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Zweites Kapitel.
Rückblicke in die Vergangenheit.

Die Hamptons stammten aus dem fernen Westen. Sie hatten in Saundersville zu den angesehensten Leuten gehört, waren aber nach und nach zu der Einsicht gekommen, daß Saundersville keinen so wichtigen Teil des Universums bildete, wie sie vorausgesetzt hatten. Mr. Zedekiah, oder – wie man ihn früher genannt hatte – Zeke Hampton, besaß ein Gerbereigeschäft, sollte aber, wie die Sage ging, in früheren Zeiten eine verantwortliche Stellung in einem Zuckerwarenladen eingenommen haben. Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er, nach dem Bankerott des Eigentümers, die Gerberei gekauft und, mit jenem festen Glauben an die Zukunft, welche der Bevölkerung des Westens eigentümlich ist, zugleich das schönste Mädchen des Ortes geheiratet, der er seit einigen Monaten seine Mußestunden gewidmet. Miß Delia Pitcher war zu jener Zeit ein schlankes und unleugbar hübsches Geschöpf gewesen, ließ aber schon damals mit Bestimmtheit die Entwickelung voraussehen, welche sie in späteren Tagen nehmen sollte. Ihre Gedanken beschäftigten sich hauptsächlich mit den Interessen der methodistischen Gemeinde, in der sie bereits eine hervorragende Stellung einnahm, und mit der gesellschaftlichen Lage ihrer drei Schwestern, welche sich, wie sie fest beschlossen hatte, gut und vorteilhaft verheiraten sollten. In der That war es Miß Delia auch gelungen, nach und nach die Herzen von drei oder vier gutgestellten Männern zu gewinnen und diese dann an ihre Schwestern abzugeben, indem sie mit der Verheiratung derjenigen anfing, welche die geringste Aussicht aus eine gute Versorgung hatte. So fuhr sie in aufsteigender Linie fort, bis schließlich die Reihe an sie selber kam. Es war geradezu erstaunlich, welchen Einfluß sie in der kleinen Gemeinde von Saundersville ausübte, und wie willig sich die Männer auf ihren Befehl zu einem Tausch bewegen, verloben und verheiraten ließen. Sie war übrigens klug genug, dabei jenes gebieterische Auftreten zu vermeiden, das, wie sie wußte, den Aussichten junger Mädchen so hinderlich ist, während es der verheirateten Frau und Mutter so wohl ansteht. Ebensowenig ging sie ihren auserkorenen Opfern um den Bart, oder suchte durch Ueberredung auf sie einzuwirken; sie wickelte dieselben nur ganz einfach um den Finger, indem sie ihnen die Ueberzeugung beizubringen wußte, daß sie nur nach eignem Willen und eigner Einsicht handelten. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß Miß Delia Pitcher Mr. Zeke Hampton heiratete, weil sie ihm auf den ersten Blick ansah, daß er es im Leben zu etwas bringen werde – und in der That begann sie, nachdem erst dasselbe Dach ihre beiden Häupter beschirmte, sofort energisch an ihm zu arbeiten, um das aus ihm zu machen, was er, ihrem Willen gemäß, werden sollte. Sie regte seinen Ehrgeiz auf hundertfache Weise, bald durch Schmeicheleien, bald durch geheuchelte Verachtung an, stachelte ihn, sobald er nur die geringste Neigung zeigte, auf seinen Lorbeeren auszuruhen, zu neuer Thätigkeit und ließ ihm bei Tag und Nacht wenig Ruhe. Es war gewissermaßen zu ihrem Glück notwendig, daß sie irgend eine Ursache hatte, sich unbefriedigt zu fühlen, und als das Schicksal der drei Schwestern in oben erwähnter Weise geordnet war, gab es natürlich eine Menge andrer Dinge, welche ihre aktive Einmischung forderten – Dinge, deren Aufzählung allein einen Band füllen würde.

