Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechstes Kapitel.
Wie man sich zu beweisen sucht, daß man nicht verliebt ist.

Die ununterbrochene Reihe von Vergnügungen, aus welcher das Dasein einer reichen und eleganten Amerikanerin besteht, entbehrt nicht ihrer Schattenseiten. Sie stumpft den Geschmack für die einfacheren Genüsse und unscheinbaren Freuden des Lebens ab, gleichwie ein Mensch, welcher die Gewohnheit hat, Absinth zu trinken, die Zunge für weniger starke Getränke verliert.

Wer einmal an einem schönen Nachmittage die fünfte Avenue entlang gegangen ist, wird die müde, übersättigte Miene der vornehmen Damen bemerkt haben, welche mit bemalten Gesichtern in der Ecke ihrer prächtigen Equipagen lehnen – und ein Blick auf diese Gesichter gereichte Wellingford immer zum Trost, wenn er dieser ihm unerreichbaren Pracht gegenüber zuweilen bemerkte, daß er sich auf dem besten Wege befinde, Kommunist, Sozialist und Anarchist zu werden. Wenn er die riesigen Spiegelscheiben der Fenster betrachtete und sich ausmalte, wie er sich selbst als Eigentümer und umgeben von all dem Luxus, zu dem sein Geschmack ihn in solchen Momenten hinzog, dahinter ausnehmen würde, so überkam ihn hin und wieder die Ueberzeugung, daß die Welt nicht im richtigen Geleise gehe. Er empfand sich dann als einen so viel würdigeren Gegenstand für die verschwenderischen Zuwendungen der Vorsehung, als der größte Teil der Menschen war, welche die Meute mit ho! und hallo! hetzten und so gellend und mißtönend ins Horn stießen, als wollten sie ihr unverschämtes Glück dem Universum ins Gesicht schleudern.

Nach der im letzten Kapitel beschriebenen Unterredung entdeckte Mr. Wellingford indessen, daß seine Gesundheit unter dem zurückgezogenen Leben, das er führte, ernstlich zu leiden begann, und er entschloß sich demgemäß, ein Opfer zu bringen und von jetzt an jeden Nachmittag eine oder zwei Stunden in besagter fünfter Avenue spazieren zu gehen. Zwischen fünf und sechs Uhr fand sich dort stets Miß Alma Hampton ein, entweder nachlässig – und ohne, wie Wellingford in seiner Unschuld meinte, die bewundernden Blicke der Vorüberfahrenden zu bemerken – in der Ecke ihres Wagens lehnend, oder eigenhändig, mit großer Sicherheit und Kühnheit einen sogenannten Dogkart lenkend. In letzterem Falle war sie in der Regel von einem etwas verlebt aussehenden jungen Manne begleitet, der in einen weiten englischen Ueberzieher gehüllt neben ihr saß und an den sie hin und wieder, während sie in graziöser Weise ihr Pferd mit der Peitsche berührte, eine freundliche Bemerkung richtete. Nun gehört es zwar sicherlich nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, von den Rädern des Wagens, in welchem die Geliebte sitzt, mit Schmutz bespritzt oder mit Staub überpudert zu werden, und der Umstand, daß sie in das reizendste Kostüm gekleidet ist und ihre Aufmerksamkeit zwischen einem hochbeinigen, braunen Traber und einem schläfrig aussehenden jungen Manne mit blondem Schnurrbarte teilt, macht die Sache nicht besser. Aber obgleich dies Wellingfords tägliche Erfahrung war, erlaubte ihm seine kostbare Gesundheit dennoch nicht, die Spaziergänge in der Avenue aufzugeben. Er redete sich selbst ein, daß es seine ästhetische Natur sei, welche zu ihrer Befriedigung täglich wenigstens einmal nach dem Anblick von etwas Schönem verlange, wenngleich derselbe ihn, wie der Duft einer giftigen Blume, in steter Aufregung und Ruhelosigkeit erhielt. Besonders war die Persönlichkeit mit dem blonden Schnurrbarte ein Dorn in Wellingfords Fleische, und obgleich er bei seinen wenigen Bekannten in der Stadt auf vorsichtige Weise Erkundigungen über den jungen Mann einzuziehen suchte, vermochte doch niemand, ihm über den gefährlichen Nebenbuhler befriedigende Auskunft zu geben.

