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Viertes Kapitel.
»Simon ist Ihr Mann, mein Fräulein!«

Mr. Hampton war seiner eignen Meinung nach ein durchaus methodisch zu Werke gehender Mann von streng geschäftlichen Gewohnheiten, und haßte nichts so sehr als ungeordnete Verhältnisse. So hatte er denn auch seiner Frau und seiner Tochter ein jährliches Nadelgeld ausgesetzt, das – wie wir der Wahrheit gemäß bemerken müssen – ein sehr reichliches war. Er hatte dasselbe bei seinem Bankier zu ihrer freien Verfügung niedergelegt und ihnen angedeutet, daß er in dieser Angelegenheit bis zum nächsten Neujahr nicht belästigt zu sein wünsche. Alma, für welche diese pekuniäre Unabhängigkeit eine neue und sehr angenehme Erfahrung und Empfindung war, hielt, als sie die Größe der auf ihren Namen deponierten Summe erfuhr, ihre Mittel für geradezu unerschöpflich und fand die Beschäftigung, Anweisungen auf ihren Bankier auszustellen, sehr reizend. Es gab ihr eine Art geschäftsmäßigen Ansehens und ein unbestimmtes, aber sehr behagliches Gefühl von Ueberlegenheit den Leuten gegenüber, welche mit diesen Anweisungen bezahlt wurden, und demgemäß ging sie sehr verschwenderisch mit diesen kleinen Autographen um.

Anfänglich geriet sie dadurch in Verlegenheiten, daß sie sich zu keiner festen Form der Unterschrift entschließen konnte. Sie besaß keinen sogenannten Mittelnamen, und da sie das als eine sträfliche Nachlässigkeit ihrer Eltern empfand, legte sie sich aus eigner Wahl und Machtvollkommenheit den Mädchennamen ihrer Mutter: Pitcher bei. Nach der Niederlassung in New York schöpfte sie indessen Verdacht, daß der Name einen plebejischen Klang habe, und so verwandelte sich die bisherige »Alma P. Hampton« in eine »Alma O. Hampton,« und zwar kam dies O von Ottilie in Goethes »Wahlverwandtschaften« her, welche, nach der Meinung mancher klugen Leute, junge Mädchen gar nicht lesen sollten. Als sich aber eines schönen Tages aus »Alma O. Hampton« eine »Alma A. Hampton« entpuppte – Alma hatte sich für die Heldin eines neuen Romans, welche den Namen Adelaide führte, begeistert – verlor der Zahlmeister der Bank die Geduld und verlangte, Miß Hampton solle die Güte haben, eine feste Wahl in Bezug auf ihren Mittelnamen zu treffen, und aufhören, in so leichtfertiger Weise mit den Buchstaben des Alphabets umzuspringen.

Dieser milde Verweis hatte etwas sehr Beschämendes für Alma, welche bis dahin der schmeichelhaften Ueberzeugung gelebt hatte, eine Frau von großen geschäftlichen Fähigkeiten zu sein; aber noch härter war der Stoß, den sie empfing, als sie, aus dem Seebade zurückkehrend, von der Bank einen kleinen bedruckten Streifen Papier erhielt, der ihr anzeigte, daß sie ihr Guthaben bereits überschritten habe. Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß dieser Papierstreifen eine sehr unangenehme Einwirkung auf ihre Stimmung hervorbrachte. Unter zahlreichen Thränen beteuerte sie, sie werde mit einer so abscheulichen Bank nie wieder etwas zu thun haben, werde den Kassierer, sobald er wieder den Versuch mache, sie zu grüßen, einfach »schneiden« und den Vorsitzenden derselben bei der nächsten Begegnung kalt und abweisend behandeln. Sie war überzeugt, daß alle Beamten der Bank eine Verschwörung gebildet hätten, nur um sie zu ärgern.

Was aber die Verlegenheit steigerte, war die Thatsache, daß das Jahr erst zu drei Vierteilen verflossen war und die vergnüglichsten und deshalb auch kostspieligsten drei Monate von allen zwölfen noch vor ihr lagen. Wie sie es machen sollte, die Welt zu ihren Füßen liegend zu erhalten, wenn sie kein Geld hatte, war eine Frage, welche selbst die sieben Weltweisen in Verlegenheit gesetzt haben würde, vorausgesetzt, daß diese würdigen Männer von Pariser Toiletten abgehangen hätten wie Alma. Madame Lalouette war trotz ihres Enthusiasmus und ihrer schmeichelhaften Beteuerungen eine vorsichtige Geschäftsfrau und hatte eine Abneigung gegen langes Kreditgeben. Das Einfachste wäre natürlich gewesen, wenn sich Alma in dieser Lage an ihren Vater gewandt hätte, aber in dem seltsamen Verhältnisse, in welchem die beiden zu einander standen, fand sie den Gedanken so widerwärtig, daß sie die drei Monate bis Neujahr lieber in einem Kloster zugebracht, als ihm das demütigende Geständnis gemacht hätte. Es war ihm ja immer ein Vergnügen gewesen, sie zu quälen und sie seine Macht fühlen zu lassen – und obgleich sie wußte, daß sie schließlich von ihm erreicht haben würde, was sie wünschte, war sie doch fest entschlossen, ihr Vergnügen nicht um solch hohen Preis zu erkaufen.

In dieser Notlage erinnerte sie sich eines Gespräches, das sie eines Tages mit Mr. Cunningham gehabt hatte. Er hatte ihr angeboten, einige tausend Dollar für sie durch Spekulation zu gewinnen und ihr sogar den Einsatz vorzuschießen, falls sie denselben nicht gleich zur Hand haben sollte. Voll Empörung hatte sie damals den Vorschlag zurückgewiesen, nicht weil sie darin etwas Anstößiges gefunden hätte, sondern nur, weil sie in dem Anerbieten eine anmaßende Ueberhebung des Geldmaklers erblickte, dessen Verhältnis zu ihr ihm keine Berechtigung gab, ihr solche Gefälligkeiten erzeigen zu wollen. Jetzt war sie einen Augenblick schwach genug, die entschiedene Art und Weise zu bereuen, mit der sie damals die Sache abgelehnt, denn sie hatte sich dadurch der Möglichkeit beraubt, seine Dienste in Anspruch zu nehmen. Aber es gab ja noch andre Geldmakler in der Wallstraße, und wenn Mr. Cunningham so leicht einige Tausende für sie gewinnen konnte, warum sollte dazu nicht auch ein andrer im stande sein? Es war ihr wohl bekannt, daß sich Frauen zuweilen in Börsenspekulationen versuchten, ohne daß jemand deshalb schlechter von ihnen zu denken schien, aber sie zitterte dennoch vor dem Gedanken, Mrs. Hampton könne dahinter kommen, daß die Tochter die Absicht habe, ihrem Beispiele zu folgen, und um das zu verhüten, waren besondre Vorsichtsmaßregeln nötig. Das Einfachste wäre ja gewesen, in ihrem Wagen nach Wallstreet zu fahren, vor dem Büreau eines Sensals zu halten, hineinzugehen und ihren Auftrag zu geben; aber in diesem Falle wurde sie ohne Zweifel erkannt und am andern Tage wußte ganz New York – das heißt der Teil von New York, in welchem die guten Namen gemacht und zerstört werden – von diesem Schritte und sie wurde von Stund an als eine Persönlichkeit betrachtet, der es an feinerem Schicklichkeitsgefühl gebrach. Sie mußte die Sache also klüger anfangen oder den Plan aufgeben. Dabei kam ihr, wie durch Eingebung, der Name Simon Löwenthal ins Gedächtnis. Sie hatte ihren Vater oft von den Eigentümlichkeiten des würdigen Hebräers sprechen hören und daraus den Eindruck empfangen, daß dies gerade der Mann sei, welchen man als Vertrauensperson benutzen könne, wenn es sich um ein geheimes Geschäft handele. Von dieser Ueberzeugung ausgehend überlegte sie alle Einzelheiten ihres Vorhabens und bestimmte den 3. Oktober zur Ausführung desselben.

Es war gegen acht Uhr abends, als Alma mit dem aufregenden Gefühl, ein Abenteuer vor sich zu haben, unter dem kleinen korinthischen Portikus stand, welcher sich über den Vorstufen ihres Hauses erhob. Ihr Vater befand sich im Klub und ihre Mutter war ebenfalls ausgefahren. Alma hatte sich den Anschein gegeben, als wolle sie sich für den Abend in ihr Zimmer zurückziehen, und hatte, nachdem sie ihrem Mädchen ein Theaterbillet geschenkt, die Thür hinter sich verriegelt. Schon am Morgen hatte sie sich Simon Löwenthals Privatadresse verschafft und den festen Entschluß gefaßt, ihm einen Besuch abzustatten. Als Sicherheit wollte sie ihm ein Paar Ohrringe mit Diamanten anbieten, für welche ihr Vater dreitausend Dollar bezahlt hatte; im Notfalle konnte sie ihm außerdem ein Perlengehänge zum Pfande geben, welches auf zweitausend Dollar geschätzt wurde; aber sie hoffte, er werde sich mit den Ohrringen begnügen. Mit schnellen Schritten und dem Gefühl, als werde sie, ohne jede körperliche Anstrengung, nur durch die Aufregung getragen, eilte sie die Avenue entlang dem Madison Square zu, wo sie eine Droschke anrief und dem erstaunten Kutscher Löwenthals Adresse nannte.

Der Abend war warm, die Luft sanft und angenehm. Das helle Grün der ersten Sommerzeit war bereits in dunklere, sattere Färbungen übergegangen, und hin und wieder machte sich schon ein roter oder gelber Fleck auf den neutralen Tinten der Blätter bemerklich. Der Mond, welcher dem Leben die Farben zu rauben und alles in eine Art von unkörperlichen, schimmernden Nebel zu hüllen pflegt, stand in voller stiller Schönheit über der gewaltigen Stadt und ließ dies kleine Fragment der Natur, den Madisonplatz – welchen die Väter der Stadt zur Bequemlichkeit von Kindermädchen, Polizeidienern und andern herumlungernden Individuen angelegt haben und unterhalten – in den Augen des jungen Mädchens wie einen Zauberhain erscheinen. Ihre Aufregung zeigte ihr alles wie durch einen Schleier und selbst das unaufhörliche Rasseln der Wagen und das Klappern der Pferdehufe auf dem Straßenpflaster hatte heute für ihr Ohr einen gewissen Rhythmus und machte auf sie den Eindruck eines fernen rauschenden Wasserfalles. Dabei achtete sie nicht auf die Zeit, sondern erwachte erst wieder zum Gefühl der Wirklichkeit, als der Kutscher in den oberen Regionen der zweiten Avenue, in einer Gegend anhielt, welche sie ihres Wissens bis dahin nie betreten hatte. Vorsichtig sah sie sich um, ehe sie die Droschke verließ, überzeugte sich aber bald, daß hier, in dieser gemeinen Gegend, keine Gefahr vorlag, irgend einem Bekannten zu begegnen, und stieg, nachdem sie dem Kutscher befohlen, sie zu erwarten, mit einer seltsamen Neigung zum Zusammenschauern die schlecht erleuchteten Treppen hinauf. Das abgenutzte Wachstuch auf dem Fußboden des Vorplatzes sowie der verhaltene Geruch verflossener Gabelfrühstücke und Mittagessen machte ihr so übel, daß sie eilig nach dem kleinen goldnen Fläschchen mit Duftessig griff, das sie an einer goldnen Kette am Gürtel trug. Die Wände waren berußt und schmutzig, das Treppengeländer von einer fingerdicken Staublage bedeckt, und Alma nahm ihr kostbares Kleid zusammen, um nicht die kleinen Haufen von Staub und Kehricht aufzurühren, welche in der Ecke jedes Treppenabsatzes lagen.

Endlich fand sie in der vierten Etage an einer Thür ein gedrucktes Plakat, das sie nicht ohne Schwierigkeit entzifferte. Es lautete: »Simon Löwenthal & Comp., Geldmakler. Ein- und Verkauf aller Arten von Wertpapieren, Eisenbahnaktien &c.« Hinter der Thür vernahm sie das Murmeln von Stimmen, als ob zwei Männer ein ernstes Gespräch miteinander hätten. Die eine Stimme, welche Almas Meinung nach die des Juden sein mußte, schien in einschmeichelndem, überredendem Tone etwas zu erklären oder um etwas zu bitten, während die andre nur hin und wieder ein kurzes, gebieterisches Wort einschob. Die junge Dame, welche ihr Herz im Halse schlagen fühlte, klopfte leise an die Thür. Niemand antwortete, aber Simons Stimme fuhr nur in um so eindringlicheren Tönen fort zu bitten und zu klagen, so daß Alma zuletzt glaubte, er sei nahe daran, zu weinen. Sie klopfte noch einmal und meinte, diesmal gehört worden zu sein, denn die überredende Stimme Simons schlug wie mit plötzlichem Sprunge in einen kalten schneidenden Geschäftston um, der indessen nach und nach wieder wärmer und vertraulicher wurde.

»Ich will Ihnen 'was sagen, Mr. Wellingford,« ließ sich der Jude vernehmen. »Ich will Ihnen 'was sagen. Se wünschen ßu werden 'n reicher Mann und halten den Simon für den Rechten, Ihnen daßu ßu verhelfen, nicht wahr? Na, ich will Ihnen sagen, was ich kann für Sie thun. Ich werde Ihnen geben dreißigtausend Dollar in Aktien der ›Maid of Athens‹, wenn Se veröffentlichen das Resultat der Prüfung, die Se haben angestellt mit der Erzprobe, welche ich Ihnen habe geliefert.«

»Wie kann ich aber wissen, ob die mir von Ihnen zur Untersuchung übergebene Erzprobe aus der Grube ›Maid of Athens‹ genommen ist?« entgegnete die andre Stimme, bei deren Klang Alma verwundert auffuhr.

»Dafür muß Ihnen bürgen mein Wort und – und de dreißigtausend Dollar,« sagte der Jude.

»Ah, jetzt fange ich an, zu verstehen. Sie wollen mein wissenschaftliches Gutachten zu einem Schwindelgeschäft benutzen und dasselbe für dreißigtausend Dollar in Aktien erkaufen, die vielleicht, ja wahrscheinlich, völlig wertlos sind.«

»Na, das würde sein Ihre Sache. Es steht ja ganz bei Ihnen, wie hoch die Papierchen steigen sollen im Wert.«

Ein Schauer überlief Almas ganzen Körper und enger zog sie ihren Umhang um die Schultern. Ob sie nun wohl noch die Courage finden würde, hineinzugehen! Konnte die Stimme, deren Klang ihr so bekannt vorkam, wirklich die des geheimnisvollen Schiffers sein, der neulich wie der »Fliegende Holländer« aus dem Nebel aufgetaucht war, um sie zu warnen, ohne doch ein warnendes Wort auszusprechen, und dann wieder im Nebel zu verschwinden? In dem glühenden Verlangen, den Kopf zu sehen, der zu dieser Stimme gehörte, überlegte sie kaum, welche Folgen es für sie selbst haben könnte, hier betroffen zu werden. Sie hatte sich in der letzten Woche mehr als hundert Gesichter, eins immer schöner als das andre konstruiert, welche zu dieser milden, klangreichen Stimme passen könnten, aber sie hatte den brennenden Wunsch, sich Sicherheit darüber zu verschaffen, wäre es auch nur gewesen, um ihrer allzu thätigen und allzu fruchtbaren Phantasie Zaum und Zügel anzulegen. Ohne weiter nachzudenken, klopfte sie scharf an die Thür und versuchte, ohne ein »Herein« abzuwarten, das Schloß aufzudrücken.

Die Thür war von innen verriegelt und ließ sich nicht öffnen; aber es entstand dahinter ein kurzes, eifriges Flüstern und nach einigem Widerspruch von seiten des Fremden wurde der Riegel zurückgeschoben. Im nächsten Augenblicke stand Simon Löwenthal mit einer tiefen Verbeugung auf der Schwelle, entschuldigte sich mit der ganzen öligen Geschmeidigkeit seiner Rasse, daß er eine Dame habe warten lassen, und versicherte, es werde ihn unendlich glücklich machen, ihr jeglichen Dienst zu leisten.

Alma trat etwas zögernd ein und sah sich zu ihrem Erstaunen allein mit dem Juden. Das Gemach war erstickend heiß und mit Trödelkram aller Art gefüllt. Auf dem hölzernen Kaminsims standen zwei ebenfalls hölzerne, roh bemalte, mit künstlichen Blumen gefüllte Vasen, den mit schwieriger Wachsleinwand überzogenen Tisch zierte eine mit Früchten aus Wachs gefüllte Schale, und an einem der Fenster stand ein offener, mit Briefen, gedruckten Prospekten und Erzproben bedeckter Schreibtisch, unter welchem zwei Seiten eines kleinen, grün angestrichenen, eisernen Geldschrankes zum Vorschein kamen.

Simon selbst war ein untersetzter Mann von Mittelgröße mit einem Paar hellbrauner Augen, in welchen das Weiße gelb gefärbt erschien, einem starr abstehenden Backenbart, der sein fettes Gesicht in einem schwarzen Halbkreis einschloß, und einer starken, krummen Nase, die ihm, wenn er mit gewinnverheißenden Kunden verkehrte, das Aussehen einer freundlichen, liebenswürdigen Eule gab. Diese vorspringende Nase, sowie die breite zurückweichende Stirn glänzten fast unnatürlich, und über letzterer dehnte sich eine ansehnliche, von einem Kranze schwarzen, krausen Haares eingefaßte kahle Platte aus.

»Setzen Se sich, meine Dame,« sagte Simon, indem er sich von neuem tief verbeugte. »Setzen Se sich – und wenn Se sein sollten in 'ner Verlegenheit, so ist der Simon ganz Ihr Mann. Der Simon hat schon geholfen mancher vornehmen Dame aus der Verlegenheit.«

»Ich danke Ihnen, ich bin nicht in Verlegenheit,« entgegnete Alma in hochmütigem Tone, indem sie sich leicht auf die Ecke des Schreibtisches stützte, an dem sie stand. »Ich bin nur für den Augenblick etwas geniert – und – und –«

»Wünschen ßu haben bares Geld, nicht wahr?« fuhr Simon, in eine Art asthmatischen, lautlosen Lachens ausbrechend fort. »Gut, wenn Se wünschen ßu haben bares Geld, so ist der Simon ganz Ihr Mann.«

Die Wiederholung dieser abscheulichen Phrase erschien Alma fast unerträglich. Sie hatte sich gar nicht gedacht, daß ein Mensch so widerwärtig sein könnte, wie dieser Jude, und der Gedanke, ihn zu ihrem Vertrauten zu machen, hatte etwas so Abstoßendes, daß sie kaum begriff, wie sie darauf gekommen war. Der Anblick und die ganze Atmosphäre des Raumes erfüllte sie mit einem Gefühl der Erniedrigung, und die kahlen, rauchgeschwärzten Wände, an denen nur ein Bild, die Tötung der Tochter Jephtas, in Buntdruck hing, sowie der mit brauner Oelfarbe angestrichene Fußboden brachten auf ihre fein gestimmten Nerven den Eindruck tiefen Ekels hervor. Simon war, da er bemerkte, daß seine Scherze keine günstige Aufnahme fanden, sofort zu der Ueberzeugung gekommen, daß er den Reichtum und die soziale Stellung der jungen Dame im ersten Moment unterschätzt habe, obgleich – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – seiner Beobachtung kein irgend sichtbarer Teil ihres Anzuges entgangen war. Er notierte sie in Gedanken als eine Klientin, die man warm halten mußte, denn ihre indirekten Hilfsmittel waren jedenfalls unerschöpflich. Brachte man sie in die Klemme, so hatte sie ohne Zweifel Angehörige, welche lieber die Börse zogen, als sie die Folgen ihrer Thorheit tragen ließen.

»Der Simon ist nicht so schlimm, als Se vielleicht denken, meine Dame,« fuhr er mit seinem einschmeichelndsten Lächeln fort. »Es gibt gute Juden und schlechte Juden, meine Dame, und der Simon ist einer von den guten. Wenn Se wollen machen en Geschäftchen –«

Hier begann im Nebenzimmer eine sehr angenehme Sopranstimme mit Pianofortebegleitung zu singen:

» Sul mare luccica
L'astro d'argento.
«

Simon ließ einen Ton der Ueberraschung hören und riß, offenbar erschrocken und unwillig, die Thür auf.

»Biste meschugge, Rachel?« sagte er auf deutsch in strengem Tone.

Der Gesang verstummte sofort und ein junges, schlankes, hochgewachsenes Mädchen erhob sich von ihrem Sitze vor dem Pianoforte, trat auf ihn zu und legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

»Nein, Simon,« gab sie in derselben Sprache zur Antwort, »aber es erschreckte mich, als ich jemand in meinem Wohnzimmer hörte, und da ich noch angezogen war, so kam ich, um zu sehen, wer es sei. Bist du mir böse, Simon? Der Herr sagte mir, du hättest ihn gebeten, hier zu warten, bis du Zeit fändest, weiter mit ihm zu sprechen.«

»Ich dachte, du wärest längst gegangen schlafen,« sagte Simon verstimmt.

»Nein, ich war noch nicht müde, sondern wollte mir eben erst die Haare auflösen,« erwiderte sie einfach. »Der Herr, welcher sich mir als Mr. Wellingford vorstellte, sagte mir, er schwärme für Musik, und so erbot ich mich, ihm etwas vorzusingen, während er wartete.«

»Es war nicht recht, ohne meine Erlaubnis anßuknüpfen Bekanntschaften, Rachel.«

»Was kann ich dafür, lieber Simon, wenn du den Herrn in mein Zimmer schickst?«

»Das war auch nicht recht von mir. Aber nun sei vernünftig, Rachel, und begib dich ßur Ruhe«

»Darf ich die Arie nicht erst zu Ende singen? Mr. Wellingford sagte mir, meine Stimme gefiele ihm.«

»Na gut, da das Malheur einmal ist geschehen, so thu was de willst. Aber dann leg dich ßur Ruhe.«

Mit einem leichten, triumphierenden Nicken, welches Wellingford galt, setzte sich die junge Dame wieder an das Instrument und brachte, während sie – je nach den Worten des Gesanges – ihre schöne Stimme bald heiter und perlend, bald in einschmeichelnden Gefühlstönen erklingen ließ, die Arie zu Ende.

Alma, welche den Zweck ihres Hierseins gänzlich vergaß, hörte voll Bewunderung zu. An einem kleinen, wundervoll geschnitzten Pianino, welches quer in einer Ecke stand, saß das Mädchen, dessen glänzend schwarzes, nur lose im Nacken geschürztes Haar, sich in vollen Wellen über den halben Rücken hinab ergoß. Sie war in ein cremefarbiges Gewand von Musselin gekleidet, das hinten in leichten, losen Falten herabfiel und eine lange Schleppe bildete, während der vordere, aus rotgeblumtem Atlas bestehende Teil des Leibchens eng anschloß und ihre zarten, schwellenden Formen deutlich abzeichnete. Ihr Gesicht, von der Farbe und Klarheit des Alabasters, verleugnete die jüdische Abstammung nicht, aber Rachel Löwenthal stand noch in jener ersten Jugendblüte, wo die Nationalität nur wie ein kaum merklicher Untergrund der rein menschlichen Schönheit erscheint. Ein Schimmer des Orients lag hauptsächlich in den Augen, welche mit ihren breiten, schweren Lidern an die Phantasiebilder von Odalisken, an die Lotusblume und die üppigen Reize morgenländischer Frauen erinnerten.

Aber auch das Zimmer stand in auffallendem Kontrast zu dem, in welchem Simon seine Klienten zu empfangen pflegte. Zwei rosenrote Lampenkugeln hingen in metallenen Ketten von der Decke und übergossen alles in dem Zimmer mit angenehmem Lichte, während ein kleines, silbernes, über jeder Lampe angebrachtes Räucherbecken den Raum mit leichtem Wohlgeruch erfüllte. Niedliche Tischchen mit geschweiften, vergoldeten Beinen, Sessel mit kostbarem rot und grauen Stoff bezogen, geschliffene Spiegel in verschnörkelten Goldrahmen und eine Menge kleiner, unnützer Zierlichkeiten bildeten das Möblement und hingen, standen und lagen in einer gewissen künstlerischen Unordnung an den Wänden und auf dem weichen, kostbaren Fußbodenteppich umher. Die ganze Einrichtung war im Pompadourstil gehalten und erinnerte den Beschauer an Versailles.

Simon, der seine Ungeduld dadurch verraten hatte, daß er sich abwechselnd in den Haaren kratzte und mit dem Golde in seinen Taschen klimperte, stand, nachdem der Gesang beendigt war, eben im Begriff, die Thür zu schließen, als Mr. Wellingford von der andern Seite auf die Schwelle trat.

»Ich habe nicht Zeit, länger zu warten, Mr. Löwenthal, und es würde auch gar keinen Zweck haben, denn ich weiß jetzt schon mit Bestimmtheit, daß wir uns über das in Frage stehende Geschäft nicht einigen können,« sagte er, und sich zu Rachel wendend, setzte er hinzu: »Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß ich, als ich hier eintrat, weder die Absicht noch eine Ahnung davon hatte, mich in das Zimmer einer Dame einzudrängen. Ich hoffe deshalb, daß Sie meine unabsichtliche Unart entschuldigen und meinen Dank für Ihren schönen Gesang annehmen werden. Sie haben wirklich eine sehr schöne Stimme und hoffentlich finde ich noch später einmal Gelegenheit, dieselbe zu bewundern.«

Rachel war vom Pianoforte aufgestanden, trat in die Mitte der Stube und bemerkte nun erst die Gegenwart Almas, welche Wellingfords Stimme mit einem innerlichen Beben erfüllt hatte, das sie vergeblich zu bemeistern suchte. Einen Moment kam ihr der Gedanke, zu entfliehen, aber die Gewißheit, nun doch schon entdeckt zu sein, und die Furcht, einen Mangel an Würde zu zeigen, hielt sie davon zurück. Zu alledem hatte er ihr Gesicht ja nie deutlich gesehen, und so schritt er wahrscheinlich vorüber, ohne sie zu beachten. Diese Hoffnung ermöglichte es ihr, die innere Aufregung niederzukämpfen und ein gleichgültiges Gesicht zu machen – aber gerade in diesem Augenblicke ging Wellingford durch das Zimmer und gab ein unverkennbares Zeichen der Ueberraschung, als er sie erblickte. Sie fühlte, daß die Hand mit der sie sich auf den Schreibtisch stützte, zitterte, und wußte, daß sie im Begriff stand, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren. Wellingford faßte sich indessen schon im nächsten Augenblicke und widmete, wie es schien, seine ganze Aufmerksamkeit den verschleierten Worten Simons, die, wie Alma recht gut begriff, nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

Sie konnte, während er die Augen abgewandt hielt, das Gesicht des jungen Mannes genau beobachten und fand, daß er im ganzen kaum eine weniger interessante Erscheinung war, als sie vermutet hatte. Ohne sich von dem gewöhnlichen amerikanischen Typus im wesentlichen zu unterscheiden, sah er doch sehr auffallend aus, was sowohl in der Form des Kopfes und seiner ganzen, zugleich Kraft und Geschmeidigkeit verratenden Haltung lag, wie in einer gewissen Vornehmheit des Ausdruckes und einer geistigen Ueberlegenheit seines ganzen Wesens, welche letztere beinahe im Widerspruch mit der Jugendlichkeit seines Gesichtes stand. Das erste jedoch, was Alma auffiel, war sein Haar, das sich, obgleich sehr kurz geschnitten, in kleinen Löckchen im Nacken, über den Ohren und Schläfen kräuselte. Dies war nur eine sehr äußerliche Bemerkung, aber bei ihr gingen solche Beobachtungen oft den tieferen voraus. Sein Nacken hatte etwas sehr Charakteristisches und Männliches, und sah so sonnengebräunt aus, als trage der Eigentümer häufig eng anschließende Flanellkleider und halte sich viel in Ruder- und Segelbooten auf. Ein kurzer, blonder Vollbart, kaum über das Flaumstadium hinaus, verdarb die Umrißlinien des Kinnes nicht, und über den schön geformten, jugendlich frischen Lippen kräuselte sich leicht und weich ein etwas dunkler gefärbter Schnurrbart, welcher aber nicht im Kinn- und Backenbart verlief, sondern an den Mundwinkeln eine leere, glatte Stelle ließ. In den dunkelblauen, ernst und doch gutmütig blickenden Augen lag im Moment ein Ausdruck von Zorn, der ihnen gar nicht übel stand – sonst war in dem Gesichte nichts Bemerkenswertes als der schon erwähnte Ausdruck von Vornehmheit und jugendlichen, jetzt streng in den Schranken gehaltenen Uebermutes. Der obere Teil seines Körpers machte den Eindruck, als sei die anfängliche, natürliche Schlankheit durch anhaltende Muskelübungen zu solcher Kraft und Breite ausgebildet worden, und Alma zog daraus den Schluß, daß der junge Mann nicht sowohl während der Schulzeit dem Sport mit Vorliebe obgelegen, sondern den Mangel erst später durch Leibesübungen mit bewußter Absicht ausgeglichen habe.

Ein Ausbruch von Ungeduld, welcher nicht ganz zu dem Charakter stimmte, den sich Alma für ihren Helden konstruiert hatte, unterbrach die Beobachtungen des jungen Mädchens.

»Mein lieber Mr. Löwenthal,« hörte sie Mr. Wellingford sagen, »die Beschränktheit Ihrer Begriffe von Moral hat wirklich etwas Rührendes. Erlauben Sie mir, Ihnen, als Beweis meiner Hochachtung, die zehn Gebote gedruckt zuzusenden. Dieselben wurden Ihren Vorfahren bekanntlich gegeben, um sie von ihrer natürlichen Neigung zu krummen Wegen zurückzubringen. Geben Sie sich keine weitere Mühe, mich etwa als Sachverständigen oder in einer andern Eigenschaft Ihren Zwecken dienstbar zu machen – ich würde sonst jeden ferneren geschäftlichen Verkehr mit Ihnen ablehnen müssen.«

Ohne Simons Antwort abzuwarten, trat er dabei auf Alma zu.

»Ich glaube mich nicht zu täuschen,« sagte er mit einer tiefen Verbeugung, »wir sind uns schon einmal begegnet.«

»Ich wüßte nicht, daß ich schon das Vergnügen gehabt hätte,« entgegnete Alma in ihrer hochmütigsten Weise.

»Ach, dieses Beweises bedurfte ich nur noch,« sagte er mit einem langen Atemzuge, als sauge er den Ton ihrer Stimme wie einen köstlichen Wohlgeruch ein. »Es mag sehr unzart von mir sein, Sie hier wiederzuerkennen, und ich würde es auch gewiß nicht gethan haben, wenn – wenn ich gewußt hätte, daß Ihnen die Wiederaufnahme der Bekanntschaft unangenehm wäre.«

»Sie müssen sich im Irrtum befinden,« fuhr Alma mit eisigem Stolze fort; »denn ich versichere Sie, daß ich Ihr Gesicht bis jetzt nie gesehen habe.«

Sie wollte damit andeuten, daß die Begegnung im Nebel ihr jedenfalls nicht so wichtig und denkwürdig erschienen sei, wie ihm, und doch schwelgte sie in demselben Moment in dem Gedanken, daß sie sogar im nebelhaften Zwielicht einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Indessen schien ihn ihre abweisende Art, die er vielleicht für mehr als halb erheuchelt hielt, nicht im geringsten zu verletzen.

»Sie haben recht, denn – wenn Sie mir erlauben, Ihrem Gedächtnisse ein wenig zu Hilfe zu kommen – der Nebel war dazu wohl zu dicht,« entgegnete er.

»Ah, dann bitte ich um Verzeihung,« sagte sie, den Ton leichthin wechselnd. »Sie sind also der namenlose Herr, welcher mich an jenem Abend, als wir in Newport im Nebel lagen, so angenehm unterhielt. Ich hätte mich Ihrer wohl erinnern sollen, aber ich habe ein so schwaches Gedächtnis für Physiognomien – die ich nicht gesehen habe, und die Stimme, auch wenn sie von besondrem Klange ist, genügt doch nicht, um die Identität einer Person festzustellen.«

Das war eine geschickt ausgeführte kleine Finte, deren Wirkung sie im voraus berechnet hatte. Sie wollte ihm jedes fernere Gespräch verleiden und sich dadurch die Möglichkeit verschaffen, zu entschlüpfen, ohne ihren dummen Streich zu beichten. Sie fühlte sich schon gedemütigt genug, daß jemand, an dessen guter Meinung ihr so viel lag, sie hier treffen mußte, und sie zürnte sich selbst, daß sie der Versuchung nachgegeben hatte und eingetreten war. Der Besitz der vier oder fünftausend Dollars, welche Simon für sie gewinnen sollte, schien ihr jetzt sehr unwichtig; von großer Wichtigkeit war es ihr dagegen, sich aus dieser häßlichen Lage zu befreien, ohne sich in den Augen eines Mannes bloßzustellen, von dem sie, allem Vermuten nach, eine schonungslose Verurteilung ihrer Handlungsweise zu befürchten hatte. Wellingford, der ihre Absicht ebensogut erriet, wie ihre Beweggründe, machte ihr denn auch seine Abschiedsverbeugung und wandte sich dann der Thür zu aber als er die Hand eben auf den Drücker legen wollte, fing er einen Blick des Juden auf, der, sich die fetten Hände reibend, dastand und die gefangene Prinzessin mit dem Auge eines Menschenfressers betrachtete, um sich an ihrer Schönheit zu weiden, ehe er sich daran machte, sie zu verzehren. Dieser Anblick rief aufs neue seinen ganzen ritterlichen Sinn wach, und er beschloß, das Prinzeßchen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie ihm zürnte, dem Werwolf aus den Zähnen zu reißen.

»Wollen Sie mir nicht gestatten, Sie zu Ihrem Wagen zu geleiten, Miß Hampton?« fragte er so leichthin, als spreche er nur eine gewöhnliche höfliche Redensart, ohne tiefere Bedeutung aus.

»Nein, ich danke Ihnen, Mr. –«

»Wellingford,« gab er zur Antwort, während er innerlich über ihre hübschen kleinen Kunstgriffe lachte.

»Nein, Mr. Wellingford, es thut mir leid, Ihre Begleitung jetzt nicht annehmen zu können,« fuhr sie fort.

»So werde ich warten, bis Sie fertig sind,« entgegnete er ruhig, indem er sich auf einen Stuhl in der Nähe der Thür setzte und sich mit seinem dünnen Spazierstöckchen an die Beine schlug.

»Ich fürchte, daß ich niemals fertig sein werde, Mr. Wellingford,« sagte sie ärgerlich, indem sie ihm einen zornigen Blitz aus ihren schönen Augen zuschleuderte.

»Dann werde ich hier warten müssen bis zum Nimmermehrstage.«

»Haben Sie sich etwa vorgenommen, mich und meine Handlungen zu überwachen?« entgegnete sie, kaum noch im stande, ihre Aufregung zu bemeistern.

»Mein Fräulein,« sagte er, indem er sich erhob und auf sie zutrat, mit heller Stimme, »wenn ich mir wirklich vorgenommen habe, Sie und Ihre Handlungen zu überwachen, so geschieht dies nur, weil ich sicher bin, daß Sie in Ihrer Unschuld keine Ahnung von dem wahren Charakter des Mannes haben, mit dem Sie, allem Anschein nach, in Geschäftsverbindung zu treten wünschen. Ich meinesteils habe eben eine recht nette Erfahrung mit ihm gemacht. Er hat in Geldsachen ein Gewissen, durch welches in der Mitte ein roter Strich geht, während sich zu beiden Seiten das Soll und Haben hübsch die Wage halten. Ich will Sie mit Dingen, von denen ich selber nur wenig verstehe, nicht langweilen, aber ich glaube, so oft Simon einen Christen betrügt, thut er einem Juden etwas Gutes, und immer sorgt er dafür, daß ihm selbst dabei ein hübsches Profitchen in die Tasche fällt. Es mag eine thörichte Einbildung von mir sein, aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß das prächtige Gemach seiner Schwester nur durch vielfache Uebertretungen der zehn Gebote eingerichtet worden ist, daß der Spiegel, die geschnitzten Tische und der schwellende Diwan Simons große, viel Gewinn bringende Sünden, die Bücher sowie der sonstige Schmuck und Ausputz aber ebenso viele kleinere weniger einträgliche Missethaten derselben Art repräsentieren.«

Es lag ein Untergrund von Ernst in diesem leichten Geplauder, welcher Alma keineswegs entging, aber sie wollte ihrem Mentor nicht die Freude bereiten, ihm zu zeigen, daß die Worte einen Eindruck auf sie hervorbrachten. Das leise innerliche Beben, dessen sie sich bewußt war, machte sie im Gegenteil nur um so hartnäckiger, und wirklich gelang es ihr mit ziemlichen Erfolg, eine unbefangene Heiterkeit zu heucheln, als sie antwortete: »Was Sie sagen! Ich hatte keine Ahnung, daß Mr. Löwenthal ein solcher eigennütziger Mensch ist – aber im ganzen, finde ich, ist sein System der offenbaren und offenkundigen Ausbeutung so übel nicht. Jedenfalls ist es männlicher, als die aufs Geratewohl hinlebende, auf den bloßen Zufall rechnende Art und Weise, welche wir andern Sterblichen uns angeeignet haben. Ich bin nämlich – damit ich es nur gestehe – eben dabei, einen kleinen derartigen Versuch auf eigne Hand zu unternehmen, das heißt, ich habe die Absicht, ein bißchen, allerdings nur ganz harmlos, an der Börse zu spielen, und möchte den mir so fürchterlich geschilderten Juden als Agenten benutzen. Was meinen Sie – wie viel Prozente wird er mir dafür anrechnen? Ich will natürlich ganz ehrlich bei dem Geschäft zu Werke gehen und ihm seinen Anteil an meinem Gewinn gern zukommen lassen.«

Diese Rede war ein ihm Trotzbieten, eine Großsprecherei, deren Kühnheit Alma selbst sehr gefiel. Sie behandelte Wellingford wie einen unberufenen Moralprediger und es machte ihr Vergnügen, ihn »ablaufen« zu lassen. Zu dieser kriegerischen Absicht und Stimmung paßte ihre ganze Erscheinung und selbst ihr Kostüm. Für ein künstlerisch gebildetes Auge konnte es, wie sich Wellingford gestand, nichts Schöneres geben, als dies junge Mädchen im gegenwärtigen Momente. Der große Rembrandthut, unter dessen aufgeschlagenem breitem Rande eine Masse von dunkeln Locken hervorquellen, die fein geschnittenen Züge, die furchtlosen braunen Augen, die klar gezeichneten, nur schwach gebogenen Brauen, der widerspenstige, kleine, trotzige Mund, dem es bei aller Mühe nicht gelingen wollte, den Ausdruck strengen Ernstes festzuhalten – wie hätte man ein so entzückendes Wesen hart richten oder ihm böse sein können? Selbst Trotz und Großsprecherei kleideten sie, wie sich Wellingford sagen mußte, wunderbar gut – schon um der Haltung des Kopfes willen, der, ein wenig zurückgeworfen, ihren schönen Hals sehen ließ, während die etwas erweiterten Nasenflügel ihrem Gesicht einen unbeschreiblich belebten Ausdruck verliehen, welcher an den eines edlen, feurigen Rosses erinnerte.

Wellingford merkte, daß er schnell vom Standpunkte des Kritikers auf den eines Bewunderers geriet, nahm sich aber fest vor, diese Schwäche so lange als möglich geheim zu halten, und so entgegnete er, ohne die ernste Miene abzulegen:

»Zu einer so verwickelten Berechnung gehört der Kopf eines Juden. Ich glaube, es läßt sich das auch erst im Augenblicke des Monatsabschlusses sagen. Sie sehen, ich versuche es, mich auf Simons Standpunkt zu stellen, den Sie durch eine so überzeugende Beweisführung auch als den Ihrigen bezeichnen.«

»Sie müssen schon entschuldigen, Mr. Wellingford,« gab Alma in etwas schnippischem Tone zur Antwort, »wenn ich darauf verzichte, in dieser Angelegenheit Ihren Rat einzuholen. Sie kennen die Umstände und Verhältnisse nicht, und sind deshalb nicht im stande, meine Handlungsweise zu beurteilen.«

Damit machte sie ihm eine förmliche Verbeugung und wandte sich Löwenthal zu, welcher, in einem Kasten mit Papieren kramend, an seinem Pulte saß. Sie zog ihre Diamanten hervor, die der Jude nicht höher als für zweitausend Dollar annehmen wollte, sowie das Perlengehänge, das er unverschämterweise auf nur fünfhundert schätzte. Aber obwohl Alma mehrmals zu ihrem Riechfläschchen greifen mußte und ihre Hände eine ärgerliche Neigung zum Zittern verrieten, war sie fest entschlossen, keinerlei Symptome von Aufregung zu zeigen, und ehe noch fünfzehn Minuten verflossen, war man überein gekommen, daß Simon tausend Stück New York-Central-Aktien zum Kurse von einhundertundzwölf für sie kaufen, und ihre Juwelen im Werte von zweitausendfünfhundert Dollar als Differenzdeckung an sich nehmen sollte.

Alma hatte kaum die oberflächlichste Idee von der eigentlichen Bedeutung und Tragweite des Geschäftes – aber sie hätte Wellingford um keinen Preis zu Hilfe gerufen, und damit ihre Unwissenheit eingestanden. Mit bebendem Herzen legte sie ihren Schmuck auf das Pult, nahm die Papiere, welche ihr der Agent einhändigte, mit einem Gefühl von Bestürzung und gänzlicher Hilflosigkeit in Empfang, raffte dann ihr Kleid wieder zusammen und wendete sich der Thür zu. Dem Anschein nach hatte sie gar nicht bemerkt, daß Wellingford auf sie gewartet, sondern stieß, als er jetzt aufstand und auf sie zutrat, einen leichten Schrei der Ueberraschung aus.

»Wie, Sie sind noch»hier, Mr. Wellingford?« rief sie, indem sie die Augenbrauen ein wenig in die Höhe zog. »Ich glaubte, Sie wären längst auf und davon.«

»Ich mußte doch mein Wort halten,« entgegnete er. »Darf ich mir jetzt erlauben, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten?«

Diese kühle Beharrlichkeit, welche, wie sie recht gut fühlte, eine Ueberlegenheit über ihr eignes leidenschaftliches, schwankendes Wesen andeutete, reizte den bereits in Alma kochenden Zorn noch mehr, und gern hätte sie dieser Empfindung Luft gemacht. Aber das würde ihm nur ein neues Uebergewicht gegeben haben, und so suchte sie sich zu beherrschen. Lächelnd nahm sie den ihr gebotenen Arm, stieß, während sie an seiner Seite die Treppe hinabschritt, hin und wieder einen kleinen Schreckensschrei aus, klammerte sich dann schüchtern und hilfsbedürftig nur um so fester an ihn an – genug, bediente sich aller jener kleinen, reizenden Kunstgriffe, welche junge Damen für geeignet halten, sich unwiderstehlich zu machen. Sie spielte mit vollem Bewußtsein Komödie und war stolz auf ihre Leistungen in dieser Kunst. Das war die rechte Art und Weise, solche schulmeisterliche junge Herren unterzukriegen und zu fangen. Ja, trotz ihres Widerwillens gegen Wellingfords gönnerhaftes Wesen war sie gar nicht abgeneigt, ihn in Fesseln zu schlagen, denn obgleich sie nicht mehr für milchweiße Zelter schwärmte, hatte sie doch den Geschmack an anbetenden, ihr zu Füßen liegenden Rittern nicht verloren – im Gegenteil schien derselbe mit den Jahren gewachsen. Was Wellingford betraf, so war sie zu der Ansicht gelangt, daß er einer jener Männer sei, welche sogar einen Erzengel Gabriel um die Geduld gebracht hätten; da sie selbst aber mit diesem Engel keine allzu große Aehnlichkeit besaß, so beschloß sie, in diesem Falle auch von seinem wahrscheinlichen Verhalten abzuweichen.

Als ihr Wellingford die Wagenthür öffnete und das Gaslicht voll auf sein Gesicht schien, fiel es Alma von neuem auf, welch ein schöner, wohlgebildeter Mann er war, aber er machte ihre aufkeimende gute Meinung schon im nächsten Augenblicke wieder zu schanden, indem er sich mit dem Hute in der Hand durch das Wagenfenster zu ihr neigte und sagte: »Ich bin ein sehr aufdringlicher Mensch, Miß Hampton, und muß Sie noch ein bißchen quälen. Sie haben heute Drachenzähne ausgesäet und es wird nicht lange dauern, bis dieselben aufgehen. Wenn Ihnen nun die Ernte über den Kopf wachsen sollte, so haben Sie die Güte, an mich zu denken. Ich verspreche, Sie nicht damit zu ärgern, daß ich Sie an diese Prophezeiung erinnere, aber es würde mir eine große Freude sein, Ihnen einen Dienst leisten zu können.«

»Hoffentlich werde ich nicht in die Notwendigkeit versetzt, Ihnen diese Freude zu machen,« entgegnete Alma mit schlecht verhehlter Ungeduld.

»Diese Worte zeigen mir, daß Sie schon jetzt an meine Prophezeiung glauben, denn wenn dem nicht so wäre, riskierten Sie ja gar nichts, indem Sie mir das Versprechen geben.«

»Nein, ich glaube nicht an Ihre Voraussetzung und finde es sehr häßlich, daß Sie mich so peinigen!« rief Alma heftig. »Um Ihnen aber zu beweisen, wie wenig ich mir aus Ihrem Unkenrufe mache, verspreche ich hiermit, Sie und Ihre Freundschaft anzurufen, falls Sie recht behalten sollten.«

»Ich danke Ihnen, da ist meine Karte und Adresse.«

Dabei nahm er noch einmal den Hut ab und ging davon, während Alma in ihrem Zorn die Karte in kleine Stücke zerriß und dieselben auf den Boden des Wagens warf. Als sie sich indessen ihrem Hause näherte und die Ueberlegung ihr wiederkehrte, bückte sie sich, um diese Stücke wieder aufzulesen, die sie dann zusammen in einem besondern Täschchen ihres Notizbuches verwahrte.



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