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Dreiunddreißigstes Kapitel.
Margarete.

Drei fleißige, aber ereignislose Jahre waren verflossen, als die musikalischen Kreise New Yorks durch die Ankunft einer neuen Primadonna, welche bereits in Paris und Wien mit großem Erfolge aufgetreten war, in Spannung versetzt wurden. Man erzählte sich, daß der Impresario, welchem New York dieses Engagement verdankte, große Opfer gebracht habe, um sich der neuen Diva zu versichern, denn selbstverständlich hatte man sie nach den Erfolgen in Paris von allen Seiten mit Anträgen bestürmt. Die Berichterstatter der Tagesblätter, welche ihr, um einige biographische Notizen zu erhaschen, bis Sandy Hook entgegenfuhren, erblickten, als sie das Dampfschiff bestiegen, allerdings ein Gesicht von wunderbarer Schönheit und eine herrliche Gestalt, die sich, in kostbare Pelze gehüllt, auf den Arm des Impresario stützte; aber die Künstlerin weigerte sich entschieden, die Herren zu empfangen, um sich ausfragen zu lassen, und den Zudringlichen, welche sich daran nicht kehrten, wurde eine vornehm-ruhige Abweisung zu teil. Die Folge davon war, daß die widersprechendsten Berichte über sie erschienen. Das eine Blatt erzählte, sie wickele ihre Stimme in Baumwolle und singe, außer für bares Geld, keinen Ton; andre ergingen sich im Preise ihrer Schönheit und prophezeiten ihr eine Laufbahn, welche die der Patty und Nilson hinter sich lassen würde. Die begeisterten Artikel der Pariser und Wiener Zeitungen wurden übersetzt und durch das ganze Land verbreitet. Ankündigungen erschienen und wurden wieder zurückgezogen; hin und wieder tauchten biographische Notizen auf, um gleich darauf widerlegt zu werden, und durch alles das war die Neugier des Publikums aufs äußerste gereizt. Den Höhepunkt erreichte das Interesse aber, als der Impresario ein halbes Dutzend Musikfreunde und hervorragende Gönner der Oper zu einem musikalischen Abende im Privatkreise einlud, bei welchem die Sängerin sowohl durch den wunderbaren Schmelz und Umfang ihrer Stimme, wie durch ihre Schönheit und die Liebenswürdigkeit und Einfachheit ihres Wesens alle Herzen gewann. Von diesem Augenblicke an war ihr Erfolg gesichert. Die ganze Stadt sprach von ihr. Man erzählte, sie sei gleichzeitig eine vorzügliche Darstellerin, und mit der größten Spannung sah man ihrem ersten Auftreten, wozu sie die Rolle der Margarete in Gounods »Faust« gewählt hatte, entgegen.

Wie die Zeitungen am andern Tage berichteten, hatte sich ein ebenso zahlreiches wie gewähltes Publikum eingefunden, um die Künstlerin zu begrüßen. Ob Mr. und Mrs. Wellingford und der Professor zu dieser gewählten Gesellschaft gerechnet wurden, mag – da Mr. Wellingford nicht der Mann war, welcher viel Lärm in den Zeitungen machte – dahingestellt bleiben. Er hatte einige vorzügliche geologische Werke geschrieben und genoß nicht nur unter den Fachleuten eines bedeutenden Ansehens, sondern wurde auch als gründlich unterrichteter, zuverlässiger Sachverständiger und unbestechlicher Charakter vielfach von Kapitalisten und Bergwerksgenossenschaften in Anspruch genommen, welche seine Dienste gut bezahlten. Auch sein Blatt gab er noch heraus, aber nicht mehr allein. Almas Wunsch, ein eignes Haus zu besitzen, war erfüllt worden, und sie machte in demselben mit bezaubernder Grazie und Liebenswürdigkeit und mit einem bescheidenen Stolze, den ihr des Vaters Millionen nie gegeben hatten, die Wirtin. Master Hugh war inzwischen drei Jahre alt geworden, und da er noch einen kleinen Bruder bekommen hatte, waren die Drahtgitter an den Fenstern des oberen Stockwerkes nicht mehr nur der Ausdruck eines mütterlichen Wunsches, sondern einer glücklichen Wirklichkeit.

In einer sehr in die Augen fallenden Prosceniumsloge saß, gleichsam um seine Verwandtschaft mit der Sängerin anzudeuten (beiläufig gesagt, hatte niemand eine Ahnung davon), Simon Löwenthal mit seinen beiden Söhnen, Ephraim und Mardochai. Simon war während Rachels Abwesenheit dicker und fettglänzender geworden. Der Erfolg umgab ihn wie ein Mantel, strömte aus jeder Falte seines Angesichts und strahlte aus dem Glanze seiner Diamanthemdenknöpfe, welche bei jeder Bewegung seiner korpulenten Gestalt schimmerten und blitzten. Nach den Erfolgen, welche seine Schwester in Paris und Wien errungen, war es ihm eigentlich halb und halb leid, daß sie seinen Wunsch erfüllt und den Namen Löwenthal gegen einen wohlklingenden Opernnamen vertauscht hatte, welchen letzteren wir hier diskret verschweigen wollen.