Möglicherweise war es ein Engländer – ein echter oder nachgeahmter – und ein Sohn Albions übt stets die wunderbarste Wirkung auf die Phantasie der New Yorker Schönheiten aus. Ist er nicht selbst ein Lord oder Baronet, so hat er doch vielleicht einen Vetter von mütterlicher Seite, der es ist, und dieser nähere oder fernere Zusammenhang mit der Aristokratie stellt selbst den Dümmsten in den Augen der amerikanischen Damen höher, als geistiger Wert es vermöchte. Harold brachte drei schlaflose Nächte mit dem Nachdenken über die Beziehungen Almas zu diesem Fremden zu und geriet in förmliche Wut bei der Erinnerung an die nachlässige und vertrauliche Art und Weise, in welcher dieser – wie Wellingford beobachtet – ihre Bemerkungen beantwortet hatte, ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden. Es war deshalb eine nicht geringe Ueberraschung für ihn, als er den Gegenstand seines Zornes eines Abends im Klub traf und bei der gegenseitigen Vorstellung erfuhr, daß derselbe Walther Hampton heiße und Almas Bruder sei. Er hätte den jungen Mann beinahe umarmt und es kostete ihn Mühe, seine Freude zu mäßigen. Er hatte sich Alma immer als einziges Kind ihrer Eltern gedacht und mußte nun das Bild ihrer Umgebung, wie er sich dieselbe in seiner Phantasie ausgemalt, gänzlich umgestalten, um darin einen Platz für diesen unvorhergesehenen Bruder zu finden.

Walther, dem Harolds Geständnis, daß er ihn für einen Engländer gehalten, ungemein schmeichelte, machte eine Anstrengung, seine Augen wenigstens zur Hälfte zu öffnen, warf den Kopf ein wenig zurück und betrachtete seinen neuen Bekannten mit einer Art herablassenden Wohlgefallens.

»Ah – ah – könnten mich abends zuweilen besuchen,« sagte er dann mit seiner dicken Stimme. »Mag gern nette Kerle und dergleichen bei mir sehen, wissen Sie. – Fünfte Avenue, Nr. 5. Wette um 'ne Guinea, Sie finden nirgends in New York bessres Getränk und bessre Cigarren.«

Harold versprach, zu kommen, obgleich Walther einen nichts weniger als angenehmen Eindruck auf ihn machte. Der junge Mann war Almas Bruder und das sprach für ihn. Was Walther betraf, so war er nicht gewöhnt, starke Eindrücke zu empfangen, und that sich darauf etwas zu gute. Er sprach im Laufe des Abends von Harold als von »'nem närrischen Kauz«, gab aber zu, daß er »verflucht gut« aussähe.

Wellingford hatte sich nach seiner Fahrt mit Alma beeilt, ihre Geldangelegenheiten zu ordnen. Er hatte Simon noch vor der bestimmten Zeit aufgesucht und viertausend Dollar, welche er sich von einem wohlhabenden Freunde geborgt, dazu verwendet, ihre Schmucksachen auszulösen und die verlangte weitere Deckung zu hinterlegen. Simon war wütend, als er hörte, daß die Papiere auf Harold übertragen seien, und erhob eine Menge von Schwierigkeiten, ehe er sich entschloß, die Juwelen herauszugeben. Ganz offen deutete er an, er sei nicht so harmlos, wie er aussähe, und werde es dem Ingenieur eines Tages gedenken, daß er ihn um eine so viel Profit versprechende Klientin gebracht habe. Fünf Tage später gab Harold ihm den Auftrag, die Aktien zu einhundertdreizehn zu verkaufen, und gewann dadurch noch etwas mehr als nötig war, um die Zinsen der geliehenen Summe und die Maklergebühren zu bezahlen, wodurch auch das von Alma unterzeichnete Schriftstück aus den Händen des Juden in die seinigen überging.

Am Abend des Tages, an welchem der Verkauf stattgefunden, war Wellingford zu einem Balle bei Mr. Palfrey, einem Freunde seines Vaters, eingeladen Der Briefträger händigte ihm die Berechnung seines Agenten, sowie den bei dem Geschäft erzielten Ueberschuß gerade in dem Augenblicke ein, als der junge Mann vom Mittagessen nach Hause zurückkehrte, um sich durch ein Schläfchen für den Ball vorzubereiten und zu stärken. Er hatte eben beschlossen, am nächsten Abend der Aufforderung Walthers, ihn zu besuchen, Folge zu leisten, und hoffte durch einen glücklichen Zufall dort Alma zu begegnen, um ihr Rechenschaft über den Verlauf der ihm anvertrauten Sache ablegen zu können. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß dies Glück ihm noch an diesem Abende zu teil werden sollte, und doch fiel sein erster Blick, nachdem er Wirt und Wirtin die schuldige Verbeugung gemacht und sich nach seiner Gewohnheit in eine Ecke zurückgezogen hatte, in ein Paar glänzende braune Augen, welche unter langen, dunkeln Wimpern hervor zu ihm herüberleuchteten.

