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Siebentes Kapitel.

Org.
Willkommen, Eis, das ihm das Herz umgibt,
Es kann dich keine Hitze schmelzen!

– – – – –

Nearch.
O ehrenvolle Schande!

– – – – –

Amyk.
Und ihre Zärtlichkeit verdienet nicht
So große Strenge.
Arm.
Ihr mißversteht mich, Herr,
Von dem red' ich mit Achtung, was Apollo
In dunklen Sinn gekleidet!

Ford: »Das gebrochene Herz.«

Wenn Vaudemont es in Betracht des Alters und der Armuth des blinden Simon Gawtrey für seine Pflicht gehalten hatte, sich zu überzeugen, ob Fanny's natürlicherer Beschützer in der That der unverbesserliche Egoist sei, wofür Gawtrey ihn erklärt, so hatte ihn die Unterredung einer Nacht hinlänglich bestimmt, auf immer von der Absicht abzulassen, ihre Ansprüche an Lord Lilburne geltend zu machen. Aber Philipp hatte noch einen Beweggrund, seine Bekanntschaft mit diesem Manne fortzusetzen. Der Anblick des Grabes seiner Mutter hatte ihm das Bild jenes verlorenen Bruders wieder vor Augen gestellt, den er zu überwachen gelobt. Und ungeachtet des tiefen Gefühls verletzter Zärtlichkeit, womit er sich noch des grausamen Briefes erinnerte, der die letzte Nachricht von Sidney enthalten hatte, hing Philipp's Herz mit unveränderter Zärtlichkeit an jener schönen Gestalt, die mit allen glücklichen Erinnerungen der Kindheit vereint war, und sein Gewissen, sowie seine Liebe fragten ihn jedesmal, wenn er über den Kirchhof ging: willst du dich denn nicht bemühen, die letzte Bitte der Mutter zu erfüllen, die ihren Liebling deiner Sorgfalt anempfahl? Wäre Philipp in Mangel, oder der Name, den er jetzt führte, durch seine Handlungen entehrt gewesen, so hätte er sich vielleicht gehütet, seinen Bruder aufzusuchen, dem er nur hätte schaden und nicht dienen können. Doch, obgleich nicht reich, besaß er genug, um seine beschränkten Wünsche zu befriedigen. Und mit einem Gefühl gerechten und edlen Stolzes dachte er daran, daß er den Namen, den ihm Eugenie aufgedrungen, fleckenlos wie einen Hermelin durch die Prüfungen und Wechsel des Schicksals getragen, die er seitdem bestanden. Sidney konnte ihm nichts geben, und daher war es seine Pflicht, Sidney aufzusuchen. Stets hatte er in seinem Herzen geglaubt, daß die Beauforts mit einem Geheimnisse bekannt seien, welches er immer lebhafter zu durchdringen bemüht war. Um Sidney's willen wollte er seinen Haß gegen die Beauforts besänftigen; er wollte ihre Bekanntschaft nicht zurückweisen; ja, da er durch seinen veränderten Namen und sein verändertes Aussehen allem Verdachte von ihrer Seite entging, so wollte er ihre Bekanntschaft aufsuchen, um seinen Bruder zu finden und Katharina's letzte Befehle zu erfüllen. Sein Umgang mit Lilburne mußte ihn nothwendig bald mit Lilburne's Familie in Berührung bringen. Und in seinen Gedanken wies er die Einladungen nicht zurück. Er fühlte auch ein Interesse, einen Mann zu beobachten, der an sich der Typus der Welt war – der Welt der List und Ränke, der Welt, wie der Prediger sie schildert – der hohlen, sinnlichen, scharfsinnigen, selbstsüchtigen Welt – der Welt, der dieses Leben Alles ist und die an keine Zukunft und an keinen Gott denkt.