Mr. Z. K. Hampton war ein blonder, reizbarer, aber im Grunde gutherziger Mann, welcher die Neigung besaß, ein wenig aufzubrausen, wenn seine Frau nicht anwesend war. Sein Wesen im höheren Mannesalter glich etwa dem eines pensionierten Dampfschiffkapitäns, dessen ziegenlederne Handschuhe rote, hornige Hände bedecken und dessen Stimme den Beweis liefert, daß er ehedem gewohnt war, unter Begleitung des Sturmwindes zu sprechen. Mrs. Hampton übte eine eigentümlich beruhigende, dämpfende Wirkung auf ihn aus und er redete vor ihr nie anders denn im Flüstertone, als fürchte er es, von ihr gehört zu werden. Auch in allem übrigen trug er die unbeschränkteste Achtung für sie zur Schau und war innerlich fest überzeugt, daß sie eigentlich dazu geboren sei, ein großes Eisenbahnunternehmen zu leiten, oder einer überseeischen Dampfschiffahrtsgesellschaft vorzustehen, während sie für den engen Kreis der Familie vielleicht ein wenig unbequem wäre. Er sprach diese Ueberzeugung freilich nie gegen eine menschliche Seele aus, sondern vertraute sie nur in gewissen rebellischen Momenten, in Momenten, wo ihm ein wenig Ruhe und Frieden lieber gewesen wäre, als alle Schätze Kaliforniens, ja selbst als der Präsidentenstuhl der Vereinigten Staaten, einzig und allein seinem verschwiegenen Kopfkissen an. Hätte Mr. Hampton seinen eignen Weg gehen dürfen, so wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach Gerber geblieben; aber es war ihm, wie schon gesagt, nur selten gestattet, seinem eignen Willen zu folgen, wenn derselbe nicht etwa zufällig mit dem seiner besseren Hälfte zusammentraf, deren rastloser Ehrgeiz ihn zu immer neuen und, wie man zugeben mußte, stets erfolgreichen Unternehmungen antrieb. Nachdem er solchergestalt als Gerber ein ziemliches Vermögen erworben und die Gewohnheit abgelegt hatte, an schönen Sommerabenden in Hausschuhen und Hemdärmeln vor seinem Hause zu sitzen, veranlaßte ihn seine Frau, Armeelieferungen zu übernehmen, deren Erfolge Zeke Hampton in einen Mr. Hampton verwandelten, sowie ihn zum Direktor und späterhin zum Präsidenten der Bank von Saundersville machten. Gerade damals fing die Spekulation an, ihr Augenmerk auf die holzreichen, noch unausgebeuteten Staaten des Westens zu richten, und Mr. Hampton, welcher wiederholte Reisen nach den Grenzländern machte, war klug genug, um – diesmal aus eignem Antriebe – seine gesamten noch verfügbaren Kapitalien im Holzhandel anzulegen. Neben dem alten einstöckigen, hölzernen Hause schoß bald ein großes, viereckiges Backsteingebäude empor; Mr. Hampton wurde Oberst Hampton und man sah ihn seitdem nie mehr – selbst nicht an Wochentagen und in seinen eignen Geschäftsräumen – ohne Manschetten und weißen Hemdkragen. Wenn er morgens halb elf Uhr in das Comptoir der Nationalbank von Saundersville eintrat, schien der Erfolg wie ein silberner Heiligenschein von ihm auszustrahlen. Sein glänzender Seidenhut, der Schnitt seines Rockes, seine gemessene Haltung, die mit seinem Guthaben in der Bank genau Schritt hielt, waren nur die äußeren Anzeichen einer Selbstachtung, welche die ihm von seinen Mitbürgern gezollte Bewunderung widerspiegelte. Das Gefühl, Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein, war ein sehr befriedigendes für ihn und wohl auch für seine Frau, obgleich für sie in weit geringerem Grade, denn ihr galt alles Erreichte nur als Stufe zu einem nächsten noch glänzenderen Erfolge. Ihr schien jetzt die Zeit gekommen, sich einen Platz im Mittelpunkt des großen Welttheaters zu suchen. Ihr war es nicht genug, unter den Krähen eine Rolle zu spielen, sie wollte unter den Pfauen etwas sein – und in der That schien sowohl ihr Gefieder, wie das ihrer Tochter solche Ansprüche zu rechtfertigen. Nicht daß sie noch etwa hätte männliche Herzen erobern wollen – die Herzen der Männer glichen ihrer Ansicht nach jenen bunten Glaskugeln an den Christbäumen, welche, so lange sie am Baume hängen, sehr kostbar erscheinen, hinter deren leichtes Gewicht man aber kommt, sobald man sie in die Hand nimmt – und es war einer ihrer Lieblingsaussprüche, daß jede Frau jeden Mann heiraten könnte, wenn sie es nur richtig anfinge. Für diejenigen ihrer Mitschwestern, welche sich etwa nach diesem richtigen Wege bei ihr erkundigen wollten, hatte sie nur ein verächtliches Schweigen.