Alma stützte sich auf den Arm ihres Bruders, der, wie gewöhnlich, Mühe hatte, seine Augen auch nur halb offen zu halten, und mit etwas zurückgeworfenem Kopfe die Gesellschaft in gönnerhafter Weise musterte. Sein hübsches, blondes, in der Mitte gescheiteltes Haar, sein schlaff herabhängender Schnurrbart, sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck der Langeweile dienten den brillanten Farben und dem lebensprühenden Wesen seiner dunkelhaarigen Schwester als vortreffliche Folie. Auch Alma war von Natur blaß, aber von jener warmen Blässe, welche bei der kleinsten Erregung des Blutes in ein leuchtendes Rosa übergeht – und als Harold aus dieser Entfernung die reinen Linien ihrer Züge betrachtete, welche sich von dem Gesicht ihres Bruders abhoben, als sähe man zwei Reliefköpfe in demselben Medaillon, hätte ihm ihre überraschende Schönheit beinahe einen lauten Ausruf entlockt.

Es war nicht jene völlig regelmäßige Schönheit, von der er während seiner ersten Jugendzeit geträumt, sondern etwas viel Lebensvolleres, Menschlicheres und deshalb Bezaubernderes. Ihr Antlitz war nicht das einer griechischen Göttin von strengem, schwerem Schnitt, sondern ein viel feiner und zarter modelliertes, beseelt von einem Ausdruck, welcher vielleicht nur der Frau des neunzehnten Jahrhunderts eigen ist. Als Harold bald darauf den Versuch machte, Alma in einem Briefe an seinen Vater zu beschreiben, sagte er: sie erinnere ihn an jene herrlichen Mädchenbilder in den Weihnachtsnummern der illustrierten Zeitungen, die unverheiratete Männer an die Wände oder Thüren ihrer Zimmer zu befestigen pflegen, nur um sich zu vergegenwärtigen, wieviel Hehres und Holdseliges ihnen möglicherweise noch vorbehalten sein könne. In Alma, so fügte er hinzu, stelle sich – bei ihrem lebhaften amerikanischen Geist und ihrem herrlichen amerikanischen Teint – dieser Typus nur noch viel ätherischer und verfeinerter dar, und obgleich er, wie er sagen müsse, nicht im mindesten in sie verliebt sei, biete sie ihm eine so interessante Studie, daß es ihm, er wolle es nicht leugnen, viel Vergnügen mache, in ihrer Nähe zu verweilen. Eine Auslassung, welche seinen Vater, der sie mit zweifelhaftem Lächeln las, veranlaßte, einige Heinesche Verse, der Gelegenheit entsprechend, zu parodieren:

»Zehn eng geschriebene Seiten
Wenn es nicht mehr ergibt!
Wer sagt mit so viel Worten,
Daß er sich nicht verliebt!«

Die hohen, weiten Räume des Palfreyschen Hauses füllten sich sehr schnell mit den gewöhnlichen New Yorker Gestalten, Männern in schwarzen Fräcken mit ermüdeten, gleichgültigen Gesichtern, und weiblichen Wesen in glänzenden Toiletten und in allen Abstufungen mehr oder weniger großer Schönheit. Harold wurde sich wieder einmal der in jeder amerikanischen Gesellschaft auffallenden Thatsache bewußt, daß die Frauen ungleich bedeutender aussehen, als die Männer, und der eigentliche Typus der jungen New Yorkerin erschien ihm als ein unerhörtes Wunder, welches fähig war, auch das Herz des eingefleischtesten Weiberfeindes in zitternde Aufregung zu versetzen. Seiner Ansicht nach war sie die Krone der menschlichen Entwickelung – wobei er allerdings von der irrtümlichen Voraussetzung ausging, Miß Hampton gehöre zu dem echten New Yorker Vollblut. Von ihrer Vergangenheit in Saundersville hatte er noch keine Kenntnis. Er berauschte sich an den herrlichen Linien ihrer Gestalt, den nackten Schultern, der etwas nach vorn geneigten Büste, den durch die Last der Schleppe zurückgezogenen Schultern, den runden, weißen Armen und den graziösen Umrissen ihres schönen Kopfes. Ihr Haar, eine dichte Masse dunkler Locken, war nicht nach der herrschenden Mode geordnet, sondern auf dem Scheitel zu einer Art von Krone zusammengenommen, aus welcher sich drei oder vier anscheinend entschlüpfte Locken über den Nacken herabschlängelten. Harold, dem dies ausnehmend gefiel, bewunderte es als ein glückliches Spiel des Zufalls. Er wußte noch nicht, daß an der Toilette einer New Yorker Schönheit nichts absichtslos ist und daß gerade der bezauberndsten Zufälligkeit die bezauberndste Berechnung zu Grunde liegt.

Mr. Palfreys Haus war eins derer, welche hunderte von Sozialisten schaffen, denn es gehörte eine fast unnatürliche, übermenschliche Seelengröße dazu, dasselbe zu besuchen und dem Eigentümer den Besitz zu verzeihen. Die behagliche Wärme, welche den Eintretenden empfing, sobald er die Schwelle überschritt, die langen Reihen von Gemächern, deren stets offenstehende, mit Gardinen behangene Thüren die Aussicht auf Gruppen von wehenden Farnkräutern und tropischen Pflanzen boten, die großen Gemälde von modernen Meistern, welche die Wände bedeckten und durch kunstvoll angebrachte Spiegelreflexe in das vorteilhafteste Licht gesetzt wurden, die sonstige Ausschmückung der schönen Räume, von denen einige hell und heiter, sogar mit einem kleinen Anfluge von Koketterie, andre in dunkler, ernster Pracht gehalten waren – alle diese und noch hundert andre Dinge gaben Zeugnis von einem gediegenen und geläuterten Geschmack, wie man ihn den Amerikanern sonst nicht zuschreibt, und bezeichneten den Besitzer als einen Mann, dessen Bildung seinem Reichtume wenigstens gleichkam.

Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten Wellingfords, daß er stets, wenn er etwas Neues und ihn Ansprechendes betrachtete, einen – wie er es nannte – »philosophischen Anfall« bekam, und auch jetzt konnte er sich nicht enthalten, darüber nachzudenken, was Palfrey im großen und ganzen der Menschheit für alle die guten Gaben und Schätze schuldete, welche er sich zu eigen gemacht. Während die wiegenden Klänge eines Straußschen Walzers zu ihm herüber tönten, stand er in der Bibliothek vor einem Gemälde, ohne es eigentlich zu sehen, ganz in den Gedanken verloren, was er selbst wohl thun, wie er selbst sich benehmen würde, wenn er Eigentümer der Millionen Mr. Palfreys wäre – und er war ehrlich genug, sich zu gestehen, daß er, ehe er den Versuch machte, der Menschheit seine Schuld abzutragen, vor allem Miß Hampton heiraten würde, welche es in diesem Falle vielleicht – ja sogar aller Wahrscheinlichkeit nach – der Mühe wert finden dürfte, ihm ihre geneigte Beachtung zu schenken. War es aber inzwischen nicht geraten, daß er davon abstand, die Vorsehung ferner zu versuchen? Sollte er nicht der Gefahr entfliehen, anstatt sich immer fester in die Maschen und Schlingen einer hoffnungslosen Liebe zu verstricken? Eben war er dabei, sich einen Plan für sein Verhalten, d. h. den Weg einer heldenhaften Entsagung vorzuzeichnen, als Mr. Palfrey, der ihn offenbar gesucht hatte, herbeikam und ihn vertraulich auf die Schulter schlug.

»Nun, junger Mann,« sagte er mit gutmütigem Humor, »wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich die Gedankenkappe in die Tasche stecken und sie für diesen Abend auch drin lassen. Wer hätte gedacht, daß Sie eine gemalte Schönheit einer lebendigen verziehen könnten! Da im anstoßenden Zimmer befindet sich wenigstens ein Dutzend hübscher Mädchen, die in Verzweiflung sind, weil Sie ihnen keine Beachtung schenken. Ein junger, schöner Mann wie Sie hat Verpflichtungen gegen die jungen Damen, und diese haben ein Recht sich zu beklagen, wenn sie vernachlässigt werden. Gucken Sie nur 'mal hin, was da für hübsche Gesichter sind, welche Gestalten und Arme und Grübchen! Wahrhaftig, Sie wissen gar nicht, um was Sie sich bringen«

Mr. Palfrey war selbst noch ein sehr hübscher Mann, ein wenig über die dreißiger Jahre hinaus, der sich etwas auf seine vielfachen Erfahrungen in Herzensangelegenheiten zu gute that und gern jungen Männern mit väterlichem Rate zur Hand ging. In seinem Wesen und seiner Haltung lag eine Vornehmheit und Eleganz, welche ihm in der Alten Welt das Ansehen eines Mannes von hochadeliger Familie gegeben hätte. Irgend jemand hatte von ihm gesagt, es sei sehr schade, daß er keine Aussicht habe, jemals Präsident der Republik zu werden, denn sein Profil würde sich auf einer Postmarke sehr schön ausnehmen, und in der That gehörte sein Kopf zu jenen, welche die Natur nur von Zeit zu Zeit hervorbringt, wenn sie, wie es scheint, gerade in der Laune ist zu beweisen, daß sie Meisterwerke zu schaffen vermag, sobald sie den Willen dazu hat. Die reinen Linien der etwas zurückweichenden Stirn, der gebogenen Nase und des festen, kräftigen Kinns waren von ebenmäßiger Schönheit, und der sorgfältig geschnittene und gepflegte Backenbart von rötlich-brauner Farbe diente dem Gesicht in seiner Weise zum Schmuck und zur Zier.

»Sie wissen also gar nicht, daß ich im Augenblicke eine Art Märtyrertum erdulde,« entgegnete Harold lächelnd. »Gerade weil ich zu empfänglich bin, betrachte ich die jungen Damen nur aus sicherer Entfernung. Ich war eben dabei, mir die Seligkeit auszumalen, wenn ich eine der Schönheiten da im anstoßenden Zimmer heiraten könnte, kam aber zu dem Schlusse, daß ich nicht reich genug bin, um die Gesellschaft für den Verlust zu entschädigen, welchen sie erleiden würde, wenn ich ihr den Gegenstand meiner Bewunderung entführte.«

»Nun, solange Sie noch an die Gesellschaft denken, ist Ihr Fall kein gefährlicher,« sagte Mr. Palfrey. »Aber ehe Sie eine übereilte Wahl treffen, möchte ich Sie einer jungen Dame vorstellen, die heute hier ist und es jedem verheirateten Manne als einen an ihm verübten Betrug und Unterschleif erscheinen läßt, daß sie nicht zu der Zeit, als er sich in die Fesseln der Ehe schmiedete, auf dem Markte war. Man hatte sich bis dahin eingebildet, man würde, selbst wenn in jenem Augenblicke alle schönen und liebenswürdigen Frauen der Welt in Reihe und Glied gestanden hätten, um zitternd und zagend die Entscheidung zu erwarten, dennoch nur die eine, längst Erkorene, gewählt haben, und das war ein sehr angenehmes Bewußtsein. Jetzt weiß ich manchen Ehemann, dem dies Bewußtsein, nachdem er Miß Hampton gesehen, abhanden gekommen ist, und es wäre deshalb ein wahrer Segen für viele New Yorker Familien, wenn ein junger Adonis, wie Sie, die Liebe des jungen Mädchens gewänne, sie nach dem Auslande entführte und erst als die Mutter blühender Kinder hierher zurückbrachte. Ich versichere Sie, sie ist kein Schmetterling im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Der Anzug, den sie heute abend trägt, würde allerdings vielleicht Ihr halbjähriges Einkommen verschlingen, aber sie ist reich und würde Sie in den Stand setzen, Ihre eignen Einnahmen als Taschengeld zu verwenden. Und nun, wenn Sie der junge Held sind, für den ich Sie immer gehalten habe, kommen Sie und lassen Sie sich vorstellen. Stützen Sie sich auf meinen Arm – Sie werden es nötig haben, und wenn Sie einen Augenblick warten wollen, werde ich mir zur weiteren Sicherheit von meiner Frau das Riechfläschchen geben lassen.«

»Nein, ich danke!« rief Harold lachend. »Ich will der Gefahr lieber ungewappnet entgegen gehen; es ist heldenhafter.«

Trotzdem fühlte er in der Herzgegend ein ungewöhnliches Klopfen, während er sich am Arme seines Gastfreundes nach dem großen Empfangssalon begab, wo Alma, umgeben von einer Schar von Anbetern, Posto gefaßt hatte.

Als Palfrey sich näherte, öffneten die letztern ihre geschlossenen Reihen und einige von ihnen tauschten über ihre Schultern hinweg Scherze und humoristische Bemerkungen mit ihm aus. Harold wurde mit beinahe unfreundlichen Blicken betrachtet, während er sich tief und ernst vor Miß Hampton verbeugte und seine Augen fragend auf die ihrigen heftete. Kein einziger schien es gern zu sehen, daß die Dame seiner Wahl den Kreis ihrer Bekanntschaften durch einen jungen Mann von so vorteilhaftem Aeußeren erweiterte.



 << zurück weiter >>