vaudemont fühlte, daß auch für ihn die Zeit zur Abreise gekommen sei; aber Robert Beaufort, der in seiner Gesellschaft den Zauber empfand, den die Riesenschlange auf den Vogel ausübt, dem es zwar verhaßt war, ihn bei sich zu sehen, und der sich doch fürchtete, ihn abreisen zu lassen, da er noch nicht die vollkommene Bestätigung seiner Ueberzeugung von ihm erlangt hatte – denn Vaudemont wich leicht Camilla's kunstlosen Fragen aus – bat ihn dringend, dazubleiben, und bewog Camilla, gegen ihren Willen und selbst ungeachtet ihrer Vorstellungen – sie hatte noch nie zuvor gewagt, ihren Eltern Vorstellungen zu machen – die Worte hervorzustottern: »Könnten Sie nicht noch einige Tage dableiben?« so daß Vaudemont nur zu gern seiner eigenen Neigung nachgab und sich noch eine kurze Zeit länger – finster, unheimlich, schweigsam und geheimnißvoll – gleich einem von den Familienportraits, welches von seinem Rahmen niedergestiegen – vor Beauforts Augen bewegte. Vaudemont schrieb indeß an Fanny, um sein Ausbleiben zu entschuldigen, und da er Nachrichten von ihr und Simons Befinden zu erhalten wünschte, so bat er sie, ihre Briefe zu seiner Wohnung in London zu senden, die er ihr angab, und von wo ihr Brief, wenn er noch länger ausbleiben sollte, an ihn würde befördert werden. Er that dieß indeß nicht eher, als bis er mehrere Tage nach Lilburne's Abreise in Beaufort-Court geblieben war, und erst zwei Tage vor den wichtigen Ereignissen, die seiner Abreise vorhergegangen.

Die jetzt sehr verringerte Gesellschaft war beim Frühstück, als der Bediente, wie gewöhnlich, mit der Brieftasche hereintrat. Beaufort, der selbst in den kleinlichen Geschäften des Lebens ein wichtiges und pomphaftes Wesen annahm, öffnete mit langsamer Würde das kostbare Behältniß und zog die Zeitungen hervor, die er auf den Tisch legte, und die ein Herr von der Gesellschaft begierig ergriff, brachte dann nach einander zuerst einen Brief an Camilla, dann einen Brief an Vaudemont und endlich einen Brief an ihn selber zum Vorschein.

»Ich bitte, keine Umstände zu machen, Herr von Vaudemont; entschuldigen Sie mich und folgen Sie meinem Beispiele; ich sehe, dieser Brief ist von meinem Sohne.« Und er brach das Siegel. Der Brief lautete, wie folgt:

»Mein lieber Vater!

»Fast eben so bald, als Sie diesen Brief erhalten, werde ich bei Ihnen sein. So krank ich bin, habe ich keine Ruhe, bis ich Sie sehe und mit Ihnen zu Rathe gehe. Ich habe eben die erschütterndste – die schmerzlichste Nachricht erhalten. Sie ist wie ein Traum und von der Art, daß sie nur eine persönliche Mittheilung gestattet.

»Ihr zärtlicher Sohn

» Arthur Beaufort.
»Boulogne.«

» Nachschrift. Dieser Brief wird mit demselben Paketboot abgehen, mit dem ich fahre, und kann nur wenige Stunden vor mir ankommen.«

Beauforts Hand zitterte, er ließ den Brief fallen und ergriff die Seitenlehne des Stuhles, um nicht umzusinken. Es war klar, daß derselbe Fremde, der ihn verfolgt hatte, jetzt auch bei seinem Sohne gewesen war. Er erschrak bei dem Gedanken, daß sein Sohn den Zeugen angehört habe – daß er überzeugt sein möge. Sein eigener Sohn erschien ihm jetzt als ein Feind – denn der Vater fürchtete das Ehrgefühl des Sohnes! Er sah sich verstohlen am Tische um, bis sein Auge auf Vaudemont ruhte, und sein Schrecken verdoppelte sich, denn Vaudemonts gewöhnlich so ruhiges Gesicht war im höchsten Grade belebt, als er es von dem Briefe erhob, den er eben gelesen. Robert Beaufort sah ihn an, wie der Angeklagte vor Gericht den Kronanwalt ansieht, wenn derselbe seine Anklage beginnt.

»Herr Beaufort,« sagte der Gast, »der Brief, den Sie mir gegeben haben, ruft mich sogleich in wichtigen Geschäften nach London. Erlauben Sie mir, so bald als möglich Pferde zu bestellen.«

»Was ist geschehen?« sagte die matte und selten gehörte Stimme der Mrs. Beaufort. »Was ist geschehen, Robert? – Kommt Arthur?«

»Er kommt heute,« sagte der Vater mit einem tiefen Seufzer. Vaudemont, der in diesem Augenblicke von seinem halb beendeten Frühstück aufstand, machte der ganzen Gruppe eine Verbeugung, und Camilla einen Blick zuwerfend, die sich über ihren noch nicht geöffneten Brief neigte – einen Brief, der von Winandermere war und dessen Siegel sie noch nicht zu brechen wagte – verließ er das Gemach. Er eilte auf sein Zimmer und ging mit stattlichem Schritte – mit dem Schritte des Herrn – auf und ab. Dann nahm er den Brief und las ihn rasch noch einmal. – Er lautete so:

»Werther Herr!

»Endlich hat sich der fehlende Zeuge bei mir gemeldet. Er ist, wie Sie vermutheten, derselbe Mann, der bei Herrn Roger Morton gewesen; doch da ich über einige Punkte, ohne einen Augenblick zu verlieren, Ihre Instruktionen zu haben wünsche, so werde ich mit der Post London verlassen und Sie im ersten Gasthofe zu D* erwarten, welches, wie ich höre, zwanzig Meilen von Beaufort-Court entfernt ist.

»Ich habe die Ehre u. s. w.
» John Barlow.
»Essex-Street.«

Vaudemont war noch immer mit den Gedanken beschäftigt, die dieser Brief erregte, als man ihm meldete, daß seine Chaise angekommen sei. Als er die Treppe hinunter ging, begegnete ihm Camilla auf dem Wege zu ihrem Zimmer.

»Miß Beaufort,« sagte er mit leiser und bebender Stimme, »indem ich Ihnen Lebewohl wünsche, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Ich verlasse Sie, doch seltsam genug, bedaure ich es nicht, denn ich habe ein Geschäft vor, welches mich vielleicht berechtigen wird, zu Ihnen zurückzukehren und die Gedanken auszusprechen, die selbst in diesem Augenblicke die erste Stelle in meiner Seele einnehmen.«

Während er sprach, erhob er ihre Hand zu seinen Lippen, und in dem Augenblick sah Beaufort aus der Thür seines Zimmers und rief: »Camilla!« Sie war nur zu froh, zu entkommen. Philipp sah einen Augenblick ihrer leichten Gestalt nach und eilte dann die Treppe hinunter.


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