Lord Lilburne war in der That ein Studium für tiefe Betrachtung. Ein Studium, welches den gewöhnlichen Denker in Verwirrung setzte und die Forschung des tieferen Nachdenkens in Anspruch nahm. Wilhelm Gawtrey hatte nicht gewöhnliche Talente besessen; er hatte entdeckt, daß sein Leben ein einziger Irrthum gewesen – Lord Lilburne's Verstand war viel schärfer als Gawtrey's, und er würde nie eine ähnliche Entdeckung gemacht haben, und wenn er das Alter des alten Parr erreicht hätte. Er kämpfte nie gegen das Gesetz an, obgleich er durch alle Gesetze hindurch schlüpfte! Und er kannte keine Gewissensbisse, denn er kannte keine Furcht. Lord Lilburne hatte sich früh verheirathet und seine reiche Frau lange überlebt, die die Tochter des damaligen Premierministers, und zu jener Zeit die beste Partie war. Auf eine sehr kurze Zeit seines Lebens hatte er sich auf Politik eingelassen – der einzige Ehrgeiz, den er mit Männern seines Ranges theilte; er zeigte Talente, die einen Mann, der so von den Umständen begünstigt war, zu der größten Höhe hätten erheben können, zog sich dann sogleich zurück und nahm seine alten Gewohnheiten und sein altes System des Vergnügens wieder an. »Ich wollte versuchen,« sagte er einmal, »ob der Ruhm eines Kopfwehs werth sei, und ich habe mich überzeugt, daß der Mann, der den Knochen in seinem Munde dem Schatten des Knochens im Wasser aufopfern kann, ein Thor ist.« Von der Zeit an ging er nie in das Oberhaus und erklärte, er habe keine politischen Ansichten irgend einer Art. Dennoch glaubte die Welt allgemein an seine großen Fähigkeiten, und Vaudemont unterschrieb wiederstrebend das Urtheil der Welt. Doch hatte er nichts gethan, hatte wenig gelesen, lachte der Welt in's Gesicht – und das war bei alle dem das vorzüglichste Geheimniß seines Uebergewichts bei denen, die in seinen Kreis gezogen wurden. Diese Verachtung der Welt stellte die Welt zu seinen Füßen. Seine ironische und vornehm scheinende Gleichgültigkeit, seine deutlich ausgesprochene Ansicht, daß kein anderes Leben, als sein eigenes der Mühe werth sei, sich darum zu kümmern, seine Freiheit von allen Kunstausdrücken, von allem Vorurtheil und Verstellung, die kalte Schlüpfrigkeit, womit er dem Herkömmlichen entschlüpfte, ohne jedoch den Anstand zu verletzten, dessen Sinn im Ohr liegt, und der sich nicht über die That, sondern über den Lärm empört, der davon gemacht wird – Alles dieß bildete für die gemeinen Menschen das Wesen und die Grundlage eines triumphirenden Systems; denn kleine Geister legen dem Manne Wichtigkeit bei, der selber keiner Sache Wichtigkeit beilegt. Lord Lilburne's Ansehen nicht nur in Gegenständen des Geschmacks, sondern auch in denen, welche die Welt richtiges Urtheil und gesunden Menschenverstand nennt, wurde als ein Orakel betrachtet. Er kümmerte sich keinen Strohhalm um die gewöhnlichen Schaumblasen, die für seine Klasse sonst so anziehend sind; er hatte einen höheren Rang in der Pairswürde und den Hosenbandorden ausgeschlagen, und dieß wurde oft zu seiner Ehre angeführt. Aber man prüft nur die Tugend eines Mannes, wenn man ihm etwas anbietet, wornach er strebt. Der Grafentitel und der Hosenbandorden waren Lord Lilburne nicht lockender, als eine Puppe oder ein Kreisel; aber hätte man ihm ein unfehlbares Heilmittel gegen die Gicht oder ein Gegenmittel gegen das Alter gegeben, so hätte man ihn als seinen demüthigen Knecht gebrauchen können. Lord Lilburne's nächster Erbe war der Sohn seines einzigen Bruders, der gänzlich von seinem Onkel abhängig war. Er gab ihm tausend Pfund jährlich und hatte ihm eine Stelle bei einer auswärtigen Gesandtschaft verschafft. Er betrachtete seinen Nachfolger als einen Mann, dem es nur an der Macht, nicht an der Neigung fehle, sein Mörder zu werden.

Obgleich Lord Lilburne Aufwand machte und sich nichts versagte, so war er doch durchaus kein verschwenderischer Mann; man konnte ihn in der That für karg halten; denn er wußte, wie viel Bequemlichkeit und Einfluß er seinem Gelde verdanke, und daher schätzte er es; er wußte, wie er am besten spekuliren und sein Geld am vorteilhaftesten unterbringen könne. Wenn er Aktien auf einen amerikanischen Kanal nahm, so konnte man gewiß sein, daß die Aktien bald den doppelten Werth erhalten würden; wenn er eine Besitzung kaufte, so konnte man gewiß sein, daß es ein guter Handel war. Sein Takt und glücklicher Erfolg in Geldangelegenheiten erhöhte natürlich den Ruf seiner Weisheit.