Dessenungeachtet war Mrs. Hampton nicht gleichgültig gegen das Vergnügen männlicher Gesellschaft. Das starke Geschlecht hatte für sie den Reiz, welchen geschickte Partner für einen Schachspieler haben. Man hätte ihr Interesse beinahe ein strategisches nennen können, denn die Herren der Schöpfung regten stets Gedanken und Pläne zu Schlachten, zu Feldzügen und Attacken in Heiratsangelegenheiten in ihr an. Die Männer waren ihrer Meinung nach auf der Welt, um gegängelt zu werden; die Frauen hatten die Aufgabe, dies zu thun, und eine größere Stadt bot Mrs. Hamptons hervorragendem strategischem Talent natürlich unendlich mehr Spielraum und Gelegenheit zur siegreichen Entfaltung, als ein kleiner ländlicher Ort wie Saundersville.

Miß Alma war sechzehn und ihr Bruder Walther achtzehn Jahre alt, als die Familie mit Sack und Pack nach New York in ein schönes Haus der fünften Avenue übersiedelte. Mrs. Hampton hatte im ganzen neun Kinder gehabt, aber sieben davon hatten nur einen kurzen Aufenthalt in Saundersville genommen und waren, nach diesem Versuch, den sie auf unserm Planeten gemacht, ins Reich des Unbewußten zurückgekehrt. Das eine war ein Jahr, das andre achtzehn Monate alt geworden; aber den meisten hatte eine viel kürzere Spanne Zeit genügt, um die Frage über ihr Bleiben oder Nichtbleiben in verneinendem Sinne zu entscheiden. Thatsache war, daß Mrs. Hampton, zu sehr von neuen Projekten, von neuen Plänen zur Verbesserung ihrer äußeren Verhältnisse, von Spekulationen aller Art in Anspruch genommen, nicht die gehörige Zeit gefunden hatte, sich ihren Kindern zu widmen. Der Herr hatte sie gegeben, der Herr hatte sie wieder zu sich genommen, und so befahl sie denn auch ihre Kleinen dem Herrn und trug mit Ergebung jedes Leid, das er zur Prüfung und Läuterung ihres Herzens über sie verhängte.

