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Dreißigstes Kapitel.
Ein Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts.

Etwa eine Woche nach Rachels Abreise nach Europa wurde das Wellingfordsche Haus durch ein Gemisch von Freude, Angst und hundert andern sich widersprechenden Erregungen in seinen Grundtiefen erschüttert. Harry legte, in seinem Zimmer auf und ab gehend – nach ungefährer Schätzung – eine Strecke von etwa fünf englischen Meilen zurück und drückte dem Teppich unverwischbare Spuren dieses Marsches ein. Fremde, untergeordnet aussehende Persönlichkeiten, welche nur flüsternd sprachen und sich auf den Fußspitzen hin und her bewegten, nahmen von dem Haushalt Besitz und maßten sich die Oberherrschaft an. Harry selbst fühlte sich vollständig überflüssig, übersehen und beiseite gesetzt. Hätte man ihm gesagt, daß es sich für ihn schicken würde, aus dem Fenster zu springen, er hätte den Vorschlag gewiß wenigstens in Erwägung gezogen. Dabei war er sich seines blödsinnigen Zustandes voll bewußt und scheute sich, den Mund aufzuthun, weil er fürchtete, die allgemeine Mißachtung zu vergrößern, mit welcher ihn, allem Anschein nach, die gegenwärtigen Machthaber in seinem eignen Hause betrachteten. Da er nichts weiter anzufangen wußte und sich in seiner Unthätigkeit unaussprechlich hilflos und elend fühlte, so telegraphierte er an seine Mutter, welche auch mit dem Abendzuge und gerade im rechten Moment ankam, um einen Enkel zu begrüßen, der seinen Eintritt in die Welt mit kräftiger, vielversprechender Stimme kundgab. Mrs. Wellingford, die ältere, welche einen ganz ausgesprochenen Beruf hatte, solchen »Familienereignissen« vorzustehen, bemächtigte sich denn auch sogleich der Zügel, und binnen fünfzehn Minuten sahen sich Arzt und Pflegerin ihrem Willen unterworfen. In geheimnisvoller Weise und zum erstenmal in Harrys Gegenwart, deutete sie auf ihre eignen Erfahrungen als Mutter hin, und der Sohn wurde sich mit einem seltsamen, aus Vergnügen und Achtung gemischtem Gefühl bewußt, daß er jetzt in ihren Augen mit einer Art von Würde bekleidet war, und daß fortan ein neues Band zwischen ihnen bestehe. Erst jetzt wurde ihm klar, daß die Mutter bis dahin nie auf dem Fuße vollkommener Gleichheit mit ihm verkehrt hatte.

Das Individuum, welches diese Veränderung in den Beziehungen zwischen Mutter und Sohn hervorbrachte und einen ruhigen Hausstand auf den Kopf stellte, wog elf und ein halbes Pfund und blickte mit großen, schwarzen, ernsten und zugleich verwunderten Augen in die Welt. Harry fühlte sich seltsam erleichtert und von Glück förmlich durchdrungen, und obgleich es mitten in der Nacht war, konnte er – nachdem man ihn aus der Wochenstube verwiesen – dem Verlangen nicht widerstehen, noch einen Gang durch die Straßen zu machen, um sein freudegeschwelltes Herz hinauszutragen unter den weiten Himmelsdom. Je tiefer und umfassender die Bildung eines Menschen ist, um so tiefer ist auch das Gefühl der Ehrfurcht in ihm, und als Harry jetzt, über den Mysterien des Lebens und der Entstehung des Menschen brütend, vergeblich an die Pforten des großen Weltgeheimnisses klopfte, empfand er beinahe fühlbar die Schranken der Erkenntnis, die uns von allen Seiten umgeben. Er war sich natürlich der Thorheit des Gedankens bewußt, aber es kam ihm vor, als müsse er seinen Sohn, der soeben aus den unbekannten Regionen herübergekommen, um diese Geheimnisse fragen, und als könne er nur von ihm Auskunft darüber erhalten. Wie schade, daß sie nicht dieselbe Sprache redeten!

Als Harry an dem Hause seiner Schwiegereltern vorüberging, fiel ihm ein, daß er wohl seinen Vater von der ihm neu zugefallenen Würde als Großpapa unterrichten müsse. Hoch und stolz aufgerichtet trat er in das nächste Telegraphenbüreau, und wunderte sich nur, daß der glatzköpfige Beamte gar nichts Besondres an ihm zu bemerken schien. Als aber dann der Mann sogar das Telegramm mit derselben unbeweglichen Miene überlas, mit welcher er gelesen haben würde: »Schweinefleisch 12 Dollar, Buchweizen 1 Dollar 50, Eriebahn 55 Prozent,« da hielt sich Harry überzeugt, daß er eine ganz gemeine, gegen alles Höhere abgestumpfte Natur vor sich haben müsse.

Das Telegramm lautete:

 

»Ein Fremdling, welcher sich Hugh Wellingford nennt und vor kurzem noch Bürger einer unbekannten Welt war, ist heute nacht elf Uhr fünfundvierzig Minuten hier eingetroffen. Mit seiner Aufnahme zufrieden, hat er sich entschlossen, bei uns zu bleiben, und Alma und ich sind darüber hoch erfreut. Sie befindet sich, den Umständen angemessen, wohl und mir geht es ungeheuer gut.

Harry.«

 

Harry erschrak ein wenig über den Preis dieses seltsamen, nächtlichen Telegramms, fühlte sich im Besitz eines Sohnes aber so reich, daß er den Betrag gern bezahlte. Als er endlich morgens sechs Uhr nach Hause zurückkehrte, sah er ein, daß er nichts Vernünftigeres thun könne, als sich zu Bett zu legen, aber es schien ihm doch unmöglich, sich zur Ruhe zu begeben, ohne seinen Sohn nochmals gesehen zu haben. Auf den Zehen schlich er sich nach dem Schlafzimmer und fand Alma ruhig schlummernd. Das Kind lag ebenfalls schlafend an ihrer Seite. Es war das entzückendste Bild, welches er je gesehen. Seine Mutter, die mit weit offenen Augen in einem Lehnstuhle saß, legte den Finger auf die Lippen und winkte ihm dann, sich wieder zu entfernen.

Morgens gegen neun Uhr erwachte er aus einem traumreichen Halbschlummer und wurde sogleich zu seiner Frau gerufen.

»Ich wollte dich bitten, Harry, Drahtgitter vor die Fenster machen zu lassen,« sagte Alma mit großer Wichtigkeit.

»Gern, liebes Herz,« entgegnete Wellingford, »aber würdest du mir vielleicht sagen, wozu sie dienen sollen?«

»Wozu sie dienen sollen, Harry? Wie kannst du nur so thöricht fragen? Weißt du denn nicht, daß man in allen Häusern, wo Kinder sind, Drahtgitter vor den Fenstern hat?«

»Aber ich glaube nicht, daß unser Kleiner so bald anfangen wird zu klettern.«

»Bitte, reize mich nicht, Harry!« rief Alma flehend. »Du weißt, daß es gefährlich ist, mich jetzt zu ärgern. Ich will die Drahtgitter haben. Es wird von der Straße aussehen, als hätten wir schon das ganze Haus voll Kinder –und das ist so hübsch und gemütlich.« » Omen accipio!« rief Harry lachend. »Du sollst deine Drahtgitter haben, liebes Kind.«



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