Auf einem der hinteren Parterreplätze stand, an die Wand gelehnt, ein Mensch in fadenscheinigen Kleidern, welchen der Thürsteher mißtrauisch angesehen hatte, ehe er ihn einließ. Es war ein großer, gutgewachsener junger Mann mit aschblondem Schnurrbart und unbeschreiblich verlebtem Gesicht.

Sein Kinn zeigte zwei oder drei leichte Schnittwunden, als ob er sich selbst mit unsichrer Hand rasiert hätte; seine Wäsche sah zerdrückt und nicht ganz sauber aus und dabei lag in seinen halbgeschlossenen Augen ein Ausdruck hochmütiger Blasiertheit, welcher unter diesen Umständen befremdend wirkte. Wie gut für Alma, daß sie den jungen Mann nicht bemerkte, denn der Gedanke an ihren unglücklichen Bruder war der Tropfen Galle, welchen das Schicksal in den Becher ihres Glückes geschüttet. Harry hatte wiederholte Versuche gemacht, Walther auf bessre Wege zu bringen, hatte ihn neu gekleidet, ihm Beschäftigung zugewiesen – er war immer von neuem in sein ausschweifendes Leben zurückgefallen. Zuweilen erschien er, nach langen trübseligen Zeiten, allerdings wieder einmal in einem Flor, der an die frühere Glanzperiode erinnerte, und seine näheren Bekannten wußten dann, daß ihm etwas an der Börse geglückt war, die er mit unerschütterlicher Beharrlichkeit besuchte. Manchmal auch fristete er sein Leben nur von einem Tage zum andern, indem, er seine Vertrautheit mit den größten Börsenfürsten benutzte, um andern, gegen einen ausbedungenen Anteil am Gewinn, gewisse Fingerzeige zu geben, trug aber im Falle des Mißlingens stets Sorge, sich eine Weile nicht sehen zu lassen. Es war nichts allzu Seltenes, daß ein großer Spekulant – die bekanntlich keine hartherzigen Menschen sind, und wenn ihnen ein bedeutender Schlag gelungen ist, sogar freigebig sein können – Walther, der im ganzen für einen »guten Kerl« galt, einige hundert Dollar vorstreckte, um ihm »wieder auf die Strümpfe zu helfen«. Aber die Folge solcher Freigebigkeit war stets eine gegenteilige. Anstatt sich durch ein glückliches Unternehmen »auf die Strümpfe zu bringen«, pflegte Walther nach solchem Glücksfalle selbst seine gewöhnliche Thätigkeit aufzugeben. Er verschwand dann in der Regel auf eine oder zwei Wochen, und war, wenn er wieder auf der Bildfläche erschien, der Barmherzigkeit bedürftiger denn je.

Ein Rauschen der Erwartung ging von unten bis oben durch das Haus, als der Vorhang sich hob. Begrüßt von wahrhaft betäubendem Händeklatschen, trat die Künstlerin auf. Der erste Ton, den sie sang – aber warum soll ich beschreiben, was alle Welt weiß und was die Tagesblätter am nächsten Morgen mit einem so verschwenderischen Aufwand von hochtönenden Eigenschaftsworten beschrieben! Die Kritiker waren vollständig begeistert, mit Ausnahme eines einzigen, welchem es nicht gelungen war, drei Freibillets für die Verwandten seiner Frau zu dieser Ausführung zu erlangen.

Das Herz der jungen Künstlerin war voll Freude und Glück. Sie hatte der Kunst ihre Rettung zu verdanken, und die Zukunft lag zwar nicht im rosig schimmernden Nebel eines Traumes vor ihr, aber ausgefüllt von einem beglückenden, zielbewußten Streben und Arbeiten. Sie sprach das gegen Wellingford und Alma aus, als diese nach Schluß der Oper in das Konversationszimmer kamen, um sie zu ihrem Erfolge zu beglückwünschen. Der letzte Akt hatte Rachels Nerven etwas angegriffen, sie gab sich Mühe, ihre Bewegung niederzukämpfen; aber ihr Glücksgefühl war so groß und überwältigend, daß sie am liebsten den Kopf an einen befreundeten Busen gelehnt und sich ausgeweint hätte.

Alma, die diese Stimmung bemerkte und verstand, flüsterte Wellingford einige Worte zu und dieser ging bereitwillig auf ihren Wunsch ein. Beladen mit Blumen eilte Rachel auf Wellingfords Arm gestützt aus dem Theater, und Alma folgte, geführt von Mr. Timpson, welcher sich zu einem großen Gönner und Schutzpatron des Theaters ausgebildet hatte und sich selbstverständlich der Begleitung der Künstlerin anschloß.

Als Wellingford und Rachel das nach dem Ausgang führende Vestibule erreichten, waren bereits die meisten Gasflammen ausgedreht, und nur einige wenige erhellten noch die Gänge und Treppen mit mattem Schein. Plötzlich tauchte ein Mann aus dem Schatten hervor und trat auf die junge Künstlerin zu, als wolle er sie anreden; aber ohne gesprochen zu haben, zog er sich im nächsten Moment wieder in die Dunkelheit zurück. Rachel klammerte sich mit zitternder Hand fester an Harrys Arm. Sie hatte Walther erkannt.

Der junge Mann blieb noch lange wie erstarrt stehen. Ein feiner Wohlgeruch der ihm bei Rachels Vorüberstreifen umweht, schien die Luft noch zu erfüllen. Walther versuchte es, die Vision festzuhalten: das klare ernste Antlitz mit der edlen Stirn und den reinen Lippen, die ganze schlanke, vornehme, reichgekleidete Erscheinung – und setzte sich, das Gesicht in den Händen verbergend, auf der untersten Treppenstufe nieder. Ein oder zweimal entrang sich seiner Brust ein tiefes Stöhnen. Der Wachtmann, welcher das Haus zu schließen hatte, faßte ihn an der Schulter. Der Träumer fuhr empor, sammelte sich und schlenderte müden Schrittes auf die Straße hinaus.

 

An demselben Abende hatten Harry und Alma, nachdem sie die schlafenden Kinder geküßt, einen kleinen Streit.

»Was würdest du sagen, wenn dein Sohn ein Sänger würde?« fragte Harry, noch strahlend vor Vergnügen über Rachels Erfolg.

»Ein Sänger? Welche Idee!« rief Alma. »Wenn es nach meinen Wünschen ginge, würde Hugh für die diplomatische Laufbahn erzogen. ›Der ehrenwerte Hugh Wellingford, amerikanischer Gesandter am Hofe von St. James‹, würde das nicht sehr hübsch klingen?«

»Hübsch klingen würde es allerdings,« entgegnete Harry, »aber ich muß dir gestehen, liebes Herz, daß ich nicht sicher bin, ob ich Hugh nicht lieber tot sähe, denn als Diplomaten.«

»Wie kannst du nur gleich so übertreiben!« rief Alma ein wenig heftig. »Was wäre denn so Schreckliches dabei, wenn Hugh eines Tages zum Gesandten ernannt würde? Bis zu dem Zeitpunkte, wo Hugh im stande ist, sein Vaterland auswärts zu vertreten, werden sich im Civildienste und dergleichen so große Reformen vollzogen haben, daß ein Mann in das öffentliche Leben eintreten kann, ohne schlechten Whiskey zu trinken und seine Ehrenhaftigkeit daheim zu lassen. Würde es dir denn nicht gefallen, wenn die Morgenblätter eines Tages die Meldung brächten: ›Gestern empfing die Königin von England den sehr ehrenwerten Hugh Wellingford in feierlicher Audienz‹?«

»O Alma, Alma, du bist unverbesserlich!« rief Harry. »Aber ganz abgesehen von der spaßhaften Seite der Sache, hätte ich einige ernste Gründe gegen deine Pläne ins Feld zu führen. In dem gleichen Verhältnisse, wie die Civilisation fortschreitet, wird sich auch der Spielraum der Spekulation, der Diplomatie und aller Dinge, welche auf Glücksfällen, Ränken und Winkelzügen beruhen, nach und nach verkleinern, während sich der Kreis derjenigen Thätigkeiten, welchen eine sachgemäße Entwickelung, ehrliche geistige oder physische Arbeit zu Grunde liegt, im gleichen Verhältnisse erweitern muß. Ich würde also mit Recht wünschen, daß meine Söhne ihre Thatkraft nicht im Dienste eines im Absterben begriffenen, der Vergangenheit angehörenden Götzen verschwendeten, sondern sich am Aufbau der Zukunft beteiligten, sich dem Lichte und der naturgemäßen Ordnung und nicht dem Chaos und der Finsternis widmeten, daß sie es mit Ormuzd, nicht mit Ahriman hielten.«

»Ich wußte gar nicht, daß du ein solcher Träumer und Seher sein könntest, Harry.«

»Das bin ich auch nicht, liebes Herz; aber ich muß dir gestehen, ich setze große Hoffnungen auf das zwanzigste Jahrhundert, und es würde mich über alle Maßen glücklich machen, wenn meine Söhne etwas von dem Geiste eines Goethe, Darwin oder Newton mitbekommen hätten, in der Vorpostenkette der Wissenschaft zu stehen vermöchten und irgend ein Prinzip entdeckten, das in der uns umgebenden Finsternis zur stetigen, weithin strahlenden Leuchte werden könnte. Ist diese Hoffnung aber eine allzu kühne, so will ich mich auch zufrieden geben, wenn sie sich zu ehrlichen, tüchtigen Arbeitern heranbilden, zu bescheidenen Forschern im lebendigen Buche der Natur, wie ihr Vater gewesen ist. In dem einen wie in dem andern Falle aber werde ich sie beneiden.«

»Weshalb wirst du sie beneiden?«

»Darum, daß sie Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts sind.«

Die blondlockigen Diplomaten und großen Gelehrten des zwanzigsten Jahrhunderts schlummerten während dieses Gesprächs in ihrer Wiege friedlich weiter.

 

Ende.

 


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