Daß Alma nicht denselben raschen Entschluß faßte, wie ihre kleinen Geschwister, sondern unsre Erde, trotz aller ihrer Mängel, zum Wohnorte auserkor, war nur dem Zufalle zu verdanken, daß sich ihre Amme weniger unwissend und pflichtvergessen erwies, als es die meisten ihres Standes zu sein pflegen. Die Kleine durchlief den ganzen Katalog der Kinderkrankheiten (wie ihre Mutter behauptete nach dem Alphabet) in den ersten vier Jahren ihres Lebens, und behielt von jeder Kraft genug übrig, um die nächste überstehen zu können. Ihre ersten Erinnerungen hingen mit der Episkopalkirche zusammen, welcher sich die Mutter – aus Gründen der Klugheit – zuzuneigen begann und welche infolgedessen auch in späteren Jahren mit einer Art heiligen Geheimnisses für Alma umgeben war. Sie erinnerte sich, sehr ernstlich ausgescholten worden zu sein, als sie einmal den Altar »den Kamin in der Kirche« genannt, und das heilige Gewand des Priesters für einen Schlafrock gehalten hatte. Zudem knüpfte sich an das kleine kellerartige Gemach in der Saundersviller Episkopalkirche, in welchem die Sonntagsschule abgehalten wurde, der erste Kummer ihres Lebens. Sie hatte nämlich bemerkt, daß auf den Karten, welche zur Weihnachtszeit unter die Kinder verteilt wurden, die Engel stets mit einer Fülle gelben Haares geschmückt waren. Gelbes Haar erschien ihr demgemäß als ein notwendiges Erfordernis, um ein Engel zu werden, und da sie kein gelbes Haar hatte, geriet sie auf den ganz natürlichen Gedanken, daß ihr Platz dereinst bei den schwarzen Schafen in ewiger Finsternis sein werde. Angstvoll fragte sie ihre Lehrerin, ob es denn nicht auch schwarzhaarige Engel gebe, und als die junge Dame, welche diese Frage verfänglich fand, ihr darauf keine genügende Antwort erteilte, lief das arme Kind entsetzt nach Hause und kroch unter das Bett der Wärterin, wo seine Phantasie ihm die schrecklichsten Scenen vormalte und alle Qualen der ewigen Verdammnis durchkosten ließ.

Ihre Mutter sah Alma nur selten und eigentlich nur dann, wenn ein Verweis in Empfang zu nehmen oder ein neues Kleid anzuprobieren war. Bei einer dieser Gelegenheiten war es denn auch, wo sich ihr einprägte, daß man abends vor dem Schlafengehen zweierlei Dinge nicht versäumen dürfe: nämlich sein Gebet zu sprechen und seine Zähne zu putzen. In ihrer ernsten kindlichen Weise grübelte sie darüber nach und, geleitet von der dunkeln Empfindung, daß beide Aufgaben in gleicher Weise fromm und verdienstlich seien, legte sie sich die Sache so zurecht, daß sie beschloß, sie abwechselnd zu erfüllen, d. h. sich den einen Abend die Zähne zu bürsten, am andern dagegen ihr Gebet zu sprechen. Ihr Bruder Walther, welcher den ehrgeizigen Wunsch hegte, Omnibuskutscher zu werden, und eine große Vorliebe für die Vertreter dieses ehrenwerten Standes zeigte, leistete ihr eigentlich nur abends Gesellschaft. Gewöhnlich würdigte er sie eine Stunde vor dem Schlafengehen der Ehre, ihr zu zeigen, in welchen männlichen Künsten er sich tagsüber vervollkommnet hatte, indem er auf den Händen lief, auf dem Kopfe stand u. s. w. Er sprach mit der aufrichtigsten Verachtung davon, daß sie »nur ein Mädchen« sei, fühlte sich aber dennoch durch die Bewunderung geschmeichelt, welche sie den verschiedenen heroischen Gestalten, in denen er sich ihr zeigte, reichlich zu teil werden ließ. Er pflegte nämlich sein Aeußeres wie sein Benehmen nach den jedesmaligen Helden der Schauerromane, welche ihm gelegentlich in die Hände fielen, umzumodeln. Je nachdem sein Vorbild es gerade verlangte, befleißigte er sich des breitspurigsten Matrosenganges, trug statt der Hosenträger einen Lederriemen um die Hüften und gab sich Mühe, seine Hände hart und schwielig zu machen. Indianergeschichten und Erzählungen aus den Minendistrikten begeisterten ihn für Wasserstiefel und räubermäßig aussehende Schlapphüte, und eine Weile beherrschten sogar die Denkwürdigkeiten eines berühmten Verbrechers die Phantasie des Knaben dergestalt, daß er sich mit unendlicher Mühe einige Diebeswerkzeuge verschaffte. Glücklicherweise wurde die Sache durch seinen eignen Eifer und die Plauderhaftigkeit der Schwester verraten, ehe er in Versuchung kam, von diesem gefährlichen Besitztum Gebrauch zu machen, und der Vater, welcher bis jetzt, wenn der Knabe sich ungezogen betragen und unverschämte aber kluge Antworten gegeben, innerlich stets gelacht und den Freunden belustigt mit den Augen zugewinkt hatte, war in nicht geringe Bestürzung geraten. Der Gedanke, daß sein Sohn etwas andres werden könne, als ein solider und respektabler Bürger, war ihm bis dahin nie gekommen, obgleich er dem Knaben auch niemals einen Rat gegeben, der ihm zur Richtschnur hätte dienen können. Der Vater hatte nie den leisesten Versuch gemacht, dem Sohne den Weg zu zeigen, welchen er gehen sollte; jetzt war er gründlich erwacht. Da er bei alledem nicht recht wußte, was er thun sollte, hatte er Walther nach einer Schule in Neuengland geschickt, welche sehr vornehm, sehr teuer, sowie der strengsten hochkirchlichen Richtung zugethan war, und fühlte sich und sein Gewissen durch den Gedanken, seinem Sohn die kostspieligste Erziehung zu geben, die er ihm nur immer geben konnte, sehr beruhigt.

Alma erinnerte sich in ihrem Schmerz und ihrer Reue noch lange an die erhobene Faust des Bruders und an das Gesicht, das er gemacht, als er ihr vor der Abreise zugeschworen, er werde nie im Leben wieder ein Wort mit ihr sprechen. Als er indessen nach Jahresfrist, während einer kurzen Ferienzeit, nach Hause zurückkehrte, hatte er diese Drohungen vergessen, war für ihre Bewunderung empfänglicher denn je, ja duldete selbst voll Herablassung ihre Liebkosungen, und so konnte es nicht fehlen, daß sie sich als das glücklichste, bevorzugteste Geschöpf betrachtete und ihren armen kleinen Kopf zermarterte, um eine That auszudenken, durch welche sie ihre Hingebung und Dankbarkeit für den Bruder beweisen könnte. Nur ängstigte sie sich davor, sich »läppisch« vor ihm zu zeigen, und kämpfte deshalb das Gefühl der Verehrung, welches ihr im Moment das Leben so schön erscheinen ließ, heldenhaft nieder.

Was Almas eigne Erziehung betraf, so war es damit kaum besser bestellt, als mit der Walthers. Natürlich wurden alle physischen Bedürfnisse des Kindes voll befriedigt. Es wurde reichlich ernährt, selbst Süßigkeiten, pikante, in Essig eingelegte Früchte, oder was es sonst verlangte, wurden ihm nie versagt. Gekleidet wurde Alma wie eine kleine Prinzessin und bald kam sie auch zu dem Bewußtsein, wie viel Aufmerksamkeit und Bewunderung sie mit ihren Spitzen, Schleifen, Federn und Atlaskleidern in der Kirche erregte. Obgleich von Natur ein Wildfang und für alle Knabenspiele schwärmend, besaß sie doch ein eigentümliches dramatisches Anempfinden, welches sie den Charakter eines Kostüms sofort erkennen und die dazu passende Haltung finden ließ. Ihrem Temperament nach war sie heftig, unbesonnen und großmütig, leicht zu verletzen und leicht zu versöhnen, besaß aber doch die Fähigkeit, welche nicht selten mit einer sonst sanguinischen Gemütsart verbunden ist, sich in ihr eignes Leid tief und leidenschaftlich zu versenken. Sie konnte – selbst solange sie noch das Kinderschürzchen trug – in einem Augenblicke sehr gesetzt und ernst, im nächsten unbesonnen, lustig und wild sein, oder in Schmerz und Kummer vergehen. Ihre Mutter verzichtete darauf, sie verstehen zu wollen, und machte keinen Versuch, die geheimnisvollen Tiefen der Natur ihrer Tochter zu ergründen. Alma war für sie einfach ein »wunderliches Kind«, und wenn es schlechter Laune war, that man am besten, es sich selbst zu überlassen, bis es wieder zur Vernunft kam. Wenn es, wie manche Leute meinen, zu den notwendigen Bedingungen des Glückes gehört, viel mit sich allein zu sein, so hätte Alma im Glück schwimmen müssen, denn seit sie sich selbst und aus eigner Machtvollkommenheit der Aufsicht und Bevormundung ihrer Wärterin entzogen, gab es nur wenige Menschen, die sich um ihre Gedanken und Handlungen bekümmerten. Sie hatte eine französische Gouvernante, Mademoiselle Beauclerc, die sich vor ihr fürchtete und in diesem Gefühl bereit war, außer ihrem Pariser Accent alles zu opfern und preiszugeben. »Die jungen Amerikanerinnen sind so kapriziös und lange nicht so sanft und artig wie unsre jungen Damen in Frankreich,« pflegte sie zu sagen.

Und sie hatte recht. Artigkeit und Sanftmut gehörten damals nicht zu Almas Idealen. Im Gegenteil ging ihr Streben zu jener Zeit nach dem Heroischen, und ihre Ansichten von Heroismus entstammten hauptsächlich den Romanen Walter Scotts. Alles, was speciell für junge Damen geschrieben, erfunden oder bestimmt war, verachtete und haßte sie. Die schönen, in schwarzes russisches Leder gebundenen, mit Goldschnitt und einem goldenen Kreuze auf dem Deckel verzierten Bücher, welche in ihrer Kirche die verschiedenen Stadien im Entwickelungsgange junger Mädchen bezeichnen, hatten nicht die geringste Anziehungskraft für sie und wurden nur selten anders, als in Momenten der Bußfertigkeit und Reue geöffnet. In dem Alter von dreizehn Jahren hatte sie die Reize der Bibliothek ihres Vaters kennen gelernt, eines sehr eleganten, in Eichenholz und Leder möblierten Zimmers, das außer ihr kaum je ein Mensch betrat. Mr. Hampton hatte seinen Bücherschatz auf einmal angeschafft, hatte die Auswahl seinem Buchhändler in New York überlassen und nur in Bezug auf die Kosten und die Farbe der Einbände Bedingungen gestellt. Er liebte es, alles im ganzen und großen zu thun, und bildete sich etwas darauf ein, wenn er ohne Wahl eine solche Bestellung machte.

Seine Tochter war der erste Mensch, welcher sich die Mühe nahm, die Sammlung historischer Bücher, Gedichte und Romane in Kalbleder und Saffian zu durchblättern, die der Zufall hier zusammengeführt, und wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß sie dabei ganz erstaunliche Entdeckungen machte. Solange sie noch von milchweißen Zeltern und verliebten, tapferen Rittern las, welche von ihren Angebeteten verschmäht wurden, hatte die Sache nicht viel zu bedeuten und die Lektüre hatte nur den Erfolg, daß Alma ihr Köpfchen ein wenig höher trug und sich im ganzen eine etwas stolzere Haltung gab. Vielleicht ging auch die Verachtung, mit welcher sie ihre französische Gouvernante behandelte, aus dem leidenschaftlichen Hasse hervor, welchen die Rowenas und Rebekkas gegen jeden Sprößling der Gallier hegten; einen gefährlicheren Boden betrat das junge Mädchen aber, als sie die Bekanntschaft der Dumas Fils, Feydeau und Flaubert machte, und nur ihre natürliche Reinheit und die Unbefangenheit ihres Gemüts schützten sie gegen die vergiftende Wirkung. Ihre Begeisterung für das Mittelalter gewann bald wieder die Oberhand und ihre immer thätige Phantasie wurde durch diese Lektüre dergestalt angeregt, daß sie für sich selbst die gewagtesten Abenteuer ausdachte und von Fluchtversuchen und Entführungen träumte – ja eine solche bei einem Haare thatsächlich zur Ausführung gebracht hätte.

Ich schäme mich fast, zu gestehen, daß sie im Alter von fünfzehn Jahren in Saundersville heimlich die Bekanntschaft eines fremden, bestrickend schönen Mannes machte (von jenem Genre mit Banditenaugen und kohlschwarzem Schnurrbart) und vor dem Weichbilde der Stadt drei oder vier Zusammenkünfte mit ihm hatte. Die Sache war so köstlich aufregend, daß sie nicht zu widerstehen vermochte. Der schöne Held, welcher durch den Namen Alfonso noch seine besondre Glorie empfing, sprach so edle Gefühle aus und hatte so ritterliche Manieren, daß sie nicht im stande war, ihm an einem gewissen Abend eine Fahrt im Mondenschein abzuschlagen. Sie verließ zu diesem Zwecke nach dem Nachtessen das Haus und würde ihre Absicht auch gewiß ausgeführt haben, wenn der Mond nicht gar so hell geschienen hätte. Schon erblickte sie an der bestimmten Waldecke ihren Ritter, der sie mit einem Pferde und einem leichten Wägelchen erwartete, und eilte von Schauern des Entzückens durchbebt, dem Platze zu. Aber kaum noch fünfzig Schritte davon entfernt, vernahm sie plötzlich Hufschlag hinter sich und sah, wie Alfonso, ohne ihre Ankunft abzuwarten, in den Wagen sprang und mit der Peitsche auf sein Pferd einhieb. Drei Männer, hoch zu Rosse, sprengten an ihr vorüber, ihm nach in den Wald hinein. Alles das war das Werk eines Augenblicks, so daß sie kaum Zeit hatte, ihre Gedanken zu sammeln. Zögernd kehrte sie nach Hause zurück.

Am andern Tage erfuhr sie durch einen Zufall, daß Alfonso wegen Pferdediebstahls gefänglich eingebracht war, daß – wenn sie der Saundersviller Zeitung Glauben schenken durfte – ein sehr bewegtes, der Romantik keineswegs entbehrendes Leben hinter ihm lag und daß er dasselbe zum Teil innerhalb der Mauern eines Gefängnisses verbracht hatte.

Dieser Vorgang kühlte Almas Sinn für das Abenteuerliche bedeutend ab. Sechs Wochen lang war sie sehr mißtrauisch, sehr bitter und zweiflerisch gestimmt; aber niemand als »Mademoiselle« nahm davon Notiz. Die arme kleine Gouvernante machte ihr Vorstellungen über ihre abscheulichen Launen, welche einer jungen Dame von guter Familie so wenig anstünden, und bekämpfte ihre menschenfeindlichen Aeußerungen mit großem Ernste. Das Abenteuer mit Alfonso blieb in tiefes Geheimnis gehüllt, und Alma, obgleich im innersten Herzen beschämt, fühlte sich doch auch gleichzeitig ein wenig stolz auf die Courage, so dicht an den Rand eines Abgrunds herangetreten zu sein. Sie betrachtete »Mademoiselle« mit einer Art von mitleidiger Herablassung, und es machte ihr Vergnügen, sich vorzustellen, welchen Eindruck es auf die Französin hervorbringen würde, wenn sie ihr erzählte, mit wie genauer Not sie einer großen Gefahr entgangen sei. Die wirkliche Natur dieser Gefahr begriff sie glücklicherweise noch nicht, und es war auch kein Mensch in dem großen Backsteingebäude, der sich, selbst wenn er von der Sache etwas erfahren hätte, die Mühe gegeben haben würde, sie darüber aufzuklären.



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