In seinem früheren Leben war er ein glücklicher Spieler gewesen und man hatte seine Redlichkeit verdächtigt; doch wie wir kürzlich an einem Manne von gleichem Range wie Lilburne gesehen, obgleich vielleicht von weniger scharfsichtigem und gebildetem Geiste, währt es lange, ehe die Taube sich gegen den kühnen Falken zur Wehre setzt. Das Gerücht war in der That so unbestimmt, daß es keinen Einfluß ausübte. Während der Mitte seiner Laufbahn, als er in der vollen Blüthe der Gesundheit und des Glücks war, hatte er das Spiel aufgegeben. In den letzteren Jahren, als ihm bei seinem vorgerückten Alter die Zeit lang wurde, begann er dasselbe wieder mit seinem früheren Glück. Der Geldmarkt, die Tafel, die Weiber bildeten die andern Beschäftigungen und Unterhaltungen, womit Lord Lilburne seine rosige Muße ausfüllte.

Eine andere Art, wie dieser Mann den Ruf großer Fähigkeit erlangt hatte, war diese – er machte nie auf irgend eine Kenntniß Anspruch, die ihm fremd war, eben so wenig auf irgend eine Tugend, die ihm nicht eigen war. Die Redlichkeit selber war nie freier von Prahlerei oder Täuschung, als dieses verkörperte Laster. Wenn die Welt ihn achtete, so erkaufte er ihre Meinung nicht durch Betrug. Niemand sah je Lord Lilburne's Namen auf einer öffentlichen Subscription zu einer neuen Kirche, zu einer Bibelgesellschaft oder für eine unglückliche Familie – Niemand hörte je davon, daß er eine großmüthige, wohlwollende oder freundliche Handlung gethan – Keiner wurde je von einer philanthropischen, frommen oder liebenswürdigen Gesinnung überrascht, die diese spöttischen Lippen aussprachen. Dennoch wurde Lord Lilburne nicht nur geachtet, sondern war auch allgemein beliebt, und saß auf dem Richterstuhle der Welt. Mit einem Wort, er erschien Vaudemont als ein glänzendes Beispiel der Macht der Umstände – als ein Beispiel, welchen Ruf und Einfluß ein reicher Mann von guter Geburt erlangen kann, für den der Wille ein Königreich ist. Hätte Lord Lilburne ein wenig Genie besessen, so würden seine Laster bekannt und seine Mängel auffallend geworden sein; hätte er ein Herz besessen, so hätten ihn seine Gewohnheiten zu zahllosen Thorheiten und in unehrenvolle Verlegenheit geführt. Blei und Stein waren es, die er gleich dem schwächlichen Dichter bei einem Sturm mit sich umhertrug, die sein Gleichgewicht erhielten, der Wind mochte blasen, woher er wollte. Doch alle seine Eigenschaften würden ihm nichts geholfen haben, ohne jene Stellung, die ihn in den Stand setzte, es sich in der Welt bequem zu machen – die jeder Entdeckung, daß es ihm an innerem Adel fehle, die unwidersprechliche Achtbarkeit eines hohen Namens entgegensetzte, eine glänzende Wohnung und reichliche Einkünfte. Vaudemont stellte Vergleichungen zwischen Lilburne und Gawtrey an und begriff endlich, warum der Eine ein niedriger Schurke und der Andere ein großer Mann wurde.

Obgleich erst wenige Tage nach seiner Einführung, war Vaudemont schon zweimal in Lord Lilburne's Hause gewesen, und ihre Bekanntschaft stand schon auf freundschaftlichem Fuße, als der Erstere eines Nachmittags durch die Straßen nach H* ritt und ihm der Pair begegnete, der einen starken Hengst von rein englischer Zucht ritt.

»Ei, Herr von Vaudemont, was führt Sie in diesen Theil der Stadt? – Neugierde, oder der Wunsch, etwas zu entdecken?«

»Das könnte bei mir sehr natürlich sein; aber da Sie London so genau kennen – was führt Sie hieher?«

»Nun, ich komme von einem weiten Ritt zurück. Ich habe einen Anfall von der Gicht verspürt und versuche, sie durch Anstrengung zu vertreiben. Ich bin in einem Landhäuschen gewesen, welches mir gehört und einige Meilen von der Stadt entfernt liegt. – Ein ganz hübscher Platz, beiläufig gesagt – Sie müssen mich im nächsten Monat dort besuchen. Ich werde dort eine Jagd halten! Ich habe ein ziemlich großes Jagdrevier – vermuthlich sind Sie ein guter Schütze?«

»Ich habe in den letzten Jahren nur mit der Büchse geschossen.«

»Das ist Schade; denn da ich eine Jagd von einer Woche einmal im Jahr für genug halte, so fürchte ich, wird Ihr Besuch in Fernside zu kurz sein, als daß Sie sich üben könnten.«

»Fernside!«

»Ja; ist Ihnen der Name bekannt?«

»Mich dünkt, ich habe schon früher davon gehört. Kauften oder erbten Eure Herrlichkeit das Haus?«

»Ich kaufte es von meinem Schwager. Es gehörte seinem Bruder – einem lustigen, wilden Kerl, der den Hals brach, als er über ein hohes Thor setzte – durch dieses Thor ging mein Freund Robert an demselben Tage zu dem Besitze eines sehr schönen Vermögens ein.«

»Ich habe davon gehört. Hinterließ der verstorbene Herr Beaufort keine Kinder?«

»Ja, zwei. Aber sie kamen auf die ursprüngliche Weise zur Welt, wie Herr Owen wünscht, daß wir alle in die Welt kommen möchten. Beiläufig gesagt, der eine verschwand in Paris – vermuthlich ist er Ihnen nie vorgekommen?«

»Unter welchem Namen?«

»Morton.«

»Morton! Hm! der Vorname?«

»Philipp.«

»Philipp! Nein. Aber that Herr Beaufort nichts für die jungen Männer? Ich meine gehört zu haben, daß er gegen einen derselben Mitleid gezeigt.«

»Hörten Sie das? Ah, mein Schwager ist einer von jenen vortrefflichen Männern, von denen die Welt stets gut spricht. Nein, er würde gern einem oder auch beiden Knaben gedient haben, doch die Mutter schlug alle seine Anerbietungen aus und schritt zum Prozeß, meine ich. Der ältere von diesen Bastarden gerieth auf böse Wege und der jüngere – ich weiß nicht genau wo er ist – wird sich ohne Zweifel bei einem von den Verwandten seiner Mutter aufhalten. Sie scheinen sich für natürliche Kinder zu interessiren, mein lieber Vaudemont?«

»Vielleicht haben Sie gehört, daß man mich auch schon für einen natürlichen Sohn gehalten?«

»Aha, jetzt verstehe ich. Aber Sie wollen gehen? Ich hoffte, Sie würden mit mir umkehren und –«

»Sie sind sehr gütig; aber ich habe ein besonderes Geschäft, welches ich nicht versäumen kann. Guten Morgen. Lord Lilburne.«

Sidney bei einem Verwandten seiner Mutter? Vielleicht zu den Mortons zurückgekehrt! Wie kam es, daß ihm früher eine so wahrscheinliche Vermuthung nie eingefallen war? Er wollte sogleich gehen – noch an demselben Abend zu dem Hause eilen, aus dem er seinen Bruder weggenommen. Wenigstens würde man ihm dort einige Auskunft geben können.

Von dieser Hoffnung und diesem Entschlusse belebt, ritt er hastig nach H*, um Simon und Fanny mitzutheilen, daß er vielleicht in zwei oder drei Tagen erst wieder zurückkehren werde. Als er in die Vorstadt eintrat, hielt er bei einem Steinhauer an, von dem er den Leichenstein für seine Mutter gekauft.

Der Mann war bei seiner Arbeit. »Heda!« sagte Vaudemont, über den niedrigen Zaun des Hofes blickend, »ist der Grabstein bald fertig, den ich bestellte?«

»Ei, Herr, da Sie ihn gerne so bald haben wollten und es lange Zeit währt, ehe ein neuer fertig wird, so habe ich gedacht, wollte ich Ihnen diesen geben, der bis auf die Inschrift fertig ist. Er war für Miß Deborah Primme bestellt; doch gestern war ihr Neffe und Erbe bei mir und sagte, da die arme Dame fünftausend Pfund weniger hinterlassen habe, als er erwartet, so meine er, würde ein hübsches hölzernes Kreuz auch gut genug sein, wenn ich diesen Stein da Jemand anders abstehen könnte. Es ist ein hübscher Stein, Herr. Er sieht so heiter aus –«

»Nun, es ist gut, und Sie können ihn an die Stelle bringen, die ich Ihnen bestimmte.«

»In drei Tagen, Herr.«

»So sei es.« Und als er weiter ritt, murmelte er: »Fanny, dein frommer Wunsch soll erfüllt werden. Aber werden Blumen zu jenem Steine passen?« Er hielt sein Pferd an und ging zu Fuß durch die Gasse, worin sich Simons Haus befand. Als er sich näherte, sah er Fanny's klare Augen am Fenster. Sie wartete auf seine Rückkehr. Sie eilte, ihm die Thür zu öffnen, und der Wanderer fühlte, daß Musik in dem Fußtritt liege und Sommer in dem Lächeln des Willkommens!

»Liebe Fanny,« sagte er, durch ihren freudigen Gruß gerührt, »es erwärmt mein Herz, dich zu sehen, ich habe dir ein Geschenk aus der Stadt mitgebracht. Ich erinnere mich aus meinen Knabenjahren, daß meine Mutter einige einfache Lieder so gern sang, an die ich mich immer erinnern muß, wenn ich dich sehe und höre. Ich glaube, du würdest sie verstehen und sie wenigstens eben so sehr lieben, wie ich – denn der Himmel weiß,« setzte er für sich hinzu, »mein Ohr ist gewöhnlich unempfindlich genug für das Geklingel des Reimes.« Und er überreichte ihr einen kleinen Band, der die vortrefflichen Lieder enthielt, womit Burns die Natur besungen.

»O, du bist gütig, Bruder,« sagte Fanny mit thränenvollen Augen und küßte das Buch.

Nach ihrer einfachen Mahlzeit theilte Vaudemont Fanny und Simon die Nachricht mit, daß er auf einige Tage verreisen wolle. Simon hörte es ohne Theilnahme an, aber Fanny wendete ihr Gesicht ab und weinte.

»Es ist nur auf einen oder zwei Tage, Fanny.«

»Eine Stunde ist oft sehr – sehr lang,« sagte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd.

»Komm, ich habe noch einige Zeit und die Luft ist milde, du bist heute noch nicht ausgewesen; wollen wir spazieren gehen –«

»Hm!« fiel Simon ein, indem er sich räusperte und plötzlich lebendig zu werden schien; »wäre es nicht besser, Sie bezahlten mich für Tisch und Logis, ehe Sie gehen?«

»O, Großvater!« rief Fanny, indem sie hocherröthend aufsprang.

»O nein, Kind,« sagte Vaudemont lachend, »dein Großvater kommt mir nur zuvor. Aber reden Sie nicht von Tisch und Logis; Fanny ist eine Schwester für mich und unsere Börse ist gemeinschaftlich –«

»Ich möchte nur wieder einmal ein Goldstück fühlen – nur fühlen,« murmelte Simon in entschuldigendem Tone, der wahrhaft rührend war, und als Vaudemont einige Goldstücke über den Tisch streute, ergriff der alte Mann dieselben, lachte und sprach mit sich selber, dann stand er mit großer Heiterkeit auf und humpelte aus dem Zimmer gleich einem Raben, der einen listigen Diebstahl in sein Nest trägt.

Dieß war für Vaudemont so ergötzlich, daß er in ein lautes Lachen ausbrach. Fanny sah ihn gedemüthigt und verwundert an, dann schlich sie sich zu ihm, faßte sanft seinen Arm und sagte:

»Lache nicht – es schmerzt mich. Es war nicht hübsch von Großpapa; aber – aber es hat nichts zu bedeuten. Es – es – lache nicht – Fanny ist so traurig!«

»Nun, du hast Recht. Komm, setze deinen Hut auf, wir wollen ausgehen.«

Fanny gehorchte, aber mit weniger Vergnügen als gewöhnlich. Und sie gingen durch die Baumgänge, wo, ungeachtet der kalten Luft, die gelben Blätter noch an den Bäumen hingen.

Fanny brach zuerst das Schweigen.

»Weißt du wohl,« sagte sie schüchtern, »daß die Leute hier mich für sehr einfältig halten? – Denkst du auch so?«

Vaudemont erschrak über die Einfalt der Frage und zauderte. Fanny blickte ängstlich und fragend zu seinem dunklen Gesichte auf.

»Nun,« sagte sie, »du antwortest nicht?«

»Liebe Fanny, in einigen Dingen wünschte ich dich freilich weniger kindisch und vielleicht weniger reizend zu sehen. Zum Beispiel, diese seltsamen Lieder –«

»Was! Hörst du mich nicht gern singen? Es ist meine Art, zu reden.«

»Ja, singe, hübsches Kind, aber singe etwas, was wir auch verstehen können – die Lieder, die ich dir mitgebracht habe, wenn du willst. Und darf ich nun fragen, warum du mir diese Frage vorlegst?«

»Ich habe es vergessen,« sagte Fanny und blickte vor sich nieder.

In dem Augenblicke, als Philipp Vaudemont sich über das außerordentlich liebliche Gesicht niederbeugte, durchbebte ein plötzliches und seltsames Gefühl sein Herz, und auch er schwieg und war in Gedanken verloren. War es möglich, daß sich in seine Brust eine innigere Neigung für dieses Geschöpf, als die der Zärtlichkeit und des Mitleids einschleichen könne? Er erschrak, als ihm dieser Gedanke kam. Er bebte vor demselben zurück, wie vor einer Entweihung – vor einem Verbrechen – vor einem Wahnsinn. Er, mit einem so ungewissen und wechselvollen Schicksal – er sollte sich mit einem so hülflosen Wesen vereinen – er sollte die Poesie entweihen, die dem Temperamente dieses reinen Wesens eigen war, mit den Gefühlen, welche jedes schöne Gesicht in jedem rauhen Herzen hervorbringen kann – und Fanny lieben! Nein, es war unmöglich! Denn was konnte er an ihr lieben, als die Schönheit, welche der Geist zu bewachen vergessen? Und sie – konnte sie je wissen, was Liebe war? Er verachtete sich selber, weil er einen solchen Gedanken zugelassen, und mit jener eisernen und gehärteten Kraft, die seinem Geiste angehörte, beschloß er, sich vor jeder Empfindung zu hüten, welche die Schranke überschreiten würde, die Fanny von der Welt der Frauen trennte.

Er wurde aus seinem Nachdenken durch einen plötzlichen Ausruf seiner Begleiterin erweckt.

»O, jetzt erinnere ich mich, warum ich jene Frage an dich richtete. Etwas ist mir stets unklar – ich wünsche, daß du es erklärest. Warum hängt Alles in der Welt vom Gelde ab? Du siehst, selbst mein armer Großvater vergißt, wie gut du gegen uns Beide bist, wenn – wenn –. O, ich verstehe es nicht – es setzt mich in Verwirrung!«

»Fanny, sieh' dorthin – nein, zur Linken – du siehst jene alte Frau in Lumpen, die mühsam weiterschleicht, wende dich jetzt zur Rechten – du siehst jenes schöne Haus durch die Bäume blicken mit dem vierspännigen Wagen vor dem Thor? Der Unterschied zwischen jener alten Frau und dem Besitzer jenes Hauses ist das Geld, und wer wird deinen Großvater tadeln, daß er das Geld liebt?«

Fanny verstand ihn, und während der weise Mann so moralisirte, ging das Mädchen, welches selbst sein Mitleid so stolz verurtheilte, zu der alten Frau, um ihr Scherflein beizutragen, jene Ungleichheiten zu ebnen, die durch Weisheit und Moral nie aufgehoben werden. Vaudemont fühlte dieß, als er sie zu der Bettlerin hinschweben sah, aber als sie wieder zu ihm zurückgesprungen kam, hatte sie seine Abneigung gegen ihre Lieder vergessen und sang in der Freude des Herzens über die gütige Handlung, die sie gethan, eine von ihren eigenen kleinen Melodien.

Vaudemont wendete sich ab. Die arme Fanny hatte unbewußt seinen Sieg über sich selbst entschieden; sie ahnte nicht, was in ihm vorging, aber plötzlich erinnerte sie sich, was er von ihren Liedern gesagt, und glaubte, er sei ärgerlich.

»O, ich will es nie wieder thun. Bruder, kehre noch nicht um!«

»Aber ich muß nach Hause. Horch! Die Glocke schlägt sieben – ich habe keine Zeit zu verlieren. Und du willst mir versprechen, nie auszugehen, bis ich zurückkehre?«

»Ich werde nicht den Muth haben, auszugehen, und,« setzte sie dann mit heiterer Stimme hinzu, »und ich werde die Lieder singen können, die du liebst, ehe du zurückkehrst